4. Die Idioplasmatheorie von ~Nägeli~.

Im Jahre 1884 veröffentlichte ~Nägeli~ seine „mechanisch-physiologische

Theorie der Abstammungslehre“, ein umfangreiches, vorwiegend in

Speculationen sich bewegendes Werk, welches durch die Folgerichtigkeit

der in ihm vorgetragenen Ideengänge einen grossen Einfluss nach vielen

Richtungen ausgeübt hat.

~Nägeli~ geht von dem Axiom aus, dass die mütterliche und die

väterliche Erbmasse, welche bei der Zeugung zum Keim eines neuen

Geschöpfes vereint werden, ungefähr gleich gross sind, obgleich der

Vater zur befruchteten Eizelle bloss den hundertsten oder tausendsten

Theil beigetragen hat. Er zieht hieraus den Schluss, dass in den

Geschlechtsproducten und in allen aus dem befruchteten Ei abstammenden

Zellen zwei verschiedene Arten von Substanzen enthalten sein müssen,

welche er als Idioplasma und Ernährungsplasma unterscheidet.

Dieses ist in dem Ei in sehr grosser Menge vorhanden und dient den

Ernährungsprocessen, die sich in der Zelle abspielen, jenes macht nur

einen sehr kleinen Bruchtheil des ersteren aus und ist der Träger der

erblichen Eigenschaften, da in ihm jede wahrnehmbare Eigenschaft eines

Organismus als Anlage enthalten ist. Jede Pflanze, jedes Thier hat

daher ein besonderes, specifisches Idioplasma.

Im Vergleich zum Ernährungsplasma ist das Idioplasma eine höher

organisirte, fester gefügte und weniger leicht veränderliche Substanz.

Es ist -- wie ~Nägeli~, seine Micellartheorie weiter ausbauend,

annimmt -- aus Schaaren von Micellen zusammengesetzt, welche zu

höheren Einheiten verschiedener Ordnung verbunden sind und die Anlagen

für Zellen, Gewebssysteme und Organe darstellen. In ihm sind die

zusammengesetzten, sichtbaren Eigenschaften eines Organismus gleichsam

in ihre einfachsten Elemente zerlegt etc.

~Nägeli~ lässt ferner die Micellen zu Strängen verbunden sein, die als

ein Netzwerk das Ernährungsplasma der Zelle durchziehen und von hier

sich continuirlich auf andere Zellen fortsetzen, so dass der ganze

Organismus von einem zusammenhängenden Netzwerk von Idioplasmafäden

durchsetzt ist.

Da jeder Faden alle Anlagen enthält, die das betreffende Individuum

als Keimzelle geerbt hat, so ist +jede Zelle des Organismus

idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu werden+.

Ob diese Befähigung sich verwirklichen kann, lässt ~Nägeli~ von der

Beschaffenheit des Ernährungsplasmas abhängen.

Das Idioplasma verursacht in den Zellen chemische und physikalische

Veränderungen dadurch, dass in seinen Strängen in Folge irgend welcher

Anstösse bestimmte Micellgruppen in Thätigkeit treten, und beeinflusst

dadurch den Verlauf der Ontogenese.

Es kann endlich selbst in der Configuration seiner Micellen, allerdings

nur langsam und im Verlauf grösserer Zeiträume, unter dem Einfluss

äusserer Reizwirkungen Veränderungen erfahren. Alle „von der Aussenwelt

auf den Organismus ausgeübten Reize werden auf das Idioplasma

fortgepflanzt. Da der Organismus bei jedem Wechsel der Ontogenese zu

Grunde geht und nur das Idioplasma ausdauert, so bewirken die äusseren

Einflüsse einzig in dem letzteren bleibende Veränderungen, welche erst,

nachdem sie zu fertigen und entfaltungsfähigen Anlagen sich entwickelt

haben, an dem Organismus sichtbare Umbildungen hervorbringen“. (Seite

535.)

„Die von aussen kommenden Reize treffen den Organismus gewöhnlich an

einer bestimmten Stelle; sie bewirken aber nicht bloss eine locale

Umänderung des Idioplasmas, sondern pflanzen sich auf dynamischem

Wege auf das gesammte Idioplasma, welches durch das ganze Individuum

in ununterbrochener Verbindung sich befindet, fort und verändern es

überall in der nämlichen Weise, so dass die irgendwo sich ablösenden

Keime jene localen Reizwirkungen empfunden haben und vererben“. (Seite

534.)

Auf diesem Wege nimmt also ~Nägeli~ ebenso wie ~Herbert Spencer~ eine

Uebertragung neu erworbener Charaktere an.

So etwa lauten die Hauptgedanken der Idioplasmatheorie, an welche ihr

Urheber noch nach vielen Richtungen hin lehrreiche und geistreiche

Erörterungen angeknüpft hat. Eine gewisse Uebereinstimmung derselben

mit der Theorie der physiologischen Einheiten in den allgemeinsten

Fragen lässt sich nicht verkennen, obschon die Ausführung im Einzelnen

ihr ein ganz anderes Aussehen verleiht.

Beide Theorieen haben ihre starke und ihre schwache Seite in derselben

Richtung.

Ihre Stärke liegt bei beiden in der streng logischen und auf guter

Grundlage durchgeführten Speculation. Bei der einen wie bei der andern

scheinen mir ihre grundlegenden Sätze und die daraus abgeleiteten

Folgerungen nicht leicht zu widerlegen. In speculativer Hinsicht glaube

ich sie daher als die Fundamente bezeichnen zu müssen, auf welchen in

Zukunft jede Entwicklungs- und Vererbungstheorie wird weiter bauen

müssen.

Die schwache Seite besteht sowohl bei ~Spencer~’s Lehre von den

physiologischen Einheiten, wie bei ~Nägeli~’s Lehre vom Idioplasma

darin, dass sie +reine Speculationen sind, dass sie in der vorliegenden

Form keine Verbindung mit der empirischen Forschung gestatten und sie

daher auch nicht beeinflussen können+. Damit fehlt ihnen aber für

ihre eigene weitere Entwicklung der feste Grund und Boden, welcher in

den Erscheinungen der realen Wirklichkeit für alle Naturwissenschaft

gegeben ist.

Zur Zeit, als ~Herbert Spencer~ seine Hypothese der physiologischen

Einheiten aufstellte, war die allgemeine Anatomie und Physiologie noch

nicht weit genug ausgebildet. Dagegen lagen die Verhältnisse anders,

als ~Nägeli~ 1884 sein Werk herausgab. Wie er selbst hervorhebt, wollte

er mit Absicht nicht den Versuch machen, seine Idioplasmatheorie mit

der Zellentheorie in irgend eine nähere Verbindung zu bringen (Seite

72), weil die Zelle zwar eine für den morphologischen Aufbau sehr

wichtige Einheit, aber nicht etwa allgemein die Einheit schlechthin sei.

„Unter Einheit,“ bemerkt er, „müsse man, physikalisch aufgefasst,

ein System von materiellen Theilen verstehen. Es gebe demnach in

der organischen Welt eine grosse Zahl von über- und untergeordneten

Einheiten: die Pflanzen- und Thierindividuen -- die Organe,

Gewebstheile -- Zellgruppen (im Pflanzenreich z. B. die Gefässe und

Siebröhren) -- die Zellen --, Theile von Zellen (Pflanzenzellmembranen,

Plasmakörper, Plasmakrystalloide, Stärkekörner, Fettkügelchen etc.) --

die Micelle -- die Molecüle -- die Atome. Bald trete die eine, bald

die andere Einheit in morphologischer und physiologischer Beziehung

charakteristischer und ausgeprägter hervor. +Somit sei kein Grund,

warum bei einer allgemeinen Theorie eine besondere Stufe der Gestaltung

begünstigt sein solle.+“

Wenn nun auch mit ~Nägeli~ anzuerkennen und nicht aus dem Auge zu

verlieren ist, dass es in der organischen Welt mehrere einander

übergeordnete Einheiten gibt (vergleiche Capitel II), so ist doch

ebensowenig zu übersehen, dass im ganzen Organismenreich die Zelle als

Einheit sowohl in morphologischer, als in physiologischer Hinsicht

unter allen übrigen elementaren Einheiten ganz besonders in den

Vordergrund tritt. Durch die Forschung ist dies auch thatsächlich

anerkannt, wie die biologische Literatur der letzten 30 Jahre lehrt.

Insbesondere aber ist die Einheit der Zelle bei der Vererbungslehre

nicht zu umgehen, weil ja nachgewiesenermaassen die Einheiten,

vermittelst welcher sich die Arten durch Fortpflanzung erhalten,

Sporen, Ei- und Samenfaden von Pflanzen wie von Thieren den Formenwerth

von Zellen haben.

Hier stehe ich ganz im Gegensatz zu ~Nägeli~, mit dessen

Grundanschauungen ich sonst so vielfache Berührungspunkte habe, indem

ich daran festhalte, dass eine Vererbungstheorie mit der Zellentheorie

in Uebereinstimmung zu bringen sein muss und dann erst wirkliche

Früchte erfolgreicher Naturerkenntniss bringen wird.

Das rein Speculative, was ~Nägeli~ als einen Vorzug, betrachte ich als

die schwache Seite seiner Theorie, deren wissenschaftlichen Werth ich

im Uebrigen sehr hoch schätze. Ich kann daher zwar in diesem einen

Punkt, aber sonst in keiner Beziehung dem harten und ungerechten

Urtheil von ~Jul. Sachs~ beistimmen, wenn er sagt (S. 1202):

„Die ~Darwin~’schen Keimchen, die von den Zellen abgegeben werden,

und ~Nägeli~’s ‚Idioplasma‘, das in Form +unsichtbar+ feiner Fäden

den Organismus durchzieht, sind wohl die sonderbarsten Blüthen,

welche die moderne Naturwissenschaft gezeitigt hat; trotzdem hat jede

dieser Lehren sofort ihre begeisterten Anhänger gefunden. Der einzige

Berechtigungsgrund einer Hypothese oder einer Theorie liegt darin, dass

sie fruchtbar ist, dass aus ihr neue Gedanken, neue Forschungswege

gefunden werden; was lässt sich aber aus diesen Phantasiegebilden

ableiten?“

Zweite Gruppe.

Die zweite Gruppe von Theorieen, deren Charakteristik uns noch

beschäftigen soll, gehört der jüngsten Zeit an, vom Jahre 1884 an

gerechnet. In ihnen bildet einen hervorstechenden gemeinsamen Zug das

Bestreben, die theoretischen Speculationen mit den durch die empirische

Forschung gewonnenen, schon oben kurz besprochenen Ergebnissen der

allgemeinen Anatomie und Biologie in Verbindung zu setzen und in ihnen

eine feste Grundlage für theoretische Verallgemeinerungen zu finden.

Besonders in Deutschland, auf das ich hier meine historische Skizze

beschränke, sind viele Forscher in der angedeuteten Richtung mit Eifer

thätig, von Botanikern namentlich ~Strasburger~ und ~Hugo de Vries~,

von Anatomen und Zoologen ~Oscar Hertwig~, ~Roux~, ~Weismann~ und

~Driesch~.

Die Darstellung, wie sich die leitenden Gedanken entwickelt haben, ist

mit einigen Schwierigkeiten verknüpft. Denn fast jeder Forscher ist mit

einer Anzahl oft in kurzen Zwischenräumen sich folgender Schriften auf

dem Plan erschienen. Die Fäden durchkreuzen und verweben sich. Von der

einen Seite aufgestellte Ansichten werden von der anderen aufgegriffen,

modificirt und um- und weitergebildet.

Zwei mit unverkennbarer Lebhaftigkeit geführte literarische Fehden

spielen dazwischen: einmal eine mit mehrfacher Replik und Gegenreplik

verbundene Polemik zwischen ~Weismann~ und ~Herbert Spencer~, und

zweitens eine nicht minder heftige Polemik, an welcher sich auf der

einen Seite ~Weismann~ und ~Roux~, auf der anderen Seite ~Hertwig~ und

~Driesch~ betheiligten.

Bei dieser Sachlage empfiehlt es sich, erst eine orientirende

Uebersicht über die Zeitfolge zu geben, in welcher sich die einzelnen

Schriften der an der Bewegung betheiligten Forscher gefolgt sind,

verbunden mit einer kurzen Charakteristik der einzelnen verschiedenen

Theorieen; zum Schluss werde ich dann noch eine Zusammenstellung ihrer

hauptsächlichsten Differenzpunkte geben.

Im Jahre 1884 veröffentlichten gleichzeitig und unabhängig von einander

~Oscar Hertwig~ und ~Ed. Strasburger~ zwei Schriften über Befruchtung

und Vererbung: 1. Das Problem der Befruchtung und der Isotropie des

Eies, eine Theorie der Vererbung; 2. Neue Untersuchungen über den

Befruchtungsprocess bei den Phanerogamen als Grundlage für eine

Theorie der Zeugung. Anknüpfend an ihre früheren Untersuchungen des

Befruchtungsprocesses und an das kurz vorher erschienene Werk von

~Nägeli~, kamen beide zu dem Ergebniss, dass die Kerne, welche bei

der Befruchtung allein eine Rolle spielen, die Träger der erblichen

Eigenschaften sind, daher das Idioplasma von ~Nägeli~ beherbergen.

Beide lassen die in den Zellkernen eingeschlossene Erbmasse durch den

Process der Zelltheilung im Körper gleichmässig verbreitet werden und

nähern sich dadurch ebenfalls den ~Nägeli~’schen Anschauungen.

Als Beweise für die von mir vertretene Auffassung führte ich an: 1.

den Verlauf des Befruchtungsprocesses, 2. die Aequivalenz der von den

beiden Erzeugern bei der Befruchtung zusammentretenden Kernstoffe, 3.

die an keiner Stelle unterbrochene Continuität der Kerngenerationen,

4. die complicirten Erscheinungen der Karyokinese, welche auf eine

gleichmässige Vertheilung der Kernsubstanzen hinauslaufen, 5. die

Isotropie des Protoplasmas. An diese fünf Beweisgründe liessen sich

späterhin noch einige andere anreihen. (Man vergleiche hierüber Buch I,

Die Zelle, Seite 276.)

In seiner ein Jahr später (1885) erschienenen Schrift: „Die Continuität

des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie der Vererbung,“ trat

~Weismann~ der Ansicht bei, dass die Kernsubstanz das Idioplasma sei,

baute aber im Uebrigen in der zuerst von ~Galton~ eingeschlagenen

Richtung weiter. Er unterschied im Idioplasma einen die Ontogenese

leitenden, in seine einzelnen Anlagen aus einander fallenden Theil und

das eigentliche Keimplasma (den Stirp ~Galton~’s), welcher unverändert

auf die Geschlechtsproducte der folgenden Generation übertragen wird

und auf diese Weise allein die Continuität des Entwicklungsprocesses

bewahrt. Dementsprechend unterschied er auch zwischen den sterblichen

Somazellen und den unsterblichen Keimzellen.

Durch die ~Weismann~’sche Continuitätslehre war die ~Nägeli~’sche

Vorstellung vom Idioplasma in ihren wesentlichen Grundzügen

preisgegeben und der Gegensatz der Ansichten, welcher bei den

nachfolgenden polemischen Erörterungen eine so grosse Rolle gespielt

hat, festgestellt.

In der ~Weismann~’schen Richtung bewegten sich auch mehrere von 1885 an

herausgegebene Abhandlungen von ~Roux~, deren wichtigstes theoretisches

Ergebniss im Namen der +Mosaiktheorie+ einen bezeichnenden Ausdruck

gefunden hat. Einzelne durch Experiment gewonnene Befunde, welche

~Roux~ beschrieb, waren sehr geeignet, ~Weismann~ noch mehr in den von

ihm eingeschlagenen Bahnen fest zu halten.

Einen neuen Gedanken in das Vererbungsproblem brachte der holländische

Botaniker ~Hugo de Vries~ durch seine interessante Schrift:

Intracellulare Pangenesis (1889). Er knüpft seine Ansichten an

~Darwin~’s Pangenesis an, insofern er kleinste Keimchen, die er Pangene

nennt, als stoffliche Träger der erblichen Eigenschaften annimmt,

verwirft aber dabei vollständig die Transporthypothese. Im Anschluss an

die von ~Strasburger~ und mir aufgestellte Theorie lässt er allein in

den Kernen, und zwar gleichmässig in allen Zellen eines Organismus alle

erblichen Anlagen der Art vertreten sein.

Um zu erklären, wie Anlagen activ werden und den Charakter einer

Zelle bei der Ontogenese etc. bestimmen, stellt er die Hypothese auf,

dass von den zahlreichen Pangenen, die in den Kernen meist in einem

inactiven Zustand als Erbmasse vereinigt sind, einige activ werden

und dabei in das Protoplasma der Zelle einwandern. Wegen dieser ihm

eigenthümlichen Annahme, dass ein Transport der Keimchen innerhalb der

Zelle zwischen Kern und Protoplasma stattfinde, bezeichnete ~de Vries~

seine Vererbungstheorie als intracellulare Pangenesis.

Vielleicht kann der von ~de Vries~ neu ausgesprochene Gedanke für die

Erklärung mancher Vorgänge in der Zelle noch fruchtbar werden, wie ich

bereits in der „Zelle“ (man vergleiche Seite 287, 288) hervorgehoben

habe.

In den Jahren 1890 und 1892 erschienen meine zwei Abhandlungen: 1.

Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden. Eine Grundlage für

celluläre Streitfragen, und 2. Urmund und spina bifida.

In ersterer stellte ich kurz meinen abweichenden Standpunkt von der

Lehre ~Weismann~’s fest, in letzterer, sowie in einem Vortrag (1892):

„Aeltere und neuere Entwicklungstheorieen“, trat ich mit einigen

Gründen der Mosaiktheorie von ~Roux~ entgegen.

Gegen ~Weismann~ hob ich hervor: „Als ich den Kern wegen

seines Verhaltens beim Befruchtungsprocess als den Träger der

Vererbungssubstanzen erklärte, sah ich einen grossen Vorzug dieser

Theorie gerade darin, dass der Kern eine Substanz ist, die in derselben

Form und Beschaffenheit in jeder Zelle wiederkehrt, eine Substanz, die

den gröberen Vorgängen des Stoffwechsels durch ihren Einschluss in

ein besonderes Bläschen mehr entzogen ist, eine Substanz, die durch

einen complicirten Theilungsprocess, wie es scheint, in gleicher Menge

von der Mutterzelle auf die Tochterzellen ausgetheilt wird und keine

Differenzirung eingeht. Wie ~Nägeli~ sein hypothetisches Idioplasma

durch den ganzen Körper als Gerüstwerk verbreitet sein lässt, +so

enthält nach meiner Theorie auch jede Zelle des Körpers als Abkömmling

des Eies Erbmasse in ihrem Kern, während die specifischen Leistungen

an die Entwicklung der Plasmaproducte gebunden sind. Durch den Besitz

dieser Erbmasse trägt jede Zelle die Möglichkeit in sich, unter

geeigneten Bedingungen aus sich das Ganze zu reproduciren.+ Daraus

lässt sich eine Fülle von Erscheinungen der Zeugung und Regeneration

erklären.“

„~Weismann~ hat diesen Vorzug beseitigt, indem er die von ~Strasburger~

und mir unabhängig und in etwas verschiedener Weise begründete

Vererbungstheorie kurze Zeit nach ihrer Veröffentlichung auf seine

Keimplasmatheorie übertragen hat, die von ganz anderen Gesichtspunkten

aus entstanden ist.“

Der Mosaiktheorie von ~Roux~ und seiner These: „Die Entwicklung der

Froschgastrula und des zunächst daraus hervorgehenden Embryos ist von

der zweiten Furchung an eine Mosaikarbeit, und zwar aus mindestens vier

verschiedenen, sich selbständig entwickelnden Stücken“ stellte ich die

Antithese gegenüber: „Die Theile eines Organismus entwickeln sich in

Beziehung zu einander, oder die Entwicklung eines Theiles ist abhängig

von der Entwicklung des Ganzen. Die Entwicklung eines Organismus ist

also keine Mosaikarbeit.“

Inzwischen versuchte ~Weismann~ seine Theorie in der Richtung, welche

schon in der Schrift über die Continuität des Keimplasmas deutlich

vorgezeichnet ist, bis in feinere Details noch weiter auszubauen, wobei

er gleichzeitig auch Bestandtheile der von ~de Vries~ entwickelten

Lehre von den Pangenen mit aufnahm. So entstand das umfassende, 1892

erschienene Buch über das Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, auf

welches sich wohl der früher citirte Ausspruch von ~Osborn~ bezieht,

dass der Neu-Darwinismus mit seiner einfachen und prachtvollen „Stamm-“

oder „Continuitätshypothese“ einen Vorsprung vor dem Lamarckismus

voraus habe.

~Weismann~ macht hier die Annahme, dass das im Keim enthaltene

Keimplasma eine verwickelte Architektur, eine Zusammensetzung aus

Idanten, Iden, Determinanten und Biophoren besitzt. Ein Theil des

Keimplasmas wird als Stirp für die nächstfolgende Generation reservirt,

von dem anderen Theil aus wird die Ontogenese des Individuums, des

vergänglichen Somas, geleitet dadurch, dass er nach einem Plan, der in

der Anordnung seiner Elemente voraus bestimmt ist, in seine tausende

und hunderttausende Einzelanlagen zerlegt wird, welche den Charakter

der Zellgruppen und Zellen der einzelnen Vererbungsstücke bestimmen.

~Weismann~ stellt sich somit auf denselben Standpunkt wie ~Roux~ in

seiner +Mosaiktheorie+. Er geräth mit seinen Annahmen einer festen

präformirten Architektur des Keimplasmas, durch welche der Verlauf

der Ontogenese bis ins kleinste Detail im Voraus genau geregelt ist,

ganz in die Gedankenrichtung der alten Evolutionisten, und so erklärt

er denn gleich im Vorwort: „Ich kam zuletzt zu der Einsicht, dass

+es eine epigenetische Entwicklung überhaupt nicht geben kann+. Im

ersten Capitel dieses Buches wird man einen förmlichen Beweis für die

Wirklichkeit der +Evolution+ finden, und zwar einen so einfachen und

naheliegenden, dass ich heute kaum begreife, wie ich so lange an ihm

vorüber gehen konnte.“

Betreffs weiterer Einzelheiten kann auf die schon im sechsten Capitel

gegebene Analyse der Keimplasmatheorie verwiesen werden.

Das Hypothesengebäude von ~Weismann~, in bestechender Form vorgetragen,

konnte für den der Sache ferner stehenden Leser gut gefugt erscheinen;

gibt man ein paar Voraussetzungen zu, so scheint ein Schluss sich

aus dem andern mit Nothwendigkeit zu ergeben. Die Sachlage ist

dieselbe, wie bei der Pangenesis, mit welcher sich alle von ~Darwin~

zusammengestellten Vererbungserscheinungen auf das Beste und Einfachste

erklären lassen, sowie man die Hauptannahmen: 1. die Abgabe der

Keimchen, 2. ihren Transport, 3. ihre Zusammenordnung nach inneren

Verwandtschaften, als zulässig anerkennt.

~Weismann~’s Grundannahmen bieten aber sowohl von allgemeinen

biologischen Gesichtspunkten, als auch vom Standpunkt der allgemeinen

Anatomie und Physiologie der Kritik manche schwache Stelle als

Angriffspunkt dar. Zugleich fügte es der Gang der empirischen

Forschung, dass Schlag auf Schlag vermittelst des Experimentes die

Thatsachen festgestellt wurden, welche von mir unter den empirischen

Grundlagen an vierter Stelle aufgeführt sind, und welche der Hypothese

von der Auseinanderlegung des Keimplasmas und der Mosaiktheorie von

~Roux~ von Grund aus widersprechen, dagegen schlagende Beweise für die

entgegengesetzten Theorieen von ~Spencer~ und ~Nägeli~, von mir und

~Driesch~ sind.

Daher nahm ich jetzt noch einmal Gelegenheit, der evolutionistischen

Keimplasmatheorie von +~Weismann~+ und der +Mosaiktheorie von ~Roux~+

gegenüber meinen entgegengesetzten Standpunkt in breiterer Ausführung

zu entwickeln im ersten Heft meiner 1894 herausgegebenen Zeit- und

Streitfragen der Biologie. Indem ich als Titel die Frage „Präformation

oder Epigenese?“ aufwarf, suchte ich zugleich in meinem Sinne die

„Grundzüge einer Entwicklungstheorie der Organismen“ aufzustellen.

Die Ideengänge sind im Wesentlichen dieselben, wie sie in diesem Buch,

durch ein umfangreicheres Beobachtungsmaterial gestützt und weiter im

Detail ausgeführt, wiederkehren, doch unterliess ich es damals noch,

auf die Frage nach der Vererbbarkeit erworbener Charaktere einzugehen,

welche hier in den Capiteln XVI und XVIII erörtert ist.

Auf das erste Heft liess ich 1897 noch ein zweites folgen unter dem

Titel „Mechanik und Biologie“, um mich mit den von ~Roux~ vertretenen

Ansichten aus einander zu setzen.

Gleichzeitig mit meiner Streitschrift: „Präformation oder Epigenese“

hat ~Driesch~, dem wir eine Anzahl grundlegender Entdeckungen

verdanken, auch seinen theoretischen Standpunkt zu präcisiren versucht

in seiner Schrift „Analytische Theorie der organischen Entwicklung“.

Sein Standpunkt gleicht im Wesentlichen dem meinigen, indem er jede

Zelle mit dem vollen Idioplasma ausgestattet sein lässt. Die Ursache

für ihre verschiedenartige Differenzirung im Laufe der Entwicklung

sieht er wie ich in den Bedingungen, in welche die Zellen gerathen; er

fasst daher die Grundansicht seiner Theorie in den Satz zusammen: „Die

prospective Bedeutung jeder Blastomere ist eine Function ihrer Lage im

Ganzen.“

Die ~Roux~-~Weismann~’sche Theorie erklärt ~Driesch~ ebenfalls für

unfruchtbar und nennt sie wegen ihrer unsicheren Fundamente und

zahlreichen Hilfsannahmen, welche die Grundannahme wieder aufheben,

„eine auf die Spitze gestellte Pyramide: unten die hypothetische

Grundansicht, darauf Hilfsannahme auf Hilfsannahme.“

Seine Ansichten als Ganzes charakterisirt er als: Theorie der

epigenetischen Evolution.

Seitdem hat ~Weismann~ noch mehrfach das Wort zum Lamarckismus und

zur Vererbungsfrage ergriffen, sowie den Neu-Darwinismus noch weiter

fortzubilden versucht in den Schriften: 1. Allmacht der Naturzüchtung

1893; 2. Aeussere Einflüsse als Entwicklungsreize 1894; 3. Neue

Gedanken zur Vererbungsfrage 1895; 4. Ueber Germinalselection 1896.

* * * * *

Wenn wir am Ende unseres historischen Ueberblicks die besprochenen

Theorieen noch einmal unter einander auf ihre Aehnlichkeit und

Verschiedenheit vergleichen, so können wir sie je nach der Stellung,

welche ihre Autoren zu einigen Hauptgesichtspunkten einnehmen, in drei

Gruppen eintheilen.

Zur ersten Gruppe gehört allein ~Darwin~’s provisorische Hypothese

der Pangenesis. Sie nimmt in vieler Hinsicht eine Sonderstellung ein

wegen der Annahme einer Abgabe und eines Transports der Keimchen und

lässt sich dadurch an die „Extracttheorieen“ älterer Naturforscher

anreihen. Dagegen ist die Hypothese kleinster Stoffeinheiten, welche

einzelne Eigenschaften des zusammengesetzten Organismus repräsentiren,

ein Bestandtheil vieler anderer Theorieen geworden; besonders kehren

~Darwin~’s Keimchen wieder in den Pangenen von ~de Vries~ und den

Biophoren ~Weismann~’s.

Eine zweite natürliche Gruppe bilden die älteren Theorieen von ~Joh.

Müller~, ~Herbert Spencer~ und ~Nägeli~ und die auf den neueren

Errungenschaften der allgemeinen Anatomie und Physiologie basirten

Theorieen: die Biogenesis von mir, die Theorieen von ~Strasburger~

und ~Driesch~, die intracellulare Pangenesis von ~de Vries~. Sie

haben alle das Gemeinsame, dass sie die Substanz, welche Träger der

erblichen Eigenschaften ist, oder welche die „Anlage des Ganzen“ oder,

wie ~Joh. Müller~ sich ausdrückt, „die Kraft zur Bildung des Ganzen“

enthält, in allen einzelnen Theilen des Körpers, in allen einzelnen

Zellen gegenwärtig sein lassen. Die „physiologischen Einheiten“ von

~Spencer~ sind gleichsam Stückchen des durch den ganzen Körper als

Netz verbreiteten Idioplasmas von ~Nägeli~, welches nach der Lehre von

+mir+, ~Strasburger~, ~de Vries~ und ~Driesch~ in den Kernen der Zellen

enthalten ist.

Mit der Zellentheorie habe ich wohl am meisten die Lehre in feste

Verbindung gebracht durch die Ausarbeitung der Begriffe der Artzelle,

der specifischen Energie, des Verhältnisses von Kernsubstanz

(Idioplasma oder Erbmasse), von Protoplasma und von Protoplasmaproduct

zu einander. Der Begriff der Artzelle entspricht, wie ich schon früher

bemerkt habe (S. 245), dem Begriff der physiologischen Einheit von

~Spencer~.

Die Forscher der zweiten Gruppe stehen auf dem Boden des Lamarckismus

und nehmen damit auch eine Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften

an, indem das Idioplasma allmählich durch äussere Ursachen in seiner

Configuration selbst verändert wird. Eine Sonderstellung in Bezug auf

die Vererbungsfrage nimmt ~de Vries~ ein, während ~Driesch~ sie nur

nebenbei berührt hat.

Zu einer dritten Gruppe rechne ich ~Galton~, ~Jäger~, ~Nussbaum~,

~Weismann~, ~Roux~. Ihre Theorieen stehen in einem ausgesprochenen

Gegensatz zu der Lehre von den physiologischen Einheiten, vom

Idioplasma und von der Artzelle. Sie suchen den Entwicklungsprocess

zu erklären und gleichzeitig die Continuität der Generationen zu

wahren dadurch, dass sie die Erbmasse der Keimzelle in 2 Theile

sondern, in einen die Continuität allein unterhaltenden Stammtheil

(Stirp) für die nächste Generation, und in einen zweiten Theil, durch

welchen die Ontogenese geleitet wird. Die Leitung soll, was indessen

nur von ~Weismann~ in allen Consequenzen klar durchgeführt, aber in

~Roux~’s Lehre der qualitativen Kerntheilung und ~Galton~’s Abgabe der

Keimchen angedeutet ist, durch eine unendlich verwickelte und in der

Architektur im Voraus geordnete Zerlegung des Keimplasmas in seine

einzelnen Anlagestücke bewerkstelligt werden. Durch diesen das Wesen

der Entwicklung ausmachenden Process, welcher in veränderter Form an

die Vorstellungen der alten Evolutionisten wieder anknüpft, soll jede

Zelle des Soma schliesslich nur ein kleinstes Bruchtheilchen der vollen

Erbmasse erhalten. Hierbei werden von ~Weismann~ Bedingungen, die durch

den Entwicklungsprocess erst neu geschaffen werden, als Determinanten,

d. h. als innere Ursachen in das Keimplasma von Anfang an hinein

verlegt. So wird eine grosse Kluft zwischen Keimzellen und den übrigen

„Soma“zellen geschaffen.

Hierdurch, sowie ausserdem durch die Stellung zum Lamarckismus und zur

Vererbungsfrage tritt namentlich ~Weismann~ zu den Grundprincipien der

in der zweiten Gruppe zusammengestellten Theorieen in den schärfsten

Gegensatz.

Zur Entscheidung in der Streitfrage wird man sich vor allen Dingen

darüber klar werden müssen, ob eine Zerlegung des Keimplasmas in seine

einzelnen Bestandtheile durch den Process der Kerntheilung überhaupt

möglich ist, was ich auf Grund früher erörterter Thatsachen der

Biologie glaube bestimmt verneinen zu müssen. Ist erst in diesem Punkt

eine Einigung erzielt, dann werden sich andere Meinungsdifferenzen

schon leichter ausgleichen.

* * * * *

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 209 / 225 题