1. Ungleiches Wachsthum einer Epithelmembran.

Fassen wir zunächst den Process des Wachsthums einer Epithelmembran

näher in das Auge. Wenn ihre einzelnen Elementartheile sich

gleichmässig durch Theilung vermehren, so wird entweder eine Verdickung

der Membran oder eine Grössenzunahme in der Fläche oder beides die

Folge davon sein. Das erstere tritt ein, wenn die Theilungsebenen der

Zellen der Oberfläche der Membran gleich gerichtet sind, das zweite,

wenn sie vertical zu ihr stehen, das dritte, wenn die Theilungen in

immer abwechselnder Richtung erfolgen. Bei der Grössenzunahme in der

Fläche werden die ursprünglich vorhandenen Zellen durch das Einschieben

neuer Tochterzellen gleichmässig und allmählich aus einander gedrängt,

da sie ja weich und dehnbar und nur durch eine weiche Kittsubstanz

verbunden sind. Nehmen wir nun an, dass ein solches Wachsthum bei der

Keimblase oder in der Gastrula während ihrer weiteren Entwicklung

allein stattfände, so könnte nichts Anderes aus ihnen entstehen als

eine nur immer grösser und dicker werdende Hohlkugel von Zellen oder

eine sich vergrössernde Gastrula.

+Neue Formen können nur durch ungleichartiges Wachsthum in das

Leben gerufen werden.+ Wenn in der Mitte einer Epithelmembran eine

Zellengruppe allein sich zu wiederholten Malen in kurzer Zeit durch

verticale Ebenen theilt, so wird sie plötzlich eine viel grössere

Oberfläche für sich in Anspruch nehmen müssen und wird in Folge dessen

einen energischen Wachsthumsdruck auf die Zellen der Umgebung ausüben

und sie aus einander zu drängen versuchen. In diesem Fall aber wird

ein Auseinanderweichen der benachbarten Zellen, wie beim langsamen

und gleichmässig vertheilten interstitiellen Wachsthum, nicht möglich

sein; denn es wird die sich passiv verhaltende Umgebung gleichsam einen

festen Rahmen, wie sich His ausgedrückt hat, um den sich dehnenden

Theil bilden, der in Folge beschleunigten Wachsthums eine grössere

Oberfläche für sich beansprucht.

Die in Wucherung begriffene Strecke der Epithelmembran muss sich

mithin in anderer Weise Platz schaffen und ihre Oberfläche dadurch

vergrössern, dass sie aus dem Niveau des passiven Theils nach der einen

oder der anderen Richtung heraustritt und einen Fortsatz oder eine

Falte hervorruft. Letztere werden sich noch weiter vergrössern und über

das ursprüngliche Niveau erheben, wenn die lebhafteren Zelltheilungen

in ihnen andauern.

Auf solche Weise ist aus der ursprünglich gleichartigen Epithelmembran

durch ungleiches Wachsthum ein neuer, für sich unterscheidbarer Theil

oder ein besonderes Organ entstanden.

+An den Epithelmembranen+, die zur Begrenzung eines Körpers dienen,

wie bei der Keimblase und bei der Gastrula, kann man zwei verschiedene

Flächen unterscheiden, eine an die umgebenden Medien angrenzende

oder ihre +freie Fläche+ und eine von ihnen abgewandte oder die

+basale+. Bei der Keimblase ist die letztere nach der Keimblasenhöhle

(Blastocoel), bei der Gastrula entweder nach dem Zwischenraum

gerichtet, der die beiden Keimblätter noch trennt, oder, wenn ein

solcher ganz geschwunden ist, nach der basalen Fläche des angrenzenden

Blattes.

Es liegt nun auf der Hand, dass die Falten und Fortsätze sich in einer

doppelten Weise bilden können. Entweder erheben sie sich über die freie

Fläche der Membran und entwickeln sich in die den Körper begrenzenden

Medien hinein, oder sie treten an der Basalfläche hervor in die

zwischen der Epithelbegrenzung des Körpers gelegenen Zwischenräume.

+Im ersten Fall spricht man von einer Ausstülpung, im zweiten Fall von

einer Einstülpung oder Einfaltung (Invagination) der Membran.+ Durch

Einstülpung nimmt zum Beispiel die Becherlarve aus der Keimblase ihren

Ursprung.

In mannigfacher Weise variirte Ausstülpungen und Einstülpungen, welche

an der Epithelmembran der Keimblase nacheinander auftreten, sind die

einfachen Mittel, mit welchen die Natur die verschiedenen Thiertypen

mit ihren zahlreichen Organen in das Leben gerufen hat. Am deutlichsten

lässt sich dies beim Studium der Entwicklungsgeschichte der einzelnen

Thiere erkennen; doch zeigt auch die anatomische Zergliederung vieler

ausgebildeten Thiere, namentlich +der Coelenteraten und Würmer, dass

ihr Körper schliesslich nichts Anderes ist als ein System in einander

geschachtelter Epithellamellen, die in ihren einzelnen Abschnitten eine

ungleiche histologische Differenzirung erfahren haben.+

[Illustration: =Fig. 82. Querschnitt einer Actinie (Adamsea diaphana)

unterhalb des Schlundrohres.=

_A_ _B_ Richtungsfächer, zugleich Enden der Sagittalachse, welche die

+eine+ Symmetrieebene des Körpers bezeichnen, während die +zweite+

dazu senkrecht steht. _I-IV_ Cyklen der Septenpaare I.-IV. Ordnung.

_B_ Binnenfach I. Ordnung. _Z_ Zwischenfach I. Ordnung, in welchem

neu angelegt sind Septenpaare und Binnenfächer II., III., IV. Ordnung

(_g_′, _g_″, _g_‴).]

Um von diesen wichtigen Vorgängen eine klarere Vorstellung zu

gewinnen, sollen einige Beispiele das theoretisch Entwickelte

weiter veranschaulichen und zugleich eine Grundlage für spätere

histogenetische Betrachtungen schaffen.

Der Körper der +Coelenteraten+ lässt sich im Allgemeinen auf zwei

Epithellamellen, Ektoderm und Entoderm, die aus den primären

Keimblättern hervorgegangen sind, und auf die Grundform eines Bechers

zurückführen. Hiervon lässt sich leicht einerseits die typische Form

der Hydroidpolypen und andererseits des Corallenpolypen ableiten. Beim

Hydroidpolypen entstehen in einiger Entfernung und im Umkreis der

Mundöffnung zahlreiche +schlauchförmige Ausstülpungen+, die Tentakeln,

Organe zum Einfangen der Nahrung. Für Actinien und Anthozoen (Fig.

82) ist charakteristisch, dass das Darmdrüsenblatt zahlreiche Falten

bildet, die +Septen+, durch welche der Urdarm in einen centralen

Hohlraum und viele mit ihm seitlich zusammenhängende Taschen oder

Kammern gegliedert wird, deren Zahl sich zuweilen auf mehr als 100

belaufen kann.

[Illustration: =Fig. 83= _A_ u. _B_. =Bildung des mittleren Keimblattes

und des Coeloms von Sagitta.= Nach ~Hertwig~.

_A_ Vom Grund der Gastrula erheben sich zwei Falten, welche den Urdarm

in den bleibenden Darm und die Coelomdivertikel abtheilen.

_B_ Die Sonderung durch Vordringen der Falten fast beendet.

_aK_ Aeusseres, _mK_ mittleres, _iK_ inneres Keimblatt. _mK¹_

Hautfaserblatt. _mK²_ Darmfaserblatt. _lh_ Leibeshöhle.]

[Illustration: Fig. 84.]

[Illustration: Fig. 85.]

=Fig. 84. Querschnitt durch einen Amphioxusembryo, an welchem die

Epithellamelle des Urdarms sich sondert in das Epithel des bleibenden

Darms und das Epithel des mittleren Keimblatts (Coelomsack).= Nach

~Hatschek~.

=Fig. 85. Querschnitt durch einen älteren Amphioxusembryo, an dem

sich bleibender Darm und mittleres Keimblatt ganz von einander

getrennt haben.= Nach ~Hatschek~.

_aK_ Aeusseres, _iK_ inneres, _mK_ mittleres Keimblatt. _mp_

Medullarplatte. _ch_ Chorda. _dh_ Darmhöhle. _lh_ Leibeshöhle. _n_

Nervenrohr. _us_ Ursegment.

Eine grosse Anzahl von Thierclassen, Abtheilungen der Würmer, die

Brachiopoden, die Echinodermen, die Wirbelthiere und wahrscheinlich

noch andere, lassen sich auf eine Grundform zurückführen, die man als

+Coelomlarve+ bezeichnen kann (Fig. 83 _A_, _B_ und Fig. 84 u. 85). Sie

ist aus der Becherlarve in der Weise entstanden, dass durch Faltungen

des Darmdrüsenblattes der Urdarm in drei Räume zerlegt worden ist, in

einen mittleren Raum, den secundären Darmkanal, und in die beiden ihn

seitlich umgebenden Leibessäcke (Fig. 83 _A_, _B_, _lh_ und Fig. 84,

85 _lh_). Bei allen Thieren, bei denen dies geschieht, wird gleich

in den Anfangsstadien der Entwicklung die Zahl der beiden primitiven

Epithelblätter um ein drittes vermehrt, das von ihnen als +mittleres

Keimblatt+ (+Mesoblast+) zu unterscheiden ist und sich zwischen sie

trennend hineinschiebt. Auf Grund dessen kann man die Thiere in +zwei-

und dreiblätterige Formen+ eintheilen, von denen die ersteren im

Allgemeinen einfacher, die letzteren complicirter gebaut sind.

Die drei Keimblätter dienen zur Begrenzung von drei verschiedenen

Oberflächen. Das äussere Keimblatt begrenzt die Hautoberfläche

des Körpers, das secundäre innere Keimblatt den durch Einstülpung

entstandenen, verdauenden Hohlraum und das mittlere Keimblatt die durch

weitere Einfaltungen vom Urdarm nachträglich abgesonderten Leibeshöhlen.

Wie die Grundformen der thierischen Organisation (Becher- und

Coelomlarve) durch Aus- und Einstülpungen einer primären Epithelmembran

entstanden sind, so lassen sich weiter auch fast alle einzelnen Organe

durch den gleichen Process von den grundlegenden zwei, resp. drei

Keimblättern ableiten: die zahlreichen Drüsen, viele Sinnesorgane, das

Centralnervensystem etc.

[Illustration: =Fig. 86. Schema der Drüsenbildung.= Nach ~Hertwig~.

_1_ Einfache tubulöse Drüse. _2_ Verzweigte tubulöse Drüse. _3_

Verzweigte tubulöse Drüse mit netzförmiger Verbindung. _4_ u. _5_

Einfache alveoläre Drüse; _a_ Ausführungsgang, _db_ Drüsenbläschen. _6_

Verzweigte alveoläre Drüse.]

Bei der +Entstehung von Drüsen+ (Fig. 86) wuchert ein kleiner

umschriebener Bezirk der Epithelmembran des äusseren, inneren oder

mittleren Keimblatts und stülpt sich als ein Hohlcylinder in das

unterliegende Gewebe hinein; hierbei geht er +entweder in die tubulöse

oder in die alveoläre Drüsenform über+. Besitzt der Drüsenschlauch vom

Ursprung bis zum blinden Ende nahezu gleichmäßige Dimensionen (Fig. 86,

_1_), so erhalten wir die einfache tubulöse oder röhrenförmige Drüse

(die Schweissdrüsen der Haut, ~Lieberkühn~’schen Drüsen des Darms).

Von ihr unterscheidet sich die alveoläre Drüsenform dadurch, dass der

eingestülpte Schlauch nicht gleichmässig weiter wächst, sondern sich an

seinem Ende etwas ausweitet (Fig. 86, _5_), während der Anfangstheil

eng und röhrenförmig bleibt und als Ausführungsgang dient.

Aus dem einfachen Drüsenschlauch bilden sich +zusammengesetztere

Formen+, wenn an ihm sich derselbe Process, welchem er seine Entstehung

verdankt, wiederholt, wenn an einer kleinen Stelle abermals ein

lebhafteres Wachsthum stattfindet und eine Partie sich wieder als

Seitenschlauch vom Hauptschlauch abzusetzen beginnt. Durch vielfache

Wiederholung solcher Ausstülpungen kann die ursprünglich einfache

Drüsenröhre die Gestalt eines vielverzweigten Baumes (Fig. 86, _2_ u.

_6_) gewinnen, an welchem wir den zuerst gebildeten Theil als Stamm und

die durch Sprossung an ihm hervorgewachsenen Theile je nach ihrem Alter

und der dem Alter entsprechenden Stärke als Haupt- und Nebenzweige

erster, zweiter und dritter Ordnung unterscheiden.

Wieder andere Formen nimmt der sich einstülpende Theil einer

ursprünglich glatt ausgebreiteten Epithelmembran bei der Bildung von

Sinnesorganen und vom Centralnervensystem an.

Beim +Gehörorgan+ zum Beispiel (Fig. 87) entwickelt sich der die

Nervenendigung tragende Theil oder das häutige Labyrinth aus einer

kleinen Strecke der Körperoberfläche, die sich zu einem Hörgrübchen

(_a_) einsenkt. Seine Ränder wachsen hierauf einander entgegen, so

dass er sich mehr und mehr in ein Säckchen (_b_) umbildet; und dieses

liefert schliesslich durch ungleiches Wachsthum einzelner Abschnitte,

durch Einschnürungen und verschieden geformte Ausstülpungen eine so

ausserordentlich complicirte Gestalt, dass es den Namen des häutigen

„Labyrinths“ mit Fug und Recht erhalten hat.

+Gehirn+ und +Rückenmark+ entwickeln sich aus einem verdickten Streifen

des äusseren Keimblatts, aus der Medullarplatte. Die Medullarplatte

faltet sich zu einer Rinne ein und schliesst sich darauf zum

Nervenrohr, indem die zur Begrenzung der Rinne dienenden Falten sich

mit ihren Rändern zusammenlegen und verwachsen.

Neben der Einstülpung spielt bei der Formgebung des thierischen Körpers

die +zweite Art der Faltenbildung+, die auf einem +Ausstülpungsprocess+

beruht, eine nicht minder wichtige Rolle und bedingt nach aussen

hervortretende Fortsätze der Körperoberfläche, welche ebenfalls

verschiedene Formen annehmen können (Fig. 88).

[Illustration: =Fig. 87. Schema der Bildung des Hörbläschens.=

_a_ Hörgrübchen. _b_ Hörbläschen, das durch Abschnürung entstanden ist

und mit dem äusseren Keimblatt noch durch einen soliden Epithelstiel

zusammenhängt.]

[Illustration: =Fig. 88. Schema der Papillen- u. Zottenbildung.=

_a_ Einfache Papille. _b_ Verästelte Papille oder Zottenbüschel. _c_

Einfache Papille, deren Bindegewebsgrundstock in drei Spitzen ausläuft.]

Durch Wucherung eines kleinen, kreisförmigen Bezirks einer Zellmembran

entstehen zapfenförmige Erhebungen, wie auf der Zungenschleimhaut die

+Papillen+ (_c_) oder im Dünndarm die feinen +Zotten+ (_a_), welche,

sehr dicht an einander gelagert, eine sammtartige Beschaffenheit

der Oberfläche der Darmschleimhaut verleihen. Wie die tubulösen

Drüsenschläuche sich reichlich verästeln können, so entwickeln sich

hier und da auch aus den einfachen +Zotten Zottenbüschel+ (_b_),

indem locale Wucherungen das Hervorsprossen von Seitenästen zweiter,

dritter und vierter Ordnung veranlassen. Beispiele liefern die äussern

+Kiemenbüschel+ verschiedener Fisch- und Amphibienlarven, welche in der

Halsgegend frei in das Wasser hineinragen, oder die durch noch reichere

Verzweigung ausgezeichneten +Chorionzotten+ der Säugethiere.

Wenn die Wucherung in der Epithelmembran längs einer Linie erfolgt,

bilden sich mit dem freien Rand nach aussen gerichtete +Kämme+ oder

Falten, wie am Dünndarm die ~Kerkring~’schen Falten oder an den

Kiemenbögen der Fische die +Kiemenblättchen+.

2. Ausscheiden von Zellen und Zellaggregaten aus dem epithelialen

Verband.

+Ein zweiter wichtiger Process, welcher in hohem Grade dazu beiträgt,

die thierische Organisation immer complicirter zu gestalten, ist

das Ausscheiden von Zellen und Zellaggregaten aus dem epithelialen

Verband.+ Die ausgeschiedenen Theile kommen in die Zwischenräume zu

liegen, welche bei den Faltungsprocessen zwischen den basalen Flächen

der drei Keimblätter übrig bleiben und Reste der ursprünglichen

Keimblasenhöhle (des Blastocoels) sind.

[Illustration: =Fig. 89. Zwei Entwicklungsstadien von Holothuria

tubulosa im optischen Querschnitt.= Nach ~Selenka~.

_A_ Keimblase am Ende der Furchung. _B_ Gastrulastadium. _mr_

Mikropyle. _fl_ Chorion. _s.c_ Furchungshöhle, in welche frühzeitig

Gallerte als Gallertkern abgeschieden wird. _bl_ Keimblatt (_B_

Blastoderm). _ep_ Aeusseres, _hy_ inneres Keimblatt. _ms_ Vom inneren

Keimblatt abstammende, amöboide Zellen. _a.e_ Urdarm.]

Durch Ausscheiden einzelner Zellen kommt eine Gewebsform zu Stande,

welche zum Epithel in einem scharf ausgesprochenen, histologischen

Gegensatz steht und als +Mesenchymgewebe+ von ~Richard Hertwig~ und mir

bezeichnet worden ist. Bei niederen Thieren wird von den Keimblättern

in den zwischen ihnen gelegenen Raum zuerst eine gallertige

Grundsubstanz ausgeschieden (Fig. 89 _A_, _sc_). In sie wandern dann

aus dem Epithel einzelne Zellen ein, indem sie amöboide Fortsätze

ausstrecken (Fig. 89 _B_, _ms_).

Je nach den einzelnen Thierclassen scheinen die +Mesenchymkeime+

entweder vom äusseren oder vom inneren oder vom mittleren Keimblatt

abzustammen. Bei den Wirbelthieren ist das letztere der Fall. +Die

Gallerte wächst durch Vermehrung der in sie eingewanderten Elemente+

von einer bestimmten Zeit an ganz unabhängig vom Epithel für sich

weiter, dringt in alle Lücken hinein, welche bei den Ein- und

Ausstülpungen der Keimblätter hervorgerufen werden, und giebt so ein

verbindendes und stützendes Gerüst ab, welchem die Epithelschichten

aufgelagert sind. Dabei wird das Mesenchymgewebe in der Thierreihe der

Sitz mannigfacher höherer Differenzirungsprocesse; denn es kann sich

das ursprüngliche Gallertgewebe in faseriges Bindegewebe, in Knorpel-

und Knochengewebe etc. umwandeln (siehe S. 199).

Aber auch grössere Zellcomplexe können während der Entwicklung

aus ihrem epithelialen Mutterboden ausscheiden und ringsum von

Mesenchymgeweben eingeschlossen werden. Es ist dies bei allen

denjenigen Organen der Fall, welche sich zwar durch Einstülpung aus dem

Epithel entwickeln, in ihrer Function aber nicht auf einen bleibenden

Zusammenhang mit der freien Epitheloberfläche angewiesen sind, wie es

zum Beispiel bei den absondernden Drüsen nothwendig ist.

So löst sich meist das Hörbläschen von seinem Mutterboden ab und nimmt,

ringsum von Mesenchymgewebe umschlossen, eine geschütztere Lage in der

Tiefe des Körpers ein, da Schallwellen auch durch das zwischenliegende

Gewebe zu den acustischen Endapparaten fortgepflanzt werden.

In derselben Weise trennt sich das Nervenrohr vom äusseren Keimblatt,

lösen sich Nerven, quergestreiftes Muskelgewebe, folliculäre Drüsen und

manche andere Organe von ihren Ursprungsbezirken in den grundlegenden

Epithelmembranen ab und umgeben sich allseitig mit Mesenchymgewebe.

+Bei den höheren Thieren füllen sich daher die Zwischenräume zwischen

den Epithellamellen, welche einerseits die Oberfläche des Körpers

begrenzen, andererseits die grossen Hohlräume in seinem Inneren, die

Darm- und die Leibeshöhle, auskleiden, mit den verschiedenartigsten

Differenzirungsproducten an, mit Geweben und Organen, die von dieser

oder jener Epithelschicht (von dem äusseren, inneren oder mittleren

Keimblatt) entweder durch celluläre Auswanderung oder durch Abschnürung

eingefalteter Epithelbezirke entstanden sind.+

3. Verschiedenartige Differenzirung der Zellen in Folge von

Arbeitstheilung.

Im Laufe der embryonalen Entwicklung sondern sich aus dem

Zellenmaterial, welches der Theilungsprocess geliefert hat, auf

den oben angegebenen Wegen grössere und kleinere Formcomplexe, die

primären Organanlagen. Sie besitzen Anfangs noch keinen ausgesprochenen

histologischen Charakter, erwerben ihn aber allmählich auf späteren

Stadien des Entwicklungsprocesses.

Hierbei tritt uns bei tieferem Nachdenken ein neues Problem entgegen,

welches sich aus den in den vorausgegangenen Capiteln entwickelten

Principien nicht erklären lässt. Wir vermissen nämlich in weitaus den

meisten Fällen den zureichenden Grund für die Arbeitstheilung, welche

im embryonalen Leben zwischen den einzelnen Zellcomplexen vor sich geht.

Aus unserer Untersuchung der äusseren und der inneren Factoren des

Entwicklungsprocesses hatten wir uns die allgemeine Vorstellung

gebildet, dass die einzelnen Organe durch Reize, auf welche sie zu

reagiren eingerichtet sind, auch in das Leben gerufen werden. Danach

würden Sehorgane nur unter Einfluss des Lichtes, welches ja von ihnen

empfunden werden soll, Stützorgane, wo Zug und Druck auszuhalten

sind, verdauende Drüsen unter dem Einfluss von Stoffen, welche zur

Verdauungsthätigkeit und Absonderung von Secreten anregen, gebildet

werden können, und zwar um so mehr, je stärker und häufiger die

adäquaten Reize einwirken.

Diesen Vorstellungen entspricht nun aber nicht der Vorgang in

der Ontogenese. Denn bei dem in der Gebärmutter eingeschlossenen

Säugethierembryo bildet sich ein Auge aus, während alle Lichtreize

und somit alle äusseren Bedingungen zum Sehen fehlen. Speichel- und

Magendrüsen entstehen, lange bevor Kohlenhydrate und Eiweisskörper in

den Darmkanal aufgenommen werden und die Drüsen zur zweckentsprechenden

Function reizen.

Dasselbe kann man noch von manchen anderen Organsystemen und Geweben

sagen. Ueberall ruft, zumal bei den höheren Wirbelthieren, ein Studium

ihres Entwicklungsprozesses den Eindruck hervor, dass die Reize,

welche später die Functionirung der Theile bestimmen, zur Zeit ihrer

ersten Entstehung noch gar nicht wirksam sein können, und dass somit

zahlreiche Anlagecomplexe gesondert und geordnet werden aus unbekannten

Ursachen, aber gewissermaassen im Voraus berechnet für Reize, die

später eintreten und das vorgebildete Werkzeug zur Function anregen

sollen.

Vergleichendes Studium niederer und höherer Thiere lehrt, dass hier

in der Embryonalentwicklung nicht der ursprüngliche phylogenetische,

sondern ein abgekürzter Entwicklungsprocess der Organe zum Ausdruck

kommt. Denn es entspricht gewiss nicht dem Hergang in der Phylogenese,

dass ein Organ erst in seiner Form und Structur fertig angelegt

wird und dann erst in Function tritt. Beides muss vielmehr im

phylogenetischen Process Hand in Hand gehen.

Aus einer Epithellamelle wird sich ein besonderes Organ, z. B. eine

Muskelzellengruppe oder eine Drüse, nur dann absondern, wenn in ihr

eine bestimmte Strecke eine eigenartige, aus ihren Beziehungen zum

Organismus und zur Aussenwelt bedingte Function und Structur gewinnt,

dadurch von ihrer Umgebung verschieden wird und eine besondere, von

ihrer Function abhängige Wachsthumsenergie erhält.

Den Weg zu zeigen, auf welchem sich das neu auftauchende Problem und

der in ihm liegende Widerspruch zu unseren vorausgegangenen Deductionen

erklären lässt, wird Aufgabe der folgenden Capitel sein.

Literatur zu Capitel XV.

1) =Haeckel.= _Die Gastraeatheorie, die phylogenetische Classification

des Thierreichs etc. Jenaische Zeitschrift Bd. VIII._

2) =Oscar= _und_ =Richard Hertwig=. _Der Organismus der Medusen und

seine Stellung zur Keimblättertheorie. Jena 1878._

3) +_Dieselben._+ _Studien zur Blättertheorie. Heft I. Die Actinien.

Heft II. Die Chaeto-gnathen. Heft III. Die Coelomtheorie._

4) =Oscar Hertwig.= _Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen

und der Wirbelthiere. Cap. IV. 6. Aufl. 1898._

5) +_Derselbe._+ _Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft I.

Praeformation oder Epigenese. 1894. Seite 97: Gedanken zu einer

Entwicklungstheorie der Organismen._

6) =His.= _Untersuchungen über die erste Anlage des Wirbelthierleibes.

1868._

7) +_Derselbe._+ _Unsere Körperform und das physiologische Problem

ihrer Entstehung. 1871._

8) =Pander.= _Beiträge zur Entwicklung des Hühnchens im Ei. Würzburg

1817._

9) =Ray Lankester.= _On the primitive cell-layers of the embryo as the

basis of genealogical classification of animals etc. Annals and Mag.

nat. Hist. Vol. XI. 1873._

10) =Julius Sachs.= _Vorlesungen über Pflanzenphysiologie. Leipzig

1882._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 183 / 225 题