Ich schliesse mit einer kurzen

Zusammenfassung der Hauptgesichtspunkte der Theorie der Biogenesis.

Die Zelle mit ihren Eigenschaften ist das elementare Lebewesen, sie ist

als Träger des Idioplasmas die von ~Spencer~ gesuchte „physiologische

Einheit“; sie bringt durch ihre Vergesellschaftung die verschiedenen

Arten der Pflanzen und Thiere hervor.

Da alle Organismen während ihrer Entwicklung einmal den einzelligen

Zustand durchlaufen, so sind in diesem alle constanten oder

wesentlichen Merkmale, durch welche sich Art von Art unterscheidet,

in ihrer einfachsten Form enthalten oder gewissermaassen auf ihren

einfachsten Ausdruck gebracht. Es gibt daher überhaupt so viele von

einander grundverschiedene Arten von Zellen, als es verschiedene Arten

von Pflanzen und Thieren gibt.

Worin die wesentlichen Merkmale bestehen, durch welche sich die Zellen

als Repräsentanten der verschiedenen Arten von einander unterscheiden,

ist unserer directen Wahrnehmung verborgen; nur aus logischen

Gründen müssen wir annehmen, 1. dass die Zellen eine feinere, unser

Erkenntnissvermögen übersteigende micellare Organisation besitzen,

vermöge welcher sie Träger der Arteigenschaften sind, und welche

daher für jede Organismenart eine verschiedene sein muss; 2. dass die

hochorganisirte Substanz, welche die „Art“ der Zelle bestimmt und von

~Nägeli~ als Idioplasma bezeichnet wird, nur einen kleinen Theil der

gesammten Zellsubstanz ausmacht und nach unserer Theorie im Zellenkern

eingeschlossen ist.

Die Uebereinstimmung zwischen den verschiedenen Individuen einer

Generationsreihe oder die Continuität in der Entwicklung wird dadurch

gewahrt, dass ein jedes Individuum immer von einer Zelle mit denselben

Arteigenschaften hervorgeht. Daher kann man die Substanz, welche Träger

der Arteigenschaften ist und im Lebensprocess durch das Mittelglied der

Zelle von einem Individuum auf das nächste überliefert wird, auch als

die Erbmasse bezeichnen.

Hiermit kommen wir zum zweiten Theil der Biogenesis, zur Frage,

wie aus der Zelle und ihren +unsichtbaren Arteigenschaften+ die

zusammengesetzte Organismenart oder die Individualität höherer Ordnung

mit ihren +sichtbaren Arteigenschaften+ hervorgeht.

Die Theorie der Biogenesis antwortet hierauf: durch die Vermehrung

der Artzelle und den damit Hand in Hand gehenden Process socialer

Vereinigung, Arbeitstheilung und Integration.

Eine physiologische Grundeigenschaft eines jeden Lebewesens ist das

Vermögen, seine Art zu erhalten. Die Zelle, welche einem übergeordneten

Organismus den Ursprung gibt, vermehrt sich durch +erbgleiche

Theilung+ in unzählige Generationen von Zellen, welche alle Träger

der Arteigenschaften oder der Erbmasse sind. Das so sich vermehrende,

aus artgleich organisirten Einheiten zusammengesetzte Aggregat nimmt

bei seinem Wachsthum bestimmte Formen an, welche auf jeder Stufe des

Wachsthums der Ausdruck sind: 1. des Einflusses zahlloser äusserer

Factoren, noch mehr aber 2. der unendlich complicirten Wirkungen,

welche die immer zahlreicher werdenden elementaren Lebenseinheiten auf

einander ausüben.

Die einzelnen Zellen, obschon der Art nach gleich als Abkömmlinge einer

gemeinsamen Mutterzelle, gerathen in Folge des Wachsthumsprocesses

unter ungleiche Bedingungen +räumlich+ und +zeitlich+.

Einmal nehmen sie im Aggregat verschiedene Stellungen zu einander

ein, durch welche ihre Beziehungen zu einander, zum Ganzen und zur

Aussenwelt bestimmt werden, sie erhalten gewissermaassen +ein ihre

Wirkungsweise beeinflussendes Raumzeichen; sie werden räumlich

determinirt+. Die einen werden zum Beispiel um den animalen, die

anderen um den vegetativen Pol des Eies gruppirt; die einen kommen

in’s äussere, die anderen in’s innere Keimblatt zu liegen, die einen

erhalten eine Lage in der Umgebung des Urmundes (Nervenplatte, Chorda),

die anderen in grösserer Entfernung von diesem für die Organbildung

wichtigen Orte; somit gerathen bei ihrem Zusammenwirken die artgleichen

Zellen in verschiedene Zustände gemäss ihrer verschiedenen Position,

welche sich auf jeder Stufe des Wachsthums ändert.

Die Zellen werden aber ausserdem noch dadurch, dass sie der

+Zeit nach+ unter räumliche Bedingungen gerathen, welche für die

einzelnen Gruppen verschieden sind, determinirt; +sie erhalten eine

verschiedene Geschichte+. Die Zellen unterscheiden sich auf späteren

Stadien des Entwicklungsprocesses unter einander und von früheren

Zellengenerationen auch dadurch, dass sie ein Stück „besonderer

Entwicklungsgeschichte“ hinter sich haben, nämlich die früher

durchlaufenen Zustände des Wachsthumsprocesses, welche bei den

einzelnen Gruppen in verschiedener Weise eingetreten sind. Zellen

des äusseren Keimblattes haben andere Einwirkungen als Abkömmlinge

des inneren Keimblattes erfahren. Indem in ihnen die früher

durchlaufenen Zustände nachwirken, werden sie nicht nur durch die

momentan gegebenen, sondern auch durch die zeitlich vorausgegangenen

Beziehungen determinirt. In Bezug hierauf sei an die schon früher (S.

247) hervorgehobene Analogie mit der Hirnsubstanz und dem Gedächtniss

erinnert.

Nach der Theorie der Biogenesis wird also die Erbmasse auf unzählige

Lebenseinheiten gleichmässig vertheilt und nach Regeln, die man als das

Gesetz ihrer Entwicklung bezeichnen kann, unter zahlreiche verschiedene

Bedingungen räumlich und zeitlich gebracht, so dass sie bei dem

Zusammenwirken der Zellen sich in verschiedenen Zuständen befindet und

vermöge dessen auf äussere und innere Reize in der ihrem jeweiligen

Zustand entsprechenden Weise reagirt.

In diesem Process werden die Anlagen, welche die Erbmasse einer

Artzelle ausmachen, allmählich offenbar, und zwar offenbaren sie

sich einmal darin, dass die Zellen die jeder Stufe entsprechende

Anordnung annehmen, und dass sie auf jeder Stufe eine immer bestimmter

werdende Function und eine ihr entsprechende, immer ausgeprägter

werdende Structur gewinnen. Es werden durch die Bedingungen, unter

welche die Zellen mit ihrer Erbmasse in der Zeitfolge und in ihrer

räumlichen Vertheilung gerathen sind, mit einem Wort durch ihre

Special-Entwicklungsgeschichten, die entsprechenden, in ihrem Erbtheil

enthaltenen Anlagen geweckt, während andere in Folge der fehlenden

Entwicklungsmöglichkeiten unausgebildet bleiben.

Innerhalb der Generationsreihe der Personen oder zwischen den einzelnen

Ontogenieen wird die Continuität der Entwicklung dadurch gewahrt, dass

aus dem Aggregat der Artzellen einzelne sich ablösen und wieder den

Ausgangspunkt für neue Entwicklungsprocesse abgeben.

Bei niederen Pflanzen und Thieren können alle Zellen des Aggregates

diesem Zwecke dienen, bei höheren Organismen dagegen wird die

Wahrung der Continuität des Entwicklungsprozesses immer mehr auf

einzelne Zellgruppen und Zellen und schliesslich allein auf die

Geschlechtsproducte beschränkt und auch bei diesen sogar nur auf

eine bestimmte Periode ihres Lebens, welche wir als ihre oft rasch

vorübergehende Reifezeit bezeichnen.

Die Erscheinung erklärt sich daraus, dass im Aggregat die meisten

Zellen sich nicht in dem Zustand befinden, sich getrennt vom Ganzen

erhalten zu können, so dass sie nach ihrer Abtrennung entweder

unmittelbar oder bald wegen nicht entsprechender Existenzbedingungen zu

Grunde gehen.

Und so sehen wir gerade an dem Fall der Geschlechtsreife in sehr

einleuchtender Weise, dass die Zellen, um die Continuität der

Entwicklung zu erhalten, nicht nur Erbmasse besitzen müssen, sondern

dass auch noch eine Reihe anderweiter Bedingungen wie bei allen

Naturprocessen dazu unbedingt nothwendig ist.

Literatur zu Capitel XX und XXI.

1) =E. van Beneden.= _Recherches sur la maturation de l’œuf, la

fécondation et la division cellulaire. 1883._

2) =Charles Darwin.= _Ueber die Entstehung der Arten durch natürliche

Zuchtwahl. Erste Auflage. 1859._

3) +_Derselbe._+ _Das Variiren der Thiere und Pflanzen. Bd. II.

Vererbung. Cap. 12–15. Provisorische Hypothese der Pangenesis. Cap. 27.

1868._

4) =Driesch.= _Entwicklungsmechanische Studien. Zeitschr. f. wiss.

Zool. Bd. LIII. Der Werth der beiden ersten Furchungszellen in

der Echinodermenentwicklung. Experim. Erzeugung von Theil- und

Doppelbildungen._

5) +_Derselbe._+ _Analytische Theorie der organischen Entwicklung.

Leipzig 1894._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 210 / 225 题