3. ~Herbert Spencer~’s Hypothese von den physiologischen Einheiten.

Um die Erscheinungen der Fortpflanzung und der Regeneration aus einem

Princip zu erklären, welches sich auf das ganze Organismenreich

anwenden lässt, macht ~Herbert Spencer~ die Annahme, dass Pflanzen

und Thiere sich aus kleinsten Theilchen zusammensetzen, welche die

Fähigkeit haben, aus sich wieder das Ganze oder verloren gegangene

Theile desselben zu erzeugen.

[Auf die verwandte Ansicht von ~Joh. Müller~ braucht hier nicht näher

eingegangen zu werden, da der Passus, welcher sie enthält, schon an

einer früheren Stelle (Seite 215) aus seinem Lehrbuch der Physiologie

wörtlich wiedergegeben worden ist.]

~Herbert Spencer~ hat seine Hypothese in seinen Principien der

Biologie, allerdings auch nur in kurzen und allgemeinen Umrissen,

entwickelt. Er vergleicht die Fähigkeit eines Organismus, sich selbst

wieder zu ergänzen, wenn einer seiner Theile abgeschnitten wurde, der

Fähigkeit eines verletzten Krystalls, sich selbst zu ergänzen.

„In beiden Fällen wird die neu assimilirte Materie so abgesetzt, dass

die ursprünglichen Umrisse wieder hergestellt werden. Und wenn wir

hinsichtlich des Krystalls annehmen, dass das ganze Aggregat über

seine Theile eine gewisse Kraft ausübe, welche die neu integrirten

Molecüle zwinge, eine bestimmte Form anzunehmen, so müssen wir bei dem

Organismus wohl eine analoge Kraft voraussetzen.“ Wie den Krystall

aus Molecülen, die nur in einem bestimmten System zu krystallisiren

die Fähigkeit haben, so lässt ~H. Spencer~ jede Organismenspecies

aus kleinen Einheiten aufgebaut werden, denen ein besonderer Bauplan

zukommt, nach welchem sie sich selbst anzuordnen und die Gestalt des

Organismus zu erzeugen streben, welchem sie angehören.

„Es scheint zunächst schwierig,“ bemerkt ~H. Spencer~ zu seiner

Annahme, „sich vorzustellen, dass sich dies so verhalten könne; allein

wir sehen, dass es +so ist+. Gruppen von Einheiten, die wir aus einem

Organismus herausnehmen, besitzen in der That das Vermögen, das Ganze

von Neuem aufzubauen; und wir sind somit genöthigt, anzuerkennen, dass

allen Theilen des Organismus das Streben innewohnt, die specifische

Form anzunehmen.“

~H. Spencer~ nennt die jeder Organismenart zu Grunde liegenden

kleinsten Theilchen „+die physiologischen Einheiten+“ und ihr Vermögen,

sich in einer speciellen Form anzuordnen, ihre „organische Polarität“

oder die Polarität der organischen Einheiten. Er lässt sie ihrem Bau

nach weder chemischen Molecülen noch den Zellen der mikroskopischen

Anatomie entsprechen, sondern zwischen beiden eine Mittelstellung

einnehmen.

„Es scheint nichts Anderes übrig zu bleiben,“ bemerkt ~Spencer~,

„als anzunehmen, dass die chemischen Einheiten sich zu Einheiten

unendlich viel complicirterer Art zusammenthun, als sie selbst sind,

so complicirt sie auch sein mögen, und dass in jedem Organismus

die durch eine solche weitere Verbindung hoch zusammengesetzter

Molecüle erzeugten physiologischen Einheiten einen mehr oder weniger

verschiedenen Charakter besitzen. Wir müssen schliessen, dass in jedem

Falle irgend eine kleine Verschiedenheit in der Zusammensetzung dieser

Einheiten zu einer entsprechenden geringen Verschiedenheit in dem

gegenseitigen Spiel ihrer Kräfte führe und damit eine Verschiedenheit

in der Gestalt erzeuge, welche das aus ihnen gebildete Aggregat

annimmt.“

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 208 / 225 题