II. Das Princip der Progression in der Entwicklung.

Von mehreren Naturforschern, vor allen Dingen auch von ~Nägeli~, ist

das Princip aufgestellt worden, dass die Veränderung der Pflanzen und

Thiere keine beliebige oder richtungslose sei.

„Sowie die Entwicklungsbewegung einmal im Gange ist,“ bemerkt

~Nägeli~, „so kann sie nicht stille stehen, und sie muss in ihrer

Richtung beharren. Ich habe dies früher das Vervollkommnungsprincip

genannt, unter dem Vollkommeneren die zusammengesetztere Organisation

verstehend. Minder Weitsichtige haben darin Mystik finden wollen. Es

ist aber mechanischer Natur und stellt +das Beharrungsgesetz im Gebiet

der organischen Entwicklung+ dar. Vervollkommnung in meinem Sinne ist

also nichts Anderes als der Fortschritt zum complicirteren Bau und

zu grösserer Theilung der Arbeit und würde, da man im Allgemeinen

geneigt ist, dem Worte mehr Bedeutung zu gewähren als dem ihm zu Grunde

liegenden Begriff, vielleicht besser durch das unverfängliche Wort

‚+Progression+‘ ersetzt.“

Von Darwinistischer Seite ist ~Nägeli~’s „Vervollkommnungsprincip“

oder das „Princip der Progression“, welches ~C. E. v. Baer~ mit einem

weniger geeigneten Namen auch „Zielstrebigkeit“ genannt hat, vielfach

angegriffen und als eine teleologische und nicht naturwissenschaftliche

Auffassungsweise getadelt worden.

Ich kann dem Tadel nicht beipflichten, möchte aber, indem ich das

„Princip der Progression“ annehme, ihm eine etwas andere Fassung geben,

als es von ~Nägeli~ erhalten hat.

Wie ich in meiner Darstellung öfters hervorgehoben habe, lassen sich

bei der causalen Erklärung des Entwicklungsprocesses innere und äussere

Factoren desselben nicht von einander trennen, so dass nur in beiden

zusammen der volle Grund für eine Erscheinung gefunden werden kann. In

diesem Sinne bemerkte ich:

„Der Entwicklungsprocess, um verstanden zu werden, muss erfasst werden

als ein kleines Stückchen des Naturverlaufs, das will heissen: Das Ei

entwickelt sich in unmittelbarstem Zusammenhang, in steter Fühlung mit

dem Naturganzen, unter Benutzung der es umgebenden Aussenwelt. Stoff

und Kraft treten beständig in dasselbe aus und ein.“

Daher halte ich es für richtiger, das Princip der Progression auf

den Verlauf des Naturprocesses, dessen organisirtes Substrat eine

bestimmte Organismenart ist, anzuwenden. Bei dieser Fassung hängt die

bestimmte Richtung des Verlaufes von dem Zusammenwirken innerer und

äusserer Ursachen ab; doch wird auch hierbei, was ~Nägeli~ besonders

im Auge hat, die +Eigenart des Processes+ in überwiegendem Maasse von

der organisirten Substanz selbst, als dem Complicirteren, mithin von

inneren Ursachen bestimmt.

Das Verhältniss ist in jeder Beziehung ein ähnliches wie bei einer

irgendwie complicirter gebauten Maschine, bei welcher zwar die

Triebkräfte von aussen geliefert werden, die Eigenart ihrer Leistung

aber von inneren Ursachen, nämlich von ihrer Construction, abhängt.

Das wunderbarste Beispiel eines mit Progression einhergehenden

Entwicklungsprocesses ist jede Ontogenese aus dem Ei. Denn jedes

Stadium ist für das nächstfolgende die Anlage, welche unaufhaltsam

zu ihrer Verwirklichung drängt, sowie auch die äusseren Bedingungen,

Luft, Wärme, Nahrung, gewissermaassen die Betriebsmittel des

Processes, gegeben sind. Selbst kleine Störungen können den Process

in seiner Progression nicht aufhalten, da sie durch vielerlei Mittel

überwunden und ausgeglichen werden, so dass der Gang der Entwicklung

doch immer wieder in die durch die Anlage vorgezeichnete Bahn

zurückgeführt wird und seinem gesetzmässigen Endziel entgegen drängt.

Jeder organische Entwicklungsprocess zeigt uns, wenn wir in sein

Wesen tiefer einzudringen versuchen, ein ausserordentlich grosses

„+Beharrungsvermögen+“.

Sollte nicht in derselben Weise, wie der vielzellige Organismus durch

Epigenese aus dem Ei, auch die naturhistorische Art, wenn wir uns auf

den Boden der Descendenzlehre stellen, sich nach dem Princip einer

steten, gesetzmässigen Progression entwickeln, nicht als ein Spiel von

Zufälligkeiten, sondern mit derselben inneren Nothwendigkeit, wie bei

der Ontogenese aus der Blastula die Gastrula hervorgehen muss?

Während in der Ontogenese die fortschreitenden Veränderungen sich sehr

rasch vollziehen, ist die Progression in der Phylogenese an sehr lange

Zeiträume gebunden und erfolgt daher für unser Wahrnehmungsvermögen

unmerklich.

Befunde der Palaeontologie sprechen, wie von ~Osborn~ besonders

hervorgehoben wird, zu Gunsten der ~Nägeli~’schen Theorie.

Sehr lehrreiche Beispiele für Entwicklungsprocesse mit Progression

bieten uns endlich mannigfache Erscheinungen in der menschlichen

Gesellschaft.

Die Entdeckung der Dampfmaschine ist, wie ähnliche Erfindungen,

eine Ursache geworden, welche allmählich durch ihre stetige Wirkung

unsere Productionsformen von Grund aus umgeändert und an Stelle

der mittelalterlichen Zünfte und Stände völlig veränderte, der

maschinenmässigen Fabrikation angepasste Organisationen geschaffen

hat. In der Kette der Veränderungen, die sich hier in hundert Jahren

vollzogen haben, ist jede vorausgehende Veränderung die naturgemässe

Ursache der folgenden.

Ebenso ruft jede neue wichtige Erfindung auf dem Gebiete des

Verkehrswesens und der Technik neue Differenzirungen, neue

complicirtere Gestaltungen in der menschlichen Gesellschaft hervor,

Processe, welche sich langsam, aber stetig, nach einem Endziel

gerichtet, mit Naturnothwendigkeit vollziehen.

Die menschliche Gesellschaft birgt daher in ihrer jetzigen Structur

und in ihren Beziehungen zur Natur unzählige Anlagen, Triebkräfte für

zukünftige Gestaltungen in sich. Wie der feudale Staat aus seinem

Schooss in steter Progression den modernen Staat erzeugt hat, so trägt

dieser wieder die Bedingungen in sich, aus denen sich im allmählichen

Wandel, nicht als ein Product von Zufälligkeiten, sondern nach Gesetzen

socialer Entwicklung, die nächste Stufe staatlicher Organisation

gestalten wird.

Literatur zu Capitel XIX.

1) =Haeckel.= _Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen.

4. Aufl. 1891._

2) =Richard Hertwig.= _Lehrbuch der Zoologie. Seite 44–45. 4. Aufl.

1897._

3) =Mehnert.= _Biomechanik erschlossen aus dem Princip der

Organogenese. Jena 1898._

4) =Nägeli.= _Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre.

1884._

5) =Osborn.= _Alte und neue Probleme der Phylogenese. Merkel und

Bonnet’s Ergebnisse. Bd. III. 1894._

6) =Weismann.= _Die Continuität des Keimplasmas als Grundlage einer

Theorie der Vererbung. Jena 1885._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 201 / 225 题