II. Die Formbildung bei den Thieren.

+Den absoluten Gegensatz zur pflanzlichen bildet die thierische

Organisation, wie auch in der Art der Ernährung ein grosser Gegensatz

besteht.+

Die +thierische Zelle+ nimmt bereits fertige organische Substanz

auf; sie bleibt daher entweder nackt, so dass feste Körper direct in

ihr Protoplasma eintreten können, oder umgibt sich nur mit dünnen,

von Oeffnungen durchsetzten Membranen, durch welche die schwer

diffundirenden organischen Colloidsubstanzen in gelöstem Zustande

hindurchgehen können.

In Folge des Mangels einer starren Umhüllung wird auch die mechanische

Zusammenordnung der Zellen eine von der pflanzlichen verschiedene.

Die weichen Zellenleiber legen sich in der Fläche dichter zusammen,

treten in engere Fühlung unter einander und bilden zusammen

eine Zellenhaut, die auf den Embryonalstadien als +Keimblatt+,

später als +Epithellamelle+ bezeichnet wird und allen thierischen

Gestaltungsprocessen als Ausgangspunkt und Grundlage dient.

+In unmittelbarstem Zusammenhang mit der Art der Ernährung wird beim

vielzelligen thierischen Organismus die Formbildung eine nach innen

gerichtete.+

Gleichwie die einzellebende thierische Zelle organische Partikel direct

in ihren Protoplasmakörper einführt und in vorübergehend gebildeten

Hohlräumen, Verdauungsvacuolen, chemisch verarbeitet, so schafft sich

auch der vielzellige thierische Organismus, nachdem seine Zellen am

Anfang der Entwicklung zu einem Keimblatt zusammengetreten sind und

gewöhnlich die Oberfläche einer Hohlkugel begrenzen, in seinem Körper

einen Hohlraum, in welchem er feste, organische Substanzen aufnimmt,

verdaut und von ihm aus in gelöstem Zustand an die einzelnen Zellen

vertheilt. Die Keimblase (Fig. 80) stülpt sich an einer Stelle ihrer

Oberfläche nach innen ein und wandelt sich in einen Becher um (Fig.

81), dessen nach aussen communicirender Binnenraum, der sogenannte

Urdarm, zur Nahrungsaufnahme und zur Verdauung dient.

[Illustration: =Fig. 80. Keimblase des Amphioxus lanceolatus.= Nach

~Hatschek~.

_fh_ Furchungshülle. _az_ Animale, _vz_ vegetative Zellen.]

[Illustration: =Fig. 81. Gastrula des Amphioxus lanceolatus.= Nach

~Hatschek~.

_ak_ Aeusseres, _ik_ inneres Keimblatt. _u_ Urmund. _ud_ Urdarm.]

+Der thierische Körper wird dadurch vom umgebenden Medium mehr

unabhängig+; die Ernährung, welche für den Bestand des Organismus

die Grundbedingung ist, erfolgt in absolutem Gegensatz zur Pflanze

durch einen Darmraum von innen heraus. +Die Gastrula ist die allen

Thierstämmen gemeinsame, charakteristische Grundform.+

Nach demselben Princip schreitet die weitere, höhere Ausbildung der

thierischen Form von den einfachen Anfängen aus in der Weise weiter

fort, dass das innere Hohlraumsystem durch Bildung besonderer Flächen,

die zur Abscheidung von Secreten dienen, ferner durch Abtrennung der

Leibeshöhlen, die sich noch weiter zerlegen können etc., ein immer

complicirteres wird.

Während bei der Pflanze eine Oberflächenentwicklung nach aussen,

findet eine solche beim Thiere, gemäss der gegebenen Bedingungen,

im Innern des Körpers statt. Die Differenzirung der Pflanze zeigt

sich in äusserlich hervortretenden Organen, in Blättern, Zweigen,

Blüthen, Ranken. Die Differenzirung beim Thier erfolgt im Innern des

Körpers verborgen, indem die inneren Flächen der Ausgangspunkt für die

verschiedensten Organbildungen, für zahlreiche Drüsen, mehrere seröse

Höhlen und für Gewebsdifferenzirungen, besonders der quergestreiften

Muskelmassen, werden.

Durch complicirte Aus- und Einstülpungen der primären Keimblätter beim

Wachsthum des Embryos wird auf einem kleinen Raum eine ausserordentlich

grosse Oberfläche geschaffen, welche complicirte enge Hohlräume, Röhren

und Spalten begrenzt, die an Mund und After schliesslich nach aussen

führen und so den Verkehr mit der Aussenwelt unterhalten.

+Mit der Bildung innerer Oberflächen wird gewissermaassen ein Theil der

Aussenwelt in den thierischen Körper selbst mit aufgenommen+, Nahrung

in den Darmkanal, Luft in die Lungen oder Tracheen, Wasser in Kiemen

bei den wasserbewohnenden Thieren.

Obwohl die Thiere nach ihrem Bau in den einzelnen Stämmen erhebliche

Unterschiede aufweisen, so sind die Mittel, mit denen dies erreicht

wird, doch nur sehr einfacher Art. Immer wieder stossen wir beim

Studium der Entwicklungsgeschichte dieser oder jener Thierarten

auf nur geringfügige Variationen +einiger weniger allgemeiner

Formbildungsgesetze+.

Da eine Bekanntschaft mit ihnen für ein tieferes Verständniss der

Histologie und namentlich aller histogenetischen Fragen unerlässlich

ist, scheint es geboten, noch etwas genauer einzugehen auf:

die Gesetze der thierischen Formbildung.

Wie oben hervorgehoben, lässt sich nach der grundlegenden

Gastraeatheorie von ~Kowalevsky~, ~Haeckel~ und ~Lankester~ als die

+gemeinsame Grundform aller Thiere die Gastrula+ bezeichnen (Fig.

81). Ihr durch Einstülpung entstandener Hohlraum oder der Urdarm wird

von zwei Epithellamellen begrenzt, dem eingestülpten und dem nicht

eingestülpten Theil der Keimblase. Dieselben haben sich entweder

unmittelbar an einander gelegt oder werden noch durch einen mehr oder

minder grossen Zwischenraum, einen Rest von der Keimblasenhöhle oder

dem Blastocoel getrennt. Die beiden Epithellager der Darmlarve heissen

in der Entwicklungsgeschichte die primären Keimblätter und werden

ihrer Lage nach als äusseres (_ak_) und inneres (_ik_) unterschieden

(Ektoblast oder Hautsinnesblatt, Entoblast oder Darmdrüsenblatt). Sie

sind ausserordentlich bedeutungsvolle Gebilde, gewissermaassen die

beiden embryonalen Primitivorgane des thierischen Körpers. Denn eine

der Hauptaufgaben der Embryologie besteht darin, nachzuweisen, von

welchem der beiden Blätter und in welcher Weise die einzelnen Organe

und Gewebe aus ihnen ihren Ursprung nehmen.

Veränderungen an den beiden primären Keimblättern können durch drei

in ihrem Wesen verschiedene Processe hervorgerufen werden: 1. durch

Vermehrung der Elementartheile, also durch Wachsthumsvorgänge innerhalb

der Epithelmembran, 2. durch Ausscheiden von Zellen und Zellaggregaten

aus dem epithelialen Verband und 3. durch verschiedenartige

Differenzirung der einzelnen Zellen in Folge von Arbeitstheilung.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 182 / 225 题