1. Chemische Correlationen.

a. +Chemisch-physikalischer Process der Sauerstoffaufnahme und

Kohlensäureabgabe+.

Die Zellen des Körpers produciren bei ihrer Thätigkeit Kohlensäure und

absorbiren Sauerstoff. Sie veranlassen dadurch Diffusionsströme, die

an verschiedenen Orten stattfinden, einmal zwischen den Zellen und den

sie umspülenden Gewebssäften (Lymphe und Blut) und zweitens zwischen

dem Blut und dem Medium, in welchem der betreffende Organismus lebt.

Durch die Diffusionsströme wird ein Ausgleich in der Gasspannung an den

verschiedenen Orten, schliesslich zwischen dem Organismus und seiner

Umgebung herbeigeführt. Bei niederen Thieren findet der Ausgleich

an der ganzen Körperoberfläche statt, bei höheren Thieren dagegen,

bei welchen ihre Oberhaut in Folge anderer Einwirkungen die hierfür

geeignete Beschaffenheit verloren hat, wird er mehr und mehr auf

bestimmte Stellen beschränkt, die je nach ihrem Bau als Kiemen, Lungen,

Tracheen bezeichnet werden.

Nun muss, wie eine einfache Ueberlegung lehrt, +ein jeder Organismus

ein bestimmtes Athembedürfniss besitzen, dessen Grösse von der Zahl

der Zellen und der Lebhaftigkeit ihres Lebensprocesses abhängt+. Soll

es nicht zu einer Kohlensäureaufspeicherung im Körper und zu einem

Sauerstoffmangel kommen, so muss die Function der Respirationsorgane

genau diesem Bedürfnisse angepasst sein. Für jeden Organismus muss

daher die respirirende Oberfläche entweder der Kiemen, oder der

Lungen, oder der Tracheen eine genau entsprechende Grösse besitzen,

damit der Gasaustausch in entsprechender Weise stattfinden kann. +Die

Athmungsorgane müssen daher so lange wachsen und ihre Oberfläche

vergrössern, sei es durch Zottenbildung, wie bei den Kiemen und der

Placenta, oder durch Alveolenbildung, wie bei den Lungen, bis der

nothwendige Ausgleich eingetreten ist.+

Wodurch wird dieses Wachsthum des einzelnen Theiles in Correlation zum

Bedürfniss des Ganzen regulirt? Der Gedanke von ~Herbert Spencer~,

dass es der Diffusionsstrom des Sauerstoffes und der Kohlensäure oder

die Höhe der Gasspannung ist, welche auf die zur Athmung dienenden

Körperstellen als Wachsthumsreiz wirkt, scheint mir den Weg zu einer

naturgemässen Erklärung anzuzeigen. Die respirirende Oberfläche wächst

so lange, bis die Gasspannung zwischen dem Körper und dem umgebenden

Medium auf einen bestimmten Grenzwerth herabgesetzt ist.

In dieser Weise erklären sich wohl die Beobachtungen, die ~Schreibers~

an +Proteus anguineus+ angestellt hat, einem Amphibium, welches

sowohl durch Kiemen als durch Lungen athmet. ~Schreibers~ hat beim

Proteus bald die Kiemen, bald die Lungen zu mächtiger Entwicklung als

Hauptathmungsorgane gebracht, je nach den Bedingungen, unter denen er

die Thiere züchtete. Wurden die Thiere gezwungen, in tieferem Wasser

zu leben, so entwickelten sich die Kiemen bis zum Dreifachen ihrer

gewöhnlichen Grösse, während die Lungen zum Theil atrophirten. Bei

einem Aufenthalt in seichterem Wasser dagegen wurden die Lungen grösser

und gefässreicher, weil jetzt die Thiere häufiger an die Oberfläche

kamen und Luft einathmeten. Da durch die Lungen dem Athembedürfniss

unter diesen Lebensverhältnissen besser genügt wurde, verschwanden die

Kiemen mehr oder weniger vollständig.

Was für den chemisch-physikalischen Process der Athmung, das gilt in

gleicher Weise für andere derartige Processe, die sich in unserem

Körper abspielen. Ein werthvolles Beobachtungsmaterial hierüber haben

uns die pathologischen Anatomen und Kliniker durch Exstirpationen von

+einer Niere+, oder +eines Theiles der Leber+, oder +der Schilddrüse+,

oder +des Pankreas+, oder +durch starke Aderlässe+ geliefert.

b. +Harnbildung+. +Niere+.

+Entfernung einer Niere hat regelmässig eine Arbeitshypertrophie

der anderen Niere zur Folge.+ Letztere hat zuweilen nach längerer

Zeit so sehr an Grösse zugenommen, dass sie das Gewicht von zwei

Nieren besitzt. An der Vergrösserung ist weniger die Marksubstanz

als hauptsächlich die Rinde betheiligt; „die gewundenen Kanälchen

werden breiter, die Epithelien umfänglicher, auch die Gefässknäuel

hypertrophiren.“ Man findet einige Zeit lang vom vierten Tage nach der

Exstirpation bis in die vierte Woche zahlreichere +Kerntheilungsfiguren

in den Tubuli contorti+.

Die das Wachsthum verursachenden Momente sind ähnlicher Art wie bei den

Kiemen und den Lungen. Bald nach Entfernung der einen Niere tritt an

die andere eine erheblich gesteigerte Aufgabe heran, die Entfernung der

doppelten Menge der im Blut sich ansammelnden „harnfähigen Substanzen“.

Ihre Menge hat ja gegen früher keine Verringerung erfahren, da sie von

den Lebensprocessen in allen Organen und Geweben des Körpers abhängt.

Die eine Niere wird daher jetzt viel stärker in Anspruch genommen.

Unter aussergewöhnlichen Umständen kann fast jedes Organ des Körpers

mehr leisten, als seine normale Leistung beträgt; es besitzt, wie man

sich ausdrückt, noch eine über seine gewöhnliche Arbeit hinausgehende

+Reservekraft+, die nun noch ausgenutzt wird. So kommt es, dass schon

24 Stunden nach einer Nierenexstirpation täglich die gleiche Harnmenge

mit demselben Gehalt an festen Substanzen ausgeschieden wird wie

vorher. Durch die Glomeruli muss daher eine grössere Menge Harnwasser

und durch die Epithelien der Tubuli contorti die doppelte Quantität von

Harnstoff etc. hindurchgehen.

+In den so veränderten chemisch-physikalischen Verhältnissen haben wir

auch hier wieder die Reize zu suchen, welche die Nierenhypertrophie

veranlassen.+ „Es liegt hier,“ wie schon ~Ziegler~ hervorgehoben hat,

„ein Fall vor, in welchem eine Cellulation direct durch die Anwesenheit

chemischer Substanzen, welche die Zellen zu erhöhter Thätigkeit

anregen, bewirkt wird.“ Das correlative Nierenwachsthum wird so lange

andauern, bis wieder ein Ausgleich eingetreten ist, d. h. bis die Harn

secernirende Oberfläche wieder der vom Gesammtkörper gebildeten Menge

harnfähiger Substanz ohne erhebliche Beanspruchung der Reservekraft

angepasst ist.

c. +Die Leber+.

Nicht minder instructiv sind die von ~Ponfick~ und ~von Podwyssozki~

ausgeführten +Leberexstirpationen+. ~Ponfick~ hat unter Einhaltung

einer zweckentsprechenden Operationsmethode ein Viertel, die Hälfte,

ja sogar drei Viertel von der Leber zahlreicher Kaninchen weggenommen,

ohne schwere, das Leben bedrohende Störungen hervorzurufen. Der

Leberrest scheidet nach der Operation Galle weiter ab, was sich an

der Färbung der Faeces zu erkennen gibt, und beginnt bald in ein

ausserordentlich lebhaftes Wachsthum einzutreten. Schon nach wenigen

Tagen sind die zurückgebliebenen Lappen unverkennbar vergrössert, wobei

ihr Parenchym sehr weich wird; nach 11 Wochen war in einem Fall ein

voller Wiederersatz des entfernten Lebertheiles eingetreten. Man kann

sogar die Wucherungsprocesse in der Leber über einen grösseren Zeitraum

unterhalten, wenn man einige Zeit nach der ersten noch eine zweite

und nach dieser noch eine dritte Exstirpation vornimmt. Daher bemerkt

~Ponfick~:

„Bei einer Versuchsanordnung, welche das kaum Neugebildete immer wieder

auszurotten trachtet, bethätigt sich der Wachsthumstrieb mit solcher

Sicherheit und Raschheit, dass das Streben, den Ausfall zu einem

dauernden zu gestalten, fort und fort wieder vereitelt wird. Immer von

Neuem ist er fähig, den zugefügten Verlust wett zu machen.“

In einzelnen Experimenten hat sich der Torso auf mehr als das Dreifache

des ursprünglichen Umfanges vergrössert. Das Wachsthum geht theils von

den Leberzellen, theils von den Epithelzellen der Gallencapillaren

aus, welche Stränge bilden und sich weiterhin in Balken von

Leberzellen umwandeln. Während man in dem normalen Zustande niemals

Kerntheilungsfiguren in den Leberzellen findet, treten solche besonders

am zweiten und dritten Tage nach der Exstirpation sehr zahlreich auf.

In Folge dessen vergrössern sich auch die Leberacini über ihr normales

Maass hinaus.

Die Erklärung auch für diese ausserordentlichen Wachsthumsvorgänge

wird in derselben Richtung wie für die Lunge und die Niere zu suchen

sein. Auch der Leber werden durch das von Darm und Milz kommende

Pfortaderblut bestimmte chemische Stoffe zugeführt, welche in ihr zu

Glykogen und Gallenbestandtheilen in specifischer Weise verarbeitet

werden. Daher wird nach der Exstirpation eines Theiles der Leber der

Rest eine grössere Menge specifischen, zur Verarbeitung bestimmten

Materials zu bewältigen haben, die Leberzellen werden hierdurch zu

gesteigerter Thätigkeit und zur Vermehrung so lange gereizt werden, bis

wieder ein Ausgleich herbeigeführt ist.

d. +Die Schilddrüse+.

Die Untersuchungen des letzten Jahrzehnts haben uns als ein wichtiges

Stoffwechselorgan die +Schilddrüse+ kennen gelehrt. Das aus Follikeln

ohne Ausführungsgang zusammengesetzte Drüsengewebe nimmt aus dem

es so reichlich durchströmenden Blut einzelne Bestandtheile auf,

die es verändert und im Innern der Drüsenbläschen abscheidet. Durch

die wichtige Entdeckung ~Baumann~’s wissen wir jetzt, dass in den

Follikelzellen der Schilddrüse ein eigenthümlicher Eiweisskörper

gebildet wird, welcher sich durch einen sehr hohen Gehalt an +Jod+

auszeichnet und daher auch von ihm den Namen +Thyrojodin+ erhalten hat.

Durch Fütterungsversuche ist ferner von ihm nachgewiesen worden, dass

der Jodgehalt der Schilddrüse je nach der Ernährungsweise des Thieres

steigen und abnehmen kann; so wächst er zum Beispiel bei Fütterung der

Hunde mit Seefischen, bei Genuss von Jodkalium, besonders aber bei

Gaben von Schilddrüsenextract oder Thyrojodin. Die Schilddrüse ist also

ein Organ, welches die Eigenschaft hat, kleinste im Blut circulirende

Mengen von Jod an sich zu ziehen, an einen Eiweisskörper zu binden und

in dieser Form in sich aufzuspeichern.

Indessen ist mit der Absonderung eines Stoffes aus dem Blut und seiner

Aufspeicherung in den Follikeln die Wirksamkeit der Schilddrüse

noch nicht erschöpft. Die in der Schilddrüse neugebildeten und

aufgespeicherten Stoffe, wie unter Anderem das Thyrojodin, gerathen

selbst wieder in den Stoffwechsel hinein, wahrscheinlich durch

Vermittelung des Lymphstromes. Denn wie ~King~ nachwies und ~Horsley~

(S. 379) und Andere bestätigten, genügt schon ein leichter Druck auf

die Drüsenlappen, den Inhalt der Drüsenfollikel in die peripheren

Lymphbahnen zu treiben. Demnach bildet die Schilddrüse ein Beispiel

für ein Organ mit +innerer Secretion+ im Sinne von ~Brown-Sequard~.

Durch die Veränderung der chemischen Beschaffenheit des Blutes kann

nun aber die Schilddrüse, wie jedes Stoffwechselorgan, correlative

Processe im ganzen Körper hervorrufen, was auf Grund von zahlreichen

Experimenten und von Krankengeschichten wahrscheinlich ist. Ein

bestimmteres Urtheil kann zur Zeit noch nicht abgegeben werden, da

gegen die Deutung und Tragweite vieler Experimente, am entschiedensten

von ~H. Munk~, Einwände erhoben werden, welche alle Berücksichtigung

verdienen.

Das fast ausschliesslich angewandte Verfahren, um in die Function der

Schilddrüse einen Einblick zu gewinnen, ist die operative Entfernung

der Schilddrüse oder die +Thyreoidectomie+. In sinnreicher Weise

ist dieselbe von ~Eiselsberg~ noch mit einer Transplantation der

Schilddrüse in die Bauchwand combinirt worden. Ihr Erfolg fällt, wie

es von den meisten Experimentatoren dargestellt wird, verschieden aus,

je nachdem es sich um eine totale oder eine partielle Entfernung des

Organs handelt, und je nachdem man die Operation im jugendlichen oder

vorgerückteren Alter ausgeführt hat.

Unter totaler Exstirpation versteht man jetzt die Entfernung der

gesammten Hauptschilddrüse und aller sogenannten Nebenschilddrüsen

(Glandulae parathyreoideae, ~Sandström~’sche, ~Gley~’sche Drüsen).

Letztere liegen bei manchen Säugethieren (Hunden) der Hauptdrüse

unmittelbar dicht an, so dass sie für gewöhnlich absichtlich oder

unabsichtlich mit ihr zugleich entfernt werden; bei anderen dagegen

liegen sie am Hals von ihr getrennt und mehr oder minder weit entfernt

(Kaninchen), so dass der Operateur auf ihre Entfernung besonders achten

muss. Die totale Exstirpation in diesem Sinne ist, wenn sie bei jungen

Thieren ausgeführt wird, stets eine absolut tödtliche Operation, welche

in wenigen Tagen das Ende herbeiführt. Es erfolgt unter schweren

Störungen im Bereich des Nervensystems, unter allgemeinen Krämpfen und

Convulsionen (Tetanus).

Die +unvollständige Entfernung der Schilddrüse+ dagegen führt, wenn

sie im jugendlichen Alter vorgenommen wird, zu einer eigenthümlichen

und schweren chronischen Erkrankung, der +Cachexia thyreopriva+.

Unvollständig nennen wir die Operation, wenn irgend ein Rest von

Schilddrüsensubstanz, entweder ein Stückchen von der Hauptdrüse oder

alle oder ein Theil der Nebenschilddrüsen, zurückgelassen werden.

In den ersten Wochen nach dem Eingriff scheinen die Thiere sich

vollständig normal zu verhalten und ganz gesund zu sein; allmählich

aber beginnen sie matt und schläferig zu werden, sie magern ab, wobei

ihr Leib aufgetrieben wird, sie bleiben im Wachsthum gegen andere

gleichalterige Thiere erheblich zurück, die Haut wird trocken und mit

Schuppen und Borken bedeckt, die Haare beginnen theilweise auszufallen.

Den Zustand der Cachexia thyreopriva hat man auch beim Menschen

eintreten sehen in Folge von Kropfexstirpationen, zumal wenn sie vor

der Pubertät ausgeführt wurden. Vorher intelligente Kranke verloren

ihre geistige Regsamkeit in hohem Grade, blieben im Wachsthum zurück,

ihre Wärmeregulation war gestört (Kältegefühl), die Haut wurde hart,

rauh und trocken in Folge des Verschwindens der Secretion, das

Unterhautbindegewebe wurde dicker und elastisch, was mit eigenartigen

Veränderungen im Bindegewebe zusammenhängt, die man unter dem Namen

des +Myxoedems+ zusammengefasst hat.

Der bei Thieren und Menschen beobachtete Stillstand im Wachsthum des

Körpers beruht hauptsächlich auf +Störungen in der Knochenentwicklung+.

Wie die mikroskopischen Untersuchungen bei jungen Kaninchen gelehrt

haben, tritt eine specifische +Degeneration+ der das Wachsthum

vermittelnden +Epiphysenknorpel+ ein, bestehend in Herabsetzung der

normalen Zellwucherung, in Quellung und Zerklüftung der Grundsubstanz,

verbunden mit blasiger Auftreibung der Knorpelhöhlen und Schrumpfung,

ja sogar theilweisem Untergang der Zellen (Chondrodystrophia

thyreopriva, ~Hofmeister~).

Der bei der Cachexia thyreopriva beobachtete Symptomencomplex zeigt

vielfache Beziehungen zu dem +Cretinismus+ und zur „+foetalen

Rhachitis+“ und bietet hierdurch eine Stütze für die Theorie, welche

auch jene beiden Erkrankungen von Störungen oder Vernichtung der

Function der Schilddrüse schon während des intrauterinen Lebens

herleitet.

Auf die durch Exstirpation der Schilddrüse hervorgerufenen Zustände

wurde an dieser Stelle näher eingegangen, weil nach dem Urtheil vieler

Forscher sowohl in der zum Tode führenden Tetanie, als auch in der

Cachexia thyreopriva, in der Beeinträchtigung der Hirnfunctionen,

in dem Myxoedem, in den gestörten Verknöcherungsprocessen etc.

wahrscheinlich die Folgen eines gestörten Chemismus oder Stoffwechsels

zu erblicken sind. Viele Forscher sind der Ansicht, dass durch

Ausschaltung der Schilddrüse das Blut eine veränderte chemische

Zusammensetzung erhält, entweder weil wichtige chemische Körper nicht

gebildet oder weil schädliche, im Blut circulirende Stoffe nicht

ausgeschieden und umgewandelt werden, oder weil Beides zugleich

stattfindet.

Wie Spuren abnormer Substanzen in dem die Zellen umspülenden Medium

die Functionen derselben beeinflussen, morphologische Processe stören,

hemmen und andere an ihrer Stelle hervorrufen, haben uns schon die im

Capitel IX angeführten Beispiele gelehrt.

Dass es sich um chemische Reize handelt, lässt sich in dem Fall der

Schilddrüse indessen nicht nur auf Grund von Analogieen, sondern

auch einigermaassen durch Experimente wahrscheinlich machen. Denn

die durch totale oder partielle Entfernung der Schilddrüse bewirkten

Störungen lassen sich ausgleichen oder wenigstens mildern durch

die sogenannte +Schilddrüsentherapie+. Der Verlust der Schilddrüse

lässt sich theilweise dadurch ersetzen, dass man das operirte Thier

mit dem Extract von Schilddrüsen füttert, oder ihm ein geeignetes

Präparat subcutan zeitweise einverleibt und so dem Stoffwechsel die

bei der Schilddrüsenfunction entstehenden, dem Körper unentbehrlichen

Substanzen künstlich zuführt.

Noch wirksamer aber als der Schilddrüsenextract hat sich die

medicamentöse Verwendung der durch ~Baumann~ in der Schilddrüse

entdeckten specifischen Substanz, des Thyrojodins, erwiesen. Nach

den übereinstimmenden Versuchen von ~Baumann~ und ~Goldmann~, von

~Hofmeister~ und ~Hildebrandt~ treten nach totaler Thyreoidectomie

tetanische Erscheinungen so lange nicht ein, als den schilddrüsenlosen

Hunden oder Kaninchen regelmässig 2–6 Gramm Thyrojodin täglich

zugeführt werden. Thiere, die sonst einige Tage nach der Operation

unfehlbar an Tetanus gestorben sein würden, haben sich auf diese Weise

Wochen und Monate lang am Leben erhalten lassen. Dagegen traten bei

den Versuchsthieren Krampfanfälle bald ein, nachdem entweder mit

der Verabreichung des Thyrojodins ausgesetzt oder die Dosirung in

erheblicher Weise verringert worden war. Wenn bei schilddrüsenlosen

Thieren die tetanischen Krämpfe auftreten, so lassen sie sich mildern

und auch ganz unterdrücken durch sofortige Verabreichung grösserer

Mengen von Thyrojodin, welche am besten subcutan erfolgt.

Durch Gaben von Schilddrüsensubstanz oder Thyrojodin

(+Substitutionstherapie+) kann man auch in günstiger Weise den Kropf,

das Myxoedem und die Cachexia thyreopriva beeinflussen.

Bei der Substitutionstherapie wird, um eine dauernde Wirkung zu

erzielen, unverhältnissmässig viel Schilddrüsensubstanz oder Thyrojodin

verbraucht. Man erklärt dies in der Weise, dass unter normalen

Verhältnissen das in der Schilddrüse gebildete Thyrojodin von ihr

zurückgehalten und nur langsam im Stoffwechsel aufgebraucht wird,

während bei schilddrüsenlosen Thieren das durch den Darm aufgenommene

oder subcutan eingeführte Thyrojodin nicht lange im Organismus bleibt,

sondern bald als solches oder in Form einer anderen organischen

Verbindung im Harn ausgeschieden wird (~Baumann~).

Zu einigen Bemerkungen gibt noch die +partielle Thyreoidectomie+

Veranlassung. Nicht nur erfahren wir aus den Versuchen, dass eine

äusserst geringe Menge von Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsengewebe

genügt, um den tödtlichen Ausgang der Operation zu verhüten;

noch mehr interessiren uns in diesem Capitel einige +correlative

Wachsthumsprocesse+, die auch hier in ähnlicher Weise wie bei

einseitiger Entfernung der Niere oder theilweiser Entfernung der Leber

beobachtet werden.

Nach ~Beresowsky~ tritt bei Hunden nach Abtragung des grösseren Theils

der Schilddrüse eine +compensatorische Hypertrophie des Reststückes+

ein. Man beobachtet einige Tage nach der Operation Kerntheilungsfiguren

im Schilddrüsengewebe und Neubildung von Follikeln. Doch bleibt hier im

Vergleich zu Niere und Leber die Hypertrophie eine sehr geringfügige.

Ausserdem findet eine compensatorische Hypertrophie noch an zwei

anderen Stellen statt. Einmal vergrössern sich in geringem Maasse

die +Nebenschilddrüsen+ (~Gley~, ~Verstraeten~ und ~Vanderlinden~).

Zweitens beobachtet man nach Wegnahme der Hauptschilddrüse eine

charakteristische Umwandlung des +Hirnanhanges, der Hypophyse+

(~Rogowitsch~, ~Stieda~, ~Hofmeister~, ~Gley~). Sein Volumen nimmt

oft in beträchtlicher Weise zu, so dass die Sattelgrube durch

Knochenschwund ausgeweitet wird. Es kann sogar bei besonders hohen

Graden der Hypertrophie die Drüse über den Rand der Grube nach aussen

hervortreten. Ihre Zellen zeigen sich vergrössert; in ihrem Protoplasma

sind Vacuolen entstanden. ~Hofmeister~ zieht hieraus den Schluss, dass

+der Hirnanhang eine ähnliche Function wie die Schilddrüse ausübt+,

und dass sie daher den Wegfall der letzteren durch vicariirende

Hypertrophie theilweise compensiren kann. Der Reiz zur Hypertrophie

wird in der durch die Wegnahme der Schilddrüse veränderten chemischen

Beschaffenheit des Blutes in ähnlicher Weise zu suchen sein, wie für

die Nierenhypertrophie in der Vermehrung der harnfähigen Substanzen im

Kreislauf.

Wie viel von den hier mitgetheilten Beobachtungen und Deutungen

richtig ist oder modificirt werden muss, kann in Anbetracht der

erhobenen Einwände von ~H. Munk~ nur durch weitere und umfassendere

Untersuchungen entschieden werden.

e. +Blutbildung+.

In das Capitel der chemischen Correlationen sind endlich auch die

interessanten Veränderungen zu rechnen, mit welchen uns ~Neumann~,

~Bizzozero~ und viele Andere bei ihren grundlegenden Untersuchungen

über die +Blutbildung+ bekannt gemacht haben.

Wer prüfen will, in welcher Weise und an welchen Stellen des Körpers

ein Ersatz für die rothen Blutkörperchen stattfindet, welche im

Kreislauf ihre Rolle ausgespielt haben und zerfallen, kommt am

leichtesten zum Ziel, wenn er auf experimentellem Wege den Process

der Bluterneuerung zu einem besonders lebhaften zu machen im Stande

ist. Man kann dies durch zwei Methoden erreichen, durch welche die

Beschaffenheit des Blutes verändert und namentlich das normale

Mengenverhältniss der rothen Blutkörperchen stark verändert wird. Die

eine Methode besteht in starken +Aderlässen+, welche man mehrmals in

Pausen von 2–3 Tagen an den Versuchsthieren vornimmt. Bei der zweiten

Methode injicirt man in die Gefässe chemische Stoffe, welche das

Hämoglobin der Blutkügelchen auflösen (wie Toluydendiamin, Jodcyan,

Acethylphenylhydracin).

In beiden Fällen wird die Qualität des Blutes in erheblicher Weise

verändert; die geformten Bestandtheile werden stark vermindert,

auch das Blutplasma erhält eine andere Zusammensetzung, indem nach

Aderlässen zum Beispiel sein Quantum durch Aufsaugung von Gewebesäften

bald wieder zunimmt. Die veränderte Blutqualität aber wirkt als Reiz

für eine Reihe von formativen Processen, durch welche die normale

Beschaffenheit des Blutes allmählich wieder hergestellt wird.

Für den Mikroskopiker am leichtesten nachweisbar sind die Vorgänge,

welche zu einer raschen +Vermehrung der rothen Blutkörperchen+ führen,

und welche sich bei Reptilien, Vögeln und Säugethieren besonders

im +Knochenmark+ nach der Entdeckung von ~Neumann~ und ~Bizzozero~

abspielen.

Nach wiederholten, ausgiebigen Aderlässen, desgleichen nach Anwendung

der oben genannten chemischen Stoffe verändert das Knochenmark in

typischer Weise seine makroskopischen Eigenthümlichkeiten und seinen

histologischen Bau. Es gewinnt eine dunkelrothere Färbung in Folge

eines grösseren Blutreichthums und sticht in Folge seiner Hyperämie

gegenüber der hochgradigen Anämie aller übrigen Organe in auffälliger

Weise ab. (Bei Vögeln nimmt es nach starken Aderlässen häufig eine

graue Farbe an.) Es wird weicher und sulziger. Denn die Venencapillaren

haben sich stark erweitert, während das Zwischengewebe reducirt wird.

Die Fettzellen in letzterem werden kleiner und atrophiren. Besonders

aber wandelt sich das Gefässnetz im Mark zu einem Bildungsherd für

zahlreiche, neue, rothe Blutkörperchen um; daher es von ~Bizzozero~ als

„+ein wahres endovasculäres Organ der Blutregeneration+“ bezeichnet

wird.

Man findet nämlich in den erweiterten Venencapillaren auffallend

viele Jugendzustände rother Blutkörperchen, die +Erythroblasten+

(~Bizzozero~) oder +Hämatoblasten+. Es sind dies Blutkörperchen, die

an Grösse hinter den normalen etwas zurückstehen und einen kugelrunden

Kern besitzen, wodurch sie sich besonders bei Säugethieren sofort

unterscheiden lassen. In ihrem Stroma ist ferner nur sehr wenig

Hämoglobin enthalten, so dass sie sich nur durch geringe Gelbfärbung

von Leukocyten unterscheiden. Die Erythroblasten zeichnen sich wie

die embryonalen Blutkörperchen durch die Fähigkeit aus, sich durch

Theilung zu vermehren. +Namentlich 10–15 Stunden nach dem letzten

Aderlass findet man in sehr vielen von ihnen Kerntheilungsfiguren und

Theilungsstadien.+

+Erythroblasten+ kommen zwar zu allen Zeiten im rothen Knochenmark

vor; ihre Zahl ist aber eine viel geringere. Wie zahlreiche Forscher,

~Bizzozero~, ~Neumann~, ~Korn~, ~Denys~, ~Eliasberg~, ~Freiberg~,

~Foa~ etc., in übereinstimmender Weise angeben, wird +durch Aderlässe

und durch die anderen oben erwähnten Eingriffe ihre Zahl und ihre

Vermehrung ungemein gesteigert+. Im Gegensatz dazu tritt eine starke

Abnahme bei hungernden oder sehr abgemagerten oder kranken Thieren ein,

so dass Erythroblasten im Knochenmark kaum oder überhaupt gar nicht

mehr nachzuweisen sind.

Abgesehen vom Knochenmark ist eine Neubildung rother Blutkörperchen

in Folge der oben erwähnten Eingriffe auch noch in der Milz von

einzelnen Forschern beobachtet worden. ~Bizzozero~ findet in ihr viele

Theilungsfiguren von Erythroblasten bei den geschwänzten Amphibien,

deren Knochenmark keine Bedeutung für die Blutregeneration im Gegensatz

zum Frosch besitzen soll. Nach ~Eliasberg~ treten bei den Säugethieren

(Hund) kernhaltige Blutkörperchen und Theilungsstadien von ihnen ausser

im Knochenmark auch noch in der Milz auf, und zwar hauptsächlich in den

intravasculären Pulpasträngen.

Das allgemeine Ergebniss der mitgetheilten Experimente können wir

in den einen Satz zusammenfassen: +Durch Correlationen unbekannter

Art wirkt die veränderte Beschaffenheit des Blutes als Reiz auf die

blutbildenden Organe ein und regt sie zu vermehrter Thätigkeit an, bis

der normale Zustand und dadurch das gestörte Gleichgewicht im Körper

wieder hergestellt ist+.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 150 / 225 题