Mein Gastfreund mochte sich das Seinige von meinen Besuchen in der Villa

denken, er gehörte in Liebessachen nicht zu den strengen Moralisten,

sondern eher zu denen, die mutig ein gutes Glück erhaschen und festhalten,

wo und wie es sich ihnen bietet. Unsere Gefühlsentzückungen würde er

einfach als überwundene Romantik zurückgewiesen haben. So gab es niemand,

der uns hätte raten können -- als ob wir noch Rat angenommen! Wir waren

eben in der Gewalt einer übermächtigen Leidenschaft, die mit uns ihr

grausames Spiel trieb und uns bald mit heftigem Anreiz, bald mit dem

Martyrium der Entsagung quälte. Eins nur war gewiß, in diesen vier Tagen

war trotz aller guten Vorsätze unser Handdruck zärtlicher und unser

Lebewohl länger geworden. Immer, wenn die Stunde des Aufbruchs schlug,

hatten wir uns noch etwas zu sagen, immer schwerer wurde die Trennung. Wir

hüteten uns wohl, unsere Stimmung in ein Wort zu fassen, aber statt dessen

redeten die Blicke. Stumm und doch verständlich leuchtete in ihnen Frage

und Antwort, ein schüchternes Verlangen, ein halbes Gewähren auf. Eines

Abends war sie besonders erregt, in stürmischer Hast, voll wechselnder

Launen -- ich schob es auf die Schwüle der Luft, ein Gewitter zog von

Süden her den Strom hinunter. Von den verschiedensten Dingen hatten

wir gesprochen, wie wir uns einander schreiben wollten, daß ich aus der

Hauptstadt nach ihrem Wohnsitz ziehen sollte, daß mir ihr Einfluß und der

ihrer Verwandten bald eine auskömmliche Praxis dort verschaffen würde,

von der Schönheit des Sommers, von der Kürze des Lebens, von der

Bedürftigkeit des Menschen und der Unsterblichkeit der Seele, wie das Loos

der Armen an Geist und Herz auf Erden das glücklichste wäre -- alles wirr

und kraus durcheinander, wie Menschen, die den Gegenstand, der sie einzig

beschäftigt, nicht zu berühren wagen. Endlich faßte sie Mut: »Gotthold,

am Sonntag trifft mein Mann hier ein --« und ihrer Gefühle nicht mehr

Herrin, brach sie in ein wildes Schluchzen und Weinen aus.

»Dein Mann?« fragte ich zurück, nicht weniger entsetzt, als sie: das

Unerwartete schlug mich nieder.

»Er ist heute in Ostende, morgen wird er in Köln sein -- er will das Kind

sehen.«

»Und du?«

»Und ich!« brach sie leidenschaftlich aus. »Ich bin das unglückseligste

Weib. Einem Mann verbunden zu sein, sich ihm versprochen zu haben für Tod

und Leben, den man nicht liebt, ist ein Elend, aber es ist erträglich, so

lange man nicht liebt. Aber ich liebe dich -- dich allein und kann nicht

länger die Seine sein. Der bloße Gedanke erregt mir einen tödlichen

Schauer, ich bin entwürdigt in seinen Armen.«

Mit entfesselten Haaren stürmte sie durch das Gemach, in dem Sturm,

der ihr Innerstes aufwühlte, hatte sie all ihre sonstige Gemessenheit

verloren. Zu der Spannung unserer Gemüter stimmte das Rollen des

heranziehenden Gewitters und der Widerschein des fernen Blitzes.

»Giebt es etwas Bejammernswerteres als ein Weib?« fuhr sie heftig fort.

»Sie ist die Sklavin, die Puppe, die Beute des Mannes, der sie erworben.

Es fällt ihm nicht ein, nach den Bedürfnissen ihres Herzens zu fragen --

genug, wenn er für sie sorgt, er ist dann schon der beste Gatte, dem sie

Gehorsam und Treue schuldet.«

»Denke nicht mehr an ihn,« unterbrach ich sie, »wir sind beisammen,

Friederike, ich liebe dich, keine Macht soll dich jetzt mir entreißen; die

Liebe ist das höchste Gefühl, das uns gegeben ward, sie allein hat Recht

vor allen anderen Gesetzen und Pflichten.«

Sie hatte eine Weile am Fenster gestanden und in das Blitzgefunkel

hineingestarrt, jetzt umschlang ich sie mit meinen Armen.

»Durch dich lebe ich erst und soll dich nun aufgeben, Friederike, dich

für immer verlieren, ohne dich je besessen zu haben, und dabei zu wissen,

daß du mich liebst -- sei mein! sei mein!« flehte ich.

In ihren Thränen war sie widerstandslos; das lange, seidene, sie

umflutende Haar, das unter der Berührung meiner Hand leise knisterte,

wie elektrische Funken, die Unordnung ihrer Kleidung machten sie noch

verführerischer und begehrenswerter. »Mutter! Mutter!« rief es da

nebenan -- die Stimme des Kindes, das ein stärkerer Donnerschlag aus

seinem Schlafe geschreckt hatte. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem

mich Friederike bei diesem Rufe anschaute. Sie riß die Glasthür, welche

den Salon von dem Nebenzimmer trennte, auf und kniete neben dem Bette

Elsbeth's nieder. Und in demselben Moment hob die Uhr -- dieselbe Uhr, die

mir jetzt wieder gegenübersteht, aus und schlug die zwölfte Stunde. Die

Glasthür stand offen, mit ihren Liebkosungen und tröstenden Worten hatte

die Mutter das schlaftrunkene Kind bald wieder eingewiegt, das Wetter, das

einen Augenblick über unsern Häuptern gestanden, schien sich fernab von

uns nach dem jenseitigen Ufer hinüberzuziehen -- noch hatte der Zeiger auf

dem Ziffernblatt nicht zehn Minuten zurückgelegt, aber in uns beiden hatte

sich ein Umschwung vollzogen. Schon damals wäre es mir nicht möglich

gewesen, was in mir vorging, genau zu schildern, wie vermöchte ich

es jetzt nach dreiundzwanzig Jahren! Ihre rührende Schönheit, die

Schuldlosigkeit ihres bisherigen Lebens -- und dagegen eine schuldvolle,

ungewisse Zukunft, das Versprechen, das wir uns gegeben, die dunkle Furcht,

daß der Augenblick des Glückes durch viele Stunden des Grames und der

Reue gebüßt werden müßte, die letzte Regung der Tugend, die sich noch

einmal, halb besiegt im Kampf mit der Leidenschaft, aufrichtet -- alles

drängte sich mir wie auf einen Punkt, wie in einen Strahl zusammen, der

mein Herz durchbohrte. Es war mir, als gingen auf dem Ziffernblatt der

Uhr gespenstisch alle Stunden, die ich schon gelebt und die ich noch

leben würde, vorüber -- die ersten mit ernst ruhigem Gesicht, leicht

beflügelte Gestalten, die andern, das Auge am Boden oder scheu sich

umblickend, die Hände ringend, blaß und verstört, als wären die

verfolgenden Furien auf ihren Fersen.

»Gotthold!« sagte da leise hinter mir ihre Stimme, und ihre Hand legte

sich sanft auf meine Schulter. Ich hatte es nicht gemerkt, daß sie wieder

aus dem Nebengemach hereingetreten war. »Das Kind schläft --«

Wie es nun auch gekommen, ob durch Zufall, ob durch unser Verdienst -- das,

was die Mehrzahl der Menschen in diesem Falle Glück genannt hätte, war

verpaßt. Der unerbittliche Weiser der Uhr war über die Schicksalsminute

hinweggeschritten und nicht wieder zurückzustellen.

»Friederike!« rief ich und fiel vor ihr nieder. Sie hatte die Haare aus

der Stirn gestrichen und hob mich empor.

»Es ist besser so, Gotthold,« flüsterte sie, »glaub' es mir. Wir

gehören nicht zu denen, welche die Reue nicht kennen oder sie doch zu

ersticken wissen. Lass' uns schuldlos scheiden. Dann war alles wie ein

Traum, aber ein seliger Traum, an den wir ohne Bitterniß zurückdenken

können.«

Was sollte ich ihr entgegnen? Wie wild und ungestüm auch etwas im

Innersten meines Herzens ihr widersprach, ich fand ihr gegenüber nicht

mehr die überredenden, die siegreichen Worte. Aus mir selbst war das

Dämonische der Leidenschaft gewichen; was übrig blieb, leuchtete wohl

noch wie Abendrot, aber es wärmte nicht und zündete kein Feuer mehr an.

Friederike war für mich wieder die Madonna unserer ersten Bekanntschaft

geworden; kein sinnliches Begehren wagte sich an sie heran.

So sind wir von einander gegangen, glücklos und reuelos. Denn ich kann

nicht behaupten, daß ich jemals später meine Entsagung, Schwäche,

Dummheit oder Blödigkeit, wie man es nun nennen mag, bedauert oder

dem Abenteuer ein anderes Ende gewünscht hätte. Am wenigsten in jener

Neujahrsnacht, wo mir im plötzlichen Anblick der Adleruhr mit Josephinens

Bildniß die Vergangenheit wieder lebendig wurde. Was damals mit der

Schnelle des Gedankens und doch in hellsten Farben vor mir vorüberflog,

habe ich manche Tage nachher hier niedergeschrieben. Blaß und matt das

Ganze -- ein rechtes Abbild meines Lebens. Am andern Tage reiste ich

entschlossen ab. Auf meinen Abschiedsbrief schrieb sie mir einmal nach der

Hauptstadt, es ist einer meiner theuersten Schätze; aber einen innigeren

Briefverkehr lehnte sie ab. Drei Jahre nachher meldete mir der Freund, daß

sie in Nizza gestorben sei.

Und ich mußte nach einer so langen, so wechselvollen Zeit, unter so

veränderten Umständen ihrer Tochter wieder begegnen und wie von einer

magischen Gewalt an sie gefesselt werden! Noch ehe ich eine sichere

Bestätigung hatte, zweifelte ich schon nicht mehr, daß Elsa jenes Kind

sei, das ich damals gehütet, bewacht und gebettet, dem ich, wie die

Mutter in ihrer dankbaren Freude ausgerufen, ein zweiter Vater gewesen. Die

unerklärliche Macht der Sympathie verband uns beide und wirkte zwischen

uns mächtiger als die Verwandtschaft des Blutes. Uns unbewußt gab es

einen geheimen Zusammenhang zwischen unseren Schicksalen und unseren

Herzen, weil wir an einem dritten, an Friederikens Leben gleichen Teil

gehabt. Mit einem Dasein, das vorübergegangen, mit einem Wesen, das

ausgelöscht, waren wir verwachsen, und diese Gemeinsamkeit trieb uns trotz

aller Hindernisse der Wirklichkeit zu einander. Zu einander und

zugleich ach! aus einander! Wie durften die Lippen, die der Mutter Liebe

zugeschworen, der Tochter dieselben Beteuerungen wiederholen! Die

Neigung meines alten Herzens zu Elsa dünkte mich wie eine Verirrung des

natürlichen Gefühls. Väterliche, freundschaftliche Empfindungen waren

in dem farbenschillernden Theaterdunstkreis, der Elsa umgab, in eine Art

phantastischer Leidenschaftlichkeit umgeschlagen -- und wenn das Herz

solche Deutung auch nicht zugeben wollte, der Verstand, die Pflicht, die

Seele forderten sie gebieterisch. Einer, der als Jüngling die Mutter

geliebt, konnte nicht in grauen Jahren die Tochter zum Traualtar führen --

konnte vor allem nicht, weil er durch eine traurige Erfahrung wußte,

daß er nicht geliebt wurde. Das Glas voll Wein ist wieder aus deiner Hand

gefallen -- da liegen die Scherben!

Inmitten dieses Gedankensturms, der mir im Gehirn tobte, hatte ich nur ein

festes, unerschütterliches Bewußtsein: das meines Berufes. Ich war wieder

an Elsa's Bett gegangen, die Fieberhitze hatte ein wenig nachgelassen.

Einmal, als ich ihr den Eisumschlag zurechtrückte, schlug sie die Augen

auf. »Sie sind es, mein Freund,« wimmerte sie, »wenn Sie bei mir stehen,

verschwinden die Schreckbilder. Lassen Sie mich nicht sterben, ich bin die

Ihre!«

Gutes Kind, deine Entscheidung kam zum Glücke schon zu spät -- ein

Schatten hatte sich zwischen uns aufgerichtet, den wir nicht verscheuchen

durften.

Es dämmerte bereits, der trübe Morgen eines Wintertages, als ich, da jede

unmittelbare Gefahr beseitigt war, in meine Wohnung hinüberging. Beinahe

wäre ich zurückgefahren -- wie vor einem Gespenst: in meinem Lehnstuhl

saß Lüttow, im grauen Mantel, den Hut auf dem Kopfe.

»Ich erwarte Sie schon mehrere Stunden, Herr Medicinalrat,« sagte er

zwischen Beben und Knirschen, »ich habe Ihrem Diener verboten, Sie zu

rufen -- Sie waren nebenan viel nötiger als bei mir.«

Der unheimliche Ausdruck des Mannes hatte jetzt noch die Zugabe des

Verwahrlosten und Nachtschwärmers bekommen, so daß ich beinahe

zweifelhaft war, ob er nicht ebenso sehr wie Elsa die Hilfe des Arztes

bedürfe.

»Was begucken Sie mich von oben bis unten?« brach er aus, Hut und Mantel

von sich schleudernd, »bin ich ein Todeskandidat -- was liegt an mir!«

»Ein Todeskandidat,« antwortete ich gereizt -- wie viele Ursachen hatte

ich nicht, ihn zu hassen! -- »nein, aber einer für das Irrenhaus.«

»Ich habe es auch schon gedacht. Was ich in dieser Nacht gelitten, würde

auch einen besseren Verstand als den meinen außer Fassung gebracht haben.

Erst als ich Sie eintreten sah, wurde mir leichter. Sie lebt, sie wird

leben -- ich habe nicht die Last eines doppelten Totschlages auf dem

Gewissen. Aber seit Mitternacht jagte ich wild und unstät durch die

Gassen, ich unter all' den Fröhlichen ein zwiefacher Mörder, der Mörder

meines Jugendfreundes und meiner Geliebten. Hätte ich einen Revolver bei

mir gehabt -- Wetter! ich würde jetzt nicht das Vergnügen haben, Ihnen

ein fröhliches Neujahr zu wünschen!«

Die Antwort ersparte mir der Diener, der mich die Thür hatte öffnen

hören und nun in klugem Verständniß menschlicher Bedürftigkeit den

Kaffee hereinbrachte. Mein seltsamer Gast hatte den erwärmenden Trank

gewiß so nötig wie ich. »Nicht wahr -- Sie verschmähen eine Tasse

nicht?« sagte ich. Er trank hastig, in schnellen Zügen -- in seine fahlen

Wangen kam ein Schimmer von Farbe.

»Und Elsa -- und Fräulein Themar,« verbesserte er sich, »ist außer

Gefahr?«

»Ich hoffe es, aber schließlich würde auch ein stählerner Körper

solchen wiederholten Erschütterungen nicht Stand halten, und Sie haben nun

schon zum zweiten Male das Fräulein in Todesgefahr gestürzt. Trotz des

Verbotes, das ich Ihnen als Arzt gegeben, sich ihr zu nähern, trotz Ihrer

eigenen Versicherung, die Sie mir vor einigen Tagen machten, daß Sie jeder

Hoffnung entsagt hätten. Ich habe weder Veranlassung noch Recht über

Ihre Leidenschaft abzusprechen, aber Ihre Handlungen sind nicht die eines

Mannes, der wahrhaft liebt.«

Nach dem Opfer, das ich in meinem Herzen gebracht, fühlte ich mich stark

und hatte wieder die Stelle in diesem Drama gefunden, die meinen Jahren

und meinem Stande geziemte. Ingrimmig, die geballte Faust auf dem Tische,

schaute er mich von der Seite an; allein er merkte, daß seine Mienen, sein

Zorn mich nicht einschüchterten.

»Nicht wahrhaft liebt? Weil ich eben anders liebe, als Sie? Weil ich

kein Fischblut in den Adern habe? Weil ich nicht girre und seufze, sondern

zugreife?«

»Nein,« entgegnete ich, »sondern weil Sie nicht achten, was Sie zu

lieben vorgeben, und nur Ihre Befriedigung suchen, unbekümmert um die

Empfindung der Geliebten.«

»Wollen Sie mich anhören?« fragte er darauf. »Der Gang zu Ihnen war

mir nicht leicht; ich unterwerfe meine Handlungen nicht gern dem

Urteil anderer, aber ich bin in Verzweiflung -- zwischen Selbstmord und

Irrenhaus.«

»Die Aufregung wird sich legen, Herr von Lüttow; sprechen Sie sich

aus, vielleicht werden wir dann klarer sehen, was zu Ihrer, was zu Elsa's

Heilung führen kann; ein Richter bin ich in der Sache nicht, nur ein

Arzt.«

»Sie sind unter anderen Verhältnissen groß geworden als ich, haben nur

mit Büchern und mit Kranken gelebt -- alle Ihre Ansichten und Gefühle

werden sich darum von den meinigen unterscheiden; aber Sie sind ein Mann

und werden mich begreifen.«

»Ich will's versuchen, wenn auch nicht, um alles zu entschuldigen.«

»Als ob ich mich nicht selbst für einen ganz unseligen Menschen hielte!

In meiner Familie sind der Jähzorn und das aufbrausende Wesen erblich. Und

in einem solchen Charakter, der einer Pulvertonne gleicht, fällt nun

der Funke der Liebe. Da muß wohl Würde, Haltung, Verstand in die

Luft fliegen! Ich habe das Fräulein in Wiesbaden kennen gelernt, in

glänzendster Umgebung, recht auf der Höhe des Lebens. Sie bewohnte mit

ihrem Vater, dem Kommerzienrat Asser« --

»Asser!« nickte ich ... sie war Friederikens Tochter!

»Kannten Sie den Mann?«

»Ich habe gelegentlich von ihm gehört.«

»Sie bewohnten eine kleine, in der Nähe der Stadt reizend gelegene Villa,

mit Dienerschaft, Wagen und Pferden. Welche Rolle Fräulein Elsbeth in der

Badegesellschaft spielte, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie war

voll Geist und Leben, immer in der geschmackvollsten Kleidung, überreich

mit allen gesellschaftlichen Talenten begabt, zu Pferde sah sie entzückend

aus. Ich verliebte mich in sie, blindlings, kopfüber. In dem Schwarm der

Verehrer, der Freunde, der ernsthaften Bewerber, die sich um das reiche und

schöne Mädchen drängten, kostete es einige Mühe, einen ersten Platz

zu erringen. Aber es gelang mir, von ihr bemerkt und wenigstens

durch Neckereien ausgezeichnet zu werden. Sie glauben mir, daß unser

Verhältniß damals nichts von der Spannung und der Pein hatte, die es

seitdem angenommen.«

»Ich glaube es gern, die Frage ist nur, durch wessen Schuld es sich

verändert.«

»Schicksal! Schicksal! Ich hatte dem Mädchen gegenüber die redlichsten

Absichten; wir standen in dem passenden Alter zu einander, sie brauchte,

schön wie sie war, nicht zu fürchten, nur ihres Vermögens wegen

geheiratet zu werden -- ich bin reich, und wenn ich Schulden hatte, konnte

ich sie allein bezahlen.«

»Aber was half das Ihnen, wenn Sie nicht geliebt wurden?«

»Wurde ich nicht geliebt? Das eben hat mich toll gemacht. Es hat

Augenblicke gegeben, wo ich das Gegenteil glauben durfte, wo auch die

anderen überzeugt waren, daß Elsbeth sich für mich erklären würde.

Eine unüberwindliche Scheu hielt sie indessen zurück, mir ihr Jawort zu

geben. Man mag ihr von meiner Unbändigkeit und Wildheit erzählt haben,

und sie empfand eine Art Schrecken vor mir, der das Gefühl der Liebe nicht

aufkommen ließ. Es lag tief vergraben, wie unter einem Alp, den es

nicht von sich abschütteln konnte. Und ich bin ein schlechter, ein zu

ungeduldiger Schatzgräber. Manche meiner Aeußerungen und Handlungen

verstärkten die schlimme Meinung, die sie von mir hatte: ich habe einmal

gesagt, daß ich es wohl verstände, wenn einer in Liebesraserei die

Geliebte töte. Hm! das war nicht vielverheißend für eine, die meine

künftige Gattin werden sollte, um so weniger, da sie einen starken

Eigenwillen und einen harten Trotzkopf hatte. So hab' ich Wiesbaden

verlassen, ohne ihr Herz, ohne ihre Hand zu erhalten: die Nachricht von der

gefährlichen Erkrankung meines Vaters rief mich nach meiner preußischen

Heimat. Dort hörte ich von dem Fallissement des Kommerzienrats Asser --

gerade sechs Monate waren seit unserm lustigen Badeleben vergangen -- daß

er aus Kummer darüber gestorben, daß die Tochter ihr eigenes Vermögen

daran gegeben, um den Makel von dem Namen ihres Vaters zu löschen, und

fern zu Verwandten, bald hieß es nach Holland, bald in die Schweiz,

verzogen sei. Genug, für mich war Elsbeth Asser verschollen. Nun malen Sie

sich mein Erstaunen, den Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen aus, als

ich dies Mädchen auf der Bühne meiner Garnisonstadt als Emilia Galotti

wiedersehe! Die Flamme meiner Leidenschaft war noch nicht niedergebrannt,

sie schlug bei diesem Anblick mit erneuter Glut auf. Alles diente ihr zur

Nahrung: Elsa's Unglück, ihr Talent, ihre neue Stellung, die verschiedenen

Rollen, die sie spielte, die Selbständigkeit und Einsamkeit ihres Lebens

-- ach! Sie haben es ja selber durchgemacht, diese Hölle, dies Fegefeuer

und Paradies, was man eine Schauspielerin lieben heißt.«

Eine Weile saß er, den Kopf in beide Hände gestützt, schweigend, in sich

hinein brütend, da. »Das Uebrige,« fuhr er dann fort, »wissen Sie

wohl, sie wird es Ihnen erzählt haben. Ich habe meinen liebsten Freund

erschossen -- aus Verblendung, Eifersucht, Jähzorn, Wahnsinn ... immer

bleibt es doch bestehen: ich bin ein Mörder. Zuweilen, während der

Festungshaft, hoffte ich, daß ich sie, die unschuldige Ursache meiner

Unthat, hassen und fortan fliehen, daß der Schatten des Getöteten neben

ihr einhergehen würde ... Es war thörichte Gespensterfurcht. Ich

liebe sie heftiger als je: mein Freund ist dieser Leidenschaft zum Opfer

gefallen, ihre Liebe ist mir den Ersatz für ihn schuldig. Das Blut, das

vergossen wurde, kittet uns an einander -- vergebliche Mühe, dies Band zu

zerreißen. Manchmal regt sich die verständige Ueberlegung und sagt mir,

daß Elsa mit mir und ich mit ihr unglücklich werden würde -- kann sein!

zischelt der Dämon dazwischen, aber zuerst werdet ihr glücklich sein.

Seit Tagen suchte ich eine Unterredung mit ihr, ich wollte ihr noch einmal

mein Herz ausschütten, noch einmal mich bemühen, ihren Starrsinn zu

brechen -- ich hatte mich hinter eine ihrer Kameradinnen gesteckt und das

gutmütige Mädchen für mich gewonnen. Allein Elsa verweigerte mir den

Zutritt zu ihrer Wohnung, sie mochte einen Zusammenstoß zwischen mir und

Ihnen besorgen. Da machte die Vermittlerin den Vorschlag, wir alle drei

sollten uns auf dem Maskenballe treffen; ich würde Muße und Gelegenheit

finden, mich auszusprechen, und zugleich gäben die Oeffentlichkeit

des Ortes und die Menge der Gäste Elsa Sicherheit gegen meine etwaige

Heftigkeit. Daß sie einwilligte, bestätigte mir wieder den Glauben, der

mich noch nicht verlassen, daß eine leise Stimme in ihrem Herzen für mich

spricht.«

»Ich glaube es beinahe auch,« sagte ich unwillkürlich; seine Erzählung

hatte mir ein gewisses Mitleid mit ihm erweckt.

»Sie auch!« schrie er auf. »Viktoria!« Und er umarmte mich stürmisch.

»Es wird doch noch gut werden, sie wird sich umstimmen lassen und endlich

erkennen, daß all mein Thun nur aus Liebe zu ihr entspringt.«

»Aber ich weiß noch immer nicht, was in der Nacht vorgefallen ist und

Elsa in diesen Zustand versetzt hat,« unterbrach ich ihn.

Er rieb sich die Stirn und zog die buschigen Augenbrauen noch dichter

zusammen.

»Was soll ich Ihnen sagen? Ein Wort gab das andere -- man hatte mir

zugeflüstert, sie dächte daran, die Bühne zu verlassen und eine reiche

Heirat zu schließen -- mit Ihnen, natürlich,« lachte er halb spöttisch,

halb hämisch dazwischen. »Und als sie auf meine Frage, ob das Gerücht

die Wahrheit spräche, nicht so antwortete, wie ich es gehofft, wogte es

wie eine Blutwolke vor meinen Augen. ›Hüte dich!‹ rief ich, ›es ist

schon einer um dich gestorben!‹ Gerade mußte da Mitternacht schlagen und

der Jubel im Nebensaal ausbrechen -- sie fiel besinnungslos nieder, mich

rissen die Menschen fort oder jagten die Furien hinaus!«

»Und nun?« fragte ich nach einer längeren Pause, da er nicht Willens

schien, unaufgefordert seine letzten Gedanken zu äußern, »was soll, was

kann nun geschehen?«

»Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, Herr Medicinalrat, Ihnen eine Beichte

abzulegen: ich kam, ein von Angst Gefolterter, der von Ihnen Tod oder Leben

erwartet; das Gespräch hat mich weiter geführt, als ich beabsichtigte.

Sie wissen jetzt, wie diese Geschichte begonnen und sich verwickelt hat,

wie es um mein -- wie es um Elsa's Herz steht. Wir sind Nebenbuhler, und

wir müßten uns eigentlich die Hälse brechen, aber Sie sind ihr Retter

und Arzt, Sie haben selbst vorhin zugegeben, daß Elsa's Herz sich zu mir

neige -- seien Sie großmütig, werden Sie mein Fürsprecher. Mir ist es

immer, als wäre alles, was uns trennte, nur Schein und Mißverständniß,

als bedürfte es nur einer ruhigen und glücklichen Hand, diese Scheidewand

zu entfernen. Ich besitze eine solche Hand nicht, aber Sie« ...

Bei all' seiner Wildheit lag etwas Bestechendes in seinem Benehmen, und

in der Entsagungsstimmung, in der ich war, konnte ich seine Bitte nicht

abschlagen. Vielleicht versprach ich ihm mein Fürwort auch nur, ohne

mir recht klar darüber zu werden, um mich und Elsa eine Weile von ihm zu

befreien.

»Sie werden nichts unternehmen, Herr von Lüttow, bis ich Ihnen Nachricht

gegeben,« sagte ich beim Abschiede.

»Auf Ehrenwort.«

»Und sich der Entscheidung des Fräuleins fügen?«

»Auch das. Es soll der letzte Versuch sein« -- dabei griff er mit beiden

Händen in den rötlich blonden Bart und bemühte sich, hell auf zu lachen.

Aber es kam nur ein heiserer Ton und eine Gesichtsverzerrung heraus. Der

Wolf in ihm stritt beständig mit dem Menschen.

Wie nach Elsa's erstem Unfall, stellte sich auch diesmal, nachdem die Kraft

des Uebels gebrochen war, die Besserung und Genesung schnell wieder ein.

Ihre gute Natur rückte alles bald in das Gleichgewicht; sie schrak

leicht zusammen, wie die Mimose, allein die Gesundheit und glückliche

Beschaffenheit ihres Körpers, verbunden mit ihrer Jugend, tilgten eben

so rasch die Spuren des Schreckens. Nur aus ihrem Gemüt schien er diesmal

nicht weichen zu wollen. Ihre Stimmung hatte eine düstere Färbung

angenommen, kein Mittel, sie zu erheitern, schlug durch. Die

Unmöglichkeit, auf der Bühne während der nächsten Tage aufzutreten,

der Gram, durch eigene Unvorsichtigkeit sich den Fortgang ihrer Triumphe

verscherzt zu haben, mochte mit an ihrem Herzen nagen.

»Dieser eine Maskenball,« sagte sie bitter, »hat mich von der Laune

geheilt, je einen zweiten zu besuchen. Ich habe meine Thorheit theuer

bezahlt, aber ich hoffe, daß es Ihrer Frau zu gute kommen wird.«

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 6 / 7 段