1. +Histologische Befunde+.

Auf Grund verschiedener Beobachtungen haben einige Botaniker und

Thierphysiologen die Hypothese aufgestellt, dass wahrscheinlich alle

einzelnen Zellen eines vielzelligen Organismus durch feine Fäden

unter einander in directem Zusammenhang stehen. Sie sprechen sich

schon vom physiologischen Standpunkt aus gegen das Wort Zellenstaat

aus, mit welchem man so häufig den pflanzlichen und thierischen

Körper bezeichnet findet, und erklären ihn für einen einheitlichen,

mächtigen Protoplasmakörper, in welchen von Strecke zu Strecke Kerne

als Mittelpunkte des Stoff- und Kraftwechsels (Synergiden von ~Sachs~)

eingebettet und Membranen und Zwischensubstanzen zu theilweiser

Sonderung, zur Stütze und zu anderen Zwecken eingelagert sind.

In diesem Sinne sprechen sich ~J. Sachs~ und ~Russow~ aus; nach ihnen

ist „die multicelluläre Pflanze von der unicellulären nur dadurch

verschieden, dass in ersterer das Protoplasma von zahlreichen sieb-

oder gitterartig durchbrochenen Platten durchsetzt wird, während bei

letzteren das Protoplasma ungekammert bleibt“.

In der von ~Sachs~ gegebenen Fassung ist die Lehre von dem

continuirlichen Zusammenhang aller Protoplasmatheile eines vielzelligen

Organismus ohne Frage nicht haltbar; sie ist den Thatsachen nicht

entsprechend. Denn in sich abgeschlossene, isolirte Zellen gibt es

unfehlbar bei Pflanzen sowohl, wie bei Thieren. Bei ersteren sind die

Schliesszellen der Athemspalten, bei letzteren die Lymphkörperchen,

Blutzellen, manche Knorpelzellen, quergestreifte Muskelprimitivbündel

etc. zu nennen. Von solchen Fällen abgesehen, sind allerdings

Protoplasmaverbindungen zwischen benachbarten Zellen sehr häufig

nachweisbar, und es ist wohl auch zu erwarten, dass die Nachweise

derartiger Verbindungen sich noch erheblich mehren werden, je mehr man

auf den wichtigen Gegenstand achtet und eigene Methoden zu dem Zwecke

ausbildet.

Von den vorliegenden Untersuchungen sind folgende Ergebnisse als die

wichtigsten aufzuführen.

1) In einer sehr typischen und regelmässigen Verbindung unter einander

stehen die Zellen im Körper der verschiedenen +Volvox+arten, jener

niederen Algengattung, welche eine so grosse Aehnlichkeit mit dem

Keimblasenstadium in der Entwicklung der Thiere zeigt.

Bei Volvox aureus (Fig. 16 _A_ und _B_) ist jede einzelne in der

trophischen Hälfte der Blasenoberfläche gelegene Zelle in eine dicke,

weiche Gallerte eingehüllt, mit 2 langen Geisseln ausgerüstet und mit

5 oder 6 Nachbarzellen durch je einen langen, feinen Protoplasmafaden

verbunden. In der generativen Hälfte sind die Verbindungsfäden

zahlreicher (Fig. 17); namentlich werden die hier entstehenden grossen

Sporen durch Bündel von 3 bis 6 Fäden mit den einzelnen Zellen ihrer

Umgebung in Zusammenhang getroffen; die Verbindungen bleiben sogar noch

einige Zeit erhalten, wenn die Spore schon in 2, 4 und mehr Theilstücke

zerfallen ist.

[Illustration: =Fig. 16.= _A_ =Lebende Zelle von Volvox aureus von oben

gesehen, mit fünf Plasmaverbindungen=. _B_ =Zwei Zellen von Volvox

aureus, welche ihre Geisseln durch die Hülllamelle hindurchsenden, im

Längsschnitt=; beide Zellen sind durch eine vom Schnitte getroffene

Plasmaverbindung verknüpft. Nach ~Arthur Meyer~. _z_ Volvoxzelle. _v_

Verbindungsfaden. _m_ Membran. _g_ Geissel.]

Bei Volvox globator ist das Verhältniss ein etwas anderes (Fig. 18).

Die einzelnen Zellen senden einander 5 bis 7 dicke Arme entgegen,

welche aber an den Stellen, wo sie sich treffen, von einander durch

eine feine Membran (_m_) getrennt werden, von welcher der Gallertmantel

(_g_) der einzelnen Zellen noch besonders umhüllt ist. Die Membran

verhält sich ähnlich wie die Schliesshaut zwischen den an einander

grenzenden Tüpfeln zweier Pflanzenzellen. Sie wird von 2 bis 3 feinen

Poren durchsetzt, durch welche sehr zarte Verbindungsfädchen von einem

Protoplasmaarm zum andern hinüberziehen.

[Illustration: Fig. 17.]

[Illustration: Fig. 18.]

=Fig. 17. Spore aus einer jungen, noch nicht ausgeschlüpften

Kugel von Volvox aureus=, mit den Nachbarzellen durch Plasmafäden

verbunden. Nach ~Arthur Meyer~.

=Fig. 18. Einzelnes Zellenindividuum der trophischen Hemisphäre von

Volvox globator=, von oben gesehen. Nach ~Arthur Meyer~.

_c_ Contractile Vacuolen. _Ch_ Chromatophor. _P_ Pyrenoid. _m_ Die

Hülllamelle. _g_ Gallerte der Membran. _sp_ Spore. _g_ Geissel. _v_

Verbindungsfaden.

2) Seit der Entdeckung von ~Tangl~ (1879), dass im Endosperm der

Phanerogamen (Fig. 19) die Zellen durch Protoplasmafädchen verbunden

sind, ist die Aufmerksamkeit der Botaniker auf die Frage nach dem

Zusammenhang der Zellen unter einander gelenkt worden. ~Russow~,

~Gardener~, ~Hick~, ~Hillhouse~, ~Kienitz-Gerloff~ und Andere haben

an den verschiedensten pflanzlichen Objecten den Nachweis geführt, dass

in der Cellulosemembran feinste Poren vorkommen, durch welche sehr

schwer sichtbar zu machende Protoplasmafädchen hindurchtreten und den

protoplasmatischen Inhalt einer Zelle mit dem ihres Nachbarn verbinden.

[Illustration: =Fig. 19. Zellen aus dem Endosperm von Chamaerops

excelsa aus der Peripherie des Endosperms.= Nach ~A. Meyer~.

Die Zellen wurden erst mit Kalilauge, dann mit Schwefelsäure (1 + 3

Wasser), hierauf mit Jodjodkalium II und wieder mit Schwefelsäure (1 +

3) und schliesslich mit Methylviolett behandelt. So wurden die Kanäle

deutlich gefärbt, in denen die Plasmaverbindungen verliefen. 660fach

vergrössert.]

[Illustration: =Fig. 20. Hornhautkörperchen, durch Protoplasmafäden

zu einem Netz verbunden, aus einem Flächenschnitt einer vergoldeten

Hornhaut vom Kalbsauge.=]

Am leichtesten sind solche Verbindungen an den +Siebröhren+ zu

erkennen, langen, auf einander folgenden Schläuchen, die durch

quere Scheidewände, die Siebplatten, getrennt sind. Jede Platte ist

wie ein Sieb von zahlreichen Poren durchsetzt, durch welche die

Protoplasmakörper der an einander grenzenden Schläuche continuirlich in

einander übergehen.

Verbindungen scheinen ferner überall an solchen Stellen vorhanden zu

sein, an denen die Zellwände +Tüpfel+ besitzen. Doch ist gewöhnlich der

Nachweis mit grossen Schwierigkeiten verknüpft und nur mit stärkster

Vergrösserung zu führen. Am besten fertigt man feine Schnitte an,

bedeckt sie mit einem Tropfen Schwefelsäure, wäscht nach einigen

Secunden den Schnitt in destillirtem Wasser aus und färbt ihn darauf

mit einem Gemisch von Pikrinsäure und Anilinblau in 50procentigem

Alkohol. Die Plasmakörper, welche sich in Folge der Einwirkung der

Schwefelsäure von der gequollenen Zellwand zurückgezogen haben, sind

dunkelblau gefärbt, ebenso feine Fortsätze, die zu den Tüpfeln gehen,

durch die dünne Schliesshaut hindurchtreten und sich mit entsprechenden

Fortsätzen der Nachbarzellen verbinden. Die ganze Structur ist

außerordentlich zart. Daher zeigen, wie ~Strasburger~ bemerkt, „uns

nicht alle Plasmakörper ihre gegenseitige Verbindung gleichzeitig,

vielmehr nur diejenigen, die bei Ausführung des Schnittes in keiner

Weise gelitten hatten, und die rasch durch die Schwefelsäure fixirt

wurden. Die lädirten, respective die nicht rasch genug fixirten Stellen

haben ihre Fortsätze eingezogen“. --

3) Im +thierischen Körper+ sind Verbindungen der Zellen unter einander

schon seit langer Zeit bekannt. Am leichtesten sind sie in manchen

Formen der Bindesubstanz nachzuweisen. Die +sternförmigen Zellen im

Gallertgewebe+ sind durch zahlreiche, fein verzweigte Ausläufer in

einer noch reichlicheren Weise unter einander in Zusammenhang gesetzt

als die Zellen einer Volvoxkugel. Von faserigen Bindesubstanzen liefert

uns die +Hornhaut+ (Fig. 20) ein sehr beweisendes Präparat, wie die

in den Saftlücken eingeschlossenen Hornhautkörperchen sich durch

sehr zahlreiche Protoplasmafädchen zu einer Art Netzwerk verbinden.

Im Zahnbein hängen die Elfenbeinzellen durch ihre auf’s feinste

verzweigten Zahnbeinfasern, im Knochen die Knochenkörperchen durch ihre

Ausläufer zusammen, während im Knorpel die Elemente allerdings für

gewöhnlich für sich isolirt zu sein scheinen, wenn man vom +Knorpel der

Schädelkapsel der Cephalopoden+ (Fig. 21) und einigen anderen Ausnahmen

absieht.

[Illustration: =Fig. 21. Kopfknorpel vom Calmar, in Pikrinsäure und

Glycerin untersucht.= Nach ~Ranvier~.

_c_ Grundsubstanz. _d_ Zellkörper. _b_ Anastomosirende Ramificationen

der Zellen.]

Grössere Schwierigkeiten bereitet der Nachweis der Zellverbindungen

bei den Epithelien. Doch hat auch hier die Lehre von den +Zellbrücken+

allmählich einen festeren Boden gefasst, seitdem ~Bizzozero~ und Andere

nachgewiesen haben, dass die von ~Max Schultze~ zuerst beschriebenen

Stacheln und Riffe der Zellen des Rete Malpighi nicht wie die Zähne

einer Knochennaht in einander greifen, sondern Fäden sind, die sich

zwischen benachbarten Zellen allseitig ausspannen und kleine, mit

Lymphe erfüllte, intercellulare Spalten überbrücken. Man kann daher

jetzt die unter dem Stratum corneum der Oberhaut gelegene weiche

Schicht als ein einziges, der Lederhaut aufgelagertes Netzwerk von

Zellen betrachten, welches den ganzen Körper überzieht. Das Netzwerk

(Fig. 22) setzt sich aus kleinen, theils cylindrischen, theils

polygonalen, theils abgeplatteten Protoplasmaklümpchen mit ihren Kernen

zusammen, welche auf der einen Seite durch feine, dem Lymphsystem hinzu

zu rechnende Intercellularspalten von einander gesondert, auf der

andern Seite aber auch wieder durch zahlreiche feine, durch die Lücken

ausgespannte Fäden (Intercellularbrücken) zu einem zusammengesetzten

System verbunden werden.

Von verschiedenen Forschern (~Neyt~, ~Kolossow~, ~Cohn~, ~Garten~,

~Carlier~) ist der Versuch gemacht worden, einen Zusammenhang der

Zellen auch für andere Formen des Epithels mittelst besonderer

Präparations- und Färbemethoden nachzuweisen. Nach ~Cohn~, ~Garten~,

~Carlier~ sollen sich die +Cylinderzellen des Magens und Darmkanals+

an ihren Seitenwänden durch zahlreiche quere Fädchen verbinden.

~Kolossow~ beschreibt Intercellularbrücken und Intercellularlücken von

den einfachen +Plattenepithelien der serösen Häute+, ~Neyt~ von der

einfachen Zellschicht der +~Descemet~’schen Membran+, worüber in der

speciellen Gewebelehre das Genauere später berichtet werden wird.

[Illustration: =Fig. 22. Untere Zellenschicht vom Kiemenblattepithel

einer Salamanderlarve bei Flächenbetrachtung.= Nach ~Flemming~.

Die Intercellularlücke (_i_, hell) sehr weit, die Zellenkörper auf

zackige Formen contrahirt. In der Mitte eine Wanderzelle in den Lücken

mit lang ausgestreckten Fortsätzen; ferner eine solche, zu Kugelform

contrahirt, in Mitose. _zb_ Zellbrücken.]

[Illustration: =Fig. 23. Muskulatur eines Darmdrüsenschlauchs von

Procellio scaber.= Nach ~Weber~.]

Zellenverbindungen werden drittens auch in der Gruppe der Muskelgewebe

angetroffen. Schon zur Zeit ~Schwann~’s hat man das einzelne

+Muskelprimitivbündel+ eine +Zellfusion+ genannt. Es ist, wie wir jetzt

besser sagen, ein Syncytium, zusammengesetzt aus vielen Hunderten

von Zellen, welche als sogenannte Muskelkörperchen überall in der

contractilen Substanz vertheilt und wahrscheinlich unter einander

durch feine Protoplasmafädchen vereint sind. Eigenartige netzförmige

Verbindungen quergestreifter, +sich verästelnder Muskelzellen+

(Fig. 23) finden sich in der Darmwand der Insecten. In dem +glatten

Muskelgewebe+ der Säugethiere endlich ist durch die Untersuchungen von

~Kultschitzky~, ~Barfurth~, ~Cohn~, ~Klecki~, ~Werner~ gewissermaassen

eine ähnliche Anordnung und Verbindung wie in dem geschichteten

Plattenepithel nachgewiesen worden (Fig. 24 und 25). Die dicht neben

einander gelegenen Muskelspindeln sind durch ausserordentlich feine

Spalträume von einander getrennt und dabei durch dünne Fäden und

Lamellen wie durch Brücken unter einander verbunden.

In unserer Aufzählung sind viertens auch die +Eizellen+ nicht zu

vergessen (Fig. 26). Nach den Untersuchungen von ~Paladino~ und

~Retzius~ hängen sie während ihrer Entwicklung im Eierstock, ähnlich

wie die Sporen in einer Volvoxkugel mit den benachbarten Zellen, so

hier mit den Follikelzellen zusammen. Letztere verlängern sich in zarte

Protoplasmafortsätze, welche in die Porenkanälchen der Zona pellucida

eindringen und in den Dotter des Eies übergehen.

[Illustration: Fig. 24.]

[Illustration: Fig. 25.]

=Fig. 24. Querschnitt der Muscularis des Darms der Katze.= Sublimat

Rubin. Nach ~Bohemann~.

=Fig. 25. Längsschnitt der Muscularis des Darms der Katze.= Nach

~Bohemann~.

Die bisher beschriebenen Zusammenhänge finden zwischen den

zusammengehörigen Elementen einer Gewebsgruppe entweder des

Bindegewebes oder des Epithels oder des Muskelgewebes statt. Indessen

werden von einigen Forschern, wie von ~Leydig~ und namentlich in

jüngster Zeit von ~Schuberg~, Befunde mitgetheilt, nach welchen an

diesen und jenen Körperstellen verschiedener Thiere auch directe

protoplasmatische Verbindungen zwischen Zellen verschiedener

Gewebsformen, zwischen Epithel- und Bindegewebszellen, zwischen

Endothel- und glatten Muskelfasern oder diesen und Bindegewebszellen

vorkommen sollen.

Zum Schluss der Zusammenstellung sei noch erwähnt, dass neuerdings

~Hammar~ auch den Nachweis zu führen sucht, dass zwischen den

Furchungszellen der Eier von Echinus miliaris an den nach aussen

gerichteten Flächen primäre Zusammenhänge bestehen.

[Illustration: =Fig. 26. Stück eines Durchschnitts durch einen

Eifollikel vom Kanincheneierstock.= Nach ~Retzius~.

_ei_ Stück der Eirinde mit Protoplasmafäden (_pf_), welche, die Zona

pellucida (_z_) durchsetzend, sich mit den Follikelzellen (_f_)

verbinden. _th_ Theca folliculi.]

In wie weit in einem Theil der hier referirten Angaben der Sachverhalt

richtig dargestellt ist, lässt sich zur Zeit noch nicht übersehen.

Jedenfalls sind für manche Verhältnisse noch genauere Darstellungen

und Bestätigungen von anderer Seite abzuwarten. Denn die Frage des

Zusammenhanges der Zellen im thierischen Körper ist vielfach sehr

schwierig zu entscheiden; sie ist indessen eine so wichtige, dass

nur gewünscht werden kann, es möchten sich die besonders auf sie

gerichteten Detailuntersuchungen vermehren und die zum Ziele führenden

Methoden noch vervollkommnet werden.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 97 / 225 题