DREIZEHNTES CAPITEL.

Verschiedene Zustände und Modificationen der Zellen im vielzelligen

Organismus (Hypertrophie, Atrophie, Metaplasie, Hyperplasie, Necrose).

In den vorausgegangenen Capiteln wurde durch theoretische Betrachtungen

und durch Sammlung von Thatsachen und Experimenten nachzuweisen

versucht, dass die Zelle im vielzelligen Organismus Einwirkungen ihrer

näheren und entfernteren Umgebung ausgesetzt ist. Denn einmal wirken

die Zellen ihrer Nachbarschaft, ja schliesslich des ganzen Organismus

durch unzählige Beziehungen (Correlationen) in einer für uns gar nicht

zu übersehenden Weise auf sie ein, ferner ist sie in dieser oder jener

Art auch mannigfaltigen Einflüssen der Aussenwelt unterworfen.

Der Lebensprocess einer Zelle besteht darin, dass sie ihrer Natur

gemäss auf alle diese Einwirkungen in verschiedener Art reagirt und

ihnen mit Gegenwirkungen nach dem Causalitätsgesetz antwortet. Statt

des Ausdruckes, ihrer Natur gemäss reagiren, kann man auch sagen

gemäss ihrer ererbten (siehe Capitel XVIII), von ihren Vorfahren

ihnen überlieferten Organisation oder gemäss der Organisation ihres

Idioplasmas. Den eigenthümlichen Charakter, welchen hierbei der

Lebensprocess der Zelle je nach den auf sie einwirkenden Ursachen

nothwendiger Weise annimmt, kann man als ihren jeweiligen +Zustand+

bezeichnen, und insofern derselbe auch zur Entstehung besonderer

Structuren führt, kann man von +besonderen Modificationen der Zellen+

reden.

Nach der Theorie der Biogenesis treten die von der Eizelle durch

Theilung abstammenden und sich durch fortgesetzte Zeugung vermehrenden

Zellen von gleicher ererbter Organisation in immer verschiedener

und mannigfaltiger werdende Zustände ein, indem ihre Lebensprocesse

aus den verschiedenartigsten, oben angegebenen Ursachen an dieser

oder jener Stelle des zusammengesetzten Organismus in einer immer

mehr bestimmten Richtung determinirt werden. Sie erfahren ferner die

verschiedenartigsten Modifikationen, indem mit einzelnen Zuständen sich

die Entstehung besonderer, uns sichtbar werdender Structuren verbindet,

auf Grund deren wir die Zellen in die verschiedenen Ordnungen, Familien

und Gruppen der Gewebe sondern.

+Zu der ererbten Organisation der Zelle gesellt sich so noch eine

erworbene Structur hinzu, in welcher der durch die verschiedenartigsten

Bedingungen hervorgerufene jeweilige Zustand der Zelle einen Ausdruck

findet. An den Geweben sind daher zwei in einem gewissen Gegensatz

zu einander stehende organisirte Substanzen zu unterscheiden, eine

Substanz, auf welcher die ererbte Organisation der Zelle beruht,

das Idioplasma+ ~Nägeli~’s, +welches nach unserer Theorie in den

Kernsubstanzen enthalten ist, und eine für besondere Arbeitszwecke

gebildete Substanz, die formed matter+ ~Beale~’s +oder das

Protoplasmaproduct.+

Das +Idioplasma hat eine dauerhafte Organisation+, indem es unter

den verschiedenartigsten Zuständen bestehen kann, ohne seinen

„Artcharakter“ zu verlieren; auf ihm beruht also die Constanz der

Species, es ist der Träger aller erblichen Anlagen einer Species,

welche sich nachgewiesenermaassen in einzelnen Fällen im Laufe

von Jahrtausenden kaum verändert haben, wenigstens in keiner für

uns sichtbaren Weise. Es ist eine Substanz, welche im Wechsel der

Lebensprocesse sich selbst erhält, indem sie andere Stofftheile

fortwährend in ihre Organisation mit hineinzieht und dabei nicht nur

den Verlust ersetzt, sondern ihn übercompensirt und dadurch über ihr

ursprüngliches Maass hinauswächst.

Das +Protoplasmaproduct dagegen ist eine vergängliche Substanz,

gebildet von der Zelle unter dem Einfluss des Idioplasmas als Reaction

auf bestimmte Reizursachen, eine Substanz, welche häufig nur so

lange Bestand hat, als die Ursachen andauern, in deren Folge sie im

Zellenorganismus entstanden ist+. Sie ist eine Substanz, durch welche

der Organismus der Zelle besondere Wirkungen ausübt, eine specifische

Function verrichtet; während das Idioplasma der Inbegriff aller

ererbten Eigenschaften der Zelle, also Anlagesubstanz ist, +ist das

Protoplasmaproduct eine einzelne, unter besonderen Bedingungen zu

besonderer Entwicklung gelangte Anlage+, neben welcher noch andere

Anlagen im Idioplasma latent ruhen.

Eine Mittelstellung gewissermaassen zwischen Idioplasma und formed

matter nimmt das Protoplasma ein als eine Substanz, durch welche das

Idioplasma mit der Aussenwelt in Verkehr tritt, durch welche es sich

ernährt, und durch dessen Vermittlung es die Plasmaprodukte bildet

(Ernährungsplasma von ~Nägeli~).

Unsere Aufgabe in dem vorliegenden Capitel wird es sein, uns jetzt

von den aufgestellten Gesichtspunkten aus noch etwas eingehender

mit den Zuständen zu beschäftigen, unter welchen uns die Zellen als

Gewebebildner entgegen treten.

Wie die Zellen selbst, sind auch die meisten ihrer Plasmaproducte der

Schauplatz eines sich bald rascher, bald langsamer vollziehenden Stoff-

und Kraftwechsels; sie werden sogar im Leben der Gewebe besonders in

Anspruch genommen, da sie die mit besonderer Function betrauten Theile

der Zellen sind. Muskelfibrillen, Nervenfibrillen, Bindegewebsfasern,

Knochen- und Knorpelgrundsubstanzen haben, ein jedes Gebilde in seiner

Art, bestimmte, mit Stoffverbrauch einhergehende Arbeit im Körper

zu verrichten. Da der Lebensprocess, wie schon früher aus einander

gesetzt wurde, auf einer beständigen Zerstörung und Neubildung

organischer Substanz beruht, so müssen auch die Protoplasmaproducte

sich bei ihrer Thätigkeit allmählich verbrauchen und müssen, um in

ihrem Bestand erhalten zu werden, durch neu eintretende Theilchen

ersetzt werden, welche durch die formative Thätigkeit der zu ihnen

gehörigen Zellen gebildet werden.

Hierin liegt im Wesentlichen mit der Grund für ihre grössere

Unbeständigkeit. Denn wie wir gleich Anfangs hervorhoben, ist die

Entstehung der Protoplasmaproducte immer an besondere, zuweilen

wahrscheinlich sehr complicirte Bedingungen gebunden. Es geht mit den

im Laboratorium der Zelle sich vollziehenden, chemisch-physikalischen

Processen wie bei der künstlichen Darstellung von hoch complicirten

organischen Verbindungen. Auf directem Wege, durch einfache Mischung

der in der Verbindung enthaltenen elementaren Bestandtheile kommt

der Chemiker niemals zum Ziele; er muss, um ein Kohlenhydrat von

einer besonderen Structurformel darzustellen, erst die +Bedingungen+

ausfindig machen, unter welchen sich die einfacheren Theile zu dem

complicirteren Ganzen häufig auf verschlungenen Umwegen zusammenfügen.

Ebenso kann Muskel-, Nerven-, Knorpelsubstanz u. s. f. in der Zelle nur

entstehen, wenn der ganze Complex der auf Bildung von Muskel-, Nerven-

und Knorpelsubstanz hinwirkenden Ursachen gegeben ist.

Die Unbeständigkeit der Protoplasmaproducte beruht daher darauf, dass

die Bedingungen, unter denen sich die Zellen befinden, und mithin auch

ihre Zustände andere werden können; oder umgekehrt ausgedrückt, die

Erhaltung der Protoplasmaproducte in ihrem normalen Bestand erfordert,

dass die Gewebe im Allgemeinen unter denselben Bedingungen verharren,

unter welchen sie entstanden sind und functioniren. Nicht nur müssen

von ihnen Schädlichkeiten, welche sie irgendwie beeinträchtigen

können, fern gehalten werden: mangelhafte Ernährung, Störungen in der

Blutcirculation, schädliche mechanische und thermische Einflüsse,

giftige chemische Verbindungen, welche in den Blut- und Säftestrom

durch irgend welche Umstände hineingerathen sind (Zucker bei Diabetes,

Bakterienproducte bei Infectionskrankheiten, Gifte durch Aufnahme

in den Darmkanal), sondern die Gewebe müssen auch, was weniger

selbstverständlich erscheint, die Verrichtungen, für welche sie im

Organismus vorhanden sind, auch wirklich ausüben. Sie müssen, wenn

auch nicht immer, doch zeitweise in der ihnen angemessenen Weise in

Thätigkeit treten; denn das ist mit ein Zeichen dafür, dass sie sich

unter den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, im Allgemeinen

noch befinden. Ein Nerv muss Reize leiten, das Auge Licht empfinden,

ein Muskel sich zusammenziehen; Knochen, Sehnen und Bänder müssen

Zug und Druck aushalten, Blutgefässe durch circulirendes Blut in

Spannung erhalten werden, Drüsen secerniren etc. Ein specifisches

Gewebe kann nicht dauernd in einem Zustand der Unthätigkeit oder

Leistungsunfähigkeit verharren, ohne dass es in der Beschaffenheit

seiner Plasmaproducte Schaden erleidet und Veränderungen erfährt,

welche Pathologen und Kliniker als Inactivitätsatrophie bezeichnen.

Beweisende Beispiele hierfür finden sich in grosser Zahl. Ein Muskel,

welcher längere Zeit nicht arbeitet, nimmt an Volumen ab, ohne dass

irgend welche Schädlichkeiten auf ihn eingewirkt haben, und ohne

dass seine Ernährung durch den Blutstrom eine Beeinträchtigung

erfahren hat. Chirurgen haben häufig genug diese so unerwünschte

Inactivitätsatrophie der Muskeln zu beobachten Gelegenheit gehabt,

wenn sie eine Gliedmaasse in Folge eines Gelenkleidens oder einer

complicirten Fractur für längere Zeit durch einen Gipsverband

unbeweglich gemacht und die Muskulatur zur Unthätigkeit genöthigt haben.

Die Sehorgane von Thieren, die beständig in unterirdischen Höhlen

wohnen, sind vollständig verkümmert, so dass sie auf Lichteindrücke

überhaupt nicht mehr reagiren.

Ein Blutgefäss, das in Folge einer Veränderung der Circulation

aus dem Blutkreislauf ausgeschaltet wird, verödet und verliert in

kurzer Zeit vollständig die einem Blutgefäss zukommende Structur:

die Schichtung seiner Wand in Tunica intima, media und adventitia,

die charakteristische Vertheilung von elastischer Substanz und von

Muskelfasern. Es wird ein Bindegewebsstrang, wie uns die Vorgänge, die

sich nach der Geburt eines Säugethieres an der Arteria umbilicalis, der

Vena umbilicalis und dem Ductus Botalli abspielen, zur Genüge lehren.

Ein Knochenvorsprung, von welchem die einen Zug auf ihn ausübende

Muskelsehne abgetrennt wird, verkleinert sich. -- Der Rand

des Acetabulums verändert sich allmählich, wenn bei einer

Oberschenkelluxation der Femurkopf nicht wieder in die alte Lage

zurückversetzt wird. -- Die Zahnalveolen schwinden, wenn die in ihnen

befestigten Zahnwurzeln durch Ausziehen oder durch Resorption entfernt

sind.

Ein Magen, dem fortgesetzt nur ein Minimum von Speisen zur Verdauung

dargereicht wird, büsst allmählich seine ursprüngliche Verdauungskraft

ein.

Der Abschnitt des Darmes unter einer ergiebigen Kothfistel, einem

sogenannten Anus praeternaturalis, atrophirt zu einer dünnen Haut.

(~Cohnheim.~)

So zerstört sich gewissermaassen jede Structur im Organismus allmählich

von selbst, wenn sie nicht mehr den Bedingungen entspricht, unter

welchen sie entstanden war, und deren sie daher auch zu ihrer Erhaltung

bedarf. Es ist dies eine einfache Consequenz der ganzen Auffassung,

die wir vom Lebensprocess gewonnen haben; es ist eine Consequenz des

Satzes, dass die Beständigkeit der organischen Substanz nur auf ihrer

fortdauernden Neuerzeugung beruht. Kein Structurtheil des Körpers ist

an sich etwas Dauerhaftes, sondern wird es nur insoweit, als er bei

dem Zerstörungsprocess, dem er in seinen einzelnen Theilen ausgesetzt

ist, in demselben Maasse wieder neu ersetzt wird. Damit dies aber

möglich ist, müssen auch alle Bedingungen erfüllt sein, an welche die

Entstehung einer bestimmten Structur geknüpft ist. Muskelsubstanz

entsteht und erhält sich nur an Orten, wo etwas zu bewegen ist,

Knochensubstanz, wo etwas zu stützen und Zug und Druck auszuhalten ist,

Nervensubstanz, wo Reize zu empfangen und fortzuleiten sind.

Man hat die complicirten Erscheinungen, welche zum Theil schon die

älteren Naturforscher und Aerzte gekannt und zu erklären versucht

haben, in unserer Zeit verständlich zu machen gesucht durch den Satz:

dass zur Erhaltung organischer Gebilde ein +functioneller Reiz+, das

heisst, ein Reiz, welcher in dem gereizten Theil die ihm eigenthümliche

Function hervorruft, erforderlich sei. ~Roux~ hat hiermit die

Hypothese verbunden, dass dem specifischen functionellen Reiz jedes

Gewebes zugleich eine +trophische+, Ernährung anregende Wirkung

zukomme. Der functionelle Reiz soll neben der specifischen Function

zugleich auch „direct oder indirect“ die Assimilation anregen, welche

ohne seine Einwirkung nicht gehörig von statten gehen kann; er soll

somit zugleich trophisch, die Ernährung hebend wirken.“

Den Sätzen liegt ebenso wie der alten Lehre von der Wirkung des

Gebrauches und Nichtgebrauches der Theile oder von der Wirkung der

Uebung etwas Richtiges zu Grunde. Aber beide Formeln sind zu eng und

einseitig gefasst und dringen nicht bis zum Grund der Sache vor. Denn

weder der Ausdruck functioneller Reiz, noch der Ausdruck Wirkung des

Gebrauches und Nicht-Gebrauches ist umfassend genug zur Bezeichnung der

meist verwickelten Bedingungen, welche in der oben angegebenen Weise

zur Entstehung und zum Bestand einer organischen Structur erforderlich

sind.

Ein Beispiel wird dies am besten zeigen. Eines der am raschesten

functionirenden Organe, auf welches man sich am häufigsten bei den

aufgestellten Erklärungen zu beziehen pflegt, ist der Muskel. Beim

Worte „functioneller Reiz“ denkt man hier gewöhnlich an den Impuls,

welcher dem Muskel durch seinen Nerven ertheilt wird. Durchschneidung,

überhaupt Degeneration des Nerven, ruft ja Veränderungen in der

Structur der Muskelfasern und schliesslich ihre Atrophie hervor,

weil ihnen vom Nerven aus kein „functioneller Reiz“ mehr ertheilt

wird. Hierauf passt der Ausdruck „Verkümmerung in Folge mangelnder

functioneller Reize“ oder Verkümmerung in Folge Nicht-Gebrauchs ganz

gut, und soweit scheint Alles mit der Erklärung in Ordnung zu sein.

Nun giebt es aber auch Fälle, in denen der Sachverhalt doch ein

etwas complicirterer ist. Ein Muskel kann atrophiren, auch wenn er

noch mit seinem leitungsfähigen Nerven verbunden ist. So nehmen bei

Kniegelenkanchylose die Schenkelmuskeln des Menschen an Volumen ab; sie

können zwar noch vom Nerven aus gereizt werden, aber sie können keine

entsprechende Arbeit mehr verrichten, weil die Knochen, welche sie

gegen einander bewegen sollen, absolut unbeweglich geworden sind.

In einem anderen, gewissermaassen entgegengesetzten Falle verkümmern

die Muskeln, wenn man sie von ihren Ursprungs- und Insertionspunkten

abgetrennt hat, so dass sie bei ihren Verkürzungen keine Widerstände

mehr zu überwinden haben, eine Erscheinung, welche man an

Amputationsstümpfen zu beobachten Gelegenheit hat.

Es kommt, wie die zwei angeführten Beispiele lehren, nicht nur darauf

an, +dass der Muskel vom Nervensystem „functionelle Reize“ zugeführt

erhält und sich zusammenzieht, sondern vor allen Dingen+, =wie= +er

sich zusammenzieht+. Das hängt aber wesentlich von den Bedingungen ab,

unter denen er sich befindet, besonders von der Art und Grösse der zu

überwältigenden Widerstände, von der Spannung seiner Fasern etc. Ein

Muskel, um in seinem Bestand erhalten zu werden, muss +die ihm adäquate

Arbeit verrichten+. Aendern sich daher die Bedingungen, unter denen ein

Muskel entstanden ist und zuvor gearbeitet hat, so werden sich nach

einiger Zeit auch entsprechende Rückwirkungen in Veränderungen seiner

Structur bemerkbar machen.

Von Wichtigkeit für die Dauerfähigkeit von Structuren ist auch der

Umfang der Zerstörungs- und Neubildungsprocesse, welche in einem

Gewebe bei seiner Function stattfinden. Structuren werden sich um so

leichter und rascher verändern können, je mehr sie einer Zerstörung

bei der Function ausgesetzt sind. Denn dann werden sich die in Folge

veränderter Bedingungen ausbleibenden Neubildungsprocesse bald

bemerkbar machen. In dieser Beziehung bestehen offenbar erhebliche

Unterschiede zwischen den einzelnen Organen und Geweben. Am raschesten

verändern sich in ihrer Structur wohl Muskelfasern, Drüsenzellen und

Sinneszellen, in welchen der Stoffumsatz bei ihrer Function am grössten

ist. Beständiger ist schon die Knochensubstanz, bei welcher daher

statische Veränderungen der Structur sich nur nach längeren Zeiträumen

und unter constant einwirkenden Zug- und Druckkräften ausbilden werden.

Noch passiver als die Knochen sind vermuthlich die Sehnen, Fascien und

Bänder, so dass sie, wenn sie einmal gebildet sind, in ihrer Form sich

längere Zeit erhalten, auch wenn die Bedingungen ihrer Gebrauchsweise

andere geworden sind.

Ausserordentlich gering sind endlich offenbar die Zerstörungs- und

Neubildungsprocesse in den Cellulosemembranen der Pflanzen; daher sind

hier unter bestimmten Bedingungen entstandene Structuren für gewöhnlich

an neue Bedingungen nicht mehr anpassungsfähig. Nur jugendliche

Pflanzentheile sind, wie wir oben (Seite 92) gesehen haben, geotropisch

und heliotropisch etc. und verändern, wenn sie in andere Lagen gebracht

werden, ihre Wachsthumsrichtung (Fig. 32); schon fest verholzte

Pflanzentheile dagegen reagiren nicht mehr. Auch an veränderten Zug

und Druck können sich die mechanischen Gewebe der Pflanzen nicht

mehr anpassen, wie es im thierischen Körper die Knochen thun (siehe

Seite 109). Die in die Dicke wachsenden Baumstämme der Dicotylen und

Coniferen behalten die einmal erzeugte Holzmasse, sind daher „fast

compacte, also mechanisch irrationell gebaute Säulen“ (~Julius Wolff~).

~Schwendener~ bemerkt hierzu: „Denken wir uns irgend ein jugendliches

Organ, dessen Zellwände oder Gewebslamellen dem fraglichen

Curvensystem augenblicklich genau entsprechen, so leuchtet ein, dass

jede nachträgliche Streckung nothwendig eine Verzerrung desselben

herbeiführen muss, sofern nicht gleichzeitig für eine fortwährende

Resorption einzelner Gewebselemente und für Neubildung anderer an

günstiger Stelle Sorge getragen ist. Ein solcher Vorgang findet im

Gebälke der Knochen thatsächlich statt und ist von ~Julius Wolff~

noch neuerdings eingehend dargelegt worden.“ „In vegetabilischen

Geweben dagegen kommen höchstens nachträgliche Membranverstärkungen

an statisch gefährdeten Stellen, z. B. Bildung von Holzparenchym

in den Lücken eines gesprengten Bastringes u. dgl., vor; aber eine

fortwährende Umgestaltung und Neubildung von Geweben nach Maassgabe

der jeweiligen Zug- und Druckspannungen ist nirgends beobachtet. Wäre

sie möglich, so würde es z. B. für die Dicotylen mit Dickenwachsthum

rationell sein, die inneren Jahresringe des Stammes durch einen in

centrifugaler Richtung fortschreitenden Lösungsprocess in Glycose zu

verwandeln und diese zum Aufbau neuer Jahresringe zu verwerthen. Ebenso

würde im Verlauf der äusseren Dimensionsänderungen noch manche andere

Transformation der inneren Architektur erwünscht sein, wenn sie nur

ausführbar wäre. Allein die Pflanze steht hier vor unüberwindlichen

Schranken, welche die strenge Einhaltung vorgezeichneter Curvensysteme

von vornherein ausschliessen.“

Bei den Thieren sind Kliniker und pathologische Anatomen auf die

Veränderlichkeit der Gewebe schon früh aufmerksam geworden, weil sie

sich ja besonders mit den Störungen der normalen Lebensprocesse und

Structuren zu beschäftigen haben. Vor allen Dingen hat ~Virchov~

zur Klärung der sich hier darbietenden Erscheinungen durch seine

Cellularpathologie viel beigetragen. Er hat zuerst die einzelnen

Zustände, welche im Leben der Gewebe eintreten und sich einander

ablösen können, scharf unterschieden und sie mit Namen belegt, welche

sich seitdem in der pathologischen Anatomie eingebürgert haben. Ausser

dem normalen Zustand der Organe und Gewebe unterscheidet ~Virchov~

1) einen Zustand der Hypertrophie, 2) der einfachen Atrophie, 3)

der Metamorphose oder Metaplasie, 4) der Wucheratrophie, 5) der

Hyperplasie, 6) der Degeneration und Necrose.

Wir wollen auch im Folgenden an dieser Eintheilung im Ganzen

festhalten; dabei aber der bessern Uebersicht halber die an der Zelle

zu unterscheidenden Zustände in zwei Gruppen eintheilen, erstens in

eine Gruppe, in welcher sich der veränderte Zustand der Gewebe nur in

der Beschaffenheit der Protoplasmaproducte äussert, zweitens in eine

Gruppe, in welcher sich an den Veränderungen der Protoplasmaproducte

auch die Zellkörper noch ausserdem entweder durch Vermehrung ihrer

Kerne oder durch Degeneration betheiligen.

A. Erste Gruppe. Der veränderte Zustand der Gewebe äussert sich nur in

der Beschaffenheit der Protoplasmaproducte.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 168 / 225 题