III. Die Continuität im Entwicklungsprocess.

Mannigfach verschiedene Theorieen sind über die Art und Weise, wie im

Entwicklungsprocess die Continuität gewahrt wird, aufgestellt worden.

Wir sprechen zuerst von den Thatsachen, welche durch ausgedehnte

Beobachtungen festgestellt und als sichere Grundlagen von jeder Theorie

zu berücksichtigen sind, alsdann von den einzelnen Theorieen selbst.

A. Die durch Beobachtung festgestellten Thatsachen.

Dank der Zellentheorie und der durch sie angeregten Untersuchungen

wissen wir jetzt, dass die Continuität in der Entwicklung durch die

Eigenschaft der Zelle, sich durch Theilung zu vermehren und neue

Zellen ihrer Art hervorzubringen, gewahrt wird. Auf botanischem

Gebiet verdanken wir diese Erkenntniss besonders den vorzüglichen

Untersuchungen von ~Mohl~ und ~Nägeli~, in der thierischen Histologie

den Bemühungen zahlreicher Forscher, unter denen in erster Reihe

~Kölliker~, ~Reichert~, ~Remak~ und ~Virchow~ zu nennen sind.

(Siehe Band I, Die Zelle, Seite 143–145.) ~Virchow~ hat zuletzt die

grundlegenden Ergebnisse über die Zellengenese in der bekannten Formel

zum Ausdruck gebracht: „Omnis cellula e cellula“.

Durch eine zweite Reihe von Entdeckungen ist die für das Zellenleben

nicht minder wichtige zweite Thatsache festgestellt worden, dass mit

der Continuität der Zellgenerationen zugleich auch eine Continuität

innerhalb der Kerngenerationen einhergeht.

1875 suchte ich für die Eizelle den Beweis zu erbringen, dass sie in

keinem Moment ihrer Entwicklung ein kernloses Stadium durchläuft,

wie fast allgemein angenommen wurde, dass vielmehr vom Keimbläschen

direct der Eikern abstammt, dass hierauf vom befruchteten Eikern sich

wieder die Kerne aller Embryonalzellen herleiten vermittelst eines

Theilprocesses, der mit eigenthümlichen Formveränderungen einhergeht.

Einen Beobachtungsfehler, den ich hierbei beging, indem ich den Eikern

direct aus dem Keimfleck des Keimbläschens entstehen liess, stellte

ich in einer zweiten, bald anschliessenden Arbeit über die Bildung

der Richtungskörper richtig und erbrachte den Nachweis, dass bei dem

Reifeprocess der Eier die Continuität der Kerngenerationen in einer

sehr complicirten Weise gewahrt wird.

Im Anschluss an diese Untersuchungen betonte ~Richard Hertwig~ in einem

kleinen Aufsatz, dass unsere Auffassung vom Kern einen ähnlichen Wandel

wie unsere Auffassung von der Zelle erfahren müsse, dass ebenso wie

bei der Zelle auch beim Kern die Bläschennatur etwas Nebensächliches

sei, und dass bei allen physiologischen Processen als das Wirksame die

durch ihr Verhalten gegen Farbstoffe ausgezeichnete Kernsubstanz, das

Nuclein, ebenso wie in der Zelle das Protoplasma, angesehen werden

müsse.

Glänzende und ausgedehnte Untersuchungen von ~Strasburger~, von ~Fol~

und ~Flemming~, denen sich noch viele bedeutende Arbeiten anderer

Forscher angereiht haben, stellten die Karyokinese im Pflanzen- und

Thierreich in ihrer weiten, fast könnte man sagen, wenn man von den

einzelnen Fällen directer Kerntheilung absieht, in ihrer allgemeinen

Verbreitung fest; zugleich wiesen ~Richard Hertwig~, ~Schmitz~ und

Andere nach, dass auch Protisten, welche man vorher für kernlose

Protoplasmagebilde gehalten hatte, ebenfalls mit Kernen, die sich durch

Theilung vermehren, versehen sind.

Das in kurzer Zeit durch zahlreiche Forscher gesammelte imponirende

Thatsachenmaterial fasste ~Flemming~ im Anschluss an die ~Virchow~’sche

Formel in die Formel „Omnis nucleus e nucleo“ zusammen.

Eine dritte für die Continuität des Entwicklungsprocesses

wichtige Thatsache hat die Entdeckung der feineren Vorgänge beim

Befruchtungsprocess geliefert. Am Echinodermen-Ei gelang es mir 1875

festzustellen, dass +ein+ Samenfaden in den Dotter eindringt, dass sein

Kopf, welcher aus Chromatin besteht und nach den älteren Untersuchungen

von ~La Valette~ vom Kern der Samenbildungszelle abstammt, zu einem

Samenkern wird, dass Ei- und Samenkern einander entgegen wandern und

durch ihre Vereinigung den mit neuen Kräften ausgestatteten Keimkern

liefern, von welchem die weiteren Entwicklungsvorgänge beherrscht

werden. Damit war eine materielle Grundlage für die Thatsache gewonnen,

dass das neue Geschöpf, welches durch die geschlechtliche Zeugung

entsteht, ein Mischproduct aus den Eigenschaften seiner beiden Erzeuger

darstellt.

Durch zahlreiche Untersuchungen wurde die Gesetzmässigkeit dieser

Vorgänge für das Pflanzenreich (~Strasburger~, ~Guignard~), für das

Thierreich (~Fol~, ~Flemming~, ~Selenka~, ~van Beneden~, ~Boveri~ und

Andere), für Protozoen (~Richard Hertwig~, ~Maupas~) festgestellt;

zugleich aber wurde unsere Erkenntniss des Processes auch noch weiter

vertieft 1. durch die von E. ~van Beneden~ festgestellte Thatsache,

dass Ei- und Samenkern genau äquivalente Mengen von färbbarer

Kernsubstanz zur Constituirung des Keimkerns liefern, 2. durch die

Entdeckung der Reductionstheilung (~van Beneden~, ~Boveri~, ~Weismann~,

~O. Hertwig~, ~vom Rath~, ~Rückkert~, ~Haecker~, ~Brauer~ u. A.).

Eine vierte Reihe grundlegender Thatsachen endlich ergaben die

Experimente von ~Driesch~, ~Wilson~, ~Morgan~ und Anderen, welche

lehrten:

1. dass die durch die ersten Theilungen gelieferten Embryonalzellen

nach ihrer Isolirung wieder Ganzgebilde liefern;

2. dass sich die gegenseitige Lage der Kerne in der Eizelle erheblich

verändern lässt, ohne Störungen im Entwicklungsgang hervorzurufen.

B. Hypothesen über die Continuität im Entwicklungsprocess.

Es würde uns zu weit führen, auf die zahlreichen verschiedenen

Ansichten einzugehen, die in dieser Sache geäussert worden sind; wir

müssen uns auf diejenigen beschränken, welche entweder historisch

eine grössere Rolle gespielt haben, oder die bei den polemischen

Erörterungen der letzten 10 Jahre besonders in den Vordergrund getreten

sind.

Je nachdem die Hypothesen +ohne Rücksicht+ auf die eben mitgetheilten

Grundlagen der empirischen Forschung oder in +Anknüpfung an dieselben+

ausgearbeitet worden sind, können wir sie in zwei Gruppen theilen.

Zur ersten Gruppe gehören die Hypothesen von ~Darwin~ und ~Galton~, von

~Herbert Spencer~, von ~Nägeli~.

Erste Gruppe.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 205 / 225 题