Bald nach dem Erscheinen von ~Darwin~’s provisorischer Hypothese der
Pangenesis hat ~Francis Galton~ verbessernde Hand an sie anzulegen
versucht. In einem 1875 erschienenen kurzen Aufsatz: „A theory of
heredity“ bezweifelt er die allgemeine Gültigkeit der Vererbung
erworbener Eigenschaften oder lässt sie wenigstens im Vergleich zur
Vererbung angeborener Eigenschaften für das ganze Problem kaum in’s
Gewicht fallen. Er gibt dadurch den oben unterschiedenen zweiten und
schwächsten Theil der Pangenesis, die sogenannte Transporthypothese,
auf oder beschränkt sie wenigstens auf ein Mindestmaass.
Anstatt einer allgemein stattfindenden Abgabe und Circulation von
Keimchen lässt er, falls überhaupt eine Uebertragung neu erworbener
Charaktere stattfindet, nur selten einmal von der Körperzelle sich ein
Keimchen ablösen, das in die Blutbahn geräth und so Gelegenheit erhält,
sich mit den Geschlechtszellen zu vereinigen.
Zur Erklärung der Vererbung behält ~Galton~ nur den ersten Theil
der Pangenesis, die Annahme zahlloser Keimchen, bei, die in den
Geschlechtszellen und Knospen als Anlagemassen oder als Grundstock
für das neue Individuum, als „Stirp“, eingeschlossen sind. Zum
Ersatz der Transporthypothese lässt er den Stirp eine viel grössere
Zahl von Keimchen beherbergen, als zur Entwicklung der zelligen
Bestandtheile des künftigen Körpers nothwendig sind, so dass nur eine
verhältnissmässig kleine Zahl von ihnen während einer Ontogenese zur
Entwicklung gelangt.
Er nimmt also im Stirp zwei Gruppen von Keimchen an: Die eine Gruppe
wird activ, sie leitet die Ontogenese des Individuums, indem die sich
entwickelnden Keimchen den Charakter der einzelnen Zellen, Gewebe
und Organe bestimmen. Die zweite Gruppe verharrt in einem gebundenen
Zustand, vermehrt sich aber, auch wenn sie nicht zur Entwicklung kommt,
geht in die Geschlechtsproducte des von der ersten Gruppe der Keimchen
gebildeten Individuums über und stellt so den Stirp der folgenden
Generation dar.
Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung findet nach ~Galton~ eine
Vereinigung von zwei Stirps statt, von der Ei- und von der Samenzelle.
Da nun aber im Laufe der Generationen der Stirp sein Volumen nicht
verändert, muss er allmählich auf die Hälfte der Keimchen reducirt
werden. Zu dem Zweck nimmt ~Galton~ zwischen den Keimchen, welche durch
die Befruchtung zusammengeführt werden, „a sharp struggle for place“
an, bei welchem Kampf um’s Dasein die lebenskräftigsten Keimchen den
Sieg davon tragen und später allein als Erbschaftsträger zur Geltung
kommen.
~Galton~’s Lehre vom „Stirp“ hat sehr grosse Aehnlichkeit mit
~Weismann~’s Keimplasmatheorie, in welcher die in ihr enthaltenen
Grundzüge im Detail weiter ausgearbeitet sind. Gegen beide lassen sich
die gleichen Einwände erheben, so dass ihre weitere Besprechung auf
später verschoben werden kann.