Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefaßt, so
einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.
Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefühl haftete an ihr
noch nicht, das Gefühl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein -- ein Wesen,
das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch
fühlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.
Welcher Ekel faßte sie, welche Scham!
Welchen Blick that sie da!
Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Schönste
gegeben, das Einzige, ihre Schönheit, die sie selbst liebte, die sie
kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, großen
Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch -- und als Weib.
Wahrhaftig nicht nur als Weib -- und auch als Weib; -- ja, sie hatte
sich gesehnt, daß er sie küssen sollte, -- heiß, hinsterbend gesehnt.
Er hatte ihr ja gesagt, daß er sie liebte, -- oder hatte er nicht?
Gleichgültig, jetzt ganz gleichgültig!
Und doch und doch -- welche Leere!
Alles erloschen! -- einsam -- verlassen -- verstoßen -- getreten --
mißkannt -- mißachtet -- das Ärmste auf Erden!
Und beschmutzt -- ihre reine, frohe Seele! Sie wußte, daß ihre Seele den
Körper umhüllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.
Wie ein Sturm ging es durch ihren Körper. Glaubte er, daß sie mit einem
Wort erinnern würde? Glaubte er -- das?
Wie konnte er so schmutzig sein -- -- so dumm?
Ach, ein Ekel, eine unsäglich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick
überschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib für ihn -- etwas
Geistloses -- ohne Feinheit -- ohne Freiheit -- etwas so Brutales -- das
nur Körper ist! --
Zum Sterben! -- ein Ekel zum Sterben!
Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte
sehen lassen -- und die große Liebe gestand zu dem, was er schuf -- da
hatte er so sonderbar gelächelt.
Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als hätte ein Tier ihm das gesagt
-- ein freches, dummes Tier.
Grad so komisch und lächerlich war's ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt
alles -- alles mit einem Male, wie hellsehend.
Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise geschätzt.
-- Und da dachte sie in fieberhafter Angst über »das Weib« nach.
Eine so heiße, heiße, brennende Angst stieg in ihr auf.
Was war denn das?
Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je
gethan, war vom Manne gethan worden.
Nie war ihr das noch klar geworden, -- ganz neu starrte sie das an.
Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem
man weiß.
Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.
Da lag sie wie gebrandmarkt.
Hatte er nicht recht?
Lächerlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit
zu thun? Was ging sie die Kunst an?
Freilich mußte er lachen!
Ihr war, als sollte sie ersticken.
Und da fühlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie
einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese große Verachtung, die
Stolz und Freudigkeit nimmt.
Was war sie? -- Zu wem gehörte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht,
stolz und froh zu sein.
Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als wäre
sie geschlagen.
Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu dürfen.
Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? -- Da fiel ihr allerhand ein, was
sie damals garnicht verstanden.
Die also auch, die kannte all' die Gedanken, die so neu, so schmählich
über sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, müßte die ja
auch leiden.
Fühlten alle Weiber, wie sie jetzt fühlt? Und war denn das möglich, daß
sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?
Und ihre Mutter? -- und -- ihre Freundinnen?
Ja, was war denn das?
Wußten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?
Ihr zarter Körper wurde von einer tödlichen Erregung gemartert.
Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und gehörte zu
der verachteten, dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht
das Recht hat, voll Mensch zu sein.
Da lösten sich Thränen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thränen,
die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.
9.
Isolde geht an einem blütenschweren Maienmorgen in ihrem Atelier
gedankenvoll auf und nieder.
Das Atelier liegt in einem Garten still versteckt, ebenerdig.
Frischer, herber Laubgeruch strömt zu den Atelierfenstern herein, die in
der großen Glasfläche weit geöffnet stehn.
Der blaue, leuchtende Himmel schaut durch das Oberlicht zu ihr nieder.
Schwalben ziehen ihre schrillen Sommertönchen im schnellen Flug wie
feine, glitzernde Fäden über den blauen Ätherraum hin. Sie weben im
Kreuz- und Querflug ein Netz von diesen süßen, spitzen Lauten. Ein Zug
Tauben fliegt über das gläserne, kuppelförmige Dach. Die
Flügelschwingungen hören sich so fein, so fließend an, so durchdringend
frei, ohne jede Erdenschwere.
Isolde ist ganz in sich selbst versunken. Sie bewegt sich in dem
starken, mächtigen Licht, in dem großen, kahlen Raum wie im Freien.
In ihrer Hand hält sie achtlos den Grabstichel.
Auf einem kleinen Tisch liegen zwei geöffnete Briefe.
Gipsabgüsse stehen längs der Wände, Abgüsse nach der Natur, Glieder,
Häupter, Totenmasken.
Der Schädel, der Isolden durch fünf Jahre begleitet hat, ist das einzige
im Raum, was gewissermaßen als Schmuck auffällt. Er trägt eine
schimmernde Narrenkappe aus einem alten, köstlichen Goldstoff und
darüber einen braunen Lorbeerkranz.
Sonst im ganzen Atelier kein Schmuck, weder ein Teppich, noch sonst ein
Luxusgegenstand.
Unter der Kuppel, jetzt ganz von Licht übergossen, ein wunderlich
fremdartiges Werk, eine sitzende Buddhastatue aus fleckenlosem Marmor:
Isoldens Werk.
Um den Sockel der meterhohen Gestalt stehen diese Worte:
Inbrünstig bin ich gewesen,
Inbrünstig wie noch kein Andrer.
Rauhsinnig bin ich gewesen,
Rauhsinnig wie noch kein Andrer.
Wehmütig bin ich gewesen,
Wehmütig wie noch kein Andrer.
Abgelöst bin ich gewesen.
Abgelöst wie noch kein Andrer.
Und diesen Spruch einzugraben, war Isoldens Morgenwerk. Ja, und es war
ihr gewesen, als läge in dem sonst geneigten Buddhahaupte der große
Friede, -- der große Friede der Erkenntnis, der vornehme, ganz von
mächtigem Menschengeist durchdrungene und gehaltene Friede, nicht der
demütige, unselbständige.
Wie ein Jubel, wie eine erstickende Seligkeit war es über sie gekommen.
Es schien ihr gelungen, was sie gewollt hatte.
In dem Buddhahaupte lag das Königliche, das ganz Souveräne, die große,
seltene Menschenmajestät, die noch über dem Menschenschmerz steht, der
das Größte auf Erden und über der Erde ist.
Du ungeheurer Todesschmerz, Leidens- und Lebensschmerz, du bist zu
besiegen!
In Isoldens Augen waren heiße Thränen gestiegen. In Wahrheit, ihr
erschien das Haupt das zu sein, was es sein sollte, wie sie es in langer
leidenschaftlicher Hingebung ersehnt hatte.
Schien es ihr nur so -- oder war es wirklich so?
Im Augenblick -- jetzt in dieser Stunde war es so.
Sie glaubte, wenn sie auch im voraus wußte, daß sie wieder zweifeln
würde.
Sie ging wie über der Erde schwebend in ihrem lichtvollen Raum auf und
nieder.
Keine Schwere!
Und es hob sie, daß das Werk für diese beiden Menschen bestimmt sei --
für ihre liebsten Menschen auf Erden. Für ihn und sie! Daß sie das ihnen
geben durfte und konnte.
Was waren ihr in diesen Jahren Helwig und Lu Geber geworden.
O, ihr lieben, wahren, einfachen Menschen! dachte sie.
Und wie würde Lu sich freuen, wie würde es ihr warm ans Herz greifen,
wenn sie die schönen, stillen Züge ihres Mannes und seine Seele im
Buddhahaupte wiedererkennen würde?
Was alles hatte Isolde ihm zu danken! was für schöne, tiefe Stunden
hatten sie zu dreien miteinander erlebt!
>O, ihr weltentrückten Menschen!< dachte Isolde, >in eurem schönen,
stillen Heim -- auf eurer Insel der Seligen -- mitten in der schmutzigen
Welt!<
Wie liebte sie diese beiden! Bei ihnen hatte sie menschenwürdig fühlen
und denken gelernt.
Was mit ihnen zusammenhing, war so zweifelsohne!
Daß es etwas so Wahres gab, wie diese Leute!
Wie freute sie sich, beide in ihr Atelier zu führen und zu sagen: »Das
danke ich euch! Dir danke ich es, du weiser, guter, abgeklärter Mann,
der du so anders bist als andre, von niemandem draußen in der Welt
verstanden, du stiller Großer du!«
* * * * *
Isolde ist schöner geworden, vornehm, streng im Stil. Sie neigt zu der
Art Erscheinungen, wie Mrs. Wendland in ihrer ersten Jugend einst
gewesen sein mochte, schlank, bleich, das mächtige, lockige Haar wie
eine dunkle Wolke über der Stirn, tiefe Augen, über denen es wie ein
Schleier liegt.
Ihre Art sich zu kleiden, ist völlig ungesucht; doch was diesen Körper
berührt, wird vornehm.
Isolde ist heute in Feierstimmung. Sie denkt heut nicht mehr daran,
etwas zu thun. Sie hört jetzt auf die Schwalben, die hoch oben am blauen
Firmament mit ihren seidenen Tönen wie mit Fäden weben und wirken.
Da steht ihre Schwester Marie geistig ihr vor Augen.
Was für ein kleines Gesicht hat der arme Sammtaffe bekommen.
Das Sammtige, Volle ist von ihr geschwunden.
Isolde sieht sie vor sich, wie sie oben in Mengersens Sommervilla, die
er sich in der Nachbarschaft von Gebers gebaut, in dem schönen
Waldgarten mit einander spazieren gingen, hoch über dem Ufer der Isar.
Marie war damals Mutter ihres ersten Kindes, dessen Geburt ihr fast das
Leben gekostet hatte. Seelisch und körperlich konnte sie sich davon
lange nicht erholen. Ihr Kind gedieh, aber sie selbst hatte etwas wie
vom Frost Getroffenes, etwas Mattes, Stilles, Banges.
Das Kind mochte ein halbes Jahr alt sein, als sie damals mit einander
unter den dichtbelaubten Bäumen gingen. Da hatte sich Marie mit einemmal
an Isolde geklammert und ihr etwas zugeflüstert, ein Geständnis -- ein
so banges, schweres, daß sie wieder der Qual und dem Tod entgegenginge,
und Isolde war von den fassungslosen, verzweifelten Thränen der
Schwester naß am Hals geworden.
Die beiden jungen Geschöpfe hingen an einander und wagten sich nicht in
die Augen zu sehen.
Marie weinte trostlos und Isolde wußte nicht, was sie sagen und fühlen
sollte.
Es war so peinlich.
»Ide,« schluchzte Marie, »er kann mich doch gar nicht lieb haben! Wie
kann er denn? Er weiß ja wie es war, wie entsetzlich! -- er weiß doch
alles.