1. Die provisorische Hypothese der Pangenesis von ~Darwin~.

In seinem grossen Werk über das Variiren der Thiere und Pflanzen hat

~Darwin~ auch zahlreiche Erscheinungen der Vererbung zusammengestellt

und den Versuch gemacht, sie von einem gemeinsamen Princip aus

zu erklären. Er nimmt an, dass im Körper der Pflanzen und Thiere

die einzelnen Zellen sich nicht nur auf dem Wege der Theilung

vermehren, sondern ausserdem zu allen Zeiten und während aller

Entwicklungszustände des Organismus noch unsichtbar kleine Körnchen

oder Atome von sich abstossen, welche in die Körpersäfte gelangen und

mit dem Blut durch den ganzen Körper frei circuliren. Sie werden als

die Zellkeimchen oder kürzer die „Keimchen“ (gemmules) bezeichnet. Sie

haben die Eigenschaft, wenn sie mit gehöriger Nahrung versorgt werden,

sich durch Theilung zu vervielfältigen, sowie auch später wieder zu

Zellen zu werden, gleich denen, von welchen sie herrühren. Sie haben

ferner in ihrem schlummernden Zustand eine gegenseitige Verwandtschaft

zu einander und werden dadurch veranlasst, sich entweder zu Knospen

oder zu den Sexualelementen zu vereinigen.

+Genau genommen wird daher ein Tochterorganismus nicht von einer

Eizelle oder einer Knospe, sondern von allen Zellen der elterlichen

Organismen gebildet, welche ihre Keimchen an die Sexualelemente

abgegeben haben.+

Die Entwicklung des Tochterorganismus aus dem Ei lässt ~Darwin~ in

der Weise vor sich gehen, dass jedes Keimchen seine Zelle, von der es

herstammt, wieder hervorbringt, und dass die Keimchen der verschiedenen

Zellen in derselben Reihenfolge vermöge ihrer gegenseitigen

Verwandtschaft zu einander in Thätigkeit gerathen, in welcher die ihnen

entsprechenden Zellen in der Ontogenese ihrer Erzeuger sich folgten.

Indess brauchen -- so lautet noch eine andere Annahme von ~Darwin~

-- die von den Eltern dem Kind überlieferten Keimchen +nicht alle+

in diesem selbst wieder zu Zellen entwickelt zu werden, sondern sie

können oft viele Generationen hindurch in einem schlummernden Zustand

als +latente Anlagen+ vererbt und erst viel später entwickelt werden.

Durch solche Annahme sollen die Erscheinungen des Atavismus und des

Rückschlags auf entferntere Vorfahren erklärt werden.

Wie ~de Vries~ mit Recht hervorgehoben hat, setzt sich die Pangenesis

aus zwei verschiedenen Hypothesen zusammen, die man getrennt

beurtheilen muss:

1. aus der Hypothese, dass in jeder Keimzelle die einzelnen erblichen

Eigenschaften des ganzen Organismus durch bestimmte unsichtbar kleinste

Stoffeinheiten, die Keimchen, vertreten sind, welche sich durch

Theilung vermehren;

2. aus der Hypothese, dass von allen Zellen des Körpers fortwährend

Keimchen abgeworfen und wieder zu Keimzellen vereinigt werden. Man

kann die zweite von der ersten Annahme als „+Transporthypothese+“

unterscheiden.

Wie von verschiedenen Seiten mit Recht schon hervorgehoben worden ist,

stossen die Annahmen ~Darwin~’s auf so grosse Schwierigkeiten, dass sie

von vornherein als sehr unwahrscheinliche und künstlich zurecht gelegte

bezeichnet werden müssen.

Vom molecular-physiologischen Standpunkt aus hat ~Nägeli~ ihre

Unmöglichkeit zu erweisen gesucht, indem er berechnete, dass die

Pangenesishypothese eine solche Unsumme von Keimchen erforderlich

macht, dass sie auch bei Annahme der geringsten zulässigen Grösse in

der Erbmasse eines Samenfadens gar keinen Platz finden würden.

Mit nicht minderen Schwierigkeiten ist die Annahme einer Circulation

der Keimchen verbunden, desgleichen die Annahme, dass sie sich

ordnungsmässig vermöge besonderer Verwandtschaften zu einer Keimzelle

vereinigen und dann bei der Entwicklung wieder ordnungsmässig zu den

Geweben und Organen entwickeln sollen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 206 / 225 题