Sie glaubte oder gab sich den Anschein zu glauben, daß unsere Verbindung

eine fest beschlossene Sache sei, und daß es nach allem, was geschehen,

kaum noch ihrer besonderen Einwilligung bedürfe. Zunächst widersprach ich

ihr nicht; die Enttäuschung, die ihrer wartete, bereitete ihr schwerlich

einen ernsthaften Schmerz, die Empfindungen der Dankbarkeit und

Freundschaft erlitten durch die Enthüllungen, die ich ihr zu machen hatte,

keinen Eintrag, sondern erfuhren dadurch nur eine Reinigung und Läuterung;

alle Schlacken eines falschen Gefühls, einer im tiefsten Grunde halb

unfreiwilligen Zärtlichkeit fielen von ihnen ab, fortan brauchten sie

ihren Glanz nicht von dem Namen der Liebe zu borgen, in dem Licht ihrer

eigenen Schöne konnten sie strahlen. Ich allein hatte einen unersetzlichen

Verlust zu beklagen, ich allein sah einer freudlosen Zukunft entgegen. Es

war nur menschlich, mich eine kurze Frist noch in dem holden Wahn eines

erträumten Glückes zu wiegen und dabei zugleich die Anzeichen aufzusuchen

und zu finden, daß dies Glück sich niemals hätte verwirklichen lassen --

so viel Selbstquälerei darin lag, so viel Stärke der Entsagung schöpfte

ich doch auch daraus.

Eines Abends begann sie von ihren Eltern zu erzählen; ich müsse doch ihre

Herkunft wissen, ehe ich sie heimführe. --

»Ach! Elsa, ich kenne Sie längst -- länger als wir beide es bis jetzt

geglaubt,« antwortete ich. »In jener Neujahrsnacht -- die Uhr dort hat

mir alles verraten.«

»Die Uhr? Wie merkwürdig! So altmodisch und wunderlich sie aussieht, ich

habe mich nie von ihr trennen können. Schon als Kind hatte ich sie lieb,

wohl des hübschen Bildes willen. Sie ist ein Erbstück aus dem Hausrat

meiner Urgroßmutter, und bei dem Zusammenbruch unseres Hauses habe ich sie

als eine der wenigen Reliquien einer glücklicheren Zeit gerettet. Und Sie

wollen sie kennen?«

»Beinahe so genau wie Sie« -- sagte ich und konnte vor Bewegung eine

Thräne nicht unterdrücken.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen, mein Freund? Sie weinen! Habe ich eine

so schmerzliche Erinnerung erweckt?«

»Die traurig süßeste meines Lebens, Elsa, die Erinnerung an Ihre

Mutter!«

»An meine Mutter!« Sie stand vor mir und schaute mir tief in die Augen.

»Ich war noch ein Kind, als ich sie verlor, und habe nur eine ganz

undeutliche Vorstellung von ihr. Sie haben sie gekannt? O sie war gut und

schön, erzählen Sie mir von ihr. Ich weiß so wenig von ihrem Sein und

Denken, ich bin unter fremden Leuten groß geworden. Der Vater sprach nur

selten von der Vergangenheit, und ich wagte nicht oft, als ich wieder

aus der Erziehungsanstalt in sein Haus zurückgekehrt war, nach

der Verstorbenen zu fragen; Sie aber haben ihr ein gutes Angedenken

bewahrt« ...

»Ich habe sie geliebt, Elsa« --

»Meine Mutter!« Und mit einer unbeschreiblichen Bewegung, in der sich

Staunen, Scheu und geheime Freude ausdrückte, griff sie mit ihren beiden

Händen nach ihrem Herzen, als müsse sie es hindern, sich durch sein

lautes Pochen zu verraten.

»Und vielleicht entspringt aus dieser Liebe die Sympathie, die mich mit

Ihnen verbindet,« setzte ich rasch hinzu.

Sie saß auf einem niedrigen gestickten Stuhl halb zu meinen Füßen,

die Hände im Schooß verschränkt, zuweilen zu mir aufblickend, zuweilen

träumerisch in die rotglühenden Kohlen des Kamins schauend. So erzählte

ich ihr die Geschichte meiner ersten Liebe. Es gab nichts darin zu

verschweigen oder zu übertünchen, weder hatte ich vor ihr noch hatte

sie über ihre Mutter zu erröten; es war eben eine deutsche Liebe, kein

Abenteuer, wie sie es in ihren französischen Komödien zu spielen

pflegte. War es nun die Rührung, die mich überwältigte, oder hatte

die Einfachheit und Unschuld des ganzen Vorgangs eine solche Gewalt --

thränenüberströmt legte sie ihr Haupt, als ich geendet, auf meine Kniee.

Ich mußte ihr den vergilbten Brief Friederikens herüberholen, und sie las

ihn mit dem Ausdruck tiefster Erregung.

»Warum mußte ich sie verlieren, ehe ich sie recht hatte lieben lernen!«

schluchzte sie. »Ja, mein verehrter Freund, in der Erinnerung an sie

werden wir immer vereinigt bleiben!«

»Ja wohl, in Freundschaft verbunden, liebe Elsa,« sagte ich und schloß

sie in meine Arme. »Jedes unklare Gefühl ist aus meiner Brust gewichen,

die Verwirrung hat sich gelöst -- ich liebte ahnungslos in Ihnen die

Mutter, ich glaubte mich berufen, Sie zu beschützen, als Ihr Gatte Sie zu

vertheidigen -- es war nur die letzte Nachwirkung jenes Dranges, der mich

damals trieb, das Leben des Kindes vor dem Tode zu schirmen. Vergeben Sie

mir die Irrung meines Herzens, wenn sie, wie ich fürchte, Ihnen schwere

Stunden bereitet hat, und vertrauen Sie fortan in jeder Lage und zu jeder

Zeit Ihrem Freunde!«

»Wie mein Leben, schulde ich Ihnen nun auch meine Freiheit,« brach sie

aus, »so kann ich denn ganz, ungeteilt und ohne quälende Rückgedanken

mich meiner Kunst widmen, es überkommt mich aus Ihrem, aus meiner Mutter

Beispiel etwas wie eine Reinigung aller Leidenschaften, zum ersten Male

fass' ich den Glauben an meine Künstlerschaft!«

Aus ihren Augen leuchtete ein Feuer, wie es mir so hell und strahlend

noch nicht daraus entgegengeglänzt, eine edle Begeisterung beseelte und

erhöhte ihr ganzes Wesen. Es war Unrecht, diese getragene Stimmung zu

stören und, statt die eine Saite voll ausklingen zu lassen, eine andere zu

berühren, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen schrilleren Ton von

sich gab. Aber wenn ich diese Gelegenheit gegenseitiger Offenbarungen

versäumte, ihr von Lüttow zu sprechen, wer wollte sagen, ob ich sie bald

wiederfand? Welche Ueberwindung es mich auch kostete, ich war entschlossen,

ihm mein Wort zu halten. Ueberlegte ich ihr Benehmen gegen ihn, so konnte

auch ich nicht daran zweifeln, daß sich das Seltsame und Widerspruchsvolle

darin am besten durch eine von mancherlei Einwänden und Bedenken

bekämpfte, über sich selbst ungewisse Neigung erklärte.

»Sie kennen meine Ansichten über das Schauspielertum und das

Bühnenleben,« sagte ich darum nach einer Weile, an ihre letzten Worte

anknüpfend. »Ich begreife sein Berauschendes, die Verklärung der ganzen

Persönlichkeit auf den Brettern, im Schein der Lampen. Die Kunst selbst,

wer schätzte, wer bewunderte sie nicht! Ob aber ihre Ausübung den

Künstler glücklich macht? Niemand kann Ihnen eine glänzendere Zukunft

wünschen, als ich, der ich frei von allen eigensüchtigen Hoffnungen und

Eitelkeiten bin, dennoch dürfen Sie es der Weisheit meines Alters nicht

verargen, wenn sie danach forscht, ob hinter diesem bunten Glanz sich auch

wirklich Zufriedenheit und Herzensruhe verbirgt?«

Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich, sie runzelte die Stirn und

entfernte sich einige Schritte von mir.

»Herr von Lüttow hat mit Ihnen gesprochen,« sagte sie dann hart und

scharf.

»Ja.«

»Er hat Ihnen unser Zusammentreffen auf dem Maskenballe erzählt?«

»Ich fand ihn am Neujahrsmorgen in meiner Wohnung als einen Verstörten;

es war natürlich, daß ich Aufklärungen von ihm forderte, und daß er sie

gab.«

»Er kann Ihnen nicht gesagt haben, warum ich in sein Begehren einwilligte

und ihm die Unterredung gestattete. Ihre Freundschaft für mich war

in Theaterkreisen bekannt geworden; ich verhehlte meine Achtung, meine

Dankbarkeit nicht, und da ich entschlossen war, Ihre Hand anzunehmen,

wollte ich dem Gerücht zuvorkommen und Herrn von Lüttow selbst meine

Absicht ankündigen --«

»Und sich dem Ausbruche seines Jähzornes aussetzen?«

»Lieber mich als Sie!« Sie stand während des ganzen Gesprächs,

hochaufgerichtet, mit finsterem Gesicht, wie zur Abwehr eines Angriffes

bereit.

»Liebe Elsa,« bat ich, »beruhigen Sie sich. Lüttow bereut seine

Heftigkeit, seine Eifersucht -- er ist mehr ein Unglücklicher als ein

Schuldiger.«

»So sprechen Sie, weil Sie ihn nicht kennen.«

»Nein, gerade weil ich einen Einblick in sein Herz gethan zu haben

glaube. In seinem Schmerz war er aufrichtig und verringerte weder noch

entschuldigte er seine Wildheit; er liebt Sie.«

»Und weil er mich liebt, darum scheinen Sie nun auch, wie er, zu

verlangen, daß ich ihn wieder liebe! Als ob wir Frauen nur dazu da wären,

uns hinzugeben, weil es einem der Herren der Schöpfung einfällt, heftiger

nach uns zu begehren. Alle Männer denken in diesem Falle gleich, alle

fühlen sich in der Person des einen Zurückgewiesenen verletzt.«

»Doch nicht, Elsa; ich nehme nur an, daß solch wildloderndes Feuer

nicht ohne Wirkung auf ein Frauenherz bleiben kann; etwas entzünden diese

Funken, Haß oder Gegenliebe, und ich zweifle, ob Sie Lüttow hassen.«

»Er hat Ihnen eingeredet, daß ich ihn lieben müsse?«

»Mich kümmern die Worte eines Verstörten nicht, aber so weit meine

ich herzenskundig zu sein, um sagen zu dürfen, daß er Ihnen nicht

gleichgiltig ist.«

»Nicht gleichgiltig,« wiederholte sie halblaut und ging unruhig im

Gemach auf und nieder. »Warum soll ich es läugnen, daß Lüttow im Anfang

unserer Bekanntschaft mir liebenswert erschien? Sein Ungestüm, seine

Verwegenheit hatten einen romantischen Zug, es lockte mich, an dem

Löwen meine Zähmungskunst zu versuchen; es war schmeichelhaft, einen

so unbändigen Mann meinen Winken gehorsam zu sehen. Hinter der

gesellschaftlichen Schranke fühlte ich mich vor seiner Heftigkeit sicher;

ich stand unter dem Schutze eines strengen Vaters und war ihm ebenbürtig.

Aber schon damals warnte mich etwas davor, ihm näher zu treten und mich

durch ein Versprechen, eine Gunstbezeugung an ihn zu binden. Urteilen

Sie selbst, wie dies innere Unbehagen, das mich schon damals in seiner

Gegenwart überfiel, sich steigern mußte, als ich ihm wieder begegnete

-- eine arme kleine Schauspielerin, die er nun beschützen, in die Höhe

bringen, für die er Sonnenschein oder Regenwetter machen konnte! Da hat

sich mein Herz gewandelt. Schelten Sie es Stolz oder Eitelkeit -- das

Fräulein Elsbeth Asser, die reiche Tochter eines reichen Vaters, hätte

wohl die Frau des Herrn von Lüttow werden und in leidlicher Ehe mit ihm

leben können, aber die Schauspielerin Elsa Themar -- niemals!«

»Dies ist nur eine Grille von Ihnen, ein übertriebenes Zartgefühl. Nie

würde Ihnen Lüttow Ihre Künstlerschaft als einen -- wie sag' ich nur --

als einen Makel vorhalten, im Gegenteil!«

»Und wollen Sie vergessen, was alles aus dieser ersten notwendigen

Entfremdung zwischen uns hervorgegangen ist? Seine zunehmende Wildheit,

meine wachsende Furcht vor ihm, der Tod seines Freundes -- eine Blutschuld,

die mich immer von Neuem schaudern läßt! Sind das Mißverständnisse, die

wir mit gutem Willen heben können? Wenn mein Herz zehnmal lauter für ihn

spräche -- ich würde es doch bezwingen und schweigend mein Leid tragen.

Der lärmt mit seinen Schmerzen, dem sie nicht tief gehen. Sagen Sie ihm

dies, es ist mein unabänderlicher Entschluß. Ich will endlich einmal frei

sein, mir selbst und der Kunst leben, keinem Manne -- da ich es Ihnen nicht

kann. Sagen Sie ihm das!«

»Sage es ihm selbst, wenn du es wagst!« rief da eine heisere Stimme, und

die Thür ward aufgerissen.

Im Mantel auf der Schwelle stand Lüttow. Noch heute ist es mir

unerklärlich, wie er in Elsa's Wohnung gekommen; ob ich, als ich

hinübergegangen war, Friederikens Brief zu holen, in der Hast die

Korridorthür offen habe stehen lassen, ob er die Hilfe der Dienerin Elsa's

erkauft und sie ihm heimlich die Thür erschlossen hat.

»Es dauert mir zu lange, ehe ich mein Urteil aus Ihrem Munde höre, Herr

Medicinalrat -- ich will es mir aus schönerem holen,« sagte er, aber er

that keinen Schritt weiter in das Zimmer hinein.

»Das ist wider die Abrede, Herr von Lüttow,« entgegnete ich. »Sie

lassen es mich bald genug bereuen, für Sie gesprochen zu haben.«

Bei dem ersten Ton seiner Stimme hatte Elsa gezittert, aber sei es nun,

daß sie diesen Zusammenstoß im Voraus geahnt, oder daß ihr die Erregung

des leidenschaftlichen Gesprächs, das sie mit mir über Lüttow geführt,

ungewohnte Stärke verlieh -- sie zuckte nicht, die Hand auf den Marmorsims

des Kamins gestützt, stand sie, mit bleichem Gesicht und bebenden Lippen.

»Herr von Lüttow, Sie entehren sich durch diesen Ueberfall. Was wollen

Sie von mir? Soll ich Ihnen wiederholen, daß ein Abgrund zwischen uns

gähnt?«

»Ein Abgrund? Soll ich ihn vielleicht noch durch die Leiche des Herrn

da überbrücken?« meinte er spöttisch, auf mich zeigend. »Höre

mich, Elsa! Ich liebe dich wie ein Rasender, und du warest nicht immer so

unempfindlich und unnahbar wie jetzt! Ich fordere Wahrheit, warum stößest

du mich zurück?«

Ich wollte mich zwischen Beide werfen, denn ein Unglück schien

unvermeidlich bei der Wut, die aus seinen Blicken und Worten sprach, aber

Elsa drängte mich zurück.

In diesem Augenblicke schlug die Uhr mit ihrem dröhnenden Klange die

neunte Stunde.

»Sie wollen es wissen?« rief sie wie außer sich. »Sagt Ihnen diese

Stunde nichts? So wie heute sind Sie um diese Abendstunde in mein Zimmer

gedrungen, um mir zu sagen, daß Sie am Morgen Ihren Freund erschossen

hätten. Da wußt' ich, was mein Loos -- da wußt' ich, daß Sie mein

Mörder werden würden. Sehen Sie denn nicht den Schatten, der neben Ihnen

steht -- er winkt mir! er winkt!« Und mit einem erstickten Schrei warf sie

sich an meine Brust.

Lüttow hatte beide Fäuste geballt -- er drang auf mich ein, als ob er mit

einem Schlage mich und sie niederstrecken wollte. War es ein Zufall, daß

er daran stieß oder traf sein erhobener Arm im Niederfallen die Konsole,

auf der die Uhr stand -- mit lautem Gekrach stürzte sie auf den Teppich

des Gemachs. »Verfluchtes Gespenst!« schrie er und stampfte mit dem

Fuße auf die Trümmer. Von dem Lärm und dem Geräusch der fallenden Uhr

erschreckt, öffnete die Dienerin die Thür des Nebenzimmers.

»Es ist nichts!« sagte er. »Eine Uhr ist zerbrochen. Ich bin nicht so

schlimm, wie ich aussehe, Fräulein Themar. Ohne Sorge, ich werde nicht Ihr

Mörder werden. Gute Nacht, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

Und den Mantel dicht zusammenschlagend, war er hinaus. Alles so schnell,

gespenstisch fast, daß ich ihn, Elsa im Arme, weder festhalten noch ihm in

den Weg treten konnte.

»Er ist fort!« sagte sie, sich von mir losreißend. »Mein Gott! was hab'

ich gethan?«

Das lang verhaltene, halb bekämpfte Gefühl sprengte alle Bande, und wie

von einer höheren Gewalt wider Willen fortgerissen, breitete sie die Arme

gegen die Thür aus, durch die er entschwunden war: »Egon! Egon! ich liebe

dich!« und fiel wie tot nieder.

Zu ihrem Heil! Denn so in ihrer Besinnungslosigkeit hörte sie den Schuß

nicht, der ihr Antwort auf ihren Ruf gab. Unten in der Flur des Hauses

hatte sich Lüttow mit einem Revolverschuß getötet, gerad' ins Herz

hinein. Mit unheimlichen Gedanken war er gekommen, nun hatte er sich selbst

für immer beruhigt. --

Was ist unser Leben! Von welchen Mächten hängt es ab? Diese zwei

Menschen schienen für einander bestimmt zu sein, und es genügte, daß die

Empfindung um wenige Atemzüge zu spät die halb physische, halb psychische

Hülle, unter der sie lag, durchbrach, um das Glück Beider zu vernichten.

Oder wußte es das Unbewußte besser? Hatte Elsa's Seele die richtige

Vorahnung, daß sie in der Liebe zu Lüttow niemals zur Ruhe kommen würde,

und fand sie darum erst das entscheidende Wort, als es zu spät war?

Die Leidenschaft macht nicht glücklich, aber ach! wenn ich mich selber

betrachte, auch die Entsagung nicht. Auf anderem Wege, als Lüttow, war

ich zu demselben Ziele gelangt. Sein keckes Zugreifen hatte ihm so wenig

genützt, wie mir mein bescheidenes Zurücktreten.

Und wenn nun wenigstens sein Tod und mein Schmerz ihr eine reine und

heitere Zukunft bereitet hätten! Aber ihr Sinn ist düster und ihr Herz

herbe geworden. Nur die Kunst hat von all unserem Elend Vorteil gezogen.

Elsa Themar ist eine große tragische Schauspielerin. Fern von unserer

Stadt, die sie nach der schrecklichen Katastrophe verlassen hat, feiert sie

Triumphe.

Ob ich sie noch einmal im Leben sehen werde? Ich hoffe es kaum. Je zuweilen

in langen Zwischenräumen schreiben wir uns freundliche, ja zärtliche

Briefe, wie zwischen Vater und Tochter, aber mir ist es oft, als starre aus

den lieben Worten ein finsteres Auge fragend mich an: hast du vielleicht

doch durch deine Dazwischenkunft und deine voreilige Geschäftigkeit den

unseligen Ausgang mit herbeigeführt?

Sind das nur Wahngebilde eines einsamen Träumers, der zu tief über die

Vergangenheit und das Rätsel des Lebens nachgrübelt, oder ist es die

unklare Stimme des Gewissens, das eine Schuld empfindet und sie doch nicht

bezeichnen kann? Ich wühle in der alten Wunde, aber die Kugel finde ich

nicht -- den Punkt nicht in dieser Geschichte, wo ich mit meinem Wesen und

Charakter anders hätte handeln können und müssen, als ich es gethan.

Eines der alltäglichsten Dinge, eine Uhr, bildete den Einschlag dieses

Gewebes, in dem sich für mich so wundersam Vergangenheit und Gegenwart,

Diesseits und Jenseits verbanden. Sorgfältig bewahre ich die dürftigen

Scherben jenes Ziffernblattes und die Reste des Werkes -- sie werden sich

niemals zu jenem Ganzen wieder zusammenfügen, das sichtbarlich meiner

Freuden wie meiner Schmerzen unvergessene Minuten zeigte. So behalten wir

von all' unseren Geschicken, Empfindungen und Erfahrungen gleichsam auch

nur Trümmer in der Hand und wundern uns dann, daß sie, wie wir sie auch

wenden und drehen, nicht mehr recht zusammenstimmen wollen, weil sie den

Klang verloren haben, der einst in ihnen war und sie verband.

Ende.

Frenzel, Erzählungen (Das Abenteuer. Der Hausfreund. Die Uhr.) Zus. in

einem Geschenkband 2 Mark

Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender

Schriftarten: =Antiqua=.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,

einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Not" --

"Noth", "Wert" -- "Werth",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 8:

"," eingefügt

(am Ostende unserer Stadt liegt, in den französischen Komödien)

Seite 10:

"Kömödie" geändert in "Komödie"

(In einer französischen Komödie hatte sie die Rolle)

Seite 23:

"«" eingefügt

(die man in der Gesellschaft von ihm erzählt.«)

Seite 80:

"neben an" geändert in "nebenan"

(»Mutter! Mutter!« rief es da nebenan) ]

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 7 / 7 段