Von mehreren Naturforschern, vor allen Dingen auch von ~Nägeli~, ist
das Princip aufgestellt worden, dass die Veränderung der Pflanzen und
Thiere keine beliebige oder richtungslose sei.
„Sowie die Entwicklungsbewegung einmal im Gange ist,“ bemerkt
~Nägeli~, „so kann sie nicht stille stehen, und sie muss in ihrer
Richtung beharren. Ich habe dies früher das Vervollkommnungsprincip
genannt, unter dem Vollkommeneren die zusammengesetztere Organisation
verstehend. Minder Weitsichtige haben darin Mystik finden wollen. Es
ist aber mechanischer Natur und stellt +das Beharrungsgesetz im Gebiet
der organischen Entwicklung+ dar. Vervollkommnung in meinem Sinne ist
also nichts Anderes als der Fortschritt zum complicirteren Bau und
zu grösserer Theilung der Arbeit und würde, da man im Allgemeinen
geneigt ist, dem Worte mehr Bedeutung zu gewähren als dem ihm zu Grunde
liegenden Begriff, vielleicht besser durch das unverfängliche Wort
‚+Progression+‘ ersetzt.“
Von Darwinistischer Seite ist ~Nägeli~’s „Vervollkommnungsprincip“
oder das „Princip der Progression“, welches ~C. E. v. Baer~ mit einem
weniger geeigneten Namen auch „Zielstrebigkeit“ genannt hat, vielfach
angegriffen und als eine teleologische und nicht naturwissenschaftliche
Auffassungsweise getadelt worden.
Ich kann dem Tadel nicht beipflichten, möchte aber, indem ich das
„Princip der Progression“ annehme, ihm eine etwas andere Fassung geben,
als es von ~Nägeli~ erhalten hat.
Wie ich in meiner Darstellung öfters hervorgehoben habe, lassen sich
bei der causalen Erklärung des Entwicklungsprocesses innere und äussere
Factoren desselben nicht von einander trennen, so dass nur in beiden
zusammen der volle Grund für eine Erscheinung gefunden werden kann. In
diesem Sinne bemerkte ich:
„Der Entwicklungsprocess, um verstanden zu werden, muss erfasst werden
als ein kleines Stückchen des Naturverlaufs, das will heissen: Das Ei
entwickelt sich in unmittelbarstem Zusammenhang, in steter Fühlung mit
dem Naturganzen, unter Benutzung der es umgebenden Aussenwelt. Stoff
und Kraft treten beständig in dasselbe aus und ein.“
Daher halte ich es für richtiger, das Princip der Progression auf
den Verlauf des Naturprocesses, dessen organisirtes Substrat eine
bestimmte Organismenart ist, anzuwenden. Bei dieser Fassung hängt die
bestimmte Richtung des Verlaufes von dem Zusammenwirken innerer und
äusserer Ursachen ab; doch wird auch hierbei, was ~Nägeli~ besonders
im Auge hat, die +Eigenart des Processes+ in überwiegendem Maasse von
der organisirten Substanz selbst, als dem Complicirteren, mithin von
inneren Ursachen bestimmt.
Das Verhältniss ist in jeder Beziehung ein ähnliches wie bei einer
irgendwie complicirter gebauten Maschine, bei welcher zwar die
Triebkräfte von aussen geliefert werden, die Eigenart ihrer Leistung
aber von inneren Ursachen, nämlich von ihrer Construction, abhängt.
Das wunderbarste Beispiel eines mit Progression einhergehenden
Entwicklungsprocesses ist jede Ontogenese aus dem Ei. Denn jedes
Stadium ist für das nächstfolgende die Anlage, welche unaufhaltsam
zu ihrer Verwirklichung drängt, sowie auch die äusseren Bedingungen,
Luft, Wärme, Nahrung, gewissermaassen die Betriebsmittel des
Processes, gegeben sind. Selbst kleine Störungen können den Process
in seiner Progression nicht aufhalten, da sie durch vielerlei Mittel
überwunden und ausgeglichen werden, so dass der Gang der Entwicklung
doch immer wieder in die durch die Anlage vorgezeichnete Bahn
zurückgeführt wird und seinem gesetzmässigen Endziel entgegen drängt.
Jeder organische Entwicklungsprocess zeigt uns, wenn wir in sein
Wesen tiefer einzudringen versuchen, ein ausserordentlich grosses
„+Beharrungsvermögen+“.
Sollte nicht in derselben Weise, wie der vielzellige Organismus durch
Epigenese aus dem Ei, auch die naturhistorische Art, wenn wir uns auf
den Boden der Descendenzlehre stellen, sich nach dem Princip einer
steten, gesetzmässigen Progression entwickeln, nicht als ein Spiel von
Zufälligkeiten, sondern mit derselben inneren Nothwendigkeit, wie bei
der Ontogenese aus der Blastula die Gastrula hervorgehen muss?
Während in der Ontogenese die fortschreitenden Veränderungen sich sehr
rasch vollziehen, ist die Progression in der Phylogenese an sehr lange
Zeiträume gebunden und erfolgt daher für unser Wahrnehmungsvermögen
unmerklich.
Befunde der Palaeontologie sprechen, wie von ~Osborn~ besonders
hervorgehoben wird, zu Gunsten der ~Nägeli~’schen Theorie.
Sehr lehrreiche Beispiele für Entwicklungsprocesse mit Progression
bieten uns endlich mannigfache Erscheinungen in der menschlichen
Gesellschaft.
Die Entdeckung der Dampfmaschine ist, wie ähnliche Erfindungen,
eine Ursache geworden, welche allmählich durch ihre stetige Wirkung
unsere Productionsformen von Grund aus umgeändert und an Stelle
der mittelalterlichen Zünfte und Stände völlig veränderte, der
maschinenmässigen Fabrikation angepasste Organisationen geschaffen
hat. In der Kette der Veränderungen, die sich hier in hundert Jahren
vollzogen haben, ist jede vorausgehende Veränderung die naturgemässe
Ursache der folgenden.
Ebenso ruft jede neue wichtige Erfindung auf dem Gebiete des
Verkehrswesens und der Technik neue Differenzirungen, neue
complicirtere Gestaltungen in der menschlichen Gesellschaft hervor,
Processe, welche sich langsam, aber stetig, nach einem Endziel
gerichtet, mit Naturnothwendigkeit vollziehen.
Die menschliche Gesellschaft birgt daher in ihrer jetzigen Structur
und in ihren Beziehungen zur Natur unzählige Anlagen, Triebkräfte für
zukünftige Gestaltungen in sich. Wie der feudale Staat aus seinem
Schooss in steter Progression den modernen Staat erzeugt hat, so trägt
dieser wieder die Bedingungen in sich, aus denen sich im allmählichen
Wandel, nicht als ein Product von Zufälligkeiten, sondern nach Gesetzen
socialer Entwicklung, die nächste Stufe staatlicher Organisation
gestalten wird.
Literatur zu Capitel XIX.
1) =Haeckel.= _Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen.
4. Aufl. 1891._
2) =Richard Hertwig.= _Lehrbuch der Zoologie. Seite 44–45. 4. Aufl.
1897._
3) =Mehnert.= _Biomechanik erschlossen aus dem Princip der
Organogenese. Jena 1898._
4) =Nägeli.= _Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre.
1884._
5) =Osborn.= _Alte und neue Probleme der Phylogenese. Merkel und
Bonnet’s Ergebnisse. Bd. III. 1894._
6) =Weismann.= _Die Continuität des Keimplasmas als Grundlage einer
Theorie der Vererbung. Jena 1885._