I. Die Keimplasmatheorie von ~Weismann~.

Am consequentesten und bis ins Detail ist der Neoevolutionismus in der

Keimplasmatheorie von ~Weismann~ durchgearbeitet worden.

Mit mir, ~Strasburger~ u. A. nimmt ~Weismann~ an, dass im Ei, und zwar

in seinem Zellenkern, eine besondere Substanz unterschieden werden

muss, welche der Träger der erblichen Eigenschaften jeder Organismenart

ist und bald Erbmasse, bald Idioplasma, bald Keimplasma benannt wird.

(Vergl. hierüber: Die Zelle, pag. 267.)

Nach ~Weismann~ ist das Keimplasma des Eies aus ausserordentlich

vielen, verschiedenen Stofftheilchen zusammengesetzt, welche unter

einander zu einer complicirten Architektur verbunden sind. Alle Zellen

oder Zellengruppen, welche selbständig vom Keim aus veränderlich

sind, also alle einzelnen Gewebs- und Organzellen des ausgebildeten

Organismus, sind im Keimplasma durch kleine, besondere Einheiten, die

+Determinanten+, vertreten, deren Zahl sich auf viele Hunderttausende

belaufen kann. Sie sind die Träger der Zelleneigenschaften. Da diese

in einer Zelle verschiedenartige sein können, so bauen sich die

Determinanten jeder einzelnen Zelle selbst wieder aus noch kleineren

Einheiten, den +Biophoren+, auf, durch welche je eine einzelne

Eigenschaft der Zelle repräsentirt wird.

Aus der Annahme, dass +durch je eine Determinante je eine im Körper

räumlich genau bestimmte, selbständig vom Keim aus veränderliche Zelle

oder Zellengruppe im Keimplasma vertreten sein muss+, zieht ~Weismann~

die weitere Folgerung, dass +die Determinanten auch im Keimplasma

fest localisirt+ und in sehr complicirter Weise zu einem Verbande

vereint sein müssen. Er nennt die so entstehende, gewissermaassen

eine besondere Architektur aufweisende höhere Einheit ein Id. Es ist

der Inbegriff aller zum Aufbau eines Individuums der Art nöthigen

Determinanten. Es würde genügen, wenn die Erbmasse nur ein einziges

enthielte; indessen nimmt ~Weismann~ aus verschiedenen Gründen, auf

welche einzugehen uns hier zu weit führen würde, im Keimplasma eine

Vielheit von Iden an, welche, von näheren oder entfernteren Vorfahren

abstammend, als Erbstücke die Eigenthümlichkeiten des Baues derselben

überliefern und eventuell bei einer Gelegenheit zur Wirksamkeit kommen

(Erklärung des Atavismus). Allen einzelnen, niederen und höheren

Einheiten des Keimplasmas der Eizelle kommt, wie diesem selbst, die

Eigenschaft zu, durch Stoffaufnahme zu wachsen und sich durch Theilung

zu vermehren.

Biophoren, Determinanten, Iden, Architektur des Keimplasmas sind

Annahmen, gemacht zu dem Zwecke, um mit ihnen die Frage, welche das

Thema unseres sechsten und der folgenden Capitel bildet, nämlich

die Frage nach den Ursachen der verschiedenartigen Differenzirung

der Zellen, zu beantworten. Hiermit kommen wir zu dem uns besonders

interessirenden +Cardinalpunkt der ~Weismann~’schen Hypothesen+.

Die Beantwortung gibt ~Weismann~ in der Weise, dass er die

+Determinanten+, die er im Keimplasma des Eies zu einem kunstvollen

Werk durch seine Annahmen zusammengefügt hat, in Folge des

Entwicklungsprocesses durch +einen im Ei ebenfalls vorausbestimmten

und geregelten, aber seiner Natur nach unbekannten und räthselhaften

Mechanismus+ allmählich wieder +auseinander gelegt+ und auf die

einzelnen Zellen, die durch sie in ihrem Charakter bestimmt werden

sollen, auf die +Determinaten+ vertheilt werden lässt. +Die

Entwicklung gestaltet sich auf diese Weise zu einem Process der

Selbstdifferenzirung des Eies.+

[Illustration: =Fig. 27. Schema der Zerlegung des Idioplasmas einer

Urknochenzelle der vorderen Extremität.= Nach ~Weismann~.

Die Kreise in Fig. 27 bedeuten je eine Stammzelle des betreffenden

Knochenstückes, von denen jede der Einfachheit halber als durch

+eine+ Determinante bestimmt gedacht wird. Also die Urzelle der

ganzen Knochenachse würde durch die Determinante _1_ bestimmt,

enthielte aber daneben noch in ihren Iden die Determinanten _2–35_.

Bei der ersten Zelltheilung trennen sich diese in die Stammzellen des

Oberarms (Humerus) und des Vorderarms sammt Hand. Erstere enthält die

Determinanten _2_, und von ihr ist hier die weitere Theilung in Zellen

angedeutet mit den Determinanten _2 a_ bis _2 x_. Letztere enthält

die übrigen Determinanten _3–35_, die sich nun bei jeder weiteren

Zelltheilung in immer kleinere Gruppen spalten, bis zuletzt jede Zelle

nur noch je eine Determinante enthält. Das Schema gibt nur ungefähr

die Knochenstücke der vorderen Extremität wieder. Die einzelnen

Handwurzelknochen sind weggelassen.]

Das Keimplasma-Id spaltet sich, wenn der Entwicklungsprocess beginnt,

bei jeder oder doch sehr vielen „Zell- und Kerntheilungen in immer

kleinere Gruppen von Determinanten, so dass an Stelle einer Million

verschiedener Determinanten, die etwa das Keimplasma-Id zusammensetzen

möge, auf der folgenden ontogenetischen Stufe jede Tochterzelle deren

nur noch eine halbe Million, jede der darauf folgenden Stufen nur

eine viertel Million u. s. w. enthält. Zuletzt bleibt in jeder Zelle

nur noch +eine+ Art von Determinanten übrig, welche die betreffende

Zelle oder Zellengruppe zu bestimmen hat“. Auf jeder einzelnen Stufe

der Entwicklung hat in jeder Zelle „jedes Id seine fest ererbte

Architektur, einen verwickelten, aber völlig fest bestimmten und

gesetzmässigen Bau, der, vom Id des Keimplasmas ausgehend, sich in

gesetzmässiger Veränderung auf die folgenden Id-Stufen überträgt.

In der Architektur des Keimplasma-Ids sind alle Structuren der

folgenden Idstufen potentia enthalten, in ihr liegt der Grund der

regelrechten Vertheilung der Determinanten, d. h. der Grund für den

gesammten Aufbau des Körpers von seiner Grundform an zu der Anlage

und zu den Beziehungen der Theile; in ihr liegt der Grund, warum

z. B. die Determinante für einen kleinen Fleck auf dem Flügel eines

Schmetterlings genau an die richtige Stelle gelangt und an keine

andere“.

Zur Veranschaulichung seines Gedankenganges hat ~Weismann~ das

beifolgende Schema, Fig. 27, über die Entwicklung des Skeletts der

vorderen Extremität entworfen. Zum Verständniss desselben wird auf die

beigefügte ausführliche Figurenerklärung verwiesen.

Als das Mittel, dessen sich die Natur zu dem wunderbar verwickelten

Zerlegungsprocess des Keimplasmas bedient, bezeichnet ~Weismann~

die +Zell- und Kerntheilung+. Er unterscheidet nämlich nach einer

nicht näher begründeten Annahme, welche aber doch schliesslich der

wichtigste Grundstein seines Systems ist, 2 +Arten von Kerntheilung+,

die sich zwar nach ihrem äusserlichen Verlauf durch Beobachtung nicht

unterscheiden lassen, die aber nach ihrer Wirkung grundverschieden

ausfallen. Die eine Art wird als +erbgleiche oder integrelle+ Theilung,

die andere als +erbungleiche oder differentielle+ bezeichnet.

+Die erbgleiche Theilung beruht auf einer Verdoppelung der

Determinanten durch Wachsthum und auf ihrer ganz gleichmässigen

Vertheilung auf die Idhälften+ und weiterhin auf die

Tochterchromosomen; sie tritt bei Embryonalzellen und später bei

Gewebezellen ein, welche Tochterzellen genau der gleichen Art

hervorbringen.

+Die erbungleiche Theilung dagegen wird durch ungleiche Gruppirung

der Determinanten+ während ihres Wachsthums eingeleitet; in Folge

dessen spalten sich die Iden derartig, dass hierbei die in ihnen

eingeschlossenen +Determinanten in ganz verschiedenen Combinationen

auf die Tochter-Iden übertragen werden+. Diese Art der Halbirung

des Keimplasmas spielt bei der Umwandlung des Eies in den fertigen

Organismus die Hauptrolle. Nur durch ihre richtige Functionirung

ist es möglich, dass die im Keimplasma eingeschlossenen zahllosen

Determinanten oder Bestimmungsstücke so entwickelt werden, dass sie,

zur rechten Zeit an den richtigen Ort gebracht, in die Vererbungsstücke

(Determinaten) des fertigen Körpers übergehen können.

1. Einwände gegen die Unterscheidung erbgleicher und erbungleicher

Theilung.

Bei Beurtheilung der nur kurz und der Hauptsache nach referirten

Hypothesen von ~Weismann~ will ich auf die vielen Schwierigkeiten, die

sich im Einzelnen darbieten, nicht näher eingehen, sondern mich nur auf

einige Hauptpunkte beschränken, von denen mir alles Uebrige abzuhängen

scheint. Einen solchen betrifft die Frage, ob überhaupt nach unseren

Kenntnissen vom Zellenleben „+der Process der Auseinanderlegung des

Keimplasmas+“, welchen ~Weismann~ selbst einen „wunderbar verwickelten“

nennt, +vermittelst der Kern- und Zelltheilung+ möglich ist. Ich glaube

es in Abrede stellen zu müssen und die Unmöglichkeit durch Argumente

beweisen zu können, welche zugleich eine der hauptsächlichsten

Grundlagen meiner eigenen Theorie abgeben.

Wozu dient überhaupt im Leben der Zelle ihre Theilung, bei welcher

die Kernsegmentirung die führende Rolle spielt? Doch zu ihrer

Vermehrung, zu ihrer +Fortpflanzung+, und +diese ist das Mittel,

dessen sich die Natur zur Erhaltung eines Organismus als Art bedient+.

Der als einzelnes Individuum vergängliche Organismus wird in seinen

Eigenschaften auf dem Wege der Erzeugung vervielfältigt und als Art

erhalten. +Art oder Species ist in der Biologie der Sammelbegriff für

die neben- und nacheinander bestehenden Individuen gleicher Abstammung.+

Von Pflanzen und Thieren wissen wir auf Grund unzähliger Erfahrungen,

dass jedes Individuum einer Art nur das Vermögen besitzt, wieder neue

Individuen derselben Art hervorzubringen. Die +Theorie der heterogenen

Zeugung+, wo sie aufgestellt wurde, ist als ein grober Irrthum bald

beseitigt worden. So gilt denn als ein allgemeiner Grundsatz in der

Biologie der Ausspruch „Gleiches erzeugt nur Gleiches“ oder besser

„Art erzeugt stets seine Art“. +Bei allen einzelligen Lebewesen ist

erbgleiche Theilung ihres Zellenorganismus die einzige, die vorkommt

und vorkommen kann.+ Auf ihr beruht die Constanz der Art. Wenn es

möglich wäre, dass bei irgend einem einzelligen Organismus die Erbmasse

(Idioplasma) durch Theilung in zwei ungleiche Componenten zerlegt und

auf die Tochterzellen +ungleich+ übertragen werden könnte, dann hätten

wir den Fall einer heterogenen Zeugung, den Fall einer Entstehung

zweier neuer Arten aus einer Art. Wie indessen alle Beobachtungen

lehren, werden auch bei den Einzelligen durch die Theilung die

Arteigenschaften so streng und bis ins Kleinste überliefert, dass

einzellige Pilze, Algen, Infusorien auch noch im millionsten Glied

ihren weitentfernten Vorfahren genau gleichen. +Der Theilungsprocess

als solcher erscheint daher auch bei den einzelligen Organismen nie und

nirgends als Mittel, um neue Arten in’s Leben zu rufen.+

Aus den angeführten Gründen scheint es mir nicht statthaft zu sein,

dass die Zellentheilung bei der Entwicklung des Eies als Mittel für

ganz entgegengesetzte Zwecke, als ein Mittel, durch welches einmal

Gleichartiges, das andere Mal Ungleichartiges entstehen soll, gebraucht

wird; auch hier kann jede Zelltheilung ihrer Natur nach einzig und

allein eine „+erbgleiche+“ sein; +deshalb müssen alle aus dem Ei durch

Fortpflanzung entstehenden Zellen Träger der vollen Erbmasse und der

Art nach gleich sein+.

Man wird mir hier einwerfen, dass doch der ausgebildete Organismus

eine Vereinigung sehr verschiedener +Arten von Gewebezellen+ sei,

von Epithel-, Knochen-, Muskel-, Nervenzellen etc. Man muss hierbei,

wenn eine Verständigung möglich sein soll, sich klar werden, in

welchem Sinne man in dem obigen Einwurf den Begriff „Art oder Species“

gebrauchen will, ob bloss in formaler Hinsicht als Unterscheidungs- und

Eintheilungsbegriff oder in der +biologischen Bedeutung der organischen

Species+.

2. Bemerkungen zum histologischen System. Unterscheidung

untergeordneter und wesentlicher Merkmale.

Man kann eine Summe von Dingen in sehr verschiedener „Art“ eintheilen,

entweder nach diesem oder jenem besonders in die Augen springenden

Merkmale in einer mehr äusserlichen Weise oder nach tieferen

allgemeinen Gesichtspunkten, welche das ganze Wesen der einzelnen

Gegenstände zu erfassen suchen. So erhält man Systeme mit ganz

verschiedener Artgruppirung. Salze lassen sich nach ihrer Farbe in

weisse, rothe, grüne, blaue etc. oder nach ihrer Krystallform oder nach

ihrer tiefer liegenden chemischen Constitution eintheilen. Ebenso kann

man die Zellen in verschiedener Weise zu Systemen vereinigen.

+Unser histologisches System ist ein rein künstliches+, wenn auch

ein wissenschaftlich durchaus berechtigtes und nothwendiges. Es ist

ein künstliches, weil es ein einzelnes Merkmal als Criterium der

Eintheilung verwendet.

Nach dem äusserlichen Merkmal der Contractilität werden die

Muskelfasern eines Säugethieres, eines Mollusks, einer Meduse etc.

unter der begrifflichen Einheit des Muskelgewebes zusammengefasst,

und ebenso alle anderen Gewebeformen. Nun liegt aber doch wohl klar

auf der Hand, dass durch das einzelne Merkmal der Contractilität das

Wesen der Muskelzelle nicht erschöpft ist. Eine jede ist ja Theil

eines Organismus und wird in dieser Hinsicht Eigenschaften besitzen,

durch welche sie sich von der Muskelzelle eines anderen Organismus

unterscheidet. Ich +bezeichne sie im Gegensatz zu den histologischen

Merkmalen der Gewebe als ihre Arteigenschaften, weil sie das Wesen der

Zellen einer Organismenart ausmachen+.

Während die +histologischen Merkmale+ uns in den

Differenzirungsproducten der Gewebe etc. erkennbar zu Tage treten,

entziehen sich die +Arteigenschaften der Zellen+ unserer directen

Beobachtung, weil wir zur Zeit in die feineren, auf dem micellaren

Gebiet liegenden Organisationsverhältnisse der Zellen mit unseren

derzeitigen Hilfsmitteln der Forschung nicht einzudringen vermögen.

Wissenschaftliche Schlüsse allgemeiner Natur sind es, die uns mit

Nothwendigkeit zwingen, ausserhalb unseres Sinnesbereichs gelegene

Organisationen anzunehmen.

Am besten lässt sich wohl der Punkt, auf den es hier ankommt, an dem

+Beispiel der Geschlechtszellen+ klar machen.

Wo eine Differenzirung in zwei Geschlechter im Organismenreich

eingetreten ist, treffen wir in der Regel +zwei+ Arten von Zellen, die

sich nach Grösse, Inhalt, Form in sehr auffälliger Weise von einander

unterscheiden: die Eier und die Samenfäden. Im histologischen Systeme

stellen wir die Eier der verschiedenen Thier- und Pflanzenarten in eine

Gruppe und ebenso die Samenfäden in einer anderen Gruppe zusammen;

wir erhalten durch diese Zusammenstellung das merkwürdige Schauspiel,

dass, während die männlichen und weiblichen Geschlechtszellen ein

und derselben Organismenart in allen ihren äusseren Merkmalen im

höchsten Grade verschieden sind, die Eier von Organismen, die im

System sehr entfernt von einander stehen, zum Beispiel von manchen

Wirbelthieren und Wirbellosen, ja selbst von Pflanzen und Thieren,

zum verwechseln ähnlich sind, und ebenso ihre Samenfäden. Die Eier

kann man dann weiter nach der Beschaffenheit des Dotters in die

bekannten Unterarten eintheilen, ebenso die Samenfäden nach weiteren

Structureigenthümlichkeiten.

Das so erhaltene System ist ein in mancher Hinsicht zweckmässiges, weil

es einen raschen Ueberblick über manche Verhältnisse gestattet, aber

ein durchaus künstliches, wie das ganze histologische System. Denn die

Eintheilung beruht auf äusserlichen und nebensächlichen Merkmalen,

lässt dagegen die wesentlichen Eigenschaften der zusammengeordneten

Gebilde ganz unberücksichtigt. Was diese sind, ergibt sich aus der

Erwägung, dass Ei und Samenfaden die Anlagen für einen neuen Organismus

bilden, dass sie daher die für jede Organismenart charakteristischen

Eigenschaften der Anlage nach enthalten müssen. Durch solche Erwägungen

gewannen wir den Begriff des Idioplasmas (siehe erstes Buch, Seite

267) oder der Anlagesubstanz, welche das eigentliche Wesen der

Geschlechtszelle ausmacht. In der Organisation ihres Idioplasmas müssen

Eier und Samenfäden ein und derselben Organismenart im Wesentlichen

gleich sein, dagegen müssen sich die Geschlechtszellen verschiedener

Thierarten, z. B. einer Säugethier- und einer Vogelart, in der

Beschaffenheit ihrer Idioplasmen in demselben Grade unterscheiden, als

die Eigenschaften eines Säugethieres von denen eines Vogels verschieden

sind.

Die so erschlossene Organisation des Idioplasmas ist mit unseren Sinnen

nicht wahrnehmbar. Wären wir in der Lage, für sie eine Formel, die

wahrscheinlich eine höchst complicirte sein würde, zu entwickeln, wie

es die Chemiker für ihre unendlich viel einfacher aufgebauten Stoffe

vermögen, so wären wir in der Lage, auf Grund der Constitutionsformeln

des Idioplasmas die Geschlechtszellen der Organismen in ein +System

zu bringen, welches nicht, wie das histologische, auf nebensächliche,

sondern auf die wesentlichen Eigenschaften gegründet ist+. In einem

solchen System würden männliche und weibliche Geschlechtszellen

einer Organismenart wahrscheinlich nur unbedeutende Varianten

derselben Constitutionsformel darbieten, während die Formeln für die

Geschlechtszellen verschiedener Organismen eine Anordnung aufweisen

würden, die etwa der Gruppirung der Thier- und Pflanzenspecies im

natürlichen System entspräche.

+Mit den verschiedenen Gewebsarten verhält es sich genau ebenso

wie mit den Ei- und Samenzellen. Die histologischen Unterschiede

innerhalb der Zellen sind erst secundären Ursprungs, sie beruhen

auf Verschiedenheiten der für besondere Zwecke ausgeschiedenen

Bildungsproducte des Protoplasmas, der formed matter von Beale; ihre

Artgleichheit dagegen beruht -- was das viel Wichtigere ist -- auf

der Organisation der die Plasmaproducte überhaupt erst bildenden

Zelle, der forming matter, besonders aber auf der Constitution des

von den Geschlechtszellen überkommenen Idioplasmas, welches für jede

Organismenart ein besonderes ist. In den histologischen Unterschieden

eines Organismus erblicke ich daher nur verschiedene Zustände von

Zellen, die in der Constitution ihres Idioplasmas übereinstimmen und

als Abkömmlinge einer gemeinsamen Mutterzelle =der Art= nach gleich

sind.+

Hier höre ich allerdings von ~Weismann~ und Anderen den Einwurf

erheben: Wenn das Idioplasma im Stande ist, der ihr zugehörigen Zelle

einen specifischen Charakter aufzudrücken, so „+muss es in jeder Art

von Zellen ein verschiedenes+ sein“.

Bei einer Beantwortung dieses Einwurfes kommt es hauptsächlich darauf

an, sich zu verständigen, was unter dem Wort „verschieden“ gemeint ist.

Denn „verschieden“ ist ein sehr dehnbarer Begriff, und es wird sich

zeigen, dass ~Weismann~ und ich gerade über die Art der Verschiedenheit

sehr abweichende Ansichten haben.

3. Das Idioplasma erfährt keine Zerlegung, sondern tritt nur in

verschiedene Zustände ein.

Zunächst wird weder von ~Nägeli~ noch von mir in Abrede gestellt,

dass das Idioplasma in den Zellen eines Organismus an verschiedenen

Orten und zu verschiedenen Zeiten Verschiedenheiten zeigen kann. Denn

lebende Wesen verändern sich, also auch das Idioplasma, so lange es

lebt. Aus diesen Veränderungen aber ist Niemand den Schluss zu ziehen

berechtigt, dass jetzt das Idioplasma auch in seinem Wesen als Träger

der Arteigenschaften ein anderes geworden sei, ebenso wie Niemand von

einem Organismus wegen der in der Zeit und an verschiedenen Orten

seines Körpers eintretenden Veränderungen behaupten wird, dass er eine

andere „Art“ von Organismus geworden sei. ~Weismann~ aber fasst in

seiner Keimplasmatheorie die Verschiedenheit ohne Angabe besonderer

Gründe gleich so, als ob sie, wie oben auseinandergesetzt wurde, in

+einer vollständigen Zerlegung des Idioplasmas in ungleichwerthige

Bestandtheile+ bestehen müsse. Die Annahme ist eine willkürliche,

solange sie nicht aus biologischen Verhältnissen wahrscheinlich gemacht

wird. Diese aber scheinen uns zu ganz anderen Vorstellungen hinzuführen.

Wenn das Idioplasma als eine sehr hoch organisirte Substanz und als

Erbmasse mit sehr vielen Anlagen begabt ist, was sie ja nach unserer

Annahme sein muss, so kann sie, wie wir glauben wahrscheinlich machen

zu können, verschiedene Zustände in der Weise darbieten, dass +unter

besonderen Bedingungen+ eine ihrer vielen Anlagen zur Entwicklung

kommt, während andere latent bleiben. Aendern sich die Bedingungen,

so kann die entwickelte Anlage sich wieder zurückbilden, wodurch

der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt wird, oder es kann das

Idioplasma durch Entwicklung anderer Anlagen, die den veränderten

Bedingungen entsprechen, in neue Zustände eintreten.

In dieser Art etwa bewahrt das Idioplasma seinen Charakter als Träger

der Arteigenschaften, +trotz aller Veränderungen, die+ es +unter dem

Wechsel der Bedingungen erfährt+.

In unsere Betrachtung haben wir hier gleich ein +wichtiges Moment+ mit

eingeführt, welches ~Weismann~ überhaupt ganz ausser Acht gelassen

hat, nämlich die +Bedingungen+. Nach ~Weismann~ verändert sich das

Keimplasma aus sich selbst, durch innere Ursachen; nach unserer

Auffassung dagegen spielen hierbei Bedingungen oder äussere Ursachen

mit eine wesentliche Rolle. Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an

das schon früher Gesagte (S. 46 u. 52) erinnert, dass jede Veränderung

in einem complicirten organischen System stets auf viele Ursachen, die

man als innere und äussere unterscheidet, zurückzuführen ist. So wirken

bei Veränderung einer Zelle ausser den Eigenschaften ihres Idioplasmas

(innere Ursachen) auch die Bedingungen und Umstände mit, unter denen

sich die Zelle zur ganzen äusseren Natur und insbesondere auch zu

anderen Zellen des Organismus befindet, welchem sie integrirt ist.

Durch einen Vergleich mit den bekannteren Erscheinungen der Chemie

lässt sich unsere Auffassung auch noch in anderer Weise erläutern.

Das Hämoglobin mit seiner complicirten Constitution kann mehrere

Modificationen darbieten, indem es sich verschiedene Gase lockerer

oder fester angliedern kann. Tritt in Folge des Athmungsprocesses in

den Lungen Sauerstoff in das Blut, so bemächtigt sich das Hämoglobin

desselben und erscheint jetzt als Oxyhämoglobin, geräth es unter

andere Bedingungen, wenn es sich in der Nähe von Geweben mit stärkeren

Affinitäten zum Sauerstoff befindet, so wird ihm der letztere wieder

entrissen; es entsteht reducirtes Hämoglobin. Wird darauf CO oder

NO eingeathmet, so erscheint uns das Haemoglobin abermals in etwas

abgeänderter Form als Kohlenoxyd- und Stickoxydhämoglobin. Bei allen

diesen Umwandlungen bewahrt das Hämoglobin seine in der complicirten

Constitution begründeten wesentlichen Eigenschaften, so dass wir

die an ihm eintretenden Veränderungen nur als seine Modificationen

bezeichnen. Auch kann es jeder Zeit in den ursprünglichen Zustand

wieder zurückkehren, wenn die Bedingungen dazu vorhanden sind, wenn wir

also geeignete chemische Körper mit stärkeren Affinitäten zum O, CO

oder NO etc. mit ihm in Beziehungen bringen.

Dasselbe lehren uns alle hochmoleculären organischen Stoffe, bei denen

sich ein einzelnes Atom durch Atome anderer Art oder durch kleinere

Atomgruppen auf experimentellem Wege, das heisst, durch Herstellung der

für jede Veränderung erforderlichen Bedingungen ersetzen lässt.

In analoger Weise -- so liesse es sich vorstellen -- bewahrt das

Idioplasma, im Vergleich zu dessen Organisation das complicirteste

chemische Molecül wohl noch ein sehr einfaches Gebilde ist, seinen

Grundcharakter, seine wesentlichen Eigenschaften, trotz der

Veränderungen, die sich hier oder dort an einem einzelnen Theilchen

abspielen, ähnlich wie an einem einzelnen Glied complicirter

Atomverkettungen in dem oben angeführten Beispiel.

In diesem Sinne sind alle noch so verschiedenartig differenzirten

Zellen eines Organismus untereinander +artgleich+; alle sind Träger

des für die betreffende Species charakteristischen Idioplasmas; ihre

in den Protoplasmaproducten zu Tage tretenden Verschiedenheiten

sind nur hervorgerufen dadurch, dass einzelne Zellen von ihren

vielen Anlagen bald diese, bald jene mehr ausgebildet haben, die

Eigenschaft, Muskelfibrillen oder Nervenfibrillen, Bindegewebe- oder

elastische Fasern, Knorpel- oder Knochengrundsubstanz zu differenziren,

Gallenfarbstoff, Ptyalin oder Pepsin, Glycogen oder Fett etc. etc.

herzustellen, sowie die Bedingungen dazu gegeben sind.

Gegen die Hypothese von ~Weismann~, dass die verschiedene

Differenzirung der Zellen auf eine stattgehabte Auseinanderlegung ihres

Idioplasmas in ungleichartige Theile hinweise, lassen sich manche

Erscheinungen der Biologie als unvereinbar geltend machen. Auch hier

sei wieder an die Naturgeschichte der einzelligen Organismen erinnert.

Denn manche von ihnen durchlaufen ja ebenfalls eine Stufenfolge von

histologisch differenzirten Entwicklungsplänen, die unter Umständen

erhebliche Verschiedenheiten aufweisen und sich mit derselben

Nothwendigkeit wie die Entwicklungsstadien höherer Thiere an einander

schliessen. Zur Veranschaulichung mögen zwei Beispiele dienen.

+Podophrya gemmipara+ (Fig. 28) eine Acinete, sitzt im ausgebildeten

Zustand mit einem langen Stiel an anderen Körpern fest und ist am

entgegengesetzten Mundpol mit Saugröhren ausgestattet. Sie pflanzt sich

durch Bildung mehrerer kleiner Knospen fort, die auf ihrer Oberfläche

nach Art freischwimmender, hypotricher Infusorien bewimpert sind. Diese

sehen durchaus dem Mutterorganismus unähnlich aus, bewegen sich eine

Zeit lang als Schwärmer im Wasser fort, setzen sich später irgendwo

fest und entwickeln nun einen Stiel, Tentakeln und Saugröhren, wodurch

sie erst allmählich wieder die Form des Mutterthieres gewinnen.

[Illustration: Fig. 28.]

[Illustration: Fig. 29.]

=Fig. 28. Podophrya gemmipara mit vielen Knospen.=

_a_ Knospen, die sich ablösen und zum Schwärmer _b_ werden. _N_ Kern.

Nach ~R. Hertwig~, Zoologie.

=Fig. 29. Gregarinen-Entwicklung.= Nach ~R. Hertwig~, Zoologie.

_I_ Clepsidrina blattarum in Conjugation. _ek_ Ektosark. _en_

Entosark. _cu_ Cuticula. _pm_ Protomerit. _dm_ Deutomerit. _n_

Kern. _II A-C_ Cysten in Umwandlung zu Pseudonavicellen. _pn_

Pseudonavicellen. _rk_ Restkörper. _III A_ Eine Pseudonavicelle

stärker vergrössert. _B_ Dieselbe getheilt in die sichelförmigen

Keime _sk_.

Die =Gregarinen= (Fig. 29) sind grosse, in zwei Stücke, Protomerit und

Deutomerit, gegliederte Zellen, mit einer oberflächlichen Cuticula

und einer Lage Muskelfibrillen unter derselben. Sie encystiren sich

nach vorausgegangener Conjugation und zerfallen dann unter Theilung

des Kerns in zahlreiche, charakteristisch geformte Pseudonavicellen,

die sich hierauf noch in die sichelförmigen Keime theilen. Aus den

ausserordentlich kleinen Keimzellen entwickeln sich allmählich wieder

die so ganz anders gestalteten Gregarinenzellen.

So lassen sich noch viele derartige Metamorphosen von einzelligen

Organismen anführen, wobei die Arteigenschaften von einem auf den

andern Zustand einfach übertragen werden. Derartige Verhältnisse

bei den Einzelligen sind ein schlagender Beweis, wie unrichtig es

wäre, wenn wir aus dem verschiedenen Aussehen zweier Zellen, wie es

~Weismann~ für die vielzelligen Organismen gethan hat, die Folgerung

ziehen wollten, dass in ihnen das Idioplasma durch Zerlegung in

ungleichwerthige Bestandtheile ein verschiedenes geworden sein

müsse, was ja dann nothwendiger Weise auch eine Veränderung der

Arteigenschaften zur Folge haben müsste. Denn wenn überhaupt die

Arteigenschaften an eine Substanz gebunden sind, die als Erbmasse von

dem Mutter- auf den Tochterorganismus übertragen wird, so müssen die

infusorienartigen Schwärmer der Acineten und die sichelförmigen Keime

der Gregarinen sie besitzen, obwohl sie vom Mutterorganismus äusserlich

eine Zeit lang total verschieden sind: sie wandeln sich ja wieder in

eine Acinete oder Gregarine um, gleich der Form, von der sie selbst als

Keime abstammen.

4. Weitere Beweise für die Ansicht, dass alle Zellen im Organismus

Träger der Arteigenschaften sind.

Mit ~Weismann~’s Hypothese einer Zerlegung des Idioplasmas durch

erbungleiche Theilung lassen sich ferner die Erscheinungen der

Reproduction, der Keim- und Knospenbildung, ohne Annahme besonderer

Hilfshypothesen gar nicht in Einklang bringen.

Bei vielen niederen Thieren und Pflanzen haben kleine Stückchen

Körpersubstanz, die man den verschiedensten Regionen entnehmen kann,

das Vermögen, wieder den ganzen Organismus aus sich zu reproduciren.

Bei der Annahme einer erbungleichen Theilung der aus dem Ei

hervorgehenden Zellen ist dies nicht begreiflich, wohl aber, wenn jede

Zelle, wie das Ei, in Folge erbgleicher Theilung die Anlage zum Ganzen

enthält und daher nur der besonderen Bedingungen bedarf, um selbst

wieder Keimzelle zu werden.

In einer anderen Richtung lehren wieder die Ergebnisse der Pfropfung,

der Transplantation und Transfusion, dass +alle Zellen und Gewebe+

eines Organismus ausser ihren sichtbaren, histologischen Eigenschaften

auch noch latente, weniger offen zu Tage liegende Eigenschaften

besitzen, welche sich als der Art eigenthümlich nachweisen lassen und

daher auf die gleichmässige Verbreitung des Idioplasmas durch den

ganzen Organismus hinweisen.

Besonders aber fallen gegen die ~Weismann~’sche Hypothese schwer

in’s Gewicht alle Experimente, durch welche der Entwicklungsprocess

in seinen einzelnen Stadien abgeändert werden kann. Denn es lässt

sich auf diesem Wege beweisen, dass die einzelnen, durch Theilung

entstehenden Zellen keineswegs durch einen voraus bestimmten Plan,

der in der complicirten Architektur des Idioplasmas gegeben und durch

die Art seiner Auseinanderlegung vollzogen wird, unabweislich nur

für eine bestimmte Rolle von vornherein prädestinirt sind. Ich meine

die Experimente von ~Driesch~ und mir, durch welche schon die ersten

Embryonalzellen gezwungen werden können, sich zu anderen Stücken des

Embryo auszubilden, als es beim normalen Entwicklungsverlauf der Fall

gewesen sein würde.

~Driesch~ hat befruchtete Echinodermeneier in sinnreicher Weise

zwischen Glasplatten allmählich abgeplattet und dadurch bewirkt,

dass die ersten sechszehn Zellen nicht, wie es normal geschieht,

durch verticale und horizontale Theilebenen, die in wechselnder Folge

auftreten, sondern nur durch verticale Theilebenen von einander

getrennt werden (Fig. 30). In der einschichtigen Zellenplatte haben

die Kerne der einzelnen Embryonalzellen natürlich eine ganz andere

Lage zu einander eingenommen, als es bei normaler Entwicklung der Fall

ist. Da trotzdem normale Plutei aus so behandelten Eiern gezüchtet

werden konnten, zieht ~Driesch~ den zutreffenden Schluss, dass die

Embryonalzellen der Echiniden als ein gleichartiges Material anzusehen

sind, welches man in beliebiger Weise wie einen Haufen Kugeln durch

einander werfen kann, ohne dass seine normale Entwicklungsfähigkeit

darunter im mindesten leidet. Eine solche Vertauschung ist ohne Schaden

für das Entwicklungsproduct selbstverständlicher Weise nur dann

möglich, wenn ein Kern dem andern in seinen Eigenschaften gleicht, das

heisst, wenn alle Kerne durch erbgleiche Theilung vom Furchungskern

abstammen.

Aehnliche Experimente habe ich an Froscheiern angestellt (Fig. 31).

Diese wurden am Beginn der Furchung entweder zwischen parallelen,

horizontal gelagerten oder zwischen vertical gestellten Glasplatten

zu einer Scheibe zusammengepresst. Im ersten Falle wurden sie

dorsiventral, d. h. in der Richtung vom animalen zu dem vegetativen

Pol, im zweiten Fall senkrecht zu dieser Richtung, also seitlich

abgeplattet. Dadurch wurde in jedem Fall ein durchaus abweichender

Verlauf des Furchungsprocesses und eine anderweitige Vertheilung der

Kerne im Dotter künstlich hervorgerufen.

[Illustration: =Fig. 30. Erste Furchungsstadien von Echinus

mikrotuberculatus.=

α Normale Furchung. γ Furchung eines Eies unter Pressung, welche

erst auf dem sechszehnzelligen Stadium aufgehoben wurde. _1_ Vier-,

_2_ acht-, _3_ sechszehn-, _4_ zweiunddreissigzelliges Stadium. Nach

~Driesch~.]

[Illustration: =Fig. 31.= Schemata von Froscheiern, welche zeigen, wie

das Kernmaterial bei Abänderung des Furchungsprocesses verlagert wird.

Die mit gleichen Zahlen benannten Kerne sind in den einzelnen Schemata

immer gleicher Herkunft. Alle Eier sind vom animalen Pol aus gesehen.

_A_ Normal entwickelte Eier. _B_ Zwischen horizontalen Platten

gepresste Eier. _C_ Zwischen verticalen Platten gepresste Eier.]

Um die Verhältnisse dem Leser recht anschaulich zu machen, sollen die

drei Schemata _A_, _B_, _C_ (Fig. 31) dienen, von welchen _A_ über die

Vertheilung der Kernsubstanz bei normal gefurchten Eiern Aufschluss

gibt, _B_ bei Eiern, die zwischen parallelen, horizontal gelagerten

Platten gepresst sind, und _C_ bei Eiern, die eine Pressung zwischen

vertical gestellten Glasplatten erfahren haben. Die Schemata zeigen uns

die Lage der Furchungszellen und ihrer Kerne bei Betrachtung des Eies

vom animalen Pol aus. Auf den Stadien, wo durch die Theilung zwei über

einander gelegene Zellschichten gebildet worden sind, ist die tiefer

gelegene von der anderen durch Schraffirung kenntlich gemacht worden.

In den drei Schemata haben die Kerne Zahlen erhalten, damit der Leser

sofort weiss, in welcher Reihenfolge sie von den Kernen der beiden

ersten Furchungszellen abstammen. Es wird dies durch folgende zwei

Stammbäume ausgedrückt:

1 2

3 4 5 6

7 8 9 10 11 12 13 14

15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30.

In den drei Schemata sind also die gleich bezifferten Kerne sowohl von

gleicher Abstammung, als auch nach der ~Roux-Weismann~’schen Hypothese

von gleicher Qualität, während die verschieden bezifferten Kerne in

ihren Eigenschaften von einander abweichen.

Sehen wir nun, wie die Kerne bei den drei verschiedenen, zum Theil

experimentell erzeugten Arten des Furchungsprocesses im Eiraum

vertheilt werden.

Im ersten Theilungscyklus gleichen sich die Kerne in allen Fällen;

beim zweiten Cyklus tritt der erste Unterschied auf: bei _A¹_ und

_B¹_ liegen die Kerne 3 und 5 nach links, 4 und 6 nach rechts von der

zweiten Theilungsebene, welche nach einer Hypothese von ~Roux~ der

Medianebene des späteren Embryo entsprechen würde; bei _C¹_ dagegen

sind sie in 2 Schichten über einander gelagert, 4 und 6 dorsal, 3 und 5

ventral.

Im dritten Cyklus ist in keinem Falle mehr eine Übereinstimmung in der

Lage der Kerne vorhanden.

In Schema _A²_ und _B²_ sind zwar die Kerne noch in gleicher Weise nach

links und rechts von der Medianebene vertheilt, aber dort liegen sie in

doppelter Schicht über-, hier in einfacher Schicht hintereinander. Die

Kerne 8, 10, 12, 14, welche in _A²_ der oberen Lage angehören, nehmen

in _B²_ die Mitte der einschichtigen Scheibe ein und haben die in _A_

ventral gelegenen Kerne 7 und 9, 11 und 13 nach entgegengesetzten Enden

nach den Kanten der Scheibe auseinander gedrängt.

In Schema _C²_ endlich ist auch auf dem dritten Theilstadium noch keine

Medianebene entstanden; es liegen die Kerne 9, 10, 14, 13, die in _A²_

und _B²_ der rechten Körperseite angehören, in der dorsalen Zellschicht

und die Kerne 7, 8, 12, 11 ventralwärts. Im vierten Theilungscyklus ist

das Kernmaterial, wie eine Vergleichung der Figuren _A³_–_C³_ lehrt, im

Eiraum noch mehr durch einander gewürfelt.

Während im normal geformten und gelagerten Ei die Vervielfältigung und

Vertheilung der Kernsubstanz in nahezu identischer, typischer Weise

erfolgt, genügt schon die blosse Abänderung der Kugelform zum Cylinder

oder zur Scheibe, um eine vollständige Andersvertheilung hervorzurufen,

wenn wir die Kerne auf Grund ihres Stammbaumes mit einander

vergleichen. Je nach dieser oder jener Art des Furchungsverlaufes

werden sie bald mit diesem, bald mit jenem Raumtheil der Dottersubstanz

in Verbindung gebracht und zu einem Zellindividuum abgesondert.

Wenn wirklich die Kerne durch den Furchungsprocess mit verschiedenen

Qualitäten ausgestattet würden, wodurch die sie bergenden Dotterstücke

von vornherein zu einem bestimmten Stücke des Embryos zu werden

gezwungen wären, was für absonderliche Missbildungen müssten dann aus

den Eiern mit dem in verschiedenster Weise „durch einander gewürfelten“

Kernmaterial entstehen? --

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 108 / 225 题