Lampe, im Halbdunkel, in meinem Ballstaat, die ängstlich hin- und
herflackernde Flamme des mir theuersten Lebens bewachend. Welch' eine
Neujahrsnacht! Daß Lüttow bei dem Unglück mit im Spiel gewesen, daß
Elsa von einer dämonischen Macht angezogen, nur seinetwegen auf diesen
Maskenball gegangen, stand bei mir fest, aber alle diese Nachgedanken,
diese ohnmächtigen, leise zwischen den Zähnen gemurmelten Verwünschungen
beseitigten das Uebel, verscheuchten das Schreckgespenst eines tödlichen
Herzschlages nicht. In kurzen Pausen trat ich an ihr Bett, um zu sehen, ob
das Pochen des Herzens sich mindere, ob die einschläfernden Mittel
ihre Wirkung thäten. Halb aufgerichtet saß sie in den Kissen, mit
geschlossenen Augen, gelblichweiß im Gesicht, aus der matt brennenden
Lampe fiel nur wie verloren ein Lichtschimmer über sie hin. Endlich schien
sich ein leichter Schlummer auf sie herabzusenken. Ich schlich in das
Vorderzimmer zurück.
Die unglückliche Uhr mit ihrem lauten Pendelschlag hatte die Dienerin
schon aus dem Schlafgemach fortgenommen, jetzt wollte ich auch den Pendel
anhalten, nicht das leiseste Geräusch sollte Elsa's Schlaf stören. Erst
da fiel mir ein, daß ich zum ersten Male das unselige, geheimnißvolle
Werkzeug dieser ganzen Verwickelung mit Augen sah. Diese Uhr hatte mich
zuerst peinlich und unangenehm auf meine Nachbarin aufmerksam gemacht,
ihr gleichmäßiger, rauher, heiserer Schlag hatte alle Wandlungen unseres
Verhältnisses begleitet. Gab es einen magischen Zusammenhang zwischen
dieser Uhr und unserer Freundschaft? Endete die Freundschaft, wenn der
Pendel der Uhr still stand?
Entschlossen streckte ich dennoch die Hand aus und hielt ihn an; niemals
hatte mir sein Geräusch unheimlicher geklungen. Eine altmodische Uhr, von
Gold, Elfenbein und Ebenholz in dem Geschmack des Empire, mit vergoldeten
Säulchen und einem Giebelfeld darüber, an den Ecken Adler sitzend, auf
der Spitze eine Figur mit fliegendem Gewande, die wohl den Genius der
Zeit darstellen sollte -- Alles in strengen, harten Linien. Aber das
Wunderlichste ist ein kleines auf Elfenbein gemaltes, in die Mitte des
Giebels eingelegtes Bild. Ich nehme die Lampe, um es genauer zu betrachten:
es ist in Miniatur ein Brustbild der Kaiserin Josephine. Ich will meinen
Augen nicht trauen, ein Nebel täuscht mich, ein Lichtschein -- ein
Schatten, der gerade so oder so fällt, bringt die Wirkung hervor. Allein
wie ich auch die Lampe halte, hoch oder niedrig, nahe oder fern, wie ich
auch meinen Platz ändere: es ist der Kopf, das Gesicht Josephinens. Und
je länger ich nun die Uhr, die still, unbeweglich auf ihrer Konsole steht,
betrachte, kommt sie mir bekannt und immer bekannter vor, die Adler,
den Adlern auf den französischen Fahnenstangen nachgebildet, der
davonfliehende Genius -- ich habe sie schon gesehen! Wo gesehen -- wie
gesehen! Die Lampe zittert in meiner Hand, kaum daß ich sie auf den Tisch
ungefährdet zurücksetzen kann. Ist es denn möglich! Ich nähere mich
Elsa's Bett ... »Sie schläft,« flüstert mir die Zofe zu. Mit dem
Gesicht der Wand zugewendet liegt sie da, ruhiger atmend. Es ist, als
ob wir die Rollen umgetauscht hätten, als ob ihr Leiden jetzt in meinem
Herzen wohne ... wie von einem unsichtbaren Schlage getroffen, sinke ich
in den Sessel.
Eine Uhr aus der Napoleonischen Zeit ... es giebt hundert, tausend Uhren
aus jenen Tagen. Auch wohl mit dem Bilde der Kaiserin Josephine. Muß
die Uhr da vor mir gerade dieselbe sein, die ich vor vielen ... vor
dreiundzwanzig Jahren gesehen, in einer Lage, der meine jetzige, hier auf
dem Sessel, im Nachtwachen bei einer schwer Kranken, auf das Genaueste
gleicht? Eine Uhr, deren grausamer Stundenschlag mir damals verkündigte,
daß ich den Augenblick des Glücks für immer versäumt? Ja wohl für
immer, wenn sie nicht durch einen Zufall in Elsa's Hände gekommen, wenn
sie ein Erbstück ist -- das Erbe ihrer Mutter! Keinen Blick kann ich
von der Uhr abwenden, es ist, als ginge jene ganze holde schmerzliche
Vergangenheit noch einmal an mir vorüber, als tauchte in dem Halbdunkel
des Gemaches ein vielgeliebter Schatten auf, den erst Elsa's liebliche
Wirklichkeit aus meinem Herzen zu vertreiben vermochte, als gäbe die
tiefe Stille und die ängstliche Spannung meines Geistes der Phantasie eine
doppelte Gewalt. Halb träumte ich und halb erlebte ich ein unvergessenes
Abenteuer noch einmal.
Ich sitze in einem prächtig ausgestatteten Zimmer, vor mir dieselbe
Uhr auf einer marmornen Konsole, das große Fenster ist geöffnet,
Lindenblütenduft haucht hinein, der süße Schauer einer Mondscheinnacht,
durch die hohen Bäume des Gartens geht zuweilen ein sanftes Säuseln. Mir
gegenüber liegt halb ausgestreckt angstvoll, übernächtig auf dem Sofa
eine schöne blasse Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet -- zu einem
Gebet ohne Worte. Daneben ruht ihr Kind in Todesgefahr, ihr einziges,
zweijähriges Töchterchen ... Ein Schul- und Universitätsfreund, ein
reicher Gutsbesitzer in der Rheinprovinz, hatte mich eingeladen, einige
Zeit auf seinem Gute zu verweilen; bei einem Besuche in der Hauptstadt
hatte den treuen Kameraden mein krankhaftes Aussehen erschreckt: du gehst
zu Grunde, wenn du keine Unterbrechung in deinen Studien und Arbeiten
eintreten lässest, hatte er ärgerlich ausgerufen. Ich hatte seinen Bitten
nachgegeben und war zu ihm gekommen. Seit zwei Wochen wohnte ich nun bei
ihm, in herrlichster Lage, in der Nähe des schönen Stromes, mitten in
den Weinbergen des Rheingaus; dem Ufergelände entlang reihten sich
in mäßiger Entfernung von einander Städtchen, Dörfer, Landhäuser;
Dampfschiffe, Segelboote, Nachen belebten beständig den Fluß, überall
ein munteres, geschäftiges, wie vom Weinduft angehauchtes Treiben.
Landschaft und Leute wirkten wohlthuend, erfrischend auf mich ein. Nicht
nur ins Gesicht, die Junisonne schien mir auch in das Herz. Am Fuß des
Hügels, auf dem sich das Haus meines Freundes erhob, stand eine kleine
Villa inmitten eines großen Gartens, die hellen Fenster auf den Strom
gerichtet. Sie gehörte einem der reichsten Kaufleute in der Hauptstadt der
Provinz, der in jedem Jahre den Septembermonat darin zuzubringen pflegte:
jetzt hielt sich seine Gattin mit ihrem Töchterchen in dem Landhause auf.
Zwischen der Familie meines Freundes und der Frau Friederike bestand ein
höflicher nachbarlicher Verkehr, näher war man einander nicht gekommen.
Die Gattin meines lieben Wirts hatte für die feine, verzärtelte
Städterin etwas zu derbe Formen, sie war schnell mit der Zunge wie mit der
Hand, während Frau Friederike an sich hielt und in ihrer vornehm lässigen
Weise Dinge und Menschen mehr von sich entfernte, als sie eifrig in ihren
Kreis zog. Wir Männer redeten auf unseren Spaziergängen oft von ihr: bald
begegneten wir ihr, wenn sie im Wagen einherfuhr oder mit ihrem Kinde an
der Hand unter den Bäumen ihres Gartens auf- und abwandelte, den nur eine
Hecke und ein niedriges Gitter von der Fahrstraße schied. Und niemand
konnte Frau Friederike sehen, ohne sich noch einmal, wenn sie ihm
vorübergegangen, verwundert nach ihr umzuschauen. Sie war eine Frau von
wunderbarer Schönheit, eine Raphaelische Madonnenfigur mit einem
leisen Zuge des Leidens im Gesicht, der halb eine körperliche Schwäche
anzudeuten, halb die ungestillte Sehnsucht des Gemüts nach einer
schöneren Welt auszudrücken schien. Sanftmütig, nicht von schnellem und
scharfem Geiste, aber voll tiefer Empfindung schilderte sie mir der Freund;
was ich von ihr sah und hörte, denn ein und ein anderes Mal war sie in dem
Hause auf dem Hügel, wir in ihrer Villa gewesen, ergriff mich weit über
den Grad des Eindrucks, den bisher noch ein weibliches Wesen auf mich
gemacht hatte. Sie stand etwa in meinem Alter und behandelte mich, für
eine so reiche und ausschließliche Dame, wie sie es war, mit besonderer
Güte. Von dem Freunde erfuhr ich, daß sie nicht glücklich verheiratet
sei. Also unglücklich? An einen Mann, der sie nicht verdient, der sie
peinigt, einen Tyrannen? fragte ich erregt. Von dem Allen war nicht die
Rede. Der Mann, in der Mitte der vierziger Jahre, behandelte sie mit der
größten Achtung und Freundlichkeit, und auch ihr entschlüpfte niemals
ein Wort des Verdrusses oder der Klage über ihn; sie paßten eben nicht
für einander: sie eine schwebende Natur mit ätherischem Anfluge, er fest
und hart in der Welt der Thatsachen wurzelnd, ohne Neigung, sich daraus zu
erheben. Bei ihrer Stille und sanften Anmut mochte er kaum bemerken,
daß die Uebereinstimmung ihrer Seelen fehle; die Zärtlichkeit, die sie
entbehrte, bedurfte er nicht. So beschrieb mir der Freund das Verhältniß
der beiden Gatten, und er wird wohl das Richtige getroffen haben; ich
selbst habe den Mann nie gesehen.
Ein Unglücksfall verband mich dann inniger mit Friederiken. Eines späten
Abends kam atemlos einer ihrer Diener herauf geeilt: das Töchterchen der
gnädigen Frau sei erkrankt, der Arzt im nahegelegenen Flecken über Land
gefahren, ich möchte mich des kranken Kindes annehmen. »Rette es,« rief
der Freund mir zu, »hier geht für dich der Weg zum Ruhm!« Was dachte ich
in jenem Augenblick an den Ruhm, an die Zukunft! Ich hatte nur Sinn für
Friederikens Angst und Verzweiflung, ich flog den Hügel hinunter. Als ich
dann vor ihr stand, ihr in das thränenüberströmte, schmerzvoll zuckende
Antlitz blickte, ergriff mich eine unbeschreibliche, so noch niemals
empfundene Bewegung, als ob ein neues Element in meinen Körper gekommen.
Es war eine furchtbare Nacht; das Kind war von einem gefährlichen Anfall
der Diphtheritis ergriffen worden, und mehr als einmal schwebte der
Todesengel dicht an ihm vorüber -- dicht, wie jetzt an Elsa! War ich in
beiden Fällen die Hand, der sich das Schicksal bediente, ein und dasselbe
Leben zu retten? Und beide Male zu meinem Verderben!
Diese Nacht mit ihren Schrecken hatte Friederike und mich einander mehr
genähert, als eine langjährige gleichgiltige Bekanntschaft es gethan
haben würde. In der gleichen Sorge enthüllte sich unabsichtlich das
Innerste unseres Wesens, Jedes fand in dem Herzen des Andern etwas wie das
Echo des eigenen. Die Krankheit des Kindes gestattete keine Trennung; kaum
war der Anfall beseitigt, zeigten sich Spuren des Scharlachfiebers, das
zwar nur leicht auftrat, aber die einmal in Angst versetzte Mutter nicht
aus der erregten Spannung ließ. In ihrer freudlosen Ehe war die Tochter
ihr einziger Trost, ihre einzige Freude; es schien ihr, als könnte sie den
Verlust derselben nicht überleben. Ihr Gemahl befand sich gerade auf einer
Geschäftsreise in England; er bat sie, ihm jeden Tag Nachricht von dem
Befinden des Kindes zu geben, aber sie schalt es herzlos, daß er nicht
ohne Zögern alle seine Geschäfte hatte fallen lassen und an das Lager der
kleinen Elsbeth geeilt war. Mein Gastfreund nannte das eine Uebertreibung
der Mutterliebe; ich aber stimmte ganz mit Friederike überein: wenn
nicht des Kindes, doch einer solchen Mutter wegen hätte der Vater kommen
müssen; wie konnte man diesem Weibe gegenüber nur den leidigen Gelderwerb
in die Wagschale legen! So geschah es, daß Friederike sich immer lebhafter
und inniger an mich anschloß. Wenn ich mit ihr zusammen den Schlaf
der Kleinen überwachte, ihre Besorgnisse und Kümmernisse anhörte, zu
zerstreuen suchte oder meinen Teil daran forderte, ihr ein Buch vorlas, dem
Kind ein Spielwerk mitbrachte, erfüllte ich in ihren Augen die Pflichten
eines wirklichen Vaters; unmerklich schob ich den wahren Vater, den
Entfernten, aus seiner Stellung. Ich that, was er hätte thun sollen,
und da mein Alter und meine Gemütsart besser zu Friederikens Jahren
und Ansichten stimmten, als die seinigen, galt ich ihr bald als der
vorzüglichere Mann. Meine Empfindung für sie war die der reinsten
Verehrung; ich sah und betete etwas in ihr wie das Ideal des Weibes an,
eine Mischung von Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wie ich sie bisher
nur in den Werken der großen Maler angestaunt hatte, ohne an ihre irdische
Verkörperung glauben zu können.
Nicht wenig trug der Gegensatz, in dem Friederikens poesievolle Erscheinung
zu der trockenen Prosa meiner gutmütigen Wirtin stand, dazu bei, diesen
Glorienschein um ihr liebliches Haupt täglich zu erneuen. Wohl erkannte
ich, daß die zugleich glänzende und reizende Umgebung Friederikens den
Zauber ihrer Gegenwart verstärkte; nur zu gut wußte ich aus eigener
trauriger Erfahrung, welche Feindin eines schönen Lebens, einer sich
immer gleich bleibenden würdigen und anmutigen Haltung die Armut, die
Dürftigkeit ist -- aber vielleicht, sagte ich mir, ist das Glück auch das
größte Verdienst. Wenn es solche auserwählte Wesen nicht gäbe, denen
die gemeine Sorge um das tägliche Brot, die Anstrengung und Mühe des
Kampfes um das Dasein niemals den heitern Wechsel ihrer Tage und das
gefällige Spiel der Erscheinungen stört oder trübt, wie armselig wäre
die Erde! Sie sind in der Menschenwelt, was die schöne Landschaft in der
Natur ist. Indem wir sie erblicken, fühlt sich unser Herz erfreut und
erhoben, wie bei einem Blick von der Bergeshöhe in ein entzückendes Thal.
Gemeine Seelen mögen sie beneiden, edlere begrüßen sie als den höchsten
Ausdruck menschlicher Vollkommenheit. Ich konnte mir Friederike nicht
anders als im Reichtum, inmitten wohlgeordneter Verhältnisse denken;
der Harmonie ihres Wesens mußte die Ordnung und Sauberkeit des Aeußeren
entsprechen.
»Du bist noch nicht weit und viel in der Welt umhergeschleudert worden,«
meinte der erfahrene Freund bei meinem begeisterten Lob der schönen Frau,
»und hast noch zu wenig Frauen in ähnlicher Lage kennen gelernt; du bist
wie ein junger Mönch, der aus der Klosterschule seinen ersten Schritt ins
Leben thut und überall Engel oder Teufel sieht.«
Nein -- der Freund hatte Unrecht; hundert und aberhundert reiche und
vornehme Frauen habe ich seitdem in nächster Nähe, mit und ohne Schleier
gesehen, aber eine Friederike habe ich nie wieder gefunden!
Wohin mein Gefühl mich führen könnte -- ich ahnte es nicht. Ohne Rück-
wie ohne Vorgedanken überließ ich mich der Gegenwart. Ich weilte wie
in einem verzauberten Garten. Gerade genug, daß die Sorge um das langsam
genesende Kind noch an die Wirklichkeit erinnerte und mich immer wieder
aus dem Labyrinth der Empfindungen zurückzog. So unendlich erhaben dünkte
mich Friederike, daß ich fest überzeugt war, meine Augen würden nie
anders als wie zu einem Heiligenbild zu ihr emporschauen. Und ahnungslos
des Abgrunds, dem wir entgegentrieben, war auch sie in den ersten Tagen
unserer Bekanntschaft. Sie hatte nach einem Retter ihres Kindes gerufen und
ihn in mir gefunden. Die Dankbarkeit, die sie jedem andern an meiner Stelle
ebenso gewidmet haben würde, erhielt durch die Einsamkeit, in der sie
lebte, durch den Unmut über die Hartherzigkeit ihres Gatten, durch die
Aehnlichkeit unseres Wesens, wie ich glaube, eine wärmere Färbung.
Darüber hinaus dachte und sorgte sie nicht. Erst als es zu spät war,
blickte sie auf den Weg zurück, den wir gewandelt. Und niemals waren zwei
Menschen einen lieblicheren dahingegangen. Als die fortschreitende Genesung
des Kindes meine täglichen Besuche und noch mehr mein stundenlanges
Verweilen in Friederikens Hause unnötig machte, hatten wir uns schon so
sehr in diese Gewohnheit hineingelebt, daß uns das Aufhören derselben
mehr erschreckt haben würde, als das Fortsetzen. Nach wie vor erschien
ich am Morgen in der Villa, nach wie vor blieb ich am Abend. Ich war der
Hausgenosse, dessen Erscheinen zu jeder Zeit nicht einmal der Dienerschaft
mehr auffiel, der Hausfreund, den der Gemahl in seinen kurzen Briefen nie
zu grüßen vergaß. Eine Weile bildete noch das Kind, die um sein Wohl
und Wehe ausgestandenen Aengste und Beschwerden den Mittelpunkt unserer
Gespräche, aber allmählich suchten sie andere Stoffe und Ziele. Wir
lasen zusammen in unseren Dichtern, neben einander schritten wir durch die
schattigen Laubgänge des Gartens oder schauten von der Terrasse auf den im
Abendrot schimmernden Strom und die gegenüberliegenden Berge.
Es war, wie man nun will, unser Glück oder unser Unglück, daß für mich
wie für Friederike eine zärtliche, schwärmerische, romantische Neigung
noch eine ungekostete Frucht vom Baume der Erkenntniß war: sie hatte ohne
Liebe, aber auch ohne Widerwillen ihrem Gatten vor fünf Jahren die Hand
gereicht und in ihrem Lebenskreise Keinen getroffen, der ihr ein wärmeres
Gefühl erweckt, dem sie ein größeres Vertrauen hätte schenken können,
als eben ihm; mir war in harter, unablässiger Arbeit der Umgang mit
Mädchen und Frauen beinahe ganz verwehrt gewesen -- ich hatte mit der Welt
um das Dasein ringend keine Muße für Liebeständeleien, nicht einmal für
eine Schülerliebe gefunden. Den Naturtrieb kannten wir beide; aber was die
Liebe ist, war uns unbekannt wie der Apfel der Hesperiden. Wir hatten von
idealischen Gefühlen bisher nur gelesen und geträumt, jetzt erlebten und
erlitten wir selbst sie.
Welche Stunden! Hätten sie ewig dauern oder wir doch mit ihnen schmerz-
und schuldlos in die Unendlichkeit versinken können! Freilich damals
freuten wir uns jedes neuen sonnigen Tages, der uns aufstieg. Dieselbe
Uhr, die mir jetzt regungslos gegenübersteht, der einzige Zeuge jener
Vergangenheit, der letzte Rest, der von ihr geblieben, wie oft gebot uns
ihr Weiser Trennung. Ein Erbstück noch von der Großmutter her, schmückte
die altmodische Uhr das Lieblingszimmer Friederikens im Erdgeschoß. Von
unseren Wandelgängen durch den Garten zurückgekehrt, sagten wir uns hier,
wenn die Uhr die zehnte Stunde verkündigte, Lebewohl. Wie berauscht stieg
ich dann den Hügel hinauf, um noch lange am offenen Fenster stehend auf
die dunklen Wipfel ihrer Bäume herabzuschauen, die in ihrem Schatten sie,
ihr Kind und ihr Haus einschlossen und verbargen. Ich hatte ihr meine ganze
Jugendgeschichte erzählen müssen, bis zu dem Tage, an dem ich sie zum
ersten Male gesehen, der für mich einen neuen Lebensabschnitt bezeichnete.
Es war im Vollmondschein; wir gingen unter den Platanen hin und wieder,
zuweilen fiel das Mondlicht auf ihr Gesicht, daß es wundersam erglänzte;
unsere Hände suchten und verschränkten sich in einander ... da entfloh
mir das erste Liebeswort. Sie zuckte zusammen, sie erwiderte nichts, aber
sie duldete doch, daß ich ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen
bedeckte. Ich wollte vor ihr niederfallen, ihre Kniee umfassen --
»Gotthold! Gotthold!« hauchte sie leise, und ihre Lippen berührten meine
Stirn. Im nächsten Augenblick war sie entschwunden. Ich wagte ihr nicht zu
folgen; glückselig irrte ich unter den Bäumen hinauf und hinab. Als
ich endlich in den Salon zurückkam, Abschied zu nehmen und meinen Hut zu
holen, saß sie am Tisch und blickte ohne zu lesen in ein Buch. Bei meinem
Eintritt fuhr sie empor -- eine Sekunde standen wir uns so wortlos mit
fliegenden Pulsen und glühenden Gesichtern gegenüber. »Gute Nacht, liebe
gnädige Frau!« stammelte ich. Da warf sie sich heftig weinend an meine
Brust, küßte mich unter Thränen und rief: »Nun gehe, gehe!« Und sie
drängte mich zur Thür. Ein Klügerer oder ein Kühnerer würde geblieben
sein und es auf eine nochmalige Abweisung haben ankommen lassen, aber ich
war ein Neuling in der Liebe und zu gewohnt, jedem ihrer Winke zu folgen.
Auch getraute ich mich in meiner Zaghaftigkeit gar nicht an mein volles
Glück zu glauben und fürchtete, wenn ich fest danach griffe, würde es
mir in leere Luft zerrinnen. Sie mich lieben! dies Götterbild sich zu mir
herabneigen -- nicht im verwegensten Traume hätte ich es gefordert, und
nun war es Wirklichkeit. Was wollte, was konnte ich noch mehr wollen?
In jener Nacht nichts mehr, das große unverdiente Glück hatte
alle geringeren Wünsche verschlungen. Denn im ersten Rausch einer
schwärmerischen Jugendliebe erscheint die Seligkeit, wieder geliebt zu
werden, als der Inbegriff alles Höchsten und Begehrenswerten; das Herz
wagt sich noch gar nicht an den Gedanken, die Geliebte zu besitzen, heran.
Nichts trübte mir darum den Vollgenuß jener Stunden. Am nächsten
Tage fiel freilich der Schatten des Irdischen wieder auf unsern Weg. Mit
seltsamer Scheu, wie ich sie bisher an der ihres Wesens und ihrer Rede so
sicheren Frau noch nicht wahrgenommen, begegnete sie mir; sie vermied es,
mit mir allein zu sein, und behielt ihr Töchterchen um sich, es bald an
der Hand fassend, bald es auffordernd, auf dem Teppich zu ihren Füßen
zu spielen. Viel früher als sonst verabschiedete sie mich, unter dem
Vorwande, daß sie noch Briefe zu schreiben habe, und als ich sie anschaute
und »Friederike!« rief, erwiderte sie meinen Blick mit so bittendem,
so herzrührendem Ausdruck ihrer Augen, daß ich nichts anderes zu thun
vermochte, als zu gehen. Lange brauchte ich nicht nach der Ursache ihres
Benehmens zu suchen: gerade als ich aus der Gartenpforte ging, übergab der
Briefträger dem Hausdiener einen Brief -- »Ach! vom Herrn!« sagte der,
nachdem er die Aufschrift angesehen. Und damit sank die Last, die ihre
Seele bedrückte, auch auf die meinige. Sie war vermählt, einem andern
hatte sie Treue gelobt -- wir standen vor einer Schuld. Eine quälende
Unruhe ergriff mich. Ich war unter dem kategorischen Imperativ der Pflicht
erzogen worden und hatte danach mein Leben eingerichtet. Wollte ich
aufrichtig sein, konnte ich nicht einmal sagen, daß es mir seelisch schwer
geworden, bis dahin alle meine Pflichten nach Kräften zu erfüllen. Hart
hatte ich arbeiten müssen, Lieblingsplänen entsagt, auf den schönen
Schein der Welt verzichtet, statt frei und ganz mich der Wissenschaft
hinzugeben, als Tagelöhner gedient: aber ich hatte das alles wie eine
Bestimmung auf mich genommen und mich nicht lange mit unnützen Gedanken
aufgehalten. Jetzt zum ersten Male entbrannte in meinem Innern ein harter
Kampf. Der Scheideweg des Herkules war da. Die eine Erkenntniß führte
die andere herbei; waren wir schon zur Hälfte schuldig geworden, wie lange
konnte es währen, und wir wurden es in jedem Sinne! Weil wir wußten, daß
wir an eine verbotene Frucht gerührt, mußte sie bald doppelt verlockend
für uns werden. Nur die Flucht konnte mich davor bewahren, sie zu
brechen. Aber Friederike fliehen! Für immer mich von ihr losreißen, jeder
Hoffnung, sie wiederzusehen, zu entsagen: es war zu viel! Und mußte denn
gleich das Aeußerste geschehen, konnte unsere Liebe nicht auch ferner rein
im reinen Gewande bleiben?
So war ich denn am nächsten Tage wieder in der Villa. Wie wir beide uns
ansahen -- so hatten wir uns noch nie angesehen, auch damals nicht, als ich
ihr meine Liebe gestanden.
»Sie wollten mich verlassen,« sagte Friederike nach den ersten in der
Gegenwart der Dienerin und des Kindes gewechselten Begrüßungsworten,
als wir allein waren, »ich habe die Nacht in schmerzlichen Gedanken
durchwacht, und die Ahnung zerriß mir das Herz, daß Sie auf Flucht
sännen, auf Flucht vor der Liebe und vor mir.«
»O Friederike, Sie allein haben über mich zu gebieten! Ein Wort von Ihnen
heißt mich bleiben oder vertreibt mich. Sprechen Sie dies Wort; ich höre
auf keine andere Stimme als die Ihrige, bei Ihnen liegt die Entscheidung
meines Schicksals.«
»Kann ich dies Wort denn sprechen, Gotthold? Wie wäre ich darauf
verfallen, daß Sie mich fliehen wollten, wenn ich nicht selbst den
Gedanken unserer Trennung in mir erwogen hätte! Durch ein unlösliches
Band bin ich mit einem Anderen verbunden -- und doch kann ich Ihnen nicht
sagen: verlaß mich. Wenn Sie von mir gingen -- ich weiß nicht, was
geschähe, aber selber mein Unglück zu vollenden, dazu fehlt mir die
Kraft.«
»Und warum sollte ich Sie fliehen,« entgegnete ich in der
Selbstbethörung der Leidenschaft, »da ich Sie wie eine Heilige verehre,
da ich keinen andern Wunsch hege, als Sie glücklich und ruhig zu
sehen« ... und was uns in solcher Lage noch weiter der Wahn, Meister
unsers Willens zu bleiben, und die Hoffnung, daß die Seele so wie jetzt
immer über die Begierden der Sinnlichkeit triumphiren werde, auf die
Lippen legen -- eitle, fadenscheinige Gründe, wenn sie nicht an eine
Frau gerichtet würden, deren Herz nichts weiter verlangt, als bethört zu
werden. So viel schwärmten wir einander von hingebender Freundschaft, von
unentweihter Seelensympathie und platonischer Liebe vor, daß wir an jenem
Abend überzeugt waren: wir würden am Absturz nicht straucheln. »Wir
haben einen Engel, der uns beschützen wird,« sagte Friederike und schloß
ihr Töchterchen in ihre Arme, »ich habe es geboren, du hast es gerettet,
lege deine Hand auf dies unschuldige Haupt, daß wir niemals vor diesem
Kinde zu erröten brauchen.«