Mir scheint, dass die Determinantenlehre bei jeder Aenderung der im
Entwicklungsplan nicht vorgezeichneten Verhältnisse versagt, und
dass hierdurch, wie durch die nachgewiesene Unmöglichkeit einer
erbungleichen Theilung die Keimplasmatheorie das Wesen des organischen
Entwicklungsprozesses nicht erklären kann. Schon in philosophischer
Hinsicht beruht sie auf falschen Grundannahmen. Denn die Entwicklung
des Eies ist weder eine Selbstdifferenzirung, noch verläuft sie auf
Grund von Selbstdetermination der Zellen.
+Der Entwicklungsprocess, um verstanden zu werden, muss vielmehr
erfasst werden als ein kleines Stückchen des Naturverlaufs, das will
heissen: das Ei entwickelt sich in unmittelbarstem Zusammenhang, in
steter Fühlung mit dem Naturganzen unter Benutzung der es umgebenden
Aussenwelt. Stoff und Kraft treten beständig in dasselbe ein und aus.
Das Ei ist daher kein mechanisches Kunstwerk, dessen Mechanismus
nur in Gang gesetzt zu werden braucht, um dann ruhig in der ihm
vorgeschriebenen Weise abzulaufen, sondern ein Organismus, dessen
Leben auf jeder Stufe der Entwicklung und zu jeder Zeit auf seinem
beständigen Verkehr mit der Aussenwelt beruht.+
Von diesen Gesichtspunkten aus ist auf den folgenden Seiten der
Versuch gemacht worden, die Grundzüge für eine Entwicklungstheorie zu
entwerfen. Im Gegensatz zur Keimplasmatheorie, welche durch einen in
das Ei hineinconstruirten, in der Architektur und der gesetzmässigen
Zerlegung des Keimplasmas gegebenen Mechanismus die Entwicklung
mechanisch als Evolution und Präformation zu begreifen sucht, bezeichne
ich meine Theorie der Entwicklung als die +Theorie der Biogenesis+.
Durch sie wird, wie schon im Namen ausgedrückt ist, das Ei als ein
mit allen Eigenschaften des Lebens ausgerüsteter Organismus, als ein
Lebewesen oder Bion, erfasst. Die Entwicklung ist ein Naturprocess, der
auf dem Zusammenwirken der durch Vermehrung der Eizelle entstehenden
artgleichen Lebewesen beruht und sich unter dem beständigen Einfluss
der Aussenwelt und in beständiger Fühlung mit ihr vollzieht. Dieser
Vorgang ist ein durchaus epigenetischer.
Auf der anderen Seite überbrückt indessen die Theorie der Biogenesis
in gewisser Hinsicht die tiefe Kluft, welcher früher zwischen der
alten Präformationstheorie und der Theorie der Epigenese von ~Caspar
Friedrich Wolff~ bestand, dadurch, dass sie zum Ausgangspunkt und
zur Grundlage der Entwicklung ein kleines Lebewesen mit einer schon
ausserordentlich complicirt beschaffenen Anlagesubstanz annimmt. +Denn
der Organismus der Eizelle vereinigt auch in unsern Augen in sich
die Hauptbedingungen, durch welche der specifische oder „artgemässe“
Verlauf und das Endergebniss des Processes in erster Linie bestimmt
wird.+
Literatur zu Capitel VI.
1) =H. Driesch.= _Entwicklungsmechanische Studien, I-VI. Zeitschr. f.
wissensch. Zool. Bd. LIII. LV._
2) +_Derselbe._+ _Zur Theorie der thierischen Formbildung. Biol.
Centralbl. Bd. XIII. 1893._
3) +_Derselbe._+ _Die Verlagerung der Blastomeren des Echinideneies.
Anatom. Anzeiger Bd. VIII. 1893._
4) =Oscar Hertwig.= _Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden.
Eine Grundlage für cellulare Streitfragen. Archiv für mikrosk. Anat.
Bd. XXXVI. 1890. Seite 86–100._
5) +_Derselbe._+ _Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft 1.
Präformation oder Epigenese? Grundzüge einer Entwicklungstheorie der
Organismen. Jena 1894._
6) +_Derselbe._+ _Ueber den Werth der ersten Furchungszellen für
die Organbildung des Embryo. Experimentelle Studien am Frosch- und
Tritonei. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII. 1893._
7) +_Derselbe._+ _Aeltere und neuere Entwicklungstheorieen. Ein
Vortrag. Berlin, Hirschwald. 1892._
8) =Nägeli.= _Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre.
1884._
9) =Wilhelm Roux.= _Zur Orientirung über einige Probleme der
embryonalen Entwicklung. Zeitschr. f. Biologie Bd. XXI. 1885._
10) +_Derselbe._+ _Ueber die Bedeutung der Kerntheilungsfiguren.
Leipzig 1883._
11) +_Derselbe._+ _Ueber die künstliche Hervorbringung halber Embryonen
durch Zerstörung einer der beiden ersten Furchungskugeln, sowie über
die Nachentwicklung (Postgeneration) der fehlenden Körperhälfte.
Virchow’s Archiv Bd. CXIV. 1888._
12) +_Derselbe._+ _Ueber das entwicklungsmechanische Vermögen jeder der
beiden ersten Furchungszellen des Eies. Verhandl. d. anat. Gesellsch.
d. 6. Vers. in Wien 1892._
13) +_Derselbe._+ _Ueber Mosaikarbeit und neuere
Entwicklungshypothesen. Anatom. Hefte von Merkel u. Bonnet 1893._
14) +_Derselbe._+ _Gesammelte Abhandlungen über die
Entwicklungsmechanik der Organismen. Bd. II. 1895._