5. Künstliche Hilfshypothesen von ~Weismann~ und ~Roux~.

Zur Erklärung der zahlreichen verschiedenartigen Erscheinungen, welche

sich mit der Zerlegung des Keimplasmas in Determinantengruppen und

mit der Annahme der erbungleichen Theilung nicht vereinbaren lassen,

haben ~Weismann~ und ~Roux~ mehrere =Zusatzhypothesen=, die ich nicht

unerwähnt lassen will, aufgestellt.

Da das Keimplasma aus sehr zahlreichen Iden besteht, von denen ein

jedes sämmtliche Anlagen enthält, lässt ~Weismann~ nur eine Anzahl

durch erbungleiche Theilung in die Determinanten zerlegt werden, welche

den Verlauf der Embryogenese und den endlichen Charakter der Zellen

bestimmen, einen anderen Theil dagegen unzerlegt bleiben, indem er

seine Determinanten fest zusammenhält und sie bei den Zelltheilungen

nicht in ungleichen Gruppen auf die Tochterzellen vertheilt werden

lässt. +Der erstere Theil der Ide wird als actives, zerlegbares

Keimplasma, der andere dagegen als inactives oder gebundenes

Keimplasma oder als Nebenkeimplasma bezeichnet.+ Die activen Iden

dienen zur Erklärung der embryonalen Vorgänge, welche von ihnen

geleitet werden, das Nebenkeimplasma dagegen bleibt für die späteren

Fortpflanzungszellen, sowie für die Bildung von Knospen reservirt; es

wird vom befruchteten Ei aus in gebundenem Zustand neben anderem activ

werdenden Keimplasma durch mehr oder minder lange Zellfolgen hindurch

bei der Zelltheilung weitergegeben bis zu den Orten schliesslich, wo

die Geschlechtsorgane oder wo Knospen entstehen. In ähnlicher Weise

werden auch die Processe der Regeneration aus dem Vorhandensein von

„inactivem Nebenidioplasma“ zu erklären versucht.

Alle diese Zusatz-Hypothesen laufen im Wesentlichen darauf hinaus,

den Theil der Anlagen, welcher durch erbungleiche Theilung aus den

Zellen herausbefördert wurde, jetzt wieder in sie hineinschlüpfen

zu lassen. Ausser den schon oben (Seite 61) beschriebenen zwei

Arten der Kerntheilung wird daher jetzt sogar noch eine dritte

Art angenommen. Das Keimplasma kann sich gleichzeitig sowohl

erbgleich als auch erbungleich theilen, wodurch es für alle Fälle

der Erklärung anscheinend brauchbar wird. Es lässt sich so sondern

gewissermaassen in eine active und in eine Reservearmee. Die active

Armee wird durch erbungleiche Theilung allmählich in die Divisionen,

Brigaden, Regimenter, Bataillone etc. der den einzelnen Zellgruppen

zufallenden Determinanten zerlegt und führt auf diese Weise nach

einem im Keimplasma schon prädestinirten Plan die Evolution des

Entwicklungsprocesses aus. Die passive Reservearmee dagegen wird

durch erbgleiche Theilung vervielfältigt, und wo es die Verhältnisse

nothwendig machen, wird gewissen Theilen der operirenden Armee, einem

Regiment, einem Bataillon, einer Compagnie oder einem einzelnen Zug, je

eine ganze Reservearmee mit auf den Weg gegeben.

Für gewöhnlich soll diese Beigabe in einem gebundenen oder inactiven

Zustand verharren, so dass sie auf den Verlauf des normalen

Entwicklungsprocesses und auf den Charakter der sie bergenden Zellen

keinen Einfluss hat; für besondere Fälle aber ist sie in Wirksamkeit

zu treten berufen (gebundenes Keimplasma, inactives Nebenidioplasma,

Knospungsidioplasma).

Trotz dieser willkürlichen Hilfsannahmen bleibt es, wie mir durch die

mitgetheilten Thatsachen bewiesen zu sein scheint, ein unhaltbarer

Standpunkt, wenn ~Weismann~ nur +einem+ Theil der Zellen, je nachdem er

es gerade braucht, „gebundenes Keimplasma als Reservearmee“ zutheilt.

Angesichts der von ~Driesch~, und mir angestellten Experimente, die

lehren, wie die ersten Kerngenerationen gleich einem Haufen von

Kugeln im Eiraum durch einander gewürfelt werden können, im Hinblick

ferner auf andere, erst später (Capitel X) mitzutheilende Resultate,

dass aus der Hälfte, einem Viertel oder Achtel eines Eies ein ganzer

Embryo werden kann, bleibt für die ~Weismann-Roux~’sche Theorie

eigentlich nichts Anderes übrig, als jede Zelle mit Nebenidioplasma für

unvorhergesehene Fälle auszurüsten. Dann stehen wir aber auf dem von

mir vertretenen Standpunkt, dass jede Zelle im Entwicklungsprocess mit

dem vollen Keimplasma des Eies ausgerüstet wird, mit dem Unterschied

allerdings, dass ~Weismann~ es in eine active und Reservearmee theilt,

während mir diese Unterscheidung überflüssig zu sein scheint, weil

sich damit doch nichts erklären lässt. Denn bei jeder Störung des

Entwicklungsprocesses muss ja der im voraus bestimmte Operationsplan

der activen Armee nicht mehr verwerthbar sein. Wie soll sich der

complicirte, in der festen Architektur des Keimplasmas begründete

Entwicklungsmechanismus den wechselnden Verhältnissen anpassen?

Welche Verwirrung muss entstehen, wenn durch äussere Eingriffe bald

in dieser, bald in jener Weise die Abtheilungen der activen Armee in

Unordnung gebracht werden, und wenn dann den zerstreuten Trümmern

derselben die Reservearmeen mit ihrem Vorrath latenter Anlagen zu Hilfe

kommen sollen? Wer gebietet den durch den prästabilirten Plan zur

Activität bestimmten Determinanten, jetzt nicht mehr zu determiniren

an Stellen, wo es nicht mehr passt, und wer reactivirt die Anlagen der

Reservearmee, die im Entwicklungsplan gebunden bleiben sollten, an

Stellen, wo ihre Hilfe nothwendig geworden ist?

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 109 / 225 题