Es ist eine allgemeine Eigenschaft der lebenden Substanz, unter
günstigen Bedingungen nicht nur die im Lebensprocess verbrauchte
Substanz zu ersetzen, sondern zugleich noch einen Mehrwerth zu
liefern. Die lebende Substanz kann daher über ihr ursprüngliches Maass
hinauswachsen und immer mehr fremden Stoff in ihren Lebensprocess
hineinziehen.
Eine Uebercompensation des Verbrauches kommt auch in der Hypertrophie
eines Gewebes, in der Vermehrung der für bestimmte Verrichtung
gebildeten Substanz zum Ausdruck. Hierfür verschiedene Beispiele:
Zellen, deren ganzer Stoffwechsel im thierischen Körper darauf
eingerichtet ist, aus dem allgemeinen Säftestrom Fette an sich zu
ziehen und in ihrem Protoplasma aufzuspeichern, hypertrophiren, wenn
im Körper der Verbrauch von Fett für Arbeitszwecke sinkt, während die
Zufuhr die gleiche bleibt. Die Fettzellen kommen so in die Lage, mehr
Fett aufzunehmen, als sie wieder an die Orte des Verbrauches abgeben
können.
Die Epithelzellen der gewundenen Harnkanälchen haben vermöge ihrer
specifischen stofflichen Zusammensetzung die Fähigkeit, aus dem
Blute harnfähige Substanzen an sich zu ziehen, und nachdem sie ihr
Protoplasma durchsetzt haben, wieder nach aussen abzugeben. Wenn in
Folge der Exstirpation einer Niere der von ihr auszuscheidende Antheil
an harnfähiger Substanz im Blut zurückbleibt, so wird der andern Niere
ein Ueberschuss geboten, eine gesteigerte Thätigkeit hervorgerufen und
dadurch eine vermehrte Anbildung derjenigen specifischen Substanzen
bewirkt, auf deren Anwesenheit die Eigenthümlichkeit der Nierenzellen
beruht, harnfähiges Material an sich zu ziehen. Die Nierenzellen
vergrössern sich, wie durch Messungen festgestellt ist, die ganze Niere
hypertrophirt.
Am ausgeprägtesten tritt uns die Uebercompensation beim Stoffumsatz
im quergestreiften und glatten Muskelgewebe entgegen. Die contractile
Substanz vermehrt sich unter allen Bedingungen, durch welche sie in
höherem Maasse in Anspruch genommen wird. Mehr contractile Theilchen,
als sich abnutzen, fügen sich dann den alten an; der Querschnitt des
Muskelprimitivbündels wächst, indem sich zwischen den alten neue,
quergestreifte Primitivfibrillen ausbilden. Glatte Muskelfasern werden
dicker und länger, wie in der hypertrophischen Darmwand oberhalb einer
Stenose oder in der Wand der Harnblase bei Prostatahypertrophie oder in
der schwangeren Gebärmutter. Mehrleistungen, die innerhalb bestimmter
Grenzen an das arbeitende Organ gestellt werden, fördern sein Wachsthum
und rufen allmählich eine grössere Leistungsfähigkeit hervor, bis ein
neues Gleichgewicht zwischen der von einem Muskel zu leistenden Arbeit
und der Masse der zur Arbeit beanspruchten Substanz hergestellt ist.
Der Vorgang ist im Grunde genommen genau derselbe, wie in den früher
(Seite 100) referirten, von ~Hegler~ ausgeführten Experimenten,
welche lehrten, dass wachsende Pflanzentheile durch Verstärkung der
mechanischen Gewebe in demselben Maasse eine grössere Zugfestigkeit
gewinnen, als sie allmählich in steigender Progression mit mehr
Grammgewichten belastet werden.
Die Muskeln eines Armes, welche tagüber beständig, aber nur zu leichter
Arbeit in Bewegung gesetzt werden, verhalten sich ganz anders in
der Ausbildung contractiler Substanz als die Muskeln eines Turners,
welcher schwere Hanteln nur stundenweise hebt, oder eines Schmiedes,
welcher beim Ambos den schweren Eisenhammer schwingt. Nicht die
Contraction allein, sondern vor allen Dingen die Grösse des hierbei
zu bewältigenden Widerstandes, die Grösse der Last ist es, welche den
Muskel stärkt. Muskelsubstanz findet die zu ihrer Entstehung, sowie die
zu ihrer Weiterbildung erforderlichen Bedingungen nur an Stellen, wo
Muskelarbeit, und in dem Maasse, in welchem solche zu verrichten ist.
Daher passt sich überall das Muskelsystem von selbst innerhalb gewisser
Grenzen den ihm im Organismus gestellten Bedingungen an und wird in
seiner ungleich starken Ausbildung in den verschiedenen Abschnitten
des Gefässsystems, des Darmkanals, der Theile des Skeletts von selbst
regulirt.
Es geht hier in der Oekonomie der Lebewesen wie in der menschlichen
Gesellschaft, in welcher verstärkte Nachfrage nach einem
Gebrauchsgegenstand von selbst auch die Bedingungen für eine stärkere
Erzeugung desselben schafft und so mit der Zeit auch ein vergrössertes
Angebot hervorruft.
Den hier begründeten Ideengang hat ~Pflüger~ in seiner Schrift:
„Die teleologische Mechanik der lebenden Natur“ in einer mehr
teleologischen Fassung in dem Satz ausgedrückt: „Die Ursache des
Bedürfnisses ist zugleich auch die Ursache der Befriedigung des
Bedürfnisses.“ Und er fügt an späterer Stelle hinzu: „Dies führt uns
leicht zur Erkenntniss, dass, wenn eine Zelle durch starke Arbeit
Stoff und Kraft verbraucht hat, abermals der Verlust die Ursache des
Wiedergewinnes sein muss. Diejenigen Stellen, wo aus dem Gebäude
der lebendigen Organisation Bausteine ausgetreten sind, werden mit
starken Anziehungen begabt sein, welche sie zur Wiedereinfügung
neuen Nährmateriales befähigen. Es ist aber eine Thatsache, dass bei
grösserem Verluste in Folge verstärkter Arbeit solche Bedingungen
entstehen, denen zufolge immer etwas mehr wieder gewonnen wird, als
verloren ging. Denn der anhaltend stärkere Gebrauch des Organs lässt
dasselbe an Masse und Kraft zunehmen. Deshalb werden Muskeln durch
grössere Arbeit umfangreicher und bedeutenderer Anstrengung fähig.
Das Bedürfniss nach grösserer Arbeitskraft hat diese zur nothwendigen
Folge.“