I. Die Theorie der directen Bewirkung. Der Lamarckismus.

Es ist das grosse Verdienst von ~Lamarck~, 1809 in seiner Philosophie

zoologique in voller Klarheit den Grundsatz aufgestellt und mit

Beweisen gestützt zu haben, dass „alle Organismen unseres Erdkörpers

wahre Naturerzeugnisse sind, welche die Natur ununterbrochen seit

langer Zeit hervorgebracht hat“ (Seite 30). Die Natur hat mit den

unvollkommensten oder einfachsten begonnen und mit den vollkommensten

aufgehört. Sie hat unter den veränderlichen Einflüssen der äusseren

Verhältnisse „ihre Organisation stufenweise verwickelt“ (S. 138).

Für die Thiere besonders nimmt ~Lamarck~ an, dass bei einer wenn

auch wenig beträchtlichen, aber anhaltenden Veränderung in den

Verhältnissen, in welchen sie sich befinden, ihre Gewohnheiten und

Bedürfnisse verändert werden, und dass dadurch auch ihre Organisation

allmählich eine andere wird. Das von ~Lamarck~ aufgestellte Gesetz

lautet in seinen eigenen Worten:

„Bei jedem Thiere, welches das Ziel seiner Entwicklung noch nicht

überschritten hat, stärkt der häufigere und bleibende Gebrauch eines

Organs dasselbe allmählich, entwickelt und vergrössert es und verleiht

ihm eine Kraft, die zu der Dauer dieses Gebrauchs im Verhältniss steht;

während der constante Nichtgebrauch eines Organs dasselbe allmählich

schwächer macht, verschlechtert, seine Fähigkeiten fortschreitend

vermindert und es endlich verschwinden lässt.“

Aehnliche Anschauungen, wie sie ~Lamarck~ in seiner Philosophie

zoologique zusammengefasst hat, wurden am Ende des 18. und am Anfang

unseres Jahrhunderts, wenn auch in weniger systematischer und

zusammenhängender Weise, von ~G. St. Hilaire~ in Frankreich, von

~Erasmus Darwin~, dem Grossvater seines berühmten Enkels, in England,

von ~Treviranus~ und ~Goethe~ in Deutschland geäussert. Es ist ein

merkwürdiges Beispiel, bemerkt hierzu ~Darwin~, wie zuweilen ähnliche

Ansichten ziemlich zu gleicher Zeit mehrfach und unabhängig von

einander auftauchen.

Als dann ~Charles Darwin~ 1859 durch sein epochemachendes Buch: „Ueber

die Entstehung der Arten“ die Descendenztheorie zu allgemeiner Geltung

in wissenschaftlichen Kreisen brachte, legte er ausser seinem Princip

vom Kampf ums Dasein und von der natürlichen Zuchtwahl auch ein grosses

Gewicht auf den ~Lamarck~’schen Factor. Er äussert sich über ihn

besonders in dem fünften Capitel, in welchem er über die Wirkungen

veränderter Bedingungen, über Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe,

über correlative Abänderung handelt. In Bezug auf letztere hebt er

hervor, dass die ganze Organisation der Pflanzen und Thiere „während

ihrer Entwicklung und ihres Wachsthums so unter sich verkettet sei,

dass, wenn in irgend einem Theil geringe Abänderungen erfolgen und von

der natürlichen Zuchtwahl gehäuft werden, auch andere Theile geändert

werden“.

Noch mehr aber als in seinem Buch über die Entstehung der Arten

hat ~Darwin~ den ~Lamarck~’schen Factor in seinem grossen, später

erschienenen Sammelwerk gewürdigt: „Das Variiren der Thiere und

Pflanzen im Zustande der Domestication“.

Gleichzeitig mit ~Charles Darwin~ hat sich in England ~Herbert

Spencer~ mit der Entwicklungstheorie der Organismen von umfassenden

philosophischen Gesichtspunkten aus beschäftigt und in systematischer

Weise die Gesetze der organischen Formbildung und die Bedeutung

äusserer und innerer Factoren klar zu stellen gesucht. Er legt dabei

das grösste Gewicht auf das Princip der bestimmten und directen

Bewirkung, zu deren Gunsten er zahlreiche Belege anführt, und erörtert

am eingehendsten das von ~Milne Edwards~ aufgestellte Gesetz der

physiologischen Arbeitstheilung und der physiologischen Integration.

~Spencer~’s Ansichten sind theils in den zwei Bänden der Principien

der Biologie, theils in dem kurzen, auch in deutscher Uebersetzung im

Kosmos erschienenen Aufsatz „Die Factoren der organischen Entwicklung“,

theils in mehreren kleineren Streitschriften niedergelegt, in

welchen er die neueren Theorieen von ~Weismann~ bekämpft hat. Am

entschiedensten ist sein Standpunkt pointirt in dem gegen ~Weismann~

gerichteten Essay: „Die Unzulänglichkeit der natürlichen Zuchtwahl“.

In Deutschland hat ~Haeckel~, welcher am erfolgreichsten für die

Verbreitung der Descendenzlehre und des Darwinismus gewirkt hat, von

vornherein auch die grosse Tragweite des ~Lamarck~’schen Factors stets

anerkannt. Als „oberstes Grundgesetz der Anpassung“ stellt er in seiner

generellen Morphologie (Bd. II S. 195) ausdrücklich den Satz auf:

„Jede Anpassungserscheinung (Abänderung) der Organismen ist durch die

materielle Wechselwirkung zwischen der Materie des Organismus und der

Materie, welche denselben als Aussenwelt umgibt, bedingt, und der Grad

der Abänderung (d. h. der Grad der morphologischen und physiologischen

Ungleichheit zwischen dem abgeänderten Organismus und seinen Eltern)

steht in geradem Verhältniss zu der Zeitdauer und zu der Intensität der

materiellen Wechselwirkung zwischen dem Organismus und den veränderten

Existenzbedingungen der Aussenwelt.“

~Haeckel~ unterscheidet zugleich eine „indirecte und eine directe

Anpassung“, ferner Anpassungen 1. durch die Wirkungen äusserer

Existenzbedingungen (Nahrung, Klima, Umgebung) und 2. durch die

Wirkungen innerer Existenzbedingungen (Gewohnheit, Gebrauch und

Nichtgebrauch der Organe). Er macht endlich auch auf die Tragweite

des Gesetzes der correlativen Anpassung aufmerksam, welches er in

die Worte fasst: „Alle Abänderungen, welche in einzelnen Theilen des

Organismus durch cumulative oder sonstige Anpassung entstehen, wirken

auf den ganzen Organismus und oft besonders noch auf einzelne bestimmte

Theile desselben zurück und bewirken hier Abänderungen, welche nicht

unmittelbar durch jene Anpassung bedingt sind.“

Am consequentesten unter allen Forschern in Deutschland -- in England

steht ihm ~Herbert Spencer~ am nächsten -- hat wohl ~Nägeli~ in seinen

Schriften, zumal in seiner mechanisch-physiologischen Theorie der

Abstammungslehre, den Standpunkt vertreten, welcher auch der meinige

ist, und welchen ich in diesem Buch im Zusammenhang zu entwickeln

versucht habe, dass „die Eigenschaften der Organismen die nothwendigen

Folgen von bestimmten Ursachen seien“. Im Gegensatz zum +~Darwin~’schen

Princip, das von beliebigen, richtungslosen Veränderungen ausgeht und

sie allein durch Selection zur Erzeugung zweckmässiger und der Umgebung

angepasster Naturproducte gerichtet und geordnet werden lässt+,

bezeichnet ~Nägeli~ seine Auffassung von der Entwicklung der Organismen

als „+die Theorie der bestimmten und directen Bewirkung+“ (l. c. S.

284).

Aehnliche Ideen vertritt ~Eimer~ in seinem Buch: Die Entstehung der

Arten auf Grund von Vererben erworbener Eigenschaften nach den Gesetzen

organischen Wachsens.

Ausser den angeführten, mehr theoretischen Schriften, welchen sich noch

manche andere anreihen, ist der Lamarckismus in unserm Jahrhundert

durch Sammlung von Thatsachen und Beweisen gefördert und weiter

ausgestaltet worden. Theils durch directe Beobachtungen, theils durch

physiologische Experimente ist auf botanischem und thierischem Gebiete

gezeigt worden, wie die Ausbildung und die besondere Gestaltung von

Organen und Geweben durch äussere Factoren, wie Schwerkraft, Druck

und Zug, Wärme, Licht, chemische Stoffe etc., in bestimmter Weise

beeinflusst wird.

Auf botanischem Gebiete erinnere ich an ~Schwendener~, dessen

Untersuchungen über das mechanische Princip im anatomischen Bau der

Monocotylen hier als mustergültige zu nennen sind, an ~Sachs~ und seine

Schule, an die Arbeiten von ~Pfeffer~, ~Goebel~, ~Stahl~, ~Vöchting~,

~Klebs~, ~Keller~ und vielen Andern. Die verschiedenen Umgestaltungen,

die sich an den Organismen durch die angeführten Factoren bewirken

lassen, hat ~Julius Sachs~ als Barymorphosen, Mechanomorphosen,

Photomorphosen, Chemomorphosen zu classificiren gesucht.

Aehnlichen Bestrebungen begegnen wir auf thierischem Gebiete bei

Zoologen, Physiologen und Anatomen, bei Klinikern und pathologischen

Anatomen. Im Vordergrunde stehen hier die Untersuchungen über

den Einfluss mechanischer Factoren auf die Entwicklung des

Knochengerüstes. Man denke an die Arbeit von ~Sedillot~ 1864, sowie

an die Entdeckung der nach mechanischen Principien durchgeführten

Architektur der Knochenspongiosa durch ~Hermann v. Meyer~ und an die

sich anschliessende Literatur, von welcher ~Julius Wolff~ die beste

Zusammenfassung in seinem Gesetz der Transformation der Knochen gegeben

hat.

Eine andere Reihe von Untersuchungen betrifft die Einwirkung von Licht,

Temperatur und chemischen Agentien. Es sei nur kurz auf die Namen

von ~Dorfmeister~, ~Fischer~, ~Eimer~ und ~Weismann~, ~Merrifield~,

auf ~Maupas~, ~Nussbaum~ und ~Born~, auf ~Bateson~, ~Costa~,

~Gies~, ~Herbst~, ~Hertwig~, ~Kassowitz~, ~Wagner~, auf ~Loeb~,

~Schmankewitsch~, ~Pouchet~ und ~Chabry~ und Andere verwiesen.

Besonders zahlreiche Ergebnisse aber hat die experimentelle Forschung

auf thierischem Gebiete durch das Studium der Correlationen, welche

zwischen den einzelnen Organen stattfinden, zu Tage gefördert.

Pathologisch-anatomische und klinische Archive bilden hier eine reiche

Fundstätte der verschiedenartigsten Thatsachen.

In einer Reihe von Arbeiten hat ~Roux~ das Studium der functionellen

Anpassungen in Angriff genommen. Das compensatorische Wachsthum

der Drüsen wird von ~Ponfick~, ~Ribbert~, ~Hofmeister~, ~Petrone~,

~Golgi~, ~Podwyssozki~, ~Ziegler~, ~Rogowitsch~ u. A., die Blutbildung

von ~Neumann~, ~Bizzozero~, ~Foa~, ~Korn~, ~Denys~ u. A., die

Wachsthumscorrelationen von bindegewebigen Organen, im Bereich des

Muskelgewebes und der Blutgefässe werden von ~Nothnagel~, ~Bardeleben~,

~Roux~, ~Strasser~, ~Thürler~, ~Thoma~ u. A. untersucht.

Einen jüngsten Spross endlich auf diesem Gebiete bildet die

Untersuchung der Wachsthumscorrelationen, welche zwischen den Zellen

auf den frühesten Stadien des Entwicklungsprocesses stattfinden.

Durch Untersuchungen zahlreicher jüngerer Forscher, welche durch

eine lebhaft geführte Polemik angeregt wurden, sind hier in wenigen

Jahren einige grundlegende Thatsachen festgestellt worden (~Chabry~,

~Chun~, ~Crampton~, ~Driesch~, ~Fischel~, ~Herlitzka~, ~Hertwig~,

~Jacques Loeb~, ~Morgan~, ~Rauber~, ~Roux~, ~Oscar Schultze~, ~Wetzel~,

~Wilson~, ~Zoja~).

So ist im Laufe der letzten 50 Jahre in der Literatur ein reiches

Thatsachenmaterial über den Einfluss äusserer und innerer Factoren auf

die Gestaltbildung bei Pflanzen und bei Thieren angehäuft worden. Von

ihm habe ich in diesem Buche eine Zusammenstellung zu geben versucht,

welche freilich noch eine sehr unvollständige ist und sich bei einer

systematisch vorgenommenen Durchsicht der Literatur noch um viele

Beispiele leicht würde vermehren lassen.

Während das ~Lamarck~’sche Princip der bestimmten und directen

Bewirkung von ~Darwin~, ~Haeckel~ u. A. angenommen, besonders aber

von ~Herbert Spencer~ und ~Nägeli~ in seiner ganzen Tragweite für die

Erklärung der organischen Entwicklung erkannt worden ist, während

ferner das Thatsachenmaterial, das sich zu seinen Gunsten verwerthen

lässt, von Tag zu Tag wächst, hat es auch nicht an Stimmen gefehlt,

welche sich gegen seine Bedeutung ausgesprochen haben.

Als entschiedenster und bedeutendster Gegner des Lamarckismus

ist im Laufe der letzten zehn Jahre ~Weismann~ bei verschiedenen

Gelegenheiten und in zahlreichen Schriften aufgetreten; er ist

dabei in eine heftige und interessante literarische Fehde über die

Ursachen der organischen Entwicklung mit ~Herbert Spencer~ gerathen.

In seinen Streitschriften: 1. Die Allmacht der Naturzüchtung, 2.

Neue Gedanken zur Vererbungsfrage, 3. Ueber Germinalselection, geht

~Weismann~ so weit, dem ~Lamarck~’schen Princip jede Bedeutung für die

Veränderung der Organismenwelt abzusprechen. Als einziges natürliches

Erklärungsprincip erkennt er nur den ~Darwin~’schen Factor, die

Selection oder die Auslese des Existenzfähigen, mit einem Wort „die

Allmacht der Naturzüchtung“ an. „Naturzüchtung bewirkt nach ~Weismann~

allein alle Artanpassungen.“

Wodurch ~Weismann~ in seine principielle Gegnerschaft gegen den

Lamarckismus geführt worden ist, wird erst verständlich, wenn wir uns

dem zweiten leitenden Gesichtspunkt zuwenden, welchen wir für die

Vergleichung der verschiedenen Entwicklungstheorieen aufgestellt haben,

was jetzt geschehen soll.

II. Die Lehre von der Uebertragung erworbener Eigenschaften auf den

Keim. (Die Vererbungstheorie.)

Eine nothwendige Ergänzung zum ~Lamarck~’schen Princip bildet die

Lehre von der Uebertragung erworbener Eigenschaften auf den Keim. Dies

spricht sich schon darin aus, dass ~Lamarck~ in seiner zoologischen

Philosophie sofort an die Formulirung seines ersten Hauptgesetzes

(siehe Seite 281) ein zweites Gesetz angeschlossen hat, welches heisst:

„Alles, was die Thiere durch den Einfluss der Verhältnisse, denen sie

während langer Zeit ausgesetzt sind, und folglich durch den Einfluss

des vorherrschenden Gebrauchs oder constanten Nichtgebrauchs eines

Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die

Nachkommen vererbt, vorausgesetzt, dass die erworbenen Veränderungen

beiden Geschlechtern oder denen, welche diese Nachkommen hervorgebracht

haben, gemein seien.“

Zu seinen zwei Gesetzen fügt ~Lamarck~ gleich noch die Worte hinzu: „Es

sind dies +zwei bleibende Wahrheiten+, welche nur von Denen verkannt

werden können, welche die Natur in ihren Verrichtungen noch nie

beobachtet und verfolgt haben.“

Beide Gesetze gehören allerdings untrennbar zusammen. Mit dem

einen fällt nothwendiger Weise auch das andere. Denn wenn die

Individuen während ihres Lebens in Folge äusserer und innerer auf

sie einwirkender Factoren neue Eigenschaften zwar erwerben, sie aber

nicht auf die Keimzellen übertragen können, so sind sie allerdings

für die allmähliche Umgestaltung der Art absolut werthlos. +Denn die

Continuität der Entwicklung ist ja an diesem einen Punkte unterbrochen.+

Wir sehen daher, dass alle Forscher, welche das ~Lamarck~’sche

Princip angenommen haben, auch in dieser oder jener Form an der Lehre

von der Vererbung erworbener Charaktere festhalten; so vor allen

Dingen ~Charles Darwin~ selbst, welcher sich zu ihrer Erklärung die

Pangenesistheorie ausgedacht hat, ~Herbert Spencer~, ~Haeckel~,

~Nägeli~.

~Haeckel~ hat in seiner generellen Morphologie ihm folgende Formulirung

gegeben: „Das Gesetz der progressiven oder fortschreitenden Heredität

oder der Vererbung erworbener Charaktere sagt aus, dass alle

Descendenten von ihren Eltern nicht bloss die alten, von diesen

ererbten, sondern auch die neuen, von diesen erst während ihrer

Lebenszeit erworbenen Charaktere wenigstens theilweise erben. Jeder

Organismus vererbt auf seine Nachkommen nicht bloss die morphologischen

und physiologischen Eigenschaften, welche er selbst von seinen Eltern

ererbt, sondern auch einen Theil derjenigen, welche er selbst während

seiner individuellen Existenz durch Anpassung erworben hat.“ (L. c.

Seite 178.)

Indessen birgt die Frage nach der Vererbung erworbener Charaktere, wenn

man tiefer in den Gegenstand einzudringen sucht und nach den Mitteln

und Wegen fragt, wie und in welcher Form erworbene Eigenschaften auf

den Keim übertragen werden, ihre Schwierigkeiten.

Zwar haben ~Darwin~, ~Spencer~, ~Hering~ und ~Nägeli~ sich

Vererbungstheorieen zurechtgelegt, aber diese sind recht verschieden

ausgefallen, wie die Pangenesistheorie von ~Darwin~, die

Gedächtnisstheorie von ~Hering~ und die Idioplasmatheorie von ~Nägeli~.

In seiner Uebersicht über „Alte und neue Probleme der Phylogenese“

konnte daher ~Osborn~, selbst ein Anhänger der ~Lamarck~’schen

Principien, hervorheben: „Es muss zugegeben werden, dass der

Lamarckismus an einem verhängnissvollen Mangel leidet; er ist nicht

im Stande, eine Hypothese von heuristischem Werth über die Natur

der Vererbung aufzustellen, ganz im Gegensatz zum Neu-Darwinismus

mit seiner einfachen und prachtvollen ‚Stamm‘- (stirp-) oder

‚Continuitätshypothese‘. Wer an eine Uebertragung von erworbenen

Variationen glaubt, wird offen zugeben müssen, dass wir gegenwärtig

uns über den Mechanismus einer solchen Uebertragung keine Vorstellung

zu machen im Stande sind. Damit schliessen wir jedoch nicht die

Möglichkeit aus, dass ein solcher Mechanismus vorhanden ist, und es

wäre unlogisch, wenn wir ihn ableugnen wollten, weil wir ihn nicht

kennen. Andererseits ist es erstens sehr wahrscheinlich, dass wir noch

nicht alle in der lebenden Materie thätigen Kräfte kennen; es kann

sehr wohl eine bis jetzt noch völlig unbekannte Kraft vorhanden sein,

und zweitens sind wir gezwungen, einen Mechanismus der genannten Art

anzunehmen, wenn sich die Uebertragung erworbener Variationen inductiv

nachweisen lässt.“

Die Geschichte lehrt, dass gegen die Vererbbarkeit erworbener

Charaktere sich zu allen Zeiten einzelne Forscher ausgesprochen haben,

bald aus diesen, bald aus jenen Gründen. Von keiner Seite aber ist es

mit solcher Energie und dialektischer Gewandtheit geschehen wie seit

15 Jahren von ~Weismann~ in seinen populär gehaltenen und polemisch

gefärbten Schriften zur Entwicklungstheorie. Dadurch ist ~Weismann~

zum Vertreter einer besonderen Richtung geworden, die man als

+Neu-Darwinismus+ bezeichnet hat.

Indem ~Weismann~ die Vererbbarkeit functioneller Abänderungen oder

erworbener Charaktere auf das Entschiedenste in Abrede stellt, wird

er consequenter Weise auch zum Gegner des ~Lamarck~’schen Princips,

welches in der Descendenztheorie von ~Darwin~, ~Haeckel~, ~Spencer~,

~Nägeli~ etc. eine so bedeutende Rolle spielt. Um die dadurch

entstandene Lücke in der Descendenztheorie auszufüllen, muss er das

von ~Darwin~ aufgestellte Princip weit über die von seinem Urheber

gezogenen Grenzen selbst ausdehnen. Daher führt auch eine seiner

Schriften den prägnanten Titel: „Die Allmacht der Naturzüchtung“.

An Stelle der Entwicklung aus bestimmten Ursachen, an Stelle

der Wirkungen der äusseren und der inneren Factoren des

Entwicklungsprocesses tritt in +~Weismann~’s Theorieen als Ersatz

die zufällige und richtungslose Variabilität der Keimzelle und

Naturzüchtung auf allen Stufen der Entwicklung+.

Anstatt den Versuch zu machen, den Ursachen und Wirkungen, überhaupt

den Gesetzen in der Entwicklung der Organismenwelt nachzuforschen,

werden unbestimmte, vieldeutige und „in metaphorischem Sinne“

gebrauchte Ausdrücke, wie Kampf um’s Dasein, Auslese, natürliche

Zuchtwahl, als „erste Erklärungsprincipien“ auf alle organische

Naturprocesse ausgedehnt. Der Kampf um’s Dasein, welchen ~Darwin~

pflanzliche und thierische Individuen unter einander und mit der

Natur führen lässt, wird auch auf die im II. Capitel unterschiedenen

untergeordneten Individualitätsstufen übertragen. Wir erhalten den

+Kampf der Theile im Organismus+, welchen Titel ~Roux~ einer seiner

Schriften gegeben hat. Und nicht nur führen die Organe, Gewebe und

Zellen eines Organismus den Kampf um’s Dasein mit einander, aus welchem

sich Alles nach mechanischen Principien auf das Beste erklären soll,

dasselbe Schauspiel wiederholt sich zwischen den kleinsten Theilchen

der Zelle noch einmal; vom Keimplasma wird uns ebenfalls ein Kampf der

Keimesanlagen mit Bevorzugung des Besseren von ~Weismann~ geschildert.

(Siehe Zusatz Seite 288.)

An die Personalauslese von ~Darwin~ und ~Wallace~ schliesst sich die

Histonalauslese von ~Wilhelm Roux~, an diese die Germinalauslese oder

die Intraselection, in welcher ~Weismann~ die letzte Consequenz der

Anwendung des ~Malthus~’schen Princips auf die lebende Natur erblickt.

Mit der Preisgabe der Vererbbarkeit erworbener Charaktere durchbricht

~Weismann~ die Continuität des Entwicklungsprocesses, welche in

den Beziehungen des sich entwickelnden Körpers, der allein den

Einwirkungen der Aussenwelt direct unterworfen ist, zu den in ihm

eingeschlossenen Keimzellen (oder allgemeiner gesagt, zum Idioplasma)

bestehen. Zum Ersatz der auf diesem Gebiete gelegenen natürlichen

Erklärungsprincipien, die auf dem Causalgesetz fussen, bietet er

die Hypothese einer Germinalselection, ohne uns aber des Näheren zu

verrathen, in welcher Weise Ursachen auf die Keimzelle so einwirken

können, dass aus dem Kampfe der Anlagen im Keim vielzellige, an alle

möglichen Einwirkungen der Aussenwelt angepasste Körper hervorgehen

können, und ohne uns einen Weg anzudeuten, auf welchem die Keimzelle,

die doch am Beginn der Phylogenese an Anlagen sehr arm war, überhaupt

ihre zahllosen Anlagen zu der höheren Organisation des aus ihr

entstehenden vielzelligen Körpers hat gewinnen können.

Um die Schwierigkeit zu umgehen, die Erblichkeit zu erklären, hat

~Weismann~ unendlich viel grössere Schwierigkeiten einer causalen

Erklärung der organischen Entwicklung in den Weg gestellt. Einen

irgendwie triftigen Beweis aber gegen die Vererbbarkeit hat er in

keiner seiner Schriften geführt. Theils wendet er sich gegen specielle

Fälle, wie besonders die Vererbung von zufälligen Verletzungen (Narben,

Circumcision etc.), auf welche wohl Niemand ein grosses Gewicht legen

wird, theils hat er sich damit, wie ~Herbert Spencer~, ~Nägeli~ und

Andere sich die Uebertragung erworbener Charaktere vorstellen, gar

nicht aus einander gesetzt.

Dass die erworbenen sichtbaren Structuren als solche vererbt werden,

z. B. die Bälkchen der Spongiosastructur (siehe ~Weismann~: Aeussere

Einflüsse etc. S. 10), hat Niemand behauptet, welcher sich tiefer

mit dem Vererbungsproblem beschäftigt hat. Im Gegentheil wird von den

Anhängern der Idioplasmatheorie und so auch von mir betont, dass die

für Verrichtung besonderer Functionen entstehenden histologischen

Differenzirungsproducte (die formed matter) stets von den Zellen als

der bildenden Substanz unter den sie treffenden Reizen der Aussenwelt

neu geschaffen werden; was daher vererbt wird, ist nicht die Structur

als solche, sondern die Reizbarkeit der Zelle, unter bestimmten

Bedingungen in gleicher Weise zu reagiren. Die Anlagesubstanz oder das

Idioplasma ist es, welches sich unter den äusseren und inneren Factoren

des Entwicklungsprozesses verändert, wie im Körper, so auch in den

Keimzellen, und seine Eigenschaften vererbt.

Dem negirenden Standpunkt von ~Weismann~ hat man auch Beifall aus dem

Grunde gespendet, dass man sich über den Mechanismus der Uebertragung

erworbener Eigenschaften auf die Keimzellen keine klare Vorstellung

hat machen können. Darauf ist nur zu antworten, dass es mit der

mechanischen Erklärung vieler anderer Lebensprocesse auch nicht besser

steht. (Man vergleiche meine Schrift: Mechanik und Biologie.)

Die Schwierigkeit, einen Mechanismus auszudenken, kann also auch

kein Argument zu Ungunsten einer Vererbbarkeit erworbener Charaktere

bilden. Alles in Allem kann es uns nicht als ein Vorzug irgend

einer Entwicklungstheorie erscheinen, wenn sie ohne den Factor der

Vererbung auszukommen versucht. Vielmehr erscheint uns in derartigen

Versuchen eine Durchbrechung sowohl des Causalgesetzes und des

mechanischen Princips, als auch der Continuität des organischen

Entwicklungsprocesses vorzuliegen.

Zusatz zu Seite 287.

Dass man durch Redewendungen, wie Kampf der Theile im Organismus,

Intraselection, Histonalauslese, Germinalauslese, in dem Verständniss

organischer Naturprocesse um keinen Schritt vorwärts kommt, scheint

mir offen zu Tage zu liegen. Man erfährt hierdurch von dem, was

sich im Organismus abspielt, nicht mehr, als der Chemiker von dem

Zustandekommen einer chemischen Verbindung erfahren würde, wenn er sich

mit der Formel eines „Kampfes der Molecüle im Reagenzglas“, als einem

chemischen Erklärungsprincip, zufrieden geben wollte.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 203 / 225 题