1. Die Hypertrophie der Gewebe.

Es ist eine allgemeine Eigenschaft der lebenden Substanz, unter

günstigen Bedingungen nicht nur die im Lebensprocess verbrauchte

Substanz zu ersetzen, sondern zugleich noch einen Mehrwerth zu

liefern. Die lebende Substanz kann daher über ihr ursprüngliches Maass

hinauswachsen und immer mehr fremden Stoff in ihren Lebensprocess

hineinziehen.

Eine Uebercompensation des Verbrauches kommt auch in der Hypertrophie

eines Gewebes, in der Vermehrung der für bestimmte Verrichtung

gebildeten Substanz zum Ausdruck. Hierfür verschiedene Beispiele:

Zellen, deren ganzer Stoffwechsel im thierischen Körper darauf

eingerichtet ist, aus dem allgemeinen Säftestrom Fette an sich zu

ziehen und in ihrem Protoplasma aufzuspeichern, hypertrophiren, wenn

im Körper der Verbrauch von Fett für Arbeitszwecke sinkt, während die

Zufuhr die gleiche bleibt. Die Fettzellen kommen so in die Lage, mehr

Fett aufzunehmen, als sie wieder an die Orte des Verbrauches abgeben

können.

Die Epithelzellen der gewundenen Harnkanälchen haben vermöge ihrer

specifischen stofflichen Zusammensetzung die Fähigkeit, aus dem

Blute harnfähige Substanzen an sich zu ziehen, und nachdem sie ihr

Protoplasma durchsetzt haben, wieder nach aussen abzugeben. Wenn in

Folge der Exstirpation einer Niere der von ihr auszuscheidende Antheil

an harnfähiger Substanz im Blut zurückbleibt, so wird der andern Niere

ein Ueberschuss geboten, eine gesteigerte Thätigkeit hervorgerufen und

dadurch eine vermehrte Anbildung derjenigen specifischen Substanzen

bewirkt, auf deren Anwesenheit die Eigenthümlichkeit der Nierenzellen

beruht, harnfähiges Material an sich zu ziehen. Die Nierenzellen

vergrössern sich, wie durch Messungen festgestellt ist, die ganze Niere

hypertrophirt.

Am ausgeprägtesten tritt uns die Uebercompensation beim Stoffumsatz

im quergestreiften und glatten Muskelgewebe entgegen. Die contractile

Substanz vermehrt sich unter allen Bedingungen, durch welche sie in

höherem Maasse in Anspruch genommen wird. Mehr contractile Theilchen,

als sich abnutzen, fügen sich dann den alten an; der Querschnitt des

Muskelprimitivbündels wächst, indem sich zwischen den alten neue,

quergestreifte Primitivfibrillen ausbilden. Glatte Muskelfasern werden

dicker und länger, wie in der hypertrophischen Darmwand oberhalb einer

Stenose oder in der Wand der Harnblase bei Prostatahypertrophie oder in

der schwangeren Gebärmutter. Mehrleistungen, die innerhalb bestimmter

Grenzen an das arbeitende Organ gestellt werden, fördern sein Wachsthum

und rufen allmählich eine grössere Leistungsfähigkeit hervor, bis ein

neues Gleichgewicht zwischen der von einem Muskel zu leistenden Arbeit

und der Masse der zur Arbeit beanspruchten Substanz hergestellt ist.

Der Vorgang ist im Grunde genommen genau derselbe, wie in den früher

(Seite 100) referirten, von ~Hegler~ ausgeführten Experimenten,

welche lehrten, dass wachsende Pflanzentheile durch Verstärkung der

mechanischen Gewebe in demselben Maasse eine grössere Zugfestigkeit

gewinnen, als sie allmählich in steigender Progression mit mehr

Grammgewichten belastet werden.

Die Muskeln eines Armes, welche tagüber beständig, aber nur zu leichter

Arbeit in Bewegung gesetzt werden, verhalten sich ganz anders in

der Ausbildung contractiler Substanz als die Muskeln eines Turners,

welcher schwere Hanteln nur stundenweise hebt, oder eines Schmiedes,

welcher beim Ambos den schweren Eisenhammer schwingt. Nicht die

Contraction allein, sondern vor allen Dingen die Grösse des hierbei

zu bewältigenden Widerstandes, die Grösse der Last ist es, welche den

Muskel stärkt. Muskelsubstanz findet die zu ihrer Entstehung, sowie die

zu ihrer Weiterbildung erforderlichen Bedingungen nur an Stellen, wo

Muskelarbeit, und in dem Maasse, in welchem solche zu verrichten ist.

Daher passt sich überall das Muskelsystem von selbst innerhalb gewisser

Grenzen den ihm im Organismus gestellten Bedingungen an und wird in

seiner ungleich starken Ausbildung in den verschiedenen Abschnitten

des Gefässsystems, des Darmkanals, der Theile des Skeletts von selbst

regulirt.

Es geht hier in der Oekonomie der Lebewesen wie in der menschlichen

Gesellschaft, in welcher verstärkte Nachfrage nach einem

Gebrauchsgegenstand von selbst auch die Bedingungen für eine stärkere

Erzeugung desselben schafft und so mit der Zeit auch ein vergrössertes

Angebot hervorruft.

Den hier begründeten Ideengang hat ~Pflüger~ in seiner Schrift:

„Die teleologische Mechanik der lebenden Natur“ in einer mehr

teleologischen Fassung in dem Satz ausgedrückt: „Die Ursache des

Bedürfnisses ist zugleich auch die Ursache der Befriedigung des

Bedürfnisses.“ Und er fügt an späterer Stelle hinzu: „Dies führt uns

leicht zur Erkenntniss, dass, wenn eine Zelle durch starke Arbeit

Stoff und Kraft verbraucht hat, abermals der Verlust die Ursache des

Wiedergewinnes sein muss. Diejenigen Stellen, wo aus dem Gebäude

der lebendigen Organisation Bausteine ausgetreten sind, werden mit

starken Anziehungen begabt sein, welche sie zur Wiedereinfügung

neuen Nährmateriales befähigen. Es ist aber eine Thatsache, dass bei

grösserem Verluste in Folge verstärkter Arbeit solche Bedingungen

entstehen, denen zufolge immer etwas mehr wieder gewonnen wird, als

verloren ging. Denn der anhaltend stärkere Gebrauch des Organs lässt

dasselbe an Masse und Kraft zunehmen. Deshalb werden Muskeln durch

grössere Arbeit umfangreicher und bedeutenderer Anstrengung fähig.

Das Bedürfniss nach grösserer Arbeitskraft hat diese zur nothwendigen

Folge.“

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 169 / 225 题