Historische Bemerkungen über die Stellung der Biogenesistheorie zu
anderen Entwicklungstheorieen.
Die Biogenesistheorie geht vom Boden des allgemeinen Causalgesetzes
aus. Sie nimmt daher auch, abgesehen von den zahlreichen Thatsachen,
welche sich zu einem empirischen Beweismaterial zusammenstellen lassen,
den Grundsatz an, dass, ebenso wie die unorganischen Körper durch
äussere Factoren fortwährend verändert werden, auch die Organismen sich
dem umgestaltenden Einfluss der Aussenwelt nicht entziehen können.
Die erste Grundlage der Biogenesistheorie ist daher der +Lamarckismus+,
oder, wie sich ~Nägeli~ ausdrückt, die „+Theorie der bestimmten und
directen Bewirkung+“.
Nach dem Causalgesetz müssen ferner auch die Theile innerhalb eines
Organismus sich gegenseitig bestimmen und einen umändernden Einfluss
auf einander ausüben, was sich ausser philosophischen Gründen ebenfalls
wieder durch ein reichliches Beobachtungsmaterial erhärten lässt.
Es ist daher consequent, anzunehmen, dass Veränderungen, welche der
Organismus als Ganzes unter dem Einfluss der Aussenwelt erfährt,
auch indirect Veränderungen in den das Ganze aufbauenden Theilen, zu
denen selbstverständlicher Weise die Keimzellen gehören, nach dem
Causalgesetz hervorrufen.
Eine zweite Grundlage der Biogenesistheorie ist mithin die Lehre von
der Vererbung oder der +Uebertragbarkeit erworbener Eigenschaften+
durch die Keimzellen auf die Nachkommen.
Die Entwicklung der Organismenwelt besteht daher aus continuirlichen,
bestimmt gerichteten Processen, welche sich aus den Einwirkungen
der Aussenwelt (äusseren Ursachen) auf complicirt beschaffene
organische Substrate (innere Ursachen, Anlagen) ergeben. Folglich
nimmt die Biogenesistheorie die Lehre von der Continuität des
Entwicklungsprocesses und das Princip der Progression, das heisst:
einer in bestimmter Richtung +stetig+ fortschreitenden Entwicklung,
an. Hierbei kann die fortschreitende Entwicklung sich sowohl in
Vervollkommnung, was im Allgemeinen die Regel ist, als auch in
einer Rückbildung von Organen und Organismen, was mehr die Ausnahme
darstellt, in dem einzelnen Falle äussern.
Auf diesen drei Grundlagen, in Verbindung mit den Vorstellungen, zu
welchen uns die allgemeine Anatomie und Physiologie der Zelle in
neuerer Zeit geführt hat, ist die Theorie der Biogenesis entstanden,
theils an die Lehren anderer Forscher anknüpfend, theils vielfach auch
mit solchen in Widerspruch tretend und eigene Bahnen einschlagend.
Ein kurzer historischer Excurs mag auch hierüber noch zu weiterer
Orientirung dienen; doch muss ihm gleich vorausgeschickt werden,
dass eine nur einigermaassen erschöpfende und gleichmässige
Darstellung weder beabsichtigt ist, noch im Rahmen des vorliegenden
Buches uns ausführbar erscheint. Denn das Thema ist ein
ausserordentlich umfangreiches und zugleich ein sehr verwickeltes,
da die von verschiedenen Forschern aufgestellten sehr zahlreichen
Entwicklungstheorieen sich aus sehr heterogenen Bestandtheilen
zusammensetzen. Eine Grundlage, die hier angenommen, wird dort
verworfen. Vor allen Dingen aber verbinden die einzelnen Forscher ihre
allgemein theoretischen Anschauungen über das Wesen der Entwicklung
wieder in sehr verschiedener Weise mit Vorstellungen vom feineren Bau
der Organismen und besonders der Zelle.
Es ist daher sehr schwierig, einige leitende Gesichtspunkte bei der
Vergleichung der verschiedenen Entwicklungstheorieen unter einander
aufzustellen. Ich wähle als solche Leitgedanken 1. die Theorie der
directen Bewirkung, 2. die Lehre von der Uebertragung erworbener
Eigenschaften, 3. die Lehre von der Continuität im Entwicklungsprocess.