I. Vererbung ererbter Eigenschaften. Die Continuität der Generationen.

Die Eltern vererben auf ihre Kinder die Eigenschaften, welche sie

selbst von ihren Vorfahren ererbt haben; sie geben einfach beim

Zeugungsprocess die Erbmasse weiter, in der Beschaffenheit, in welcher

sie ihnen einst von ihren eigenen Erzeugern überliefert wurde.

Die Uebereinstimmung der durch Zeugung aus einander hervorgehenden und

sich in der Zeitfolge ablösenden Individuen erklärt sich in einfacher

Weise daraus, dass sie immer aus derselben Anlagesubstanz hervorgehen,

die von Individuum zu Individuum, von Generation zu Generation als

Erbmasse übertragen wird. Die Glieder einer Generationsreihe +müssen+

sich gleichen nach dem Grundsatz: Gleiches erzeugt Gleiches.

„Betrachtet man eine Reihe von Generationen in diesem Lichte,“ bemerkt

~Nägeli~, „so hat die Vererbung nur noch eine figürliche Bedeutung.

Die wissenschaftliche Darstellung kann zwar des Bildes nicht wohl

entbehren, ohne die bisherige Anschauung wesentlich zu ändern, aber

gleichwohl stellt das Bild im Grunde die Wirklichkeit auf den Kopf.

Denn statt dass die Eltern einen Theil ihrer Eigenschaften auf die

Kinder vererben, ist es vielmehr das nämliche Idioplasma, welches

zuerst den seinem Wesen entsprechenden elterlichen Leib und eine

Generation nachher den seinem Wesen entsprechenden und daher ganz

ähnlichen kindlichen Leib bildet.“

„Der ganze Stammbaum ist im Grunde ein einziges, aus Idioplasma

bestehendes, continuirliches Individuum, welches wächst, sich vermehrt

und dabei verändert, und welches mit jeder Generation ein neues Kleid

anzieht, d. h. einen neuen individuellen Leib bildet.“

Mit Recht erklärt ~Weismann~, dass auf der Grundlage der Continuität

des Protoplasmas der Keimzellen die Thatsache der Vererbung bis zu

einem gewissen Punkt, nämlich im Princip, begreiflich werde; „denn

jetzt führe man sie wirklich +auf Wachsthum zurück+, man betrachte

jetzt mit gutem Grund die Fortpflanzung +als ein Wachsthum über das

Maass des Individuums hinaus+.“ Es ist dies ein prägnanter Ausdruck,

welchen wohl ~Haeckel~ zuerst in seiner generellen Morphologie

gebraucht hat.

Die Lehre, dass die Entwicklung der Organismenarten und die

Vererbung auf Continuität beruht, ist ein Bestandtheil fast aller

Entwicklungstheorieen. Die verschiedenen Formen der Präformation

sowohl, als der Epigenesis, die Pangenesishypothese von ~Darwin~

ebenso wie ~Galton~’s Lehre vom Stirp, ~Weismann~’s Keimplasmatheorie

und meine Biogenesis erklären die Uebereinstimmung der in einer

Generationsreihe auf einander folgenden Formen aus einer zwischen ihnen

bestehenden Continuität.

Dass Entwicklung auf Continuität beruht, ist mehr wie Hypothese; es

ist ein allgemeiner Erfahrungssatz; denn alle Erfahrung lehrt, dass

ein Organismus nur aus einem Organismus derselben Art wieder entstehen

kann, und sie hat schon früh ihren wissenschaftlichen Ausdruck gefunden

in den bekannten Sätzen: „Omne vivum e vivo.“ „Omne vivum ex ovo.“

+Nicht die Continuität des Lebens an sich, welche eine

Erfahrungstatsache ist, sondern die Art und Weise, in welcher zwischen

den einzelnen Gliedern einer Generationsreihe die Continuität, auf

welcher ihre Artgleichheit beruht, übermittelt wird, ist das grosse

Problem, welches in den einzelnen Theorieen in so verschiedener Weise

beantwortet wird.+

Die alten Evolutionisten stellten sich die Continuität in der

Weise vor, dass jedes organische Individuum zugleich auch der

Träger ist aller nachfolgenden Glieder der Generationsreihe, welche

gewissermaassen en miniature in ihm eingeschachtelt sind. Sie gleichen

sich, weil sie am Schöpfungstag alle gleichzeitig als Repräsentanten

einer Organismenart so geschaffen sind, dass sie im Entwicklungsprocess

im Laufe der Zeiten allmählich auseinander gewickelt werden können.

Eine Continuität nimmt auch in seiner +Theorie der Epigenesis+ ~C.

F. Wolff~, sowie sein Nachfolger ~Blumenbach~ an; nur dass sie sich

die Continuität in einer ganz anderen Weise vorstellen als die

Evolutionisten. Denn sie lassen die Verbindung von Organismus zu

Organismus durch eine +unorganisirte Substanz+ vermittelt werden,

welche von dem ausgebildeten Organismus abgeschieden wird und mit

einer +formbildenden Kraft+ (+nisus formativus+) begabt ist,

vermöge deren sie sich allmählich organisirt und die elterliche Form

reproducirt.

Für denjenigen, der sich im vorigen Jahrhundert aus allgemeinen Gründen

nicht auf den Standpunkt der Evolutionisten stellen konnte, scheint mir

die Lehre ~Wolff~’s der naturgemässe Ausdruck für das Wissen seiner

Zeit zu sein. Denn in einem Jahrhundert, in welchem man von feinen

Organisationsverhältnissen der Pflanzen und Thiere und von chemischer

Constitution eines Stoffes so gut wie keine Ahnung hatte, lag es wohl

am nächsten, schon dem unorganisirten Stoff an sich Eigenschaften

zuzuschreiben, welche, wie wir jetzt wissen, nur dem bereits schon hoch

organisirten Stoff zukommen.

Um ein gerechtes Urtheil zu fällen, dürfen wir nicht vergessen, dass

unsere Vorstellung einer feineren Organisation der den Körper bildenden

Stoffe sehr jungen Datums ist. Nach ~Wolff~’s Ansicht war eine Leber,

eine Niere oder irgend ein Pflanzenorgan nach Wegnahme der Gefässe

weiter nichts als „ein Klumpen Materie, die zwar die Eigenschaften der

thierischen und pflanzlichen Substanz haben kann, in der aber noch so

wenig Organisation oder Structur anzutreffen ist als in einem Klumpen

Wachs“.

Grundverschieden hiervon ist wieder die Vorstellung, welche sich

~Darwin~ in seiner Theorie der Pangenesis von der Art der Continuität

zwischen den Gliedern der Generationsreihe zurecht gelegt hat. Er sucht

den Zusammenhang dadurch zu wahren, dass er alle einzelnen Organe des

ausgebildeten Organismus kleinste Theilchen, Keimchen oder Gemmulae

abgeben lässt, die sich an einzelnen Stellen, besonders aber in den

Geschlechtsorganen anhäufen und sich unter einander zu Anlagecomplexen

verbinden, zu den Geschlechtsproducten. Der aus ihnen entstehende

kindliche Organismus muss den Erzeugenden gleichen, weil er von allen

Theilen der letzteren die Anlagen enthält.

Die Pangenesis von ~Darwin~ ist ebenso wie die alten

Praeformationstheorieen ein lehrreiches Beispiel einer künstlich

construirten Hypothese. Formell lassen sich durch ihre Annahme alle

Thatsachen der Vererbung erklären; aber die Erklärung ist nicht mehr

als eine blosse +Scheinerklärung+, ebenso wie die Lehre von den

eingewickelten Keimen; denn die Annahme, auf welcher die Pangenesis

beruht, wie die Abgabe und der Transport der Keimchen stehen in

Widerspruch mit Ergebnissen der allgemeinen Anatomie und Physiologie,

besonders der beiden grundlegenden Disciplinen, der Embryologie und

Zellenlehre, deren Hauptentwicklung in ~Darwin~’s spätere Jahre fällt,

und denen er in seiner ganzen Arbeitsweise und Gedankenrichtung nicht

recht nahe getreten ist.

+Bei der Aufstellung einer Entwicklungs- und Vererbungstheorie hat

aber schliesslich die+ =allgemeine Anatomie und Physiologie= +das

entscheidende Wort+. Sie hat uns mit dem reichen Schatz des in unserem

Jahrhundert angesammelten thatsächlichen Wissens einige Grundsteine für

den Ausbau einer Entwicklungs- und Vererbungstheorie geboten, durch

+die Lehre von der Zelle+.

Die Continuität in der Entwicklung wird weder durch eingeschachtelte

Miniaturgeschöpfe, noch durch Absonderung eines unorganisirten, mit

einem Nisus formativus begabten Bildungsstoffes, noch durch eine aus

Keimchen zusammengesetzte, gewissermaassen einen Extract des Körpers

darstellende Substanz bewirkt, sondern durch die Zelle, einen lebenden

Elementarorganismus, durch dessen Vervielfältigung und Vereinigung alle

pflanzlichen und thierischen Gestalten hervorgehen.

Die Continuität der organischen Entwicklung und des organischen Lebens

beruht also auf dem Grundsatz: Omnis cellula e cellula. Durch die Zelle

werden die Eigenschaften der Eltern auf die Kinder übertragen, sie

ist der Träger der Erbmasse und dadurch der Träger der Eigenschaften,

durch welche sich eine Organismenart von der anderen unterscheidet.

Daher erklärte ich in meinen Zeit- und Streitfragen der Biologie:

Eine Vererbungstheorie muss mit der Zellentheorie in Uebereinstimmung

zu bringen sein. Wer die Pangenesis ~Darwin~’s, ~Galton~’s Lehre vom

Stirp, die Idioplasmatheorie ~Nägeli~’s, die Keimplasma- und die

Mosaiktheorie auf ihren Erklärungswerth und ihre Berechtigung prüfen

will, wird sich daher stets vor die Frage gestellt sehen: Wie lassen

sich diese Lehren mit unserer Auffassung von der Organisation und der

Function der Zelle vereinen?

Da so die Zelle mit ihren Eigenschaften im Mittelpunkt jeder

Vererbungstheorie steht, wählte ich für meine Theorie den Namen

+Biogenesis+; durch denselben soll ausgedrückt werden, dass die

Entstehung der zusammengesetzten Organismen aus den Eigenschaften eines

elementaren Lebewesens, der Zelle, zu erklären ist.

Alle neueren Versuche, die Entwicklung und Vererbung zu begreifen,

stehen zwar mehr oder minder auf dem Boden der Zellentheorie, bieten

aber trotz dieser gleichen Grundlage wieder erhebliche Gegensätze dar,

die einen vertreten durch ~Nussbaum~, ~Weismann~, ~Roux~; die anderen

durch ~Nägeli~, +mich+, ~de Vries~, ~Driesch~ etc. Die Gegensätze sind

zum grössten Theil zurückzuführen auf eine noch unsichere und nicht

einheitlich gewordene Auffassung von dem Wesen und der Organisation der

Zelle, wie schon an verschiedenen Stellen dieses Buches, besonders in

den Capiteln VI, XIV, nachgewiesen worden ist, theils noch im Laufe der

weiteren Ausführungen dargelegt werden wird.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 185 / 225 题