Die +Zellen+ sind die elementaren Einheiten des ganzen
Organismenreichs. Die unzähligen Arten von Pflanzen und Thieren,
die uns bekannt sind, verharren entweder dauernd auf der Stufe
einzelner Zellen, oder sie treten uns wenigstens stets am Anfang
ihrer Entwicklung in der Form einer Zelle entgegen. +So viele Species
die Systematik in der Organismenwelt unterscheiden mag, so viele
specifisch unterschiedene Zellen oder so viele Species von Zellen, so
viele+ =Artzellen= +muss es geben, verschieden von einander in ihrem
stofflichen Aufbau, in ihrer micellaren Structur+.
Wie schon in dem Abschnitt: Die Zelle als Anlage eines Organismus
(Buch I S. 267) angedeutet wurde, müssen die specifischen Charaktere,
durch welche sich zwei Säugethiere oder zwei Vögel von einander
unterscheiden, in der Eizelle bereits der Anlage nach vorhanden
sein. Wird ein Hühner- und ein Entenei in derselben Brutmaschine
gleichzeitig bebrütet, so entsteht unfehlbar nach bestimmter Zeit aus
jenem ein Hühner- und aus diesem ein Entenküchlein. Da beide Eier sich
gleichzeitig unter genau den gleichen Bedingungen entwickeln, so muss
der zureichende Grund für die zu Tage tretenden Speciesunterschiede
schon in der unbebrüteten Eizelle nothwendiger Weise gegeben sein.
Doch dürfen wir bei unserem logischen Schluss nicht in den oft
gemachten Fehler verfallen, dass wir alle in der ausgebildeten Huhn-
und Entenspecies wahrnehmbaren unzähligen Unterschiede einfach
in die Eizellen zurückverlegen und zu einem kleinen Miniaturbild
zusammenschachteln. Vielmehr ist hierbei nicht zu übersehen, dass die
ganze Entwicklung eines Vogels sich in eine unendliche Stufenfolge aus
einander hervorgehender und sich Schritt für Schritt complicirender
Processe zerlegen lässt, und dass schon wenige und kleine Unterschiede
zweier Anlagen am Anfang des Processes dadurch, dass sie sich
millionen- und milliardenfach in nothwendig gesetzmässiger Weise
lawinenartig anwachsend summiren, zum Grund für zahlreiche und grosse
Unterschiede in den Endresultaten werden können.
~Nägeli~, ~Hering~ und ~Wigand~ haben sich eines Gleichnisses bedient,
um den Unterschied zwischen den Verschiedenheiten der Eizellen
und den Verschiedenheiten der aus ihnen entstehenden Species zu
versinnbildlichen; sie haben dazu die Natur der krummen Linien gewählt.
„Ihre analytischen Formeln enthalten die nämlichen Bestandtheile;
geringe Veränderungen in der Formel bringen bald eine andere Linie der
nämlichen Art, bald eine specifisch verschiedene Linie hervor. Ihre
Anfänge, d. h. kurze Abschnitte der ganzen Bewegung, sind einander
äusserst ähnlich und dem Auge kaum unterscheidbar; aber sie sind
verschieden im Princip, und wenn sie verlängert werden, so treten
ihre Verschiedenheiten immer deutlicher hervor, und die Linien geben
sich als Kreis, Ellipse, Hyperbel, Parabel u. s. w. zu erkennen.
Auch darin stimmen diese geometrischen Figuren mit den Pflanzenarten
überein, dass, wenn wir in einer complicirten Formel gewisse Grössen
verschwinden lassen, daraus eine einfachere Linie entsteht; auf
ähnliche Weise unterscheidet sich die Pflanzenart einer höheren Stufe
von derjenigen einer tieferen Stufe dadurch, dass bei jener ein Element
vorhanden ist, welches bei dieser mangelt, dass im einzelligen Zustande
bei jener gewisse Differenzen wirksam werden, welche bei dieser Null
sind.“ (~Nägeli~, l. c. S. 67.)
+In der Form des Elementarorganismus oder der+ „=Artzelle=“ +sehen
wir daher die specifischen Eigenschaften der organischen Species+ in
ihre einfachste Formel gebracht, freilich in eine Formel, welche für
den Forscher zur Zeit noch nicht zu entziffern ist. Doch dürfte wohl
der Schluss nahe liegen, dass die feinere, in ihrem micellaren Aufbau
begründete Organisation der Zelle bald einfacher, bald mehr oder minder
zusammengesetzt, eventuell sogar ausserordentlich zusammengesetzt sein
wird, je nachdem die Organismenspecies, die durch sie repräsentirt
wird, einen einfacheren oder höheren Entwicklungsgang einschlägt. Eine
Algen- oder Pilzzelle, die nur wieder isolirt lebende oder zu Fäden
oder anderen einfachen Gestalten verbundene Algen- und Pilzzellen in
ihrem Entwicklungscyclus hervorbringt, wird in ihrer Organisation tief
unter Zellen stehen, die zum Ausgangspunkt für den Entwicklungscyclus
einer höheren Pflanze, geschweige eines höheren Thieres dienen.
+Indem im Organismenreich alles Leben von der „Artzelle“ ausgeht,
ein jeder Entwicklungsprocess mit ihr beginnt und wieder zu ihr
zurückführt, bildet sie die allgemeinste und wichtigste Form, in
der sich das organische Leben äussert, das organische Individuum
einfachster Art.+ Durch den Zusatz einfachster Art soll natürlich
nicht ausgeschlossen sein, dass nicht die Zelle selbst noch in
einfachere Lebenseinheiten zerlegbar sei; haben wir doch selbst
schon im ersten Buch (S. 272, 286) die Perspective angedeutet, dass
solches in Zukunft wahrscheinlich noch gelingen wird, und dass
jetzt schon in dem Zelleninhalt sich kleinere, durch Theilung sich
vermehrende Stoffeinheiten nachweisen lassen. Doch können wir solche
so lange nicht als +selbständige Elementarorganismen+ bezeichnen, als
nicht der Nachweis geführt ist, dass sie auch ausserhalb der Zelle
lebensfähig sind oder wenigstens sich selbständig lebenden Organismen
vergleichen lassen, die einfacher als Zellen sind und im organischen
Entwicklungsprocess als die Vorstufen von ihnen betrachtet werden
müssen. Da es aber auf diesem Gebiete zur Zeit an jedem auf Erfahrung
beruhenden Anhalt fehlt, so muss die empirische Forschung die Zelle als
die einfachste elementare Form des Lebens hinnehmen.