Zur Erklärung der zahlreichen verschiedenartigen Erscheinungen, welche
sich mit der Zerlegung des Keimplasmas in Determinantengruppen und
mit der Annahme der erbungleichen Theilung nicht vereinbaren lassen,
haben ~Weismann~ und ~Roux~ mehrere =Zusatzhypothesen=, die ich nicht
unerwähnt lassen will, aufgestellt.
Da das Keimplasma aus sehr zahlreichen Iden besteht, von denen ein
jedes sämmtliche Anlagen enthält, lässt ~Weismann~ nur eine Anzahl
durch erbungleiche Theilung in die Determinanten zerlegt werden, welche
den Verlauf der Embryogenese und den endlichen Charakter der Zellen
bestimmen, einen anderen Theil dagegen unzerlegt bleiben, indem er
seine Determinanten fest zusammenhält und sie bei den Zelltheilungen
nicht in ungleichen Gruppen auf die Tochterzellen vertheilt werden
lässt. +Der erstere Theil der Ide wird als actives, zerlegbares
Keimplasma, der andere dagegen als inactives oder gebundenes
Keimplasma oder als Nebenkeimplasma bezeichnet.+ Die activen Iden
dienen zur Erklärung der embryonalen Vorgänge, welche von ihnen
geleitet werden, das Nebenkeimplasma dagegen bleibt für die späteren
Fortpflanzungszellen, sowie für die Bildung von Knospen reservirt; es
wird vom befruchteten Ei aus in gebundenem Zustand neben anderem activ
werdenden Keimplasma durch mehr oder minder lange Zellfolgen hindurch
bei der Zelltheilung weitergegeben bis zu den Orten schliesslich, wo
die Geschlechtsorgane oder wo Knospen entstehen. In ähnlicher Weise
werden auch die Processe der Regeneration aus dem Vorhandensein von
„inactivem Nebenidioplasma“ zu erklären versucht.
Alle diese Zusatz-Hypothesen laufen im Wesentlichen darauf hinaus,
den Theil der Anlagen, welcher durch erbungleiche Theilung aus den
Zellen herausbefördert wurde, jetzt wieder in sie hineinschlüpfen
zu lassen. Ausser den schon oben (Seite 61) beschriebenen zwei
Arten der Kerntheilung wird daher jetzt sogar noch eine dritte
Art angenommen. Das Keimplasma kann sich gleichzeitig sowohl
erbgleich als auch erbungleich theilen, wodurch es für alle Fälle
der Erklärung anscheinend brauchbar wird. Es lässt sich so sondern
gewissermaassen in eine active und in eine Reservearmee. Die active
Armee wird durch erbungleiche Theilung allmählich in die Divisionen,
Brigaden, Regimenter, Bataillone etc. der den einzelnen Zellgruppen
zufallenden Determinanten zerlegt und führt auf diese Weise nach
einem im Keimplasma schon prädestinirten Plan die Evolution des
Entwicklungsprocesses aus. Die passive Reservearmee dagegen wird
durch erbgleiche Theilung vervielfältigt, und wo es die Verhältnisse
nothwendig machen, wird gewissen Theilen der operirenden Armee, einem
Regiment, einem Bataillon, einer Compagnie oder einem einzelnen Zug, je
eine ganze Reservearmee mit auf den Weg gegeben.
Für gewöhnlich soll diese Beigabe in einem gebundenen oder inactiven
Zustand verharren, so dass sie auf den Verlauf des normalen
Entwicklungsprocesses und auf den Charakter der sie bergenden Zellen
keinen Einfluss hat; für besondere Fälle aber ist sie in Wirksamkeit
zu treten berufen (gebundenes Keimplasma, inactives Nebenidioplasma,
Knospungsidioplasma).
Trotz dieser willkürlichen Hilfsannahmen bleibt es, wie mir durch die
mitgetheilten Thatsachen bewiesen zu sein scheint, ein unhaltbarer
Standpunkt, wenn ~Weismann~ nur +einem+ Theil der Zellen, je nachdem er
es gerade braucht, „gebundenes Keimplasma als Reservearmee“ zutheilt.
Angesichts der von ~Driesch~, und mir angestellten Experimente, die
lehren, wie die ersten Kerngenerationen gleich einem Haufen von
Kugeln im Eiraum durch einander gewürfelt werden können, im Hinblick
ferner auf andere, erst später (Capitel X) mitzutheilende Resultate,
dass aus der Hälfte, einem Viertel oder Achtel eines Eies ein ganzer
Embryo werden kann, bleibt für die ~Weismann-Roux~’sche Theorie
eigentlich nichts Anderes übrig, als jede Zelle mit Nebenidioplasma für
unvorhergesehene Fälle auszurüsten. Dann stehen wir aber auf dem von
mir vertretenen Standpunkt, dass jede Zelle im Entwicklungsprocess mit
dem vollen Keimplasma des Eies ausgerüstet wird, mit dem Unterschied
allerdings, dass ~Weismann~ es in eine active und Reservearmee theilt,
während mir diese Unterscheidung überflüssig zu sein scheint, weil
sich damit doch nichts erklären lässt. Denn bei jeder Störung des
Entwicklungsprocesses muss ja der im voraus bestimmte Operationsplan
der activen Armee nicht mehr verwerthbar sein. Wie soll sich der
complicirte, in der festen Architektur des Keimplasmas begründete
Entwicklungsmechanismus den wechselnden Verhältnissen anpassen?
Welche Verwirrung muss entstehen, wenn durch äussere Eingriffe bald
in dieser, bald in jener Weise die Abtheilungen der activen Armee in
Unordnung gebracht werden, und wenn dann den zerstreuten Trümmern
derselben die Reservearmeen mit ihrem Vorrath latenter Anlagen zu Hilfe
kommen sollen? Wer gebietet den durch den prästabilirten Plan zur
Activität bestimmten Determinanten, jetzt nicht mehr zu determiniren
an Stellen, wo es nicht mehr passt, und wer reactivirt die Anlagen der
Reservearmee, die im Entwicklungsplan gebunden bleiben sollten, an
Stellen, wo ihre Hilfe nothwendig geworden ist?