Um die Erscheinungen der Fortpflanzung und der Regeneration aus einem
Princip zu erklären, welches sich auf das ganze Organismenreich
anwenden lässt, macht ~Herbert Spencer~ die Annahme, dass Pflanzen
und Thiere sich aus kleinsten Theilchen zusammensetzen, welche die
Fähigkeit haben, aus sich wieder das Ganze oder verloren gegangene
Theile desselben zu erzeugen.
[Auf die verwandte Ansicht von ~Joh. Müller~ braucht hier nicht näher
eingegangen zu werden, da der Passus, welcher sie enthält, schon an
einer früheren Stelle (Seite 215) aus seinem Lehrbuch der Physiologie
wörtlich wiedergegeben worden ist.]
~Herbert Spencer~ hat seine Hypothese in seinen Principien der
Biologie, allerdings auch nur in kurzen und allgemeinen Umrissen,
entwickelt. Er vergleicht die Fähigkeit eines Organismus, sich selbst
wieder zu ergänzen, wenn einer seiner Theile abgeschnitten wurde, der
Fähigkeit eines verletzten Krystalls, sich selbst zu ergänzen.
„In beiden Fällen wird die neu assimilirte Materie so abgesetzt, dass
die ursprünglichen Umrisse wieder hergestellt werden. Und wenn wir
hinsichtlich des Krystalls annehmen, dass das ganze Aggregat über
seine Theile eine gewisse Kraft ausübe, welche die neu integrirten
Molecüle zwinge, eine bestimmte Form anzunehmen, so müssen wir bei dem
Organismus wohl eine analoge Kraft voraussetzen.“ Wie den Krystall
aus Molecülen, die nur in einem bestimmten System zu krystallisiren
die Fähigkeit haben, so lässt ~H. Spencer~ jede Organismenspecies
aus kleinen Einheiten aufgebaut werden, denen ein besonderer Bauplan
zukommt, nach welchem sie sich selbst anzuordnen und die Gestalt des
Organismus zu erzeugen streben, welchem sie angehören.
„Es scheint zunächst schwierig,“ bemerkt ~H. Spencer~ zu seiner
Annahme, „sich vorzustellen, dass sich dies so verhalten könne; allein
wir sehen, dass es +so ist+. Gruppen von Einheiten, die wir aus einem
Organismus herausnehmen, besitzen in der That das Vermögen, das Ganze
von Neuem aufzubauen; und wir sind somit genöthigt, anzuerkennen, dass
allen Theilen des Organismus das Streben innewohnt, die specifische
Form anzunehmen.“
~H. Spencer~ nennt die jeder Organismenart zu Grunde liegenden
kleinsten Theilchen „+die physiologischen Einheiten+“ und ihr Vermögen,
sich in einer speciellen Form anzuordnen, ihre „organische Polarität“
oder die Polarität der organischen Einheiten. Er lässt sie ihrem Bau
nach weder chemischen Molecülen noch den Zellen der mikroskopischen
Anatomie entsprechen, sondern zwischen beiden eine Mittelstellung
einnehmen.
„Es scheint nichts Anderes übrig zu bleiben,“ bemerkt ~Spencer~,
„als anzunehmen, dass die chemischen Einheiten sich zu Einheiten
unendlich viel complicirterer Art zusammenthun, als sie selbst sind,
so complicirt sie auch sein mögen, und dass in jedem Organismus
die durch eine solche weitere Verbindung hoch zusammengesetzter
Molecüle erzeugten physiologischen Einheiten einen mehr oder weniger
verschiedenen Charakter besitzen. Wir müssen schliessen, dass in jedem
Falle irgend eine kleine Verschiedenheit in der Zusammensetzung dieser
Einheiten zu einer entsprechenden geringen Verschiedenheit in dem
gegenseitigen Spiel ihrer Kräfte führe und damit eine Verschiedenheit
in der Gestalt erzeuge, welche das aus ihnen gebildete Aggregat
annimmt.“