Die +physiologische Bedeutung der Plasmaverbindungen+ zwischen den
Zellen kann eine doppelte sein.
Einmal haben wir in ihnen Bahnen zu erblicken, auf denen Reize von
einer Zelle +auf die andere+ übertragen werden. Zweitens können sie
auch zum Transport von Stoffen dienen.
a. +Die Reizleitung durch Protoplasmaverbindungen.+
Im Vergleich zur Nervenleitung wird wahrscheinlich die Uebertragung
durch Protoplasmafäden eine viel weniger rasche und intensive, aber
dafür vielleicht eine mehr continuirliche und durch ihre Dauer
eine wirksamere sein. Wenn man die Leistungen eines Telephons
berücksichtigt, und überlegt, wie durch einen einfachen Metalldraht auf
grosse Entfernungen hin Sätze und complicirte Melodieen mitgetheilt
werden können, dann wird man auch die Möglichkeit nicht in Abrede
stellen können, dass durch einen feinen Faden des viel höher
organisirten Protoplasmas complicirte Zustände eines Plasmakörpers sich
anderen mittheilen können.
Mit Hülfe des Versuchs wird es möglich sein, hier und da in das Wesen
der Reizübertragung durch Protoplasmabrücken tiefere Einblicke zu
gewinnen, wie durch das folgende von ~Pfeffer~ ausgeführte Experiment.
Schon im ersten Buch (Seite 264) wurde mitgetheilt, dass das
Protoplasma einer Pflanzenzelle nur unter dem Einfluss des Kerns
befähigt ist, eine Cellulosemembran auszuscheiden. Wird ein durch
Plasmolyse von der Zellhaut abgelöster Plasmakörper durch äussere
Eingriffe in einen kernhaltigen und einen kernfreien Theil zerlegt,
so umgibt sich nur der erstere bei vollständiger Trennung mit einer
neuen Membran. +Dagegen scheidet auch der kernfreie Theil Cellulose ab,
wenn er auch nur durch einen allerfeinsten Protoplasmafaden mit dem
kernhaltigen Stück noch zusammenhängt.+
Es lässt sich der Versuch noch in anderer Weise modificiren. ~Pfeffer~
hat Zellen eines Moosprotonema etc. derart präparirt, dass eine völlig
isolirte kernfreie Protoplasmamasse der einen Zelle durch feine,
die Zellwand durchsetzende Fäden mit dem kernführenden Inhalt der
Nachbarzelle in Verbindung blieb. In diesem Falle bildete sich um das
kernfreie Stück eine Membran aus. Sie trat aber nicht auf, wenn in
der Nachbarzelle die trennende Querwand ebenfalls nur mit isolirtem,
kernfreiem Protoplasma in Verbindung stand. +Damit ist erwiesen, dass
der zur Hautbildung erforderliche Reiz auch durch die feinen, die
Scheidewand zweier Zellen durchdringenden Verbindungsfäden übermittelt
werden kann.+
Es steht nichts im Wege, Aehnliches auch für die +Uebermittelung
anderer functioneller Zustände+ anzunehmen. Aufgabe hierauf gerichteter
Beobachtungen und Experimente wird es sein, das zur Zeit noch sehr
spärliche Thatsachenmaterial zu vervollständigen.
b. +Der Stofftransport durch Protoplasmaverbindungen+.
Ausser der Reizleitung haben die Protoplasmaverbindungen zwischen
benachbarten Zellen in vielen Fällen der Stoffwanderung zu dienen. Bei
den Pflanzen können wahrscheinlich durch sie kleinste Stärkekörnchen
und Fetttröpfchen etc. direct von Zelle zu Zelle transportirt werden,
wie ~Klebs~, ~Russow~, ~Pfurtscheller~ und andere Botaniker annehmen.
Auch das Protoplasma selbst könnte auf diesem Wege von einer in die
andere Zelle überwandern. Hieraus würde sich erklären, dass im Herbst
beim Absterben der Blätter die Zellen mit Ausnahme der Schliesszellen
ihren Inhalt verlieren (~Kienitz~, ~Meyer~). ~Barfurth~ gibt an, den
Transport feiner Körnchen aus einer Zelle in die andere auf der Bahn
protoplasmatischer Verbindungsfäden direct an den lebenden Zellen des
Zwiebelhäutchens beobachtet zu haben.
In der thierischen Literatur finden sich nur einzelne zerstreute
Bemerkungen über das vorliegende Thema. ~Plato~ hat den Nachweis
zu führen gesucht, dass die interstitiellen Zellen des Hodens vom
Kater und anderen Säugethieren Fett in sich aufspeichern und es zu
gewisser Zeit durch Röhrchen in der Tunica propria der Samenkanälchen
an die Fussplatten der Sertoli’schen Zellen abgeben, von welchen es
dann weiter als Nährmaterial den Samenzellen übermittelt wird. Die
Zellbrücken, welche zwischen Ei und Follikelepithel nachgewiesen worden
sind, werden ebenfalls von vielen Forschern für Ernährungswege gehalten.