Die Theorie der Biogenesis und das Vererbungsproblem.
+Motto+: „Jede organische Form ist das Resultat einer Geschichte,
welche so alt ist wie die organische Welt überhaupt.“ ~J. Sachs.~
Am Schluss des vorausgegangenen Capitels haben wir einen schwierigen
Punkt berührt, welcher noch einer eingehenderen Erklärung bedarf.
In der Entwicklung eines Organismus werden meistens die Organe
angelegt in ihrer späteren Form lange Zeit, ehe sie in Function
treten; Speicheldrüsen, ehe Speichel abgesondert wird, mechanische
Structurtheile, wie Knochen, noch bevor sie Zug und Druck auszuhalten
haben, Augen und Ohren, noch bevor die Bedingungen zu sehen und
zu hören für sie vorhanden sind, wie bei dem in der Gebärmutter
eingeschlossenen menschlichen Embryo; verschiedene Arten von Gelenken,
Kugel-, Charnier-, Drehgelenke etc., noch ehe die Gliedmaassen in der
ihnen später eigenthümlichen Weise bewegt werden.
Ja es gibt sogar viele embryonale Organe, welche überhaupt niemals die
Function, welche sie phylogenetisch einmal erfüllt haben, auszuüben
in die Lage kommen, wie die im Zusammenhang mit der Kiemenathmung
entstandenen Kiemenspalten, an welchen bei den Amnioten noch nicht
einmal mehr Kiemenplättchen angelegt werden, oder Zahnanlagen, die an
den Kieferrändern entstehen, aber nicht zum Durchbruch kommen, wie bei
manchen Embryonen der Bartenwale, der Schildkröten etc.
Auf diese und ähnliche Thatsachen der Entwicklungsgeschichte pflegt
sich ~Weismann~ gern zu stützen, indem er in ihnen +Beweise gegen eine
allgemeinere Gültigkeit des ~Lamarck~’schen Princips+ erblickt, dass
Organe durch Anpassung an äussere Verhältnisse oder durch Gebrauch und
Nichtgebrauch ihre specifische Structur erhalten.
Als besonders beweiskräftig werden von ihm die Skeletttheile der
Gliederthiere angeführt, ihre Gelenkflächen mit den complicirten
Anpassungen an die verschiedenartigsten Bewegungsformen. „In allen
diesen Fällen,“ bemerkt ~Weismann~, „tritt erst das fertige, harte
und unveränderbare Chitinstück in Thätigkeit, seine Anpassung an
die Function muss also +vorher+ erfolgt sein, unabhängig von dieser
Function. Diese Gelenke und sonstigen Theile haben sich demnach in
genauester Weise für die Function gebildet, ohne dass doch diese einen
directen Antheil an ihrer Bildung gehabt haben kann.“
~Weismann~ hält es für unmöglich, die Gestaltveränderungen im Bau
der Gelenke als directe mechanische und hinterher vererbte Folge der
veränderten Bewegungsweise aufzufassen und sucht das ~Lamarck~’sche
Princip durch seine Hypothese der +Germinalselection+ zu ersetzen.
Für ihn ist „nicht die somatische Abänderung durch die Function das
Primäre, sondern die Keimesänderung, der die somatische nur scheinbar
vorhergeht“.
Die Erklärung dieser und ähnlicher Verhältnisse, hinsichtlich deren
wir mit ~Weismann~ darin übereinstimmen, dass +sie nicht unmittelbar
auf Anpassung an äussere Verhältnisse oder auf den Gebrauch und
Nichtgebrauch der Theile zurückzuführen+ sind, ist unserer Meinung nach
in dem Problem der Vererbung zu suchen. Auf dasselbe muss daher noch
näher eingegangen werden, um in unserer Theorie der Biogenesis keine
erhebliche Lücke zu lassen.
+Wir erhalten dadurch zugleich auch Gelegenheit, uns noch über eine
bisher vernachlässigte+, aber +gleichwohl+ =wichtigste Kategorie von
Ursachen des Entwicklungsprocesses= zu äussern, +über die inneren
Factoren im engern Sinne+, welche im siebenten Capitel unterschieden
wurden; das heisst: +über die im Organismus der Zelle selbst
enthaltenen Eigenschaften, besonders über die Arteigenschaften, die
als Anlagecomplex jedem Entwicklungsprocess erst sein specifisches und
individuelles Gepräge verleihen+.
Um in das Problem der Vererbung einen klaren Einblick zu gewinnen,
muss man im Begriff Vererbung zwei verschiedene Vorstellungsreihen von
einander sondern, wie in den letzten Jahren häufig, besonders aber von
~Weismann~ aus einander gesetzt worden ist. Man muss unterscheiden
zwischen einer Vererbung ererbter und einer Vererbung neuerworbener
Eigenschaften.