2. Mechanische Correlationen (Mechanomorphosen).

Wie Zug und Druck, von aussen auf die Organismen einwirkend, in ihnen

Reactionen hervorrufen, welche zur Entstehung der im VIII. Capitel

besprochenen mechanischen Gewebe und Organe führen, +so kommt es

auch im Innern des Körpers selbst zwischen den einzelnen Organen zu

mechanischen Wechselwirkungen, als deren Folge bestimmte Einrichtungen

sich ausbilden+.

Wohl alle Organe des Körpers erleiden während des Lebens bald sehr

ausgesprochene, bald kaum wahrnehmbare Bewegungen und können hierbei

ihre Form in mehr oder minder hohem Grade verändern. Entweder geschieht

dies in einer activen oder in einer mehr passiven Weise. Danach lassen

sich auch die Erscheinungen, die auf mechanischen Correlationen

beruhen, in zwei Gruppen theilen, in die Mechanomorphosen activ

beweglicher und in die Mechanomorphosen passiv bewegter Organe und

Gewebe.

a. +Mechanomorphosen activ beweglicher Organe und Gewebe+.

Activ ist die Formveränderung der Organe, wenn sie contractile

Elemente, die Muskelfasern, enthalten, welche sich auf irgend einen

Reiz in einer Richtung stark verkürzen und in der anderen Richtung

an Dicke entsprechend gewinnen. Durch ihre Anordnung rufen die

contractilen Elemente auch wieder zwei Einrichtungen hervor. Entweder

liegen sie haufenweise zu Bündeln angeordnet beisammen und bilden so

besondere motorische Arbeitsorgane des Körpers, die quergestreiften,

willkürlich beweglichen Muskeln, oder sie sind in die Wand von

Hohlorganen, von Schläuchen und Blasen, eingebettet und bedingen durch

ihre Contraction oder Erschlaffung eine Volumenveränderung, eine

Verengerung oder Erweiterung der betreffenden Hohlräume.

Es ist nun eine den Naturforschern und Aerzten allbekannte Thatsache,

dass alle muskulösen Organe der mechanischen Arbeit, welche sie

im Körper zu verrichten haben, auf das Genaueste angepasst sind.

Die Nackenmuskeln eines Säugethieres, dessen Kopf durch mächtige

Geweih- und Hörnerbildungen stark belastet ist, sind dementsprechend

viel kräftiger ausgebildet als beim Menschen, bei welchem sich die

Nackenmuskeln unter ganz anderen Bedingungen befinden. Auf die

Correlation, die bei den Flugvögeln zwischen der enormen Entwicklung

der Brustmuskulatur und dem Gebrauch der vorderen Extremität als

Flugwerkzeuge besteht, wurde schon an anderer Stelle die Aufmerksamkeit

gelenkt. Ueberall bei den Thieren sehen wir, dass nach den zu

bewegenden Theilen des Körpers sich die Grösse und die Form der zu

ihnen gehörenden Muskeln von selbst reguliren dadurch, dass die Zahl

und Stärke der contractilen Elemente, entsprechend der Grösse der zu

bewältigenden Widerstände, zu- oder abnimmt.

Genau wie Muskeln des Skeletts verhalten sich auch die muskulösen

Hohlorgane. Die Ausbildung des Muskelgewebes in den einzelnen

Abschnitten des Gefässsystems, des Darmkanales etc. erfolgt ebenfalls

in harmonischer Beziehung zu der mechanischen Arbeit, welche in den

einzelnen Abschnitten zu leisten ist. Das Muskelgewebe ist daher

auch in ausgedehntem Maasse Veränderungen fähig, wenn sich die

mechanischen Bedingungen ändern, unter denen seine Arbeit vor sich

geht; es wird kräftiger entwickelt, wie durch zahlreiche Experimente

und Krankengeschichten in eclatanter Weise über allen Zweifel sicher

gestellt ist, an allen Stellen, wo Hohlorgane ihren Inhalt nur unter

Hindernissen entleeren können: so beim Magen, wenn der Pylorus verengt

ist; am Darm oberhalb pathologischer Stricturen; bei der Blase in Folge

von Prostatahypertrophie und anderen die Harnentleerung erschwerenden

Zuständen; beim Herzen, wenn es besondere Stromhindernisse zu

bewältigen hat, welche entweder durch Klappenfehler oder durch

Erkrankungen der Arterienwandungen hervorgerufen sind.

Ueberall spielt sich die durch mechanische Ursachen hervorgerufene

Correlation etwa in folgender Weise ab. In allen muskulösen Hohlorganen

ziehen sich ihre Muskelelemente zusammen, wenn sich in ihren Hohlräumen

Inhalt ansammelt und dadurch die Wandung über das gewöhnliche Maass

hinaus gespannt und gereizt wird. Bei Vorhandensein von Hindernissen

reicht der gewöhnliche Reiz und die durch ihn hervorgerufene

Muskelaction zur Entleerung nicht aus. Es kommt daher zu stärkerer

Anhäufung des Inhaltes, zu erhöhter Anspannung der Magen-, Darm-,

der Blasen- und Herzwand; die Muskelelemente werden in Folge dessen

stärker und häufiger gereizt, bis sie durch erhöhte Arbeitsleistung

unter Benutzung ihrer Reservekraft das Hinderniss überwinden und

den vermehrten Inhalt entleeren. Die weitere Folge der stärkeren

Inanspruchnahme ist dann die eintretende Hypertrophie der Muscularis.

Nach diesem Princip kann sich die Wandung des Gefässsystems den

verschiedenen Aufgaben, welche es in seinen einzelnen Abschnitten und

bei gelegentlich auftretenden Störungen zur Beseitigung derselben

zu erfüllen hat, in besonders feiner Weise anpassen. Es modellirt

sich gewissermaassen der Blutstrom die Weite seiner Kanäle und die

wechselnde Dicke ihrer Wandungen in den verschiedenen Abschnitten

seines Laufes selbst. Hierbei kommen einige histomechanische Principien

zur Geltung, welche ~Thoma~ in seiner Histomechanik des Gefässsystems

in die Sätze zusammengefasst hat: „Strombeschleunigung führt zu einer

Erweiterung, dagegen Stromverlangsamung zu einer Verengerung der

Gefässlichtung.“ „Das Dickenwachsthum der Gefässwand ist abhängig von

der Wandspannung, diese von dem Blutdruck und dem Gefässdurchmesser.“

Das Anpassungsvermögen der Gefässwand an die ihr gestellten Aufgaben

offenbart sich am lehrreichsten unter pathologischen Verhältnissen.

Wenn in Folge irgend eines Klappenfehlers oder eines an anderer Stelle

gelegenen Hindernisses die linke oder die rechte Herzkammer stärker mit

Blut gefüllt und dadurch über die Norm ausgeweitet (dilatirt) wird, so

wächst der endocardiale Blutdruck. Dieser ruft wieder eine Vermehrung

der systolischen Energie des Herzmuskels hervor und als weitere

Folge eine Arbeitshypertrophie, durch welche unter Umständen die im

Gefässsystem vorhanden gewesene Störung vollständig compensirt werden

kann.

Erhebliche Veränderungen in der Gefässbahn, die sich in

verhältnissmässig kurzer Zeit abspielen, werden durch Unterbindung

eines grösseren Gefässes hervorgerufen. Aus unscheinbaren

Collateralästchen, die, oberhalb der Ligatur gelegen, in das anämisch

gewordene Gebiet führen, entwickeln sich ziemlich rasch Gefässe

von stärkerem Kaliber, mit dickeren Wandungen und mit einem ihrer

Dicke entsprechenden histologischen Bau. Auch hier ist wieder für

alle diese verwickelten Processe die Ursache in den veränderten

mechanischen Verhältnissen der Blutcirculation gemäss den oben

aufgestellten Gesetzen zu suchen, vor allen Dingen in der erheblich

vermehrten Geschwindigkeit, mit welcher der Blutstrom oberhalb der

Unterbindungsstelle das Collateralgefäss nach dem anämischen Gebiete

durchströmt.

b. +Mechanomorphosen passiv bewegter Organe und Gewebe.+

Von den activen sind die passiven Formveränderungen zu trennen, welche

an den nicht contractilen Organen und Geweben durch Muskelthätigkeit

etc. nothwendiger Weise hervorgerufen werden. Die Nachbartheile,

welche sich an den beiden Enden von Muskelbündeln ansetzen, erfahren

bei jeder Verkürzung derselben einen entsprechend starken Zug.

Desgleichen drängt der Muskel, indem er der Verkürzung entsprechend

anschwillt, die ihn seitlich einhüllenden Theile zur Seite und übt so

einen Druck auf sie aus und setzt sie in Spannung. Wenn Gliedmaassen

oder ganze Körpertheile durch Muskelcontraction ihre Form verändern,

wird die sie einhüllende Haut verschoben und bald in dieser, bald in

jener Richtung in eine stärkere Spannung versetzt. Wenn Knochenstücke

durch Muskelcontraction gegen einander verschoben werden, erleiden

alle Gewebe, welche den Zusammenhalt zwischen den Knochen vermitteln,

Dehnungen und Zugwirkungen. Die Wandungen der Schlagadern werden

durch die rhythmisch erfolgende Zusammenziehung und Erschlaffung des

Herzmuskels bald mehr, bald weniger stark mit Blut angefüllt, so dass

ihre Wandungen sich in wechselnden Spannungszuständen befinden. Die in

der Bauchhöhle eingebetteten Organe, welche mit den Wandungen durch

Bauchfellduplicaturen, Mesenterien und Bänder, verknüpft sind, üben

auf diese bei jeder Lageveränderung einen wechselnden Zug aus. +In

dieser Weise wirken bei allen höheren Organismen zahlreiche Organe bei

ihrer Thätigkeit in mechanischer Weise auf einander ein und sind die

Ursachen von mechanischen Structuren, die an Mannigfaltigkeit die durch

mechanische Einwirkungen der Aussenwelt bedingten weit übertreffen.+

Das Gewebe, welches am meisten der Einwirkung der Muskelaction

unterliegt, ist das +faserige Bindegewebe+, weil es zunächst die

bewegenden und die bewegt werdenden Organe einschliesst und die

Verbindungen zwischen ihnen durch Ausfüllung der Zwischenräume

herstellt. +Es ist unter allen mechanischen Geweben für die

mannigfaltigste Verwendung und Anpassung an verschiedene Aufgaben

geeignet.+ Wo das Bindegewebe in derselben Richtung einem stetigen

Zug ausgesetzt ist, sehen wir seine Fasern sich in der Zugrichtung

parallel und dicht neben einander zu Bündeln anordnen, gleichwie

die Knochenbälkchen der Spongiosa sich in der Richtung der Zug-

und Druckcurven bilden. So entstehen in der Verlängerung der

Muskelenden die +Sehnen+ und +Aponeurosen+, um die motorische Kraft

der Muskelelemente, wie Zugriemen einer Arbeitsmaschine, auf die zu

bewegenden Knochen zu übertragen. Straffe Stränge parallel geordneter

Bindegewebsfasern spannen sich nach denselben Principien als +Bänder+

zwischen Reihen hinter einander gelagerter Skeletttheile aus und

vereinigen sie so fest unter einander, dass selbst gewaltige Zugkräfte

ein Auseinanderreissen der zusammengehörigen Organe nicht zu Wege

bringen.

Wo das Bindegewebe zur Umhüllung von Muskelmassen dient und bei der

Anschwellung und Erschlaffung derselben bald mehr, bald weniger

angespannt wird, ordnen sich seine Fasern quer zur Verlaufsrichtung

der Muskelfasern an und bilden straffe Häute, die +Fascien+. Wo es

in verschiedenen Richtungen, wie in der Haut, einem wechselnden Zug

unterworfen ist, durchkreuzen sich seine Fasern in verschiedenen

Richtungen und verlaufen theils in der Längsrichtung des Körpers,

theils quer zu ihr, theils senkrecht zur Körperoberfläche.

In wie wunderbarer Weise das faserige Bindegewebe in der +Schwanzflosse

des Delphins+ zu einer Ruderplatte angeordnet ist, welche durch

Muskelaction vielseitig bewegt und dabei in einzelnen Theilen bald

prall, bald wieder geschmeidig gemacht werden kann, hat ~Roux~ in

eingehender Weise auseinander gesetzt.

Ausserdem dient aber an manchen Orten das faserige Bindegewebe

noch einem ganz entgegengesetzten mechanischen Zweck, nämlich um

die +Abscheerung+ sich verkürzender Organe gegen ihre Umgebung

zu erleichtern (siehe Seite 102). Die starken Formveränderungen

contractiler Organe müssten die einhüllenden Theile mitmachen, wenn

sie fest unter einander verbunden wären. Durch Einschaltung einer

Schicht +von „lockerem Bindegewebe“+ wird auch dieser offenbare

Uebelstand vermieden. Indem spärliche Bindegewebsfasern sich locker

und schlaff in verschiedenen Richtungen kreuzen und durch zahlreiche,

weite Lymphspalten von einander getrennt sind, entsteht ein Gewebe,

welches zwischen den an einander grenzenden contractilen und den

weniger formveränderlichen Organen eine ausgedehnte Verschiebung oder

Abscheerung gestattet und daneben auch noch gleichzeitig der Ansammlung

und Fortbewegung der Lymphe dient. So ist die Muskelhaut des Darms

einerseits gegen die Tunica mucosa, andererseits gegen die Tunica

serosa durch die +lockeren Bindegewebsschichten der Submucosa und der

Subserosa abgegrenzt+; ebenso die Haut gegen die von ihr bedeckten

Muskelmassen durch das +Unterhautbindegewebe+; die verschiedenen

Muskelindividuen gegen einander durch +lockeres interstitielles

Bindegewebe+; die Oberfläche der contractilen +Blutgefässe+ gegen ihre

Umgebung durch die lockere Tunica adventitia.

Mechanische Anpassungen finden ferner auch noch statt zwischen dem

Skelett und den es begrenzenden und mit ihm in Beziehung stehenden

Organen. Wo Sehnen und Aponeurosen sich an die Knochen ansetzen und die

Zugkraft des Muskels auf sie übertragen, entstehen Tubercula, Spinae,

Cristae etc. Unter dem Druck der wachsenden Hirntheile bilden sich die

Impressiones digitatae an der Innenfläche der Schädelkapsel.

Wie sehr die Configuration des Skelettes von der Muskelaction

beeinflusst wird, lässt sich auf experimentellem Wege überzeugend

nachweisen, am schönsten, wenn man bei jungen, noch sehr unentwickelten

Thieren durch Nervendurchschneidung eine Lähmung und dadurch bedingte

Atrophie von einzelnen Muskelgruppen künstlich hervorruft. Nach einiger

Zeit zeigt sich auch der Knochenapparat, welcher zu den gelähmten

Muskeln in Beziehung steht, theilweise mangelhaft entwickelt.

Als ~Hürthle~ einem jungen Kaninchen bald nach der Geburt den

Bewegungsnerv der Gesichtsmuskeln auf der einen Seite durchschnitt,

waren nach Jahresfrist, abgesehen von der Muskelatrophie, auch die

Kopfknochen der einen Seite in auffallender Weise in ihrem Wachsthum

zurückgeblieben. Es fehlte ihnen in Folge der Muskellähmung, wie

~Hürthle~ erklärend bemerkt, „der Zug und Druck, welcher die lebenden

Theile des Knochens zur Thätigkeit anregt und so das normale Wachsthum

des Knochens veranlasst“. --

Literatur zu Capitel XI.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 151 / 225 题