Die Eltern vererben auf ihre Kinder die Eigenschaften, welche sie
selbst von ihren Vorfahren ererbt haben; sie geben einfach beim
Zeugungsprocess die Erbmasse weiter, in der Beschaffenheit, in welcher
sie ihnen einst von ihren eigenen Erzeugern überliefert wurde.
Die Uebereinstimmung der durch Zeugung aus einander hervorgehenden und
sich in der Zeitfolge ablösenden Individuen erklärt sich in einfacher
Weise daraus, dass sie immer aus derselben Anlagesubstanz hervorgehen,
die von Individuum zu Individuum, von Generation zu Generation als
Erbmasse übertragen wird. Die Glieder einer Generationsreihe +müssen+
sich gleichen nach dem Grundsatz: Gleiches erzeugt Gleiches.
„Betrachtet man eine Reihe von Generationen in diesem Lichte,“ bemerkt
~Nägeli~, „so hat die Vererbung nur noch eine figürliche Bedeutung.
Die wissenschaftliche Darstellung kann zwar des Bildes nicht wohl
entbehren, ohne die bisherige Anschauung wesentlich zu ändern, aber
gleichwohl stellt das Bild im Grunde die Wirklichkeit auf den Kopf.
Denn statt dass die Eltern einen Theil ihrer Eigenschaften auf die
Kinder vererben, ist es vielmehr das nämliche Idioplasma, welches
zuerst den seinem Wesen entsprechenden elterlichen Leib und eine
Generation nachher den seinem Wesen entsprechenden und daher ganz
ähnlichen kindlichen Leib bildet.“
„Der ganze Stammbaum ist im Grunde ein einziges, aus Idioplasma
bestehendes, continuirliches Individuum, welches wächst, sich vermehrt
und dabei verändert, und welches mit jeder Generation ein neues Kleid
anzieht, d. h. einen neuen individuellen Leib bildet.“
Mit Recht erklärt ~Weismann~, dass auf der Grundlage der Continuität
des Protoplasmas der Keimzellen die Thatsache der Vererbung bis zu
einem gewissen Punkt, nämlich im Princip, begreiflich werde; „denn
jetzt führe man sie wirklich +auf Wachsthum zurück+, man betrachte
jetzt mit gutem Grund die Fortpflanzung +als ein Wachsthum über das
Maass des Individuums hinaus+.“ Es ist dies ein prägnanter Ausdruck,
welchen wohl ~Haeckel~ zuerst in seiner generellen Morphologie
gebraucht hat.
Die Lehre, dass die Entwicklung der Organismenarten und die
Vererbung auf Continuität beruht, ist ein Bestandtheil fast aller
Entwicklungstheorieen. Die verschiedenen Formen der Präformation
sowohl, als der Epigenesis, die Pangenesishypothese von ~Darwin~
ebenso wie ~Galton~’s Lehre vom Stirp, ~Weismann~’s Keimplasmatheorie
und meine Biogenesis erklären die Uebereinstimmung der in einer
Generationsreihe auf einander folgenden Formen aus einer zwischen ihnen
bestehenden Continuität.
Dass Entwicklung auf Continuität beruht, ist mehr wie Hypothese; es
ist ein allgemeiner Erfahrungssatz; denn alle Erfahrung lehrt, dass
ein Organismus nur aus einem Organismus derselben Art wieder entstehen
kann, und sie hat schon früh ihren wissenschaftlichen Ausdruck gefunden
in den bekannten Sätzen: „Omne vivum e vivo.“ „Omne vivum ex ovo.“
+Nicht die Continuität des Lebens an sich, welche eine
Erfahrungstatsache ist, sondern die Art und Weise, in welcher zwischen
den einzelnen Gliedern einer Generationsreihe die Continuität, auf
welcher ihre Artgleichheit beruht, übermittelt wird, ist das grosse
Problem, welches in den einzelnen Theorieen in so verschiedener Weise
beantwortet wird.+
Die alten Evolutionisten stellten sich die Continuität in der
Weise vor, dass jedes organische Individuum zugleich auch der
Träger ist aller nachfolgenden Glieder der Generationsreihe, welche
gewissermaassen en miniature in ihm eingeschachtelt sind. Sie gleichen
sich, weil sie am Schöpfungstag alle gleichzeitig als Repräsentanten
einer Organismenart so geschaffen sind, dass sie im Entwicklungsprocess
im Laufe der Zeiten allmählich auseinander gewickelt werden können.
Eine Continuität nimmt auch in seiner +Theorie der Epigenesis+ ~C.
F. Wolff~, sowie sein Nachfolger ~Blumenbach~ an; nur dass sie sich
die Continuität in einer ganz anderen Weise vorstellen als die
Evolutionisten. Denn sie lassen die Verbindung von Organismus zu
Organismus durch eine +unorganisirte Substanz+ vermittelt werden,
welche von dem ausgebildeten Organismus abgeschieden wird und mit
einer +formbildenden Kraft+ (+nisus formativus+) begabt ist,
vermöge deren sie sich allmählich organisirt und die elterliche Form
reproducirt.
Für denjenigen, der sich im vorigen Jahrhundert aus allgemeinen Gründen
nicht auf den Standpunkt der Evolutionisten stellen konnte, scheint mir
die Lehre ~Wolff~’s der naturgemässe Ausdruck für das Wissen seiner
Zeit zu sein. Denn in einem Jahrhundert, in welchem man von feinen
Organisationsverhältnissen der Pflanzen und Thiere und von chemischer
Constitution eines Stoffes so gut wie keine Ahnung hatte, lag es wohl
am nächsten, schon dem unorganisirten Stoff an sich Eigenschaften
zuzuschreiben, welche, wie wir jetzt wissen, nur dem bereits schon hoch
organisirten Stoff zukommen.
Um ein gerechtes Urtheil zu fällen, dürfen wir nicht vergessen, dass
unsere Vorstellung einer feineren Organisation der den Körper bildenden
Stoffe sehr jungen Datums ist. Nach ~Wolff~’s Ansicht war eine Leber,
eine Niere oder irgend ein Pflanzenorgan nach Wegnahme der Gefässe
weiter nichts als „ein Klumpen Materie, die zwar die Eigenschaften der
thierischen und pflanzlichen Substanz haben kann, in der aber noch so
wenig Organisation oder Structur anzutreffen ist als in einem Klumpen
Wachs“.
Grundverschieden hiervon ist wieder die Vorstellung, welche sich
~Darwin~ in seiner Theorie der Pangenesis von der Art der Continuität
zwischen den Gliedern der Generationsreihe zurecht gelegt hat. Er sucht
den Zusammenhang dadurch zu wahren, dass er alle einzelnen Organe des
ausgebildeten Organismus kleinste Theilchen, Keimchen oder Gemmulae
abgeben lässt, die sich an einzelnen Stellen, besonders aber in den
Geschlechtsorganen anhäufen und sich unter einander zu Anlagecomplexen
verbinden, zu den Geschlechtsproducten. Der aus ihnen entstehende
kindliche Organismus muss den Erzeugenden gleichen, weil er von allen
Theilen der letzteren die Anlagen enthält.
Die Pangenesis von ~Darwin~ ist ebenso wie die alten
Praeformationstheorieen ein lehrreiches Beispiel einer künstlich
construirten Hypothese. Formell lassen sich durch ihre Annahme alle
Thatsachen der Vererbung erklären; aber die Erklärung ist nicht mehr
als eine blosse +Scheinerklärung+, ebenso wie die Lehre von den
eingewickelten Keimen; denn die Annahme, auf welcher die Pangenesis
beruht, wie die Abgabe und der Transport der Keimchen stehen in
Widerspruch mit Ergebnissen der allgemeinen Anatomie und Physiologie,
besonders der beiden grundlegenden Disciplinen, der Embryologie und
Zellenlehre, deren Hauptentwicklung in ~Darwin~’s spätere Jahre fällt,
und denen er in seiner ganzen Arbeitsweise und Gedankenrichtung nicht
recht nahe getreten ist.
+Bei der Aufstellung einer Entwicklungs- und Vererbungstheorie hat
aber schliesslich die+ =allgemeine Anatomie und Physiologie= +das
entscheidende Wort+. Sie hat uns mit dem reichen Schatz des in unserem
Jahrhundert angesammelten thatsächlichen Wissens einige Grundsteine für
den Ausbau einer Entwicklungs- und Vererbungstheorie geboten, durch
+die Lehre von der Zelle+.
Die Continuität in der Entwicklung wird weder durch eingeschachtelte
Miniaturgeschöpfe, noch durch Absonderung eines unorganisirten, mit
einem Nisus formativus begabten Bildungsstoffes, noch durch eine aus
Keimchen zusammengesetzte, gewissermaassen einen Extract des Körpers
darstellende Substanz bewirkt, sondern durch die Zelle, einen lebenden
Elementarorganismus, durch dessen Vervielfältigung und Vereinigung alle
pflanzlichen und thierischen Gestalten hervorgehen.
Die Continuität der organischen Entwicklung und des organischen Lebens
beruht also auf dem Grundsatz: Omnis cellula e cellula. Durch die Zelle
werden die Eigenschaften der Eltern auf die Kinder übertragen, sie
ist der Träger der Erbmasse und dadurch der Träger der Eigenschaften,
durch welche sich eine Organismenart von der anderen unterscheidet.
Daher erklärte ich in meinen Zeit- und Streitfragen der Biologie:
Eine Vererbungstheorie muss mit der Zellentheorie in Uebereinstimmung
zu bringen sein. Wer die Pangenesis ~Darwin~’s, ~Galton~’s Lehre vom
Stirp, die Idioplasmatheorie ~Nägeli~’s, die Keimplasma- und die
Mosaiktheorie auf ihren Erklärungswerth und ihre Berechtigung prüfen
will, wird sich daher stets vor die Frage gestellt sehen: Wie lassen
sich diese Lehren mit unserer Auffassung von der Organisation und der
Function der Zelle vereinen?
Da so die Zelle mit ihren Eigenschaften im Mittelpunkt jeder
Vererbungstheorie steht, wählte ich für meine Theorie den Namen
+Biogenesis+; durch denselben soll ausgedrückt werden, dass die
Entstehung der zusammengesetzten Organismen aus den Eigenschaften eines
elementaren Lebewesens, der Zelle, zu erklären ist.
Alle neueren Versuche, die Entwicklung und Vererbung zu begreifen,
stehen zwar mehr oder minder auf dem Boden der Zellentheorie, bieten
aber trotz dieser gleichen Grundlage wieder erhebliche Gegensätze dar,
die einen vertreten durch ~Nussbaum~, ~Weismann~, ~Roux~; die anderen
durch ~Nägeli~, +mich+, ~de Vries~, ~Driesch~ etc. Die Gegensätze sind
zum grössten Theil zurückzuführen auf eine noch unsichere und nicht
einheitlich gewordene Auffassung von dem Wesen und der Organisation der
Zelle, wie schon an verschiedenen Stellen dieses Buches, besonders in
den Capiteln VI, XIV, nachgewiesen worden ist, theils noch im Laufe der
weiteren Ausführungen dargelegt werden wird.