Nun mochte ihr doch wohl mein unruhiges Hin- und Herrücken auf dem Sopha

auffallen; der Verschluß unserer Hände hatte sich gelöst, sie blickte

zur Erde, zupfte an den Schleifen ihres Kleides und sagte endlich: »Oder

verbieten Sie mir jeden Ehrgeiz? Meinen Sie, daß ich trotz alledem nur

eine Mittelmäßigkeit bin und wohl daran thue, mich keiner schärferen

Beurteilung auszusetzen?«

»Lästern Sie doch Ihr Talent nicht, Elsa,« brach ich ungestüm aus, in

irgend einer Weise mußte sich meine Erregung Luft schaffen. »Warum sollte

Ihnen das Höchste unerreichbar bleiben? Ich dachte, bei dem Gedanken, daß

Sie fortgehen könnten, nur an unseren, an meinen Verlust.«

»Würde ich Ihnen fehlen?« fragte sie zurück und wandte mir plötzlich

ihr Gesicht voll und ganz zu. Es war, als vereinigte sich der Glanz aller

Kerzen und Lichter, so viel ihrer im Zimmer brannten, auf diesen schönen

rosig überhauchten Zügen. Ihre Augen forschten in den meinen, und ihre

halb geöffneten Lippen schienen eine Frage flüstern zu wollen, wenn ich

ihnen nicht mit der Antwort zuvorkam.

»Wenn Sie wieder gingen, Elsa, warum es verschweigen? Ein schöner Stern

würde mir damit unwiederbringlich von dem Lebenshimmel entschwinden. Und

ich bin nicht mehr in den Jahren, wo man mutig das Erscheinen neuer Meteore

erhofft. Ein Dunkel würde über mich hereinbrechen, doppelt so finster und

trostlos als das vorangegangene, da ich mich an die Schönheit des

Lichtes gewöhnt. Was uns zusammengeführt hat, ist mir mehr als ein

bedeutungsloser Zufall. Sie haben mir eine Seite des Lebens erschlossen,

die ich nicht kannte, deren Duft und Farbenschimmer mich nun entzückt

-- die ich ewig entbehren würde, wenn ich jetzt in mein Einsiedlertum

zurücktreten müßte. Aber es ist selbstsüchtig, nur von mir und meinem

Verluste zu reden, während Sie nichts verlieren, nichts einbüßen

werden.«

»Glauben Sie?« sagte sie und stand auf. Sie ging einmal durch das Gemach,

wie mit sich selbst kämpfend und nach Worten ringend, dann trat sie dicht

vor mich hin, in einem prächtigen Schwunge flossen ihre Haare um sie.

»Nein, Sie können mich nicht für so gleichgiltig und herzlos halten! Ich

sollte einen Freund, einen so treuen, redlichen, uneigennützigen Freund

nicht entbehren? Mich nicht nach seinem Umgang, seiner Belehrung, seiner

Liebenswürdigkeit zurücksehnen? Warum spielen die stolzesten Männer so

gern die bescheidenen? Denn Sie fühlen es so gut wie ich, daß Sie nicht

zu der großen Schaar der Alltagsmenschen gehören, denen man ohne Neigung

begegnet, und die man bis auf die Erinnerung vergißt.«

Vielleicht wurde nun doch, je länger sie sprach, die Schauspielerin in ihr

mächtig, aber ihre Erregung, das höhere Rot ihrer Wangen, der lebhaftere

Blick ihrer Augen gaben ihr etwas Unwiderstehliches. Wie hätte sie

mich nicht hinreißen sollen, den das heimliche Feuer schon seit Wochen

verzehrte? Wenn es je einen günstigen Augenblick für die Liebeserklärung

eines älteren Mannes gegeben, so war es dieser, wo die gegenseitige

Leidenschaftlichkeit den Unterschied der Jahre verwischte und in uns Beiden

die Empfindung stärker sprach als die Ueberlegung. »Müssen Sie denn

von uns gehen, Elsa?« begann ich. »Ist das Glück Ihres Lebens an die

Verfolgung Ihrer künstlerischen Laufbahn gebunden? Reizt Sie die Unruhe

des Kampfes mehr als die Heiterkeit des Friedens? Es mag ja eine tolle

Aufforderung sein, einer jungen glänzenden Schauspielerin zu sagen: tritt

vom Schauplatze deiner Triumphe zurück; und ich würde der Letzte

sein, Ihnen einen solchen Vorschlag zu machen, wenn Sie mir nicht selbst

gestanden, daß bisher Ihre Thätigkeit Ihr Herz nicht ganz ausgefüllt

hätte, wenn ich nicht annehmen dürfte, daß Ihnen ein anderes Loos nicht

auch wünschenswert erschiene --«

»O!« unterbrach sie mich, »ich habe Ihnen nicht verschwiegen, was

mich auf die Bühne führte, aber ein erster Schritt auf den Brettern

ist verhängnißvoll, allmählich wird zur Neigung, was anfänglich nur

Notwendigkeit und dann Gewohnheit war, um so mehr, wenn die Verhältnisse,

die unsern Entschluß bestimmten, dieselben bleiben und noch fortwährend

ihren Einfluß ausüben.«

»Aber diese Verhältnisse sind nicht unüberwindlich, sind nicht

unwandelbar,« rief ich. Was ich ihr nun weiter sagte, in welchen Worten

ich ihr die Entstehung, das Wachsen meiner Neigung zu ihr, die Kämpfe, die

ich mit meiner Leidenschaft bestanden, das Glück, das sie mir schenken,

die Ruhe und die sichere Stellung, die ich ihr bereiten würde, aus meinem

Herzen heraus schilderte, vermag ich nicht mehr niederzuschreiben. Ich kam

mir selbst wie ein Besessener vor, eine höhere Macht oder mein erhöhtes

Ich redete und handelte aus mir. Elsa atmete nur schwer, sie erwiderte

nichts, bald sah sie von mir weg auf die Lichter des Tannenbaumes,

bald blickte sie mich wieder freundlich an, als wolle sie mich dadurch

ermuntern, weiter zu sprechen. Einmal entfuhr mir der Name Lüttow --

daß es nur eine Sicherheit für sie gegen seine Verfolgungen gäbe, eine

Heirat, die sie für immer von ihm trennen würde.

»Für immer!« murmelte sie halblaut und nickte, wie meine Meinung

bestätigend, mit dem Kopfe; dann fuhr sie mit der Hand über die Stirn,

als wolle sie einen bösen Gedanken verscheuchen. »Es ist wahr, ich muß

mit ihm enden.« Und wieder versank sie in ihr Schweigen, wortlos und

entschlußlos.

Sie mochte vielleicht eine Liebeserklärung, aber nicht eine Bitte um ihre

Hand erwartet haben. Als ich nun aber, durch ihr Schweigen kühn gemacht,

sie umfassen wollte, entzog sie sich mir hastig, sprang auf und eilte zum

Fenster. Sie drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und starrte hinaus.

Hier und dort hell erleuchtete Fenster, gleichsam die Freude, die drinnen

in den Zimmern herrschte, nach außen strahlend, im Gegensatz zu dem

unheimlichen Schneegestöber, das der pfeifende Wind durch die Straße

jagte. Ich war ihr gefolgt und an ihre Seite getreten. »Zürnen Sie mir?«

fragte ich leise. Statt der Antwort gab sie mir ihre Hand. Ihre Augen waren

wie umflort; war es tiefe Bewegung oder eine heimliche Angst -- etwas hielt

das Wort in ihrem Munde zurück.

»Daß Sie mich liebten, mein Freund,« brachte sie endlich wie mühsam

hervor, »war nicht schwer zu erraten, nun aber --«

»Sie finden, daß ich ein Geck sein müsse, Ihnen in meinem Alter einen

solchen Antrag zu machen.«

»Als ob ich ein Kind wäre, das die Jahre seines Freundes abzählt. Nein,

ich bin bestürzt, verwirrt. Hand in Hand gingen wir in der Dämmerung

einen uns nur halb bekannten Weg, allein ich vertraute sorglos Ihrer

Führung, und statt mich zu fürchten, gefiel ich mir sogar in dem

Halbdunkel. Ach, warum konnten wir nicht immer wie im Traum neben einander

hergehen! Nun ist ein grelles Licht auf den Pfad gefallen und zeigt mir das

Ziel.«

»Ein Ziel, das Ihnen unfreundlich und unwohnlich erscheint --«

»Das mich nur zögern läßt, es zu betreten. Sie verlangen nicht in

dieser Stunde eine Entscheidung über mein Schicksal. Ich bin eben kein

Mädchen, die mit einem Ja oder Nein Alles abgethan glaubt und die weiteren

Folgen dem Vater oder dem Vormunde überläßt -- ich stehe allein da, und

Sie fordern den Beginn eines neuen Lebens von mir. Was könnte ich Ihnen

für die Sicherheit unserer beiderseitigen Zukunft bieten, zöge ich jetzt

blindlings einen Strich unter meine Vergangenheit und Gegenwart?«

»Sie halten nur gutmütig den bittern Trank zurück, den mir Ihre Hand

doch kredenzen muß.«

»Würde ich sie dann in der Ihrigen lassen?« fragte sie sanft zurück

und lehnte ihren Kopf an meine Brust. Ihren Haaren entströmte ein feiner,

berauschender Duft, heftiger preßte ich sie an mich und bedeckte ihre

Stirn mit meinen Küssen. Augen und Lippen hielt sie fest geschlossen.

»Und nun genug mit der Ernsthaftigkeit!« rief sie sich schüttelnd und

hatte sich mir schon entwunden. »Wir wollen uns den Abend nicht durch

Nachdenken und Grübeln stören, lieber Freund. Ich hatte einmal als Kind

eine so prächtige Puppe zum Weihnachtsfeste bekommen, daß ich sie gar

nicht anzufassen wagte. ›Nimm sie doch,‹ lachte die Mutter und wollte

sie mir in den Arm legen. Aber ich blieb bei meiner Weigerung. So lassen

Sie mich noch eine Weile Ihr kostbares Geschenk von ferne betrachten, es

ist nicht der Geber, es ist die Gabe, die mir ein wenig Angst macht.«

Mit der Leichtigkeit und Anmut, in denen sich nun doch wieder die

Schauspielerin verriet, wußte sie das Gespräch nach anderen Punkten zu

lenken, ihre Stimmung und allmählich auch die meine zu verwandeln. Aus

ihrem Wesen und Betragen glänzte mir ein Hoffnungsschimmer entgegen. Und

hatte sie nicht Recht? Ich forderte nicht allein ihre Freundschaft, sondern

auch ihre Zukunft, nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Freiheit und

ihren Ruhm. In der That -- ich hätte sie geringer schätzen müssen, wenn

sie, ohne sich zu besinnen, in meine Bitte eingewilligt.

Freilich -- als ich nicht mehr unter dem Zauber ihrer Gegenwart stand,

nahm die Sache eine dunklere Färbung für mich an. Wohl mußte ich ihre

Bedenken gelten lassen, aber -- würde sie danach gefragt haben, hätte

sie mich geliebt? So ungerecht sind wir; ich hatte mir Tage und Wochen zur

Ueberlegung und zum Austrag meiner Herzenskämpfe gestattet und wollte ihr

nicht die kürzeste Frist gönnen. Gern oder unwillig, schließlich mußte

ich mich darein ergeben. Die nächsten Tage schlichen in Hangen und Bangen,

im Wechsel von Furcht und Hoffnung dahin; sie war viel beschäftigt, jeden

Abend auf der Bühne, ich wurde von einer russischen Fürstin in Anspruch

genommen, die mich zu konsultiren nach der Stadt gekommen war, ehe sie ihre

Winterreise nach dem Süden antrat. So sahen wir uns nur flüchtig, zum

Aussprechen war keine Muße gegeben. Und derselbe Drang, der mich zu meiner

Erklärung fortgerissen, hielt mich jetzt zurück, ungestüm die ihrige

zu verlangen. Zeit zu gewinnen, schien mir plötzlich in meiner Lage das

Wünschenswerteste. Mindestens blieb mir dadurch das Herbste erspart, ihr

Nein zu vernehmen, den Schmerz zu verbeißen und in der Entfernung von ihr

nicht Vergessenheit, doch Trost zu suchen. Der Ernst ihres Gesichtes, ein

gewisser träumerischer Zug, den ich in solcher Stärke noch nicht an ihr

bemerkt, bewiesen mir hinlänglich, daß sie mit sich selbst nach einer

Entscheidung rang. Wenn ich des Abends im Theater dem stürmischen Beifall

zuhorchte, der ihre Darstellung begleitete, die Kränze und Blumensträuße

zählte, die man ihr zuwarf, fühlte ich wohl, daß ich da einen

ungreifbaren, kaum zu überwindenden Gegner hatte. Alle stimmten darin

überein, daß sie noch nie so vortrefflich gespielt habe. Und dem Allen,

ihrem Talente, diesen Triumphen sollte sie entsagen, um einem älteren

Manne den Abend seines Lebens zu verschönen und ihre eigene Zukunft vor

Stürmen und Schicksalsschlägen sicher zu stellen! Welche Thorheit, welche

Dürftigkeit der Phantasie, welche Leere des Herzens mußte ich bei ihr

voraussetzen! Sie aus diesem Glanz, aus diesem bacchantischen Taumel

herausreißen zu wollen -- ich hätte meine Werbung zu keiner ungelegeneren

Zeit vorbringen können!

Gleichsam, um die Aussichtslosigkeit meiner Wünsche mir grell vor

das Bewußtsein zu führen, mußte mir da eines Nachmittags bei meinem

Spaziergange durch die Siegesallee des Parkes Lüttow entgegenkommen und

mich anreden. Er war in Gesellschaft, schlank und hoch und trotzig wie

immer, aber er ließ, wie er mich erkannte, die Herren stehen, eilte auf

mich zu und bot mir die Hand.

»Haben uns lange nicht gesehen, Herr Medicinalrat,« sagte er in seiner

lauten, aber dennoch gewinnenden Weise. »Sie haben eine Wunderkur an

Fräulein Themar vollbracht. Das ist jetzt all' ein Leben und ein Feuer in

ihrem Spiel. Schauen Sie mich nicht so fragwürdig von der Seite an; ich

rede im Ernst. Dies Mädchen ist eine große Künstlerin, es wäre ein

Unrecht, sie der Kunst zu entführen und prosaisch zu heiraten. Ihr Genius

hat sie richtig geleitet. Wollen Sie ihr sagen, daß ich aufrichtig alle

meine Sünden gegen sie bereue?«

Zum Glück hatten sich jetzt seine Begleiter genähert, und ich konnte mit

einigen allgemeinen verbindlichen Redensarten und mit der Zustimmung in

sein Lob Elsa's mich losmachen. Was vor Wochen mich sowohl ihret- wie

meinetwegen gefreut hätte, Lüttows Einkehr in sich selbst, wie ich es

damals genannt hätte, ängstigte mich jetzt. Hoffte ich zu siegen, wo

dieser Hartnäckigste der Menschen sein Spiel verloren gab? Wenn er

den Triumph und den Rausch der Bühne für mächtiger hielt als seine

Leidenschaft, was hatte ich dagegen einzusetzen? Dennoch teilte ich meine

Begegnung mit Lüttow Elsa mit: es wäre mir unmöglich gewesen, ihr eine

solche Mitteilung zu verschweigen. Sie wurde blaß, als ich seinen Namen

nannte -- wie ich dann zu Ende war, griff sie nach ihrem Herzen, und ein

schwermütiges Lächeln spielte um ihren Mund: »Er ist ja sehr ruhig

geworden!«

Irgend etwas in seiner Aeußerung hatte sie verletzt. »Wenn mein Spiel

eine so beruhigende Wirkung auf erregte Nerven ausübt,« meinte sie,

»sollten Sie es Ihren Kranken als Heilmittel empfehlen, werter Freund.

Im übrigen hat mich Herr von Lüttow niemals verstanden, weder meine

Empfindungen noch meine Handlungsweise; er würde sonst wissen oder doch

ahnen müssen, daß mich nie mehr als gerade in meinem Triumph das Gefühl

meiner Unzulänglichkeit und die Sehnsucht nach der Stille beschlichen

hat.«

Wie hoffnungsvoll klang das für mich! Und endlich mußte doch auch die

Entscheidung fallen. Wie alle Spieler und unglücklich Liebende war ich in

diesen acht Tagen abergläubisch geworden und hatte mir fest eingeredet, am

Neujahrstage würde Elsa ihr Ja oder Nein sprechen. Mein Erstaunen, meine

Verwirrung war darum nicht gering, als sie mir am Morgen des Sylvestertages

sagte:

»Schelten Sie mich nur gleich tüchtig aus, als Arzt und als Freund. Wenn

es noch Ablaßzettel gäbe, kaufte ich mir einen im Voraus. Ich will

heut' Abend eine Thorheit begehen und das alte Jahr auf einem Maskenball

beschließen. Meine Kollegen haben mir so viele lustige Geschichten von

dem Balle erzählt, den das Balletcorps heute giebt, daß ich nicht habe

widerstehen können. Ich werde im Domino hingehen und hoffentlich einen

guten Tänzer finden. Nun, da sitz' ich, was muß ich thun, um die Sünde

zu büßen?«

Anfangs war ich so betroffen, daß ich sprachlos vor ihr dastand, bis ihr

helles Gelächter mich zur Besinnung brachte.

»Bin ich eine rückfällige Ketzerin, für die Sie gar keine Buße und

Strafe wissen? Wollte ich nun meine Hexenmacht gebrauchen, müßte ich

darauf bestehen, daß Sie mich begleiteten und mit mir in dieselbe Schuld

verfielen. Bekennen Sie, daß ich großmütig bin, wenn ich allein die

Verdammniß auf mich nehme.«

Wie verstimmt ich auch über ihre so unerwartet auftauchende Laune war,

durch ein schroffes Dareinreden wagte ich meine Lage nicht noch mehr zu

verschlimmern. Mein Mißvergnügen war gewiß kein vernünftiger Grund

gegen den Besuch eines Balles, und wenn schon der Liebhaber Einspruch gegen

ihre Vergnügungen erhob, welche Beschränkungen ihrer Freiheit und ihrer

Neigungen mußte sie erst von dem Gatten befürchten. Nach Kräften suchte

ich einzulenken und riet ihr nur, sich nicht zu erhitzen, nicht zu heftig

zu tanzen -- Albernheiten, über die ich vor mir selbst errötete. Wie es

nicht anders sein konnte, schieden wir ein wenig kühl und frostig.

Wider meinen und ihren Willen war nun doch der Unterschied zwischen einer

lebenslustigen, munteren Schauspielerin und einem alternden Gelehrten zur

unerfreulichen Erscheinung gekommen. Ich pflegte sonst den Sylvesterabend

im Kreise langjähriger Freunde, Wittwer oder Hagestolze, zuzubringen:

heute lehnte ich ab, ich war zu verdrießlich und unzufrieden, um einen

halbwegs erträglichen Gesellschafter abzugeben. Aber was nun mit dem

langen Abend beginnen? Zu Hause bleiben, lesen, schreiben, die Rechnung des

Jahres ziehen? Ein Alpdruck lastete auf mir, als müßten in der nächsten

Sekunde die Mauern über mich hin zusammenstürzen. Vielleicht fiel es Elsa

gar ein, im Domino und mit der Larve vor dem Gesicht Abschied von mir zu

nehmen, ehe sie in den Wagen stieg. Ich glaubte das Rollen der Räder zu

hören -- jeder Schlag versetzte meinem Herzen einen Stoß. Ich blickte

auf die Uhr -- die neunte Stunde ging eben zu Ende, und sie spielte noch im

Theater. Nein, ich wollte, ich konnte sie nicht erwarten; jetzt schalt ich

sie herzlos, eitel, vergnügungssüchtig, und dann spottete ich mich aus,

einen Gecken, einen Eifersüchtigen, wie es noch nie einen größeren

und traurigeren gegeben. Unmöglich, in den engen, überheizten Zimmern

auszudauern. Wenn auch ich auf den Ball ginge und sie beobachtete? Unsinn,

ich auf dem Maskenball des Corps de Ballet! Wollte ich die lustigen

Streiche der Jugend mit fünfzig Jahren nachholen? Inzwischen, inmitten all

dieser Anklagen, Ausrufungen, ironischen Betrachtungen kleidete ich mich

gesellschaftsmäßig an. Ich getraute mich dabei nicht, meinem Diener ins

Gesicht zu sehen, aber der Gute vermutete meine bösen Gedanken nicht

und wunderte sich nur, daß ich mich so früh schon auf den Weg zu meiner

Sylvester-Gesellschaft machte. Auf der Straße war ich bald, aber mein

Wille blieb zwiespältig wie zuvor. Als ich um die Ecke unserer stillen

Straße in die belebtere Hauptstraße einbog, fuhr ein Wagen dicht an

mir vorbei. Ich wußte, daß es der Wagen war, der sie aus dem Theater

heimbrachte, und ich empfand eine gewisse Genugthuung, ihr entgangen zu

sein. Sie sollte merken, daß ich auch ohne sie zu leben vermöchte. Und

dabei schmachtete ich armseliger Thor nach ihrer Gegenwart, ihrer Rede

und ihrem Lächeln. Nein -- fahrt dahin, Stolz des Weisen und Würde

des Alters, dahin ihr Entschlüsse der Entsagung! Ich bin ein Mensch von

Fleisch und Blut. Sehr wahrscheinlich werde ich morgen einen Thorenstreich

zu bereuen haben, aber der Drang des Herzens will seine Befriedigung,

gleichviel, um welchen Preis. Ein Maskengarderobe-Laden war leicht

gefunden, ein dunkelblauer Domino, eine Maske erstanden -- ich ließ

eine Droschke kommen und fuhr nach dem im Parke gelegenen Ballhause. Der

Pförtner schaute mich verwundert an, ich war der erste Ballgast. Von dem

Kellner, der mir eine Flasche Wein brachte, erfuhr ich, daß die rechte

Lustigkeit und das bunteste Maskengewühl erst kurz vor Mitternacht seinen

Anfang nähme. Eines vor Allem that mir not: Gelassenheit, ich war sonst

nahe daran, die auffälligste Erscheinung des Balles zu werden.

Allmählich füllten sich die Säle mit Charaktermasken und Dominos. Mir

waren diese wie jene gleichgiltig, ich suchte nur die Eine zu entdecken.

Unter Tausenden hätte ich geglaubt, ihren Wuchs, ihre Haltung, ihren Gang

heraus erkennen zu müssen -- nun zeigte sich die Sache doch schwieriger,

die Stimme des Herzens schwieg. Hinauf und hinab drängte ich mich durch

das Gewühl, wiederholt angeredet von Stimmen, die mir unbekannt waren, und

mit einer Stimme antwortend, die den Anderen so fremd klang, wie ihnen

die meine. Ohne Absicht war ich so in die Nähe zweier schwarzen Dominos

gekommen, die Hand in Hand mit einander gingen. Leise streifte ich die

Eine, sie achtete nicht darauf, aber im nächsten Augenblick hörte ich sie

halblaut zu ihrer Begleiterin sagen: »Da ist er!« Die Musik übertönte

das Uebrige, allein mir genügten die drei kurzen Worte. Es war Elsa,

offenbar mit einer befreundeten Schauspielerin. Da ist er -- nur sie konnte

mit diesem eigentümlich zitterndem eindringlichen Tone reden. Da ist er --

wen hatte sie gemeint? wen konnte sie meinen? Hatte sie mich eher entdeckt

als ich sie? Hatte die unwillkürliche Berührung ihres Gewandes mich

verraten? Oh, oh! grollte es dagegen in mir, täusche dich doch nicht

länger! Nicht von dir war die Rede, nicht deinetwegen ging sie auf diesen

Ball. Herunter die Maske und betrachte dein runzeliges, häßliches Gesicht

in einem der vielen Spiegel, welche die Wände zieren. Und dann entfliehe

diesem Raum, wohin du nicht gehörst, vergrabe dich in deine Höhle,

vertrinke deinen Gram wie ein alter Satyr, oder noch besser, hänge dich

auf, Medicinalrat, ehe du eine Figur für die Posse wirst!

Und nun fing eine tolle Jagd an. Ich suchte ihr auf den Fersen zu bleiben

und zugleich den Unbekannten zu entdecken, den sie ihrer Begleiterin

bezeichnet hatte. Einmal war ich dicht hinter ihr, dann schob sich wieder

eine Menschenwelle zwischen uns. Zuweilen blickte sie sich um, als hätte

sie die Empfindung, daß sie verfolgt würde. Aber sie beschleunigte ihren

Schritt darum nicht. Sie anzureden wagte ich nicht, meine Stimme würde

mich verraten haben. Plötzlich, als die Paare sich zum Tanz ordneten und

das Ganze zu einem buntschimmernden, in einander wirrenden, rasenden Wirbel

wurde, war sie mir entrückt. Weder unter den Tanzenden noch unter denen,

die zuschauten, vermochte ich sie zu entdecken. Eine geraume Weile

verlief so, mir stand die Zeit still. Ich lehnte mich an eins der hohen

Fensterkreuze des Saales und starrte beinahe gedankenlos in das jubelnde,

lachende, walzende Gewühl. Der Wein, die Hitze im Saal, die rauschende

Musik, das Drehen hin und her vor meinen Augen hatten mir einen dumpfen

Schmerz im Kopf, Ohrensausen und Schwindel verursacht: ich war in der That

auf einen Hexensabbat verschlagen worden. Zu Ende -- die Musik schweigt.

Was ist das? Alle drängen sich zusammen, zischeln mit einander, rücken

an ihren Masken, ziehen ihre Uhren. -- Und da -- zwölf laute, dröhnende,

weithin hallende Schläge. Neujahr! Prost Neujahr! schreien sie wie die

Besessenen. Champagnerpfropfen knallen -- und Hurrah! Hoch! Das Orchester

bläst einen Tusch. Trink, Brüderchen, trink! Das neue Jahr soll leben!

Und die alten Flammen! Was wir lieben, rosa Domino! Die Masken werden

abgenommen, überall lachende, grinsende, erhitzte Gesichter, flatternde

Locken, funkelnde Augen -- Bacchanten und Mänaden! Was soll ich unter

ihnen? In ihren Lärm und Taumel mit einstimmen? Mich von ihnen foppen

lassen? In diesem Tumult Elsa suchen und sie am Arme eines Andern finden?

Nein, ich rette mich ... Da entsteht ein Laufen, ein ängstliches

Durcheinander, ein herzzerreißender Schrei ... ich kenne diesen Schrei!

Und zugleich der Ruf: »Zu Hilfe, ein Arzt, ein Arzt!« »Hier! hier!«

schreie ich, reiße mir die Larve, den Domino vom Leibe und arbeite mich

durch das Gedränge. Alle machen mir Platz, ich komme aus dem Tanzsaal

in den Nebensaal. -- »Sie stirbt mir unter den Händen!« jammert

eine Frauenstimme aus einer der Nischen. -- Auf dem Divan liegt Elsa

besinnungslos in Krämpfen, ein junger Arzt ist schon um sie beschäftigt,

der den älteren, ihm bekannten Kollegen mit Freuden begrüßt. An ein

Fragen, wie Alles gekommen, ist hier nicht zu denken, es gilt zu helfen.

Unseren Bemühungen gelingt es, mit krampfstillenden Mitteln die Gewalt des

Anfalls zu brechen. In einer halben Stunde ist es möglich, Elsa mit

ihrer Begleiterin in einen Wagen zu schaffen, ich fahre sie nach Hause.

Gesprochen wird kein Wort zwischen uns, obgleich sie mich erkannt hat,

schlaff ruht ihre Hand in der meinen. Während sie mit Hilfe ihrer Zofe und

meines Dieners hinaufgebracht wird, eile ich in die nächste Apotheke, um

noch einige Medicamente herbeizuschaffen. Die Bereitung dauert länger, als

ich gehofft; als ich zurückkehre, finde ich Elsa schon im Bett, unruhig,

in Fieberphantasien. Ihre Zofe ist bei ihr. -- »Ich werde mich im Salon

in einen Lehnstuhl setzen,« sage ich, »und mit Ihnen wachen. Weinen Sie

nicht, wenn der Krampf nicht wiederkehrt, ist es noch nicht gefährlich.

Ruhe und Eisumschläge.«

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 4 / 7 段