+Den absoluten Gegensatz zur pflanzlichen bildet die thierische
Organisation, wie auch in der Art der Ernährung ein grosser Gegensatz
besteht.+
Die +thierische Zelle+ nimmt bereits fertige organische Substanz
auf; sie bleibt daher entweder nackt, so dass feste Körper direct in
ihr Protoplasma eintreten können, oder umgibt sich nur mit dünnen,
von Oeffnungen durchsetzten Membranen, durch welche die schwer
diffundirenden organischen Colloidsubstanzen in gelöstem Zustande
hindurchgehen können.
In Folge des Mangels einer starren Umhüllung wird auch die mechanische
Zusammenordnung der Zellen eine von der pflanzlichen verschiedene.
Die weichen Zellenleiber legen sich in der Fläche dichter zusammen,
treten in engere Fühlung unter einander und bilden zusammen
eine Zellenhaut, die auf den Embryonalstadien als +Keimblatt+,
später als +Epithellamelle+ bezeichnet wird und allen thierischen
Gestaltungsprocessen als Ausgangspunkt und Grundlage dient.
+In unmittelbarstem Zusammenhang mit der Art der Ernährung wird beim
vielzelligen thierischen Organismus die Formbildung eine nach innen
gerichtete.+
Gleichwie die einzellebende thierische Zelle organische Partikel direct
in ihren Protoplasmakörper einführt und in vorübergehend gebildeten
Hohlräumen, Verdauungsvacuolen, chemisch verarbeitet, so schafft sich
auch der vielzellige thierische Organismus, nachdem seine Zellen am
Anfang der Entwicklung zu einem Keimblatt zusammengetreten sind und
gewöhnlich die Oberfläche einer Hohlkugel begrenzen, in seinem Körper
einen Hohlraum, in welchem er feste, organische Substanzen aufnimmt,
verdaut und von ihm aus in gelöstem Zustand an die einzelnen Zellen
vertheilt. Die Keimblase (Fig. 80) stülpt sich an einer Stelle ihrer
Oberfläche nach innen ein und wandelt sich in einen Becher um (Fig.
81), dessen nach aussen communicirender Binnenraum, der sogenannte
Urdarm, zur Nahrungsaufnahme und zur Verdauung dient.
[Illustration: =Fig. 80. Keimblase des Amphioxus lanceolatus.= Nach
~Hatschek~.
_fh_ Furchungshülle. _az_ Animale, _vz_ vegetative Zellen.]
[Illustration: =Fig. 81. Gastrula des Amphioxus lanceolatus.= Nach
~Hatschek~.
_ak_ Aeusseres, _ik_ inneres Keimblatt. _u_ Urmund. _ud_ Urdarm.]
+Der thierische Körper wird dadurch vom umgebenden Medium mehr
unabhängig+; die Ernährung, welche für den Bestand des Organismus
die Grundbedingung ist, erfolgt in absolutem Gegensatz zur Pflanze
durch einen Darmraum von innen heraus. +Die Gastrula ist die allen
Thierstämmen gemeinsame, charakteristische Grundform.+
Nach demselben Princip schreitet die weitere, höhere Ausbildung der
thierischen Form von den einfachen Anfängen aus in der Weise weiter
fort, dass das innere Hohlraumsystem durch Bildung besonderer Flächen,
die zur Abscheidung von Secreten dienen, ferner durch Abtrennung der
Leibeshöhlen, die sich noch weiter zerlegen können etc., ein immer
complicirteres wird.
Während bei der Pflanze eine Oberflächenentwicklung nach aussen,
findet eine solche beim Thiere, gemäss der gegebenen Bedingungen,
im Innern des Körpers statt. Die Differenzirung der Pflanze zeigt
sich in äusserlich hervortretenden Organen, in Blättern, Zweigen,
Blüthen, Ranken. Die Differenzirung beim Thier erfolgt im Innern des
Körpers verborgen, indem die inneren Flächen der Ausgangspunkt für die
verschiedensten Organbildungen, für zahlreiche Drüsen, mehrere seröse
Höhlen und für Gewebsdifferenzirungen, besonders der quergestreiften
Muskelmassen, werden.
Durch complicirte Aus- und Einstülpungen der primären Keimblätter beim
Wachsthum des Embryos wird auf einem kleinen Raum eine ausserordentlich
grosse Oberfläche geschaffen, welche complicirte enge Hohlräume, Röhren
und Spalten begrenzt, die an Mund und After schliesslich nach aussen
führen und so den Verkehr mit der Aussenwelt unterhalten.
+Mit der Bildung innerer Oberflächen wird gewissermaassen ein Theil der
Aussenwelt in den thierischen Körper selbst mit aufgenommen+, Nahrung
in den Darmkanal, Luft in die Lungen oder Tracheen, Wasser in Kiemen
bei den wasserbewohnenden Thieren.
Obwohl die Thiere nach ihrem Bau in den einzelnen Stämmen erhebliche
Unterschiede aufweisen, so sind die Mittel, mit denen dies erreicht
wird, doch nur sehr einfacher Art. Immer wieder stossen wir beim
Studium der Entwicklungsgeschichte dieser oder jener Thierarten
auf nur geringfügige Variationen +einiger weniger allgemeiner
Formbildungsgesetze+.
Da eine Bekanntschaft mit ihnen für ein tieferes Verständniss der
Histologie und namentlich aller histogenetischen Fragen unerlässlich
ist, scheint es geboten, noch etwas genauer einzugehen auf:
die Gesetze der thierischen Formbildung.
Wie oben hervorgehoben, lässt sich nach der grundlegenden
Gastraeatheorie von ~Kowalevsky~, ~Haeckel~ und ~Lankester~ als die
+gemeinsame Grundform aller Thiere die Gastrula+ bezeichnen (Fig.
81). Ihr durch Einstülpung entstandener Hohlraum oder der Urdarm wird
von zwei Epithellamellen begrenzt, dem eingestülpten und dem nicht
eingestülpten Theil der Keimblase. Dieselben haben sich entweder
unmittelbar an einander gelegt oder werden noch durch einen mehr oder
minder grossen Zwischenraum, einen Rest von der Keimblasenhöhle oder
dem Blastocoel getrennt. Die beiden Epithellager der Darmlarve heissen
in der Entwicklungsgeschichte die primären Keimblätter und werden
ihrer Lage nach als äusseres (_ak_) und inneres (_ik_) unterschieden
(Ektoblast oder Hautsinnesblatt, Entoblast oder Darmdrüsenblatt). Sie
sind ausserordentlich bedeutungsvolle Gebilde, gewissermaassen die
beiden embryonalen Primitivorgane des thierischen Körpers. Denn eine
der Hauptaufgaben der Embryologie besteht darin, nachzuweisen, von
welchem der beiden Blätter und in welcher Weise die einzelnen Organe
und Gewebe aus ihnen ihren Ursprung nehmen.
Veränderungen an den beiden primären Keimblättern können durch drei
in ihrem Wesen verschiedene Processe hervorgerufen werden: 1. durch
Vermehrung der Elementartheile, also durch Wachsthumsvorgänge innerhalb
der Epithelmembran, 2. durch Ausscheiden von Zellen und Zellaggregaten
aus dem epithelialen Verband und 3. durch verschiedenartige
Differenzirung der einzelnen Zellen in Folge von Arbeitstheilung.