6. Endergebniss.

Mir scheint, dass die Determinantenlehre bei jeder Aenderung der im

Entwicklungsplan nicht vorgezeichneten Verhältnisse versagt, und

dass hierdurch, wie durch die nachgewiesene Unmöglichkeit einer

erbungleichen Theilung die Keimplasmatheorie das Wesen des organischen

Entwicklungsprozesses nicht erklären kann. Schon in philosophischer

Hinsicht beruht sie auf falschen Grundannahmen. Denn die Entwicklung

des Eies ist weder eine Selbstdifferenzirung, noch verläuft sie auf

Grund von Selbstdetermination der Zellen.

+Der Entwicklungsprocess, um verstanden zu werden, muss vielmehr

erfasst werden als ein kleines Stückchen des Naturverlaufs, das will

heissen: das Ei entwickelt sich in unmittelbarstem Zusammenhang, in

steter Fühlung mit dem Naturganzen unter Benutzung der es umgebenden

Aussenwelt. Stoff und Kraft treten beständig in dasselbe ein und aus.

Das Ei ist daher kein mechanisches Kunstwerk, dessen Mechanismus

nur in Gang gesetzt zu werden braucht, um dann ruhig in der ihm

vorgeschriebenen Weise abzulaufen, sondern ein Organismus, dessen

Leben auf jeder Stufe der Entwicklung und zu jeder Zeit auf seinem

beständigen Verkehr mit der Aussenwelt beruht.+

Von diesen Gesichtspunkten aus ist auf den folgenden Seiten der

Versuch gemacht worden, die Grundzüge für eine Entwicklungstheorie zu

entwerfen. Im Gegensatz zur Keimplasmatheorie, welche durch einen in

das Ei hineinconstruirten, in der Architektur und der gesetzmässigen

Zerlegung des Keimplasmas gegebenen Mechanismus die Entwicklung

mechanisch als Evolution und Präformation zu begreifen sucht, bezeichne

ich meine Theorie der Entwicklung als die +Theorie der Biogenesis+.

Durch sie wird, wie schon im Namen ausgedrückt ist, das Ei als ein

mit allen Eigenschaften des Lebens ausgerüsteter Organismus, als ein

Lebewesen oder Bion, erfasst. Die Entwicklung ist ein Naturprocess, der

auf dem Zusammenwirken der durch Vermehrung der Eizelle entstehenden

artgleichen Lebewesen beruht und sich unter dem beständigen Einfluss

der Aussenwelt und in beständiger Fühlung mit ihr vollzieht. Dieser

Vorgang ist ein durchaus epigenetischer.

Auf der anderen Seite überbrückt indessen die Theorie der Biogenesis

in gewisser Hinsicht die tiefe Kluft, welcher früher zwischen der

alten Präformationstheorie und der Theorie der Epigenese von ~Caspar

Friedrich Wolff~ bestand, dadurch, dass sie zum Ausgangspunkt und

zur Grundlage der Entwicklung ein kleines Lebewesen mit einer schon

ausserordentlich complicirt beschaffenen Anlagesubstanz annimmt. +Denn

der Organismus der Eizelle vereinigt auch in unsern Augen in sich

die Hauptbedingungen, durch welche der specifische oder „artgemässe“

Verlauf und das Endergebniss des Processes in erster Linie bestimmt

wird.+

Literatur zu Capitel VI.

1) =H. Driesch.= _Entwicklungsmechanische Studien, I-VI. Zeitschr. f.

wissensch. Zool. Bd. LIII. LV._

2) +_Derselbe._+ _Zur Theorie der thierischen Formbildung. Biol.

Centralbl. Bd. XIII. 1893._

3) +_Derselbe._+ _Die Verlagerung der Blastomeren des Echinideneies.

Anatom. Anzeiger Bd. VIII. 1893._

4) =Oscar Hertwig.= _Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden.

Eine Grundlage für cellulare Streitfragen. Archiv für mikrosk. Anat.

Bd. XXXVI. 1890. Seite 86–100._

5) +_Derselbe._+ _Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft 1.

Präformation oder Epigenese? Grundzüge einer Entwicklungstheorie der

Organismen. Jena 1894._

6) +_Derselbe._+ _Ueber den Werth der ersten Furchungszellen für

die Organbildung des Embryo. Experimentelle Studien am Frosch- und

Tritonei. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII. 1893._

7) +_Derselbe._+ _Aeltere und neuere Entwicklungstheorieen. Ein

Vortrag. Berlin, Hirschwald. 1892._

8) =Nägeli.= _Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre.

1884._

9) =Wilhelm Roux.= _Zur Orientirung über einige Probleme der

embryonalen Entwicklung. Zeitschr. f. Biologie Bd. XXI. 1885._

10) +_Derselbe._+ _Ueber die Bedeutung der Kerntheilungsfiguren.

Leipzig 1883._

11) +_Derselbe._+ _Ueber die künstliche Hervorbringung halber Embryonen

durch Zerstörung einer der beiden ersten Furchungskugeln, sowie über

die Nachentwicklung (Postgeneration) der fehlenden Körperhälfte.

Virchow’s Archiv Bd. CXIV. 1888._

12) +_Derselbe._+ _Ueber das entwicklungsmechanische Vermögen jeder der

beiden ersten Furchungszellen des Eies. Verhandl. d. anat. Gesellsch.

d. 6. Vers. in Wien 1892._

13) +_Derselbe._+ _Ueber Mosaikarbeit und neuere

Entwicklungshypothesen. Anatom. Hefte von Merkel u. Bonnet 1893._

14) +_Derselbe._+ _Gesammelte Abhandlungen über die

Entwicklungsmechanik der Organismen. Bd. II. 1895._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 110 / 225 题