2. Die Atrophie der Gewebe.

Wie schon oben erwähnt, zerstört sich jede Structur im Organismus

allmählich von selbst, wenn sie nicht mehr den Bedingungen entspricht,

unter welchen sie entstanden ist, und deren sie daher auch zu ihrer

Erhaltung bedarf. Die Atrophie bildet die Kehrseite der Hypertrophie.

Wenn die Neubildung von Fett und Drüsensecret, von Muskel- und

Nervensubstanz in Folge veränderter Bedingungen unterbleibt, so

muss Atrophie der betreffenden Gewebe eintreten, weil sich jetzt in

ihnen allein der natürliche Verbrauch und die Abnützung durch den

Lebensprocess geltend macht.

Nach langem Hungern oder bei sehr starkem Stoffverbrauch nimmt die

+Fettzelle+ an Umfang ab, weil ihr Material von den Arbeitsorganen

des Körpers in Anspruch genommen und nach den Orten des stärkeren

Verbrauchs geschafft wird; der in der Zelle eingeschlossene Fetttropfen

wird kleiner und kleiner und zerfällt schliesslich in einzelne

Tröpfchen, die ebenfalls schwinden können. Nur das Protoplasma mit dem

Kern bleibt als Rest der Zelle zurück, welche so von einer einfachen

Bindegewebszelle nicht mehr zu unterscheiden ist.

Eine +Drüse+, die nicht mehr oder nur spärlich secernirt, nimmt an

Volumen ab; ihre Zellen verkleinern sich. Am leichtesten kann man

diesen Zustand durch +Durchschneidung des Drüsennerven+ hervorrufen,

wodurch die Reflexreize aufhören, durch welche das Drüsengewebe

normaler Weise zur Secretion angeregt wird. So verkleinert sich zum

Beispiel nach den Untersuchungen von ~Cl. Bernard~ und ~Heidenhain~

die +Unterkieferdrüse+ des Hundes sehr erheblich, wenn der zu ihr

führende Nervenast durchschnitten worden ist; „sie gewinnt im frischen

Zustande ein wachsgelbliches Aussehen und zeigt bei der mikroskopischen

Untersuchung ein unverkennbar verändertes Verhalten. Zwischen

zahlreichen Acinis, deren Zellen den Bau der Zellen unthätiger Drüsen

besitzen, liegen zerstreut andere von der charakteristischen Form der

Acini thätiger Drüsen, in denen Schleimzellen von gewöhnlichem Habitus

nicht vorhanden sind.“ (~Heidenhain.~)

Wie bei der Hypertrophie, so treten auch bei der Atrophie die

Erscheinungen um so rascher und prägnanter zu Tage, je mehr es

sich um Gewebe handelt, deren Arbeitsleistung an hochorganisirte

Protoplasmaproducte gebunden ist, welche sich durch lebhaften

Stoffwechsel und leichte Zerstörbarkeit auszeichnen.

Obenan stehen in dieser Beziehung das Muskel- und das Nervengewebe.

Die +Muskelprimitivbündel+ nehmen durch Schwund von contractiler

Substanz sowohl in der Längen- als in der Dickendimension unter den

verschiedenartigsten Bedingungen ab. Als eine solche ist erstens

zu nennen die Abtrennung des Muskels von seinen Ursprungs- und

Insertionspunkten. Hierdurch verlieren die Muskelfasern ihre normale

Spannung und Dehnung. Wenn sie sich zusammenziehen, sind die bei

der Contraction zu bewältigenden Widerstände vermindert, da die

Muskelenden an nachgiebiges und dehnbares Bindegewebe angreifen. Der

Muskel hat daher, auch wenn er innervirt wird, weniger Arbeit als

früher zu leisten. Eine zweite Ursache der Atrophie ist verminderter

oder ganz aufgehobener Gebrauch der Muskelelemente. Muskelgruppen,

die in Folge starker Arbeit beim Turnen oder in einem Berufe

hypertrophisch geworden sind, verkleinern sich wieder, wenn sie in

Folge veränderter Lebensweise während längerer Zeit verhältnissmässig

unthätig geblieben sind. Mangelhafte Bewegung der Extremitäten bei

langwierigen Krankheiten in Folge chirurgischer Operationen etc. führen

zu atrophischen Processen geringeren Grades.

Am häufigsten wird endlich die Ausserfunctionssetzung der Muskeln

durch verschiedenartige Erkrankungen im Bereich des Nervensystems

hervorgerufen, welche Degenerationen motorischer Nervenfasern zur Folge

haben: essentielle Kinderlähmung, progressive spinale Muskelatrophie,

Lähmung nach Apoplexieen. Sie lässt sich experimentell am leichtesten

und vollständigsten erzielen durch Durchschneidung des zugehörigen

motorischen Nerven.

+Höhere Grade von Atrophie der Muskelfasern+ bleiben nicht auf eine

einfache Abnahme der contractilen Substanz beschränkt, sondern äussern

sich bald auch in einer mikroskopisch wahrnehmbaren Veränderung ihrer

Structur. Fettglänzende Körnchen und Tropfen treten in ihr auf; die

Querstreifung wird dadurch undeutlicher und schwindet schliesslich

vollständig. Die zerfallende contractile Substanz wird hierauf ganz

resorbirt; von einem Muskelprimitivbündel bleibt nichts als das

Protoplasma mit den Kernen zurück. Während das keiner Function mehr

dienende Protoplasmaproduct seine Rolle im Organismus ausgespielt hat,

bleibt das Protoplasma mit den Kernen, die forming matter, erhalten.

Gleich der Muskelfibrille zerfällt auch nach kurzer Zeit +die ausser

Dienst gesetzte Nervenfibrille+. Wie für jene zu ihrer Erhaltung die

Contraction, so ist für diese eine zeitweise Erregung durch Nervenreize

erforderlich.

Da ferner die Aufgabe der Nervenfasern darin besteht, verschiedene

Organe zu gemeinsamer Function zu verbinden, so ist die

+Durchschneidung der Nervenfasern ein vorzügliches Mittel, nicht nur

um physiologisch den Ausfall von Functionen, sondern auch histologisch

die Atrophieen von Structuren zu studiren, welche den ausgefallenen

Functionen dienen+. Mit der motorischen Nervenfaser degenerirt die

zugehörige motorische Endplatte und das Muskelprimitivbündel; würde

man noch genauer und weiter den Process verfolgen, so würde man gewiss

noch damit in Zusammenhang stehende Veränderungen an den Sehnen eines

atrophischen Muskels und an dem zum Insertions- oder Ursprungspunkt

dienenden Knochengewebe wahrnehmen können.

Degeneration sekretorischer Fasern bewirkt Veränderungen am

Drüsengewebe. Durchschneidung eines +Sinnesnerven+ hebt die Function

der mit ihm zusammenhängenden nervösen Endapparate auf und ruft in

Folge der mangelnden Reizfortleitung +degenerative Processe auch an den

Reiz aufnehmenden Apparaten hervor+.

Wie ~S. Meyer~ durch Durchschneidung des Nervus glossopharyngeus vom

Kaninchen feststellte, beginnen schon 30 Stunden nach der Operation

Veränderungen an den +Geschmacksknospen+ der Papilla foliata

nachweisbar zu werden. Es bildet sich eine Wucherung von Zellen am

Fuss der Knospen aus, durch welche ihre Abgrenzung gegen das Epithel

mehr und mehr verwischt wird. Die Zellen der Knospen verlieren ihre

charakteristische Form und wandeln sich in indifferente Elemente des

Plattenepithels um. Am 12. Tage sind alle Geschmacksknospen spurlos

verschwunden; an ihre Stelle ist ein gewöhnliches Plattenepithel

getreten.

In ähnlicher Weise berichtet ~Colosanti~ von Degeneration der

Riechschleimhaut nach Durchschneidung des Nervus olfactorius, was

indessen von ~Neuberger~ etc. in Abrede gestellt wird.

Die Atrophie von Sinnesapparaten nach Nervendurchschneidung ist von

besonderem theoretischen Interesse, weil sie eintritt, trotzdem die

äusseren „functionellen Reize“ niemals aufhören, auf sie einzuwirken.

Die Geschmacksknospen werden von denselben Flüssigkeiten wie zuvor

umspült; was gestört ist, ist allein die Reizfortleitung in der

degenerirten Nervenfaser. Auch diese Art der Ausserfunctionssetzung ist

daher schon im Stande, in den Zellen die eigenthümlichen Structuren

zu zerstören, durch welche sie sich als functionirende Sinneszellen

auszeichnen, und sie dadurch wieder in indifferente Elemente

umzuwandeln.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 170 / 225 题