An der Wahrheit der Geschichte Elsa's gab es in keinem Punkte einen

Zweifel; vielleicht, sagte mein Argwohn, ist sie nicht immer in ihrem

Benehmen vorsichtig genug gewesen und hat Erwartungen erweckt, deren

Nichterfüllung den hitzköpfigen Lüttow eine Beleidigung zu sein dünkte.

Das ist aber auch Alles, ohne Schuld ist sie dem Verhängniß verfallen.

Dennoch war es nicht dieser Teil ihrer Erzählung, der mich am meisten

beschäftigte; ihr Vorleben, ehe sie die Bühne betreten hatte, die halb

verlorenen Andeutungen, die sie darüber gemacht, nicht, wie ich es

wohl gemerkt, ohne sich einen gewissen Zwang anzuthun, der schmerzliche

Rückblick auf eine schönere Vergangenheit zogen meine Gedanken wie

magnetisch an und verlockten meine Phantasie in den Irrgarten der

Möglichkeiten. Dazu gesellte sich eine Art selbstgefälligen Stolzes über

meine Menschenkenntniß; hatte ich doch gleich an dem ersten Abend, wo ich

sie spielen gesehen, die Vermutung gehabt, daß sie ursprünglich einem

anderen Lebenskreise als dem des Theaters angehört habe. Allein was gingen

mich die Verhältnisse meiner Nachbarin an? Was hatte ich dieselben bis zu

ihren tiefsten und geheimsten Wurzeln zu verfolgen? Wollte ich sie wieder

von der Bühne entführen? Sie ihrem früheren Dasein zurückgeben? Gewiß,

das wäre ein Weg gewesen, der sie für immer von Lüttow getrennt hätte.

Zwischen einem unternehmenden Manne und einer Schauspielerin ist die

Hälfte der Schranken gefallen, die sonst in der gebildeten Gesellschaft

die beiden Geschlechter trennen. Aber ihre Eltern waren todt, ich kannte

nicht einmal ihre Namen. Hatte sie noch Verwandte? Wußten, wollten

sie noch etwas von der Schauspielerin wissen? Und dann erschien auf dem

Hintergrund all dieser Hypothesen, sie alle vernichtend, ein ernstes,

finsteres Antlitz: die Not. War es möglich, ihr durch einen Zauberspruch

die eingebüßten Glücksgüter wieder zu verschaffen, sie wieder von dem

Schlachtfeld des Daseins in die idyllische Behaglichkeit des Reichtums zu

versetzen? Wenn sie einen reichen Mann heiratete -- ja, wohin verlor ich

mich? Hatte ich für sie zu sorgen und in die Wahl ihres Herzens ein Wort

mit darein zu reden, als Oheim, als Bruder, als Vater? Mitleid sollen wir

mit allen Geschöpfen haben -- und wohin hatte mich das Mitleid für Elsa

schon geführt, wohin drohte es mich noch zu führen! Ja, wenn sie dich

lieben könnte -- noch hatte ich Kraft und verständige Ueberlegung genug,

um diesen Einfall blitzschnell, wie er in mir aufgetaucht war, auch wieder

zu verbannen.

Eine Weile war ich der Schönen und meinem eigenen Herzen gegenüber auf

der Hut und glaubte, daß Alles zwischen uns in dem gewohnten Geleise

bleiben würde. Der Unterschied des Alters, der Widerspruch der Stellung

und der Lebensaufgabe, die Verschiedenheit des Empfindens machten sich oft

so scharf und einschneidend geltend, daß ich in eine trügerische Ruhe

gewiegt und über die Natur meines Gefühls getäuscht wurde. Wie es mit

ihr in dieser Hinsicht stand, war für meinen geringen Scharfsinn nicht zu

entdecken. Der Verkehr mit mir unterhielt sie und regte sie angenehm

an. Eine Fülle von Dingen, die sie mit ihren Kameraden nicht besprechen

konnte, ihre Vergangenheit, die Bildung, die sie genossen, der Drang, ihre

Kenntnisse auszubreiten, wünschten sich zu offenbaren und forderten ein

Ohr und ein Herz für sich. Vermutlich wäre ihr der jüngere Freund der

willkommenere gewesen, aber einen gewissen Ersatz bot ihr doch auch der

ältere Mann. Mit herzlichem Vertrauen, mit harmloser Heiterkeit trat

sie mir entgegen, beinahe ganz streifte sie im Gespräch mit mir die

Schauspielerin ab und zeigte sich als ein kluges, liebenswürdiges

Mädchen, durch das Unglück geläutert und über viele Nichtigkeiten des

gesellschaftlichen Treibens erhaben. Für mich hatte der Gegensatz ihres

inneren und äußeren Lebens einen unbeschreiblichen Reiz. Niemals hatte

das Komödiantische mich bisher anzuziehen vermocht; sorgfältig war ich

einer persönlichen Bekanntschaft auch mit den berühmtesten Künstlern aus

dem Wege gegangen; ich fürchtete das Unwahre in ihnen. Nun erschien mir

unerwartet in Elsa eine Schauspielerin, an der das Herz wahr und nur die

Maske eine Lüge war, deren echte Weiblichkeit sich halb wider Willen in

eine phantastische Vermummung hatte hüllen müssen.

Wie lange die Dinge in dieser Weise ohne Entscheidung hätten fortlaufen

können? Jetzt scheint es mir so, als hätte einzig der Zufall eine

vorzeitige Krisis herbeigeführt, aber vielleicht war der Zufall nur der

Drang und Trieb des Herzens. Auf die Dauer läßt sich ein sogenanntes

Freundschaftsverhältniß zwischen einem Mann und einem Weibe, die beide

keine Pflicht zurückhält und keine Neigung bindet, nicht aufrecht

erhalten; der Unterschied der Jahre, der Stellungen wird mit jedem Tage im

gemeinsamen Verkehr geringer; endlich tritt der entscheidende Augenblick

ein, wo Beide einander in die Arme fallen oder das Eine erschrocken vor

dem Anderen zurückflieht. -- Wie war es nur möglich, daß wir uns dahin

verirrten? Zwei ganz veränderte Gesichter starren sich an. Und was ist im

Grunde geschehen? In dem Einen ist die Skala der Empfindung um ein Kleines

gestiegen, und diese Steigerung hat in den Gefühlen des Anderen eine

hochgradige Abkühlung erzeugt. Dies aber ist doch immer von natürlichen

Gesetzen abhängig, die darum, weil uns ihre Wurzeln verborgen sind, nichts

von ihrer Folgerichtigkeit und Verständlichkeit verlieren. Zwischen Elsa

und mir indessen that sich etwas Unerwartetes, Seltsames auf.

In den zwei Monaten unseres Verkehrs war sie schon so vertraut mit mir

geworden, daß sie kaum ein Geheimniß vor mir hatte und mir all ihren

Aerger und ihr Vergnügen vor und hinter den Coulissen erzählte. Ich

meinerseits versäumte beinahe keine ihrer Vorstellungen; anfangs hatte

ich mich geschämt, so oft das Theater zu besuchen -- ich glaubte, jeder

im Saale müsse es mir ansehen, daß ich allein Elsa's wegen käme --,

zuletzt nahm ich meinen bestimmten Platz mit gelassener Unbefangenheit

ein. Der Reiz, sie zu sehen, war eben stärker, als der mögliche Verdruß,

darüber geneckt zu werden. In Wirklichkeit achtete auch niemand sonderlich

auf mich. Und wenn ich sie heiratete, dachte ich, würde es eben so wenig

Anstand erregen. Ein halbes Dutzend Leute machten vielleicht ihre guten

oder schlechten Witze über mich, nach vierzehn Tagen würde niemand mehr

davon sprechen. Ist man einmal auf einem Abhang ins Gleiten gekommen, geht

es immer schneller bergunter.

»Raten Sie, mit wem ich gestern zusammen war?« fragte sie mich eines

Tages. »Sie merken mir nichts an, keine ungewöhnliche Aufregung, keinen

stärkeren Herzschlag? Und dennoch -- gestern in der Gesellschaft bei

unserem Direktor, die ich nothgedrungen mitmachen mußte, habe ich Herrn

von Lüttow getroffen.«

»Lüttow!« fuhr ich auf. Wohl hatte ich beständig an ihn gedacht, aber

wie es der Zufall so fügt -- in der großen Stadt waren wir uns Beide seit

jenem Abend nicht wieder begegnet.

»Und nun wollen Sie wissen, wie Alles zugegangen,« sprach sie munter

weiter. »Sie brennen vor Neugierde, lieber Freund. Ueber Erwarten gut und

friedlich. Als ich seiner zuerst ansichtig wurde, glaubte ich in die Erde

sinken zu müssen. Eine Weile glich ich einer Bildsäule, so starr und

regungslos stand ich da. Es brauste mir vor den Ohren; ich war nicht im

Stande, ein einziges Wort zu äußern, einen einzigen Schritt zu thun.

Aber ganz gegen seine Gewohnheit verhielt sich Lüttow still und ruhig; er

machte mir aus einiger Entfernung eine tiefe Verneigung und begnügte sich

während des Abends ein paar gleichgiltige Worte an mich zu richten. Auch

als ich ging, drängte er sich nicht an mich heran: er blieb noch in der

Gesellschaft, nur seinen finstern Blick fühlte ich auf mich gerichtet,

als ich das Zimmer verließ. Dieser Blick verfolgte mich, bis ich in meinem

Wagen saß; erst da hatte ich das vollkommene Gefühl der Freiheit und

Sicherheit, allein gegen meine Befürchtungen gehalten, war dies erste

Zusammentreffen harmlos genug. Was meinen Sie, lieber Freund, sollte

endlich bei Lüttow der Verstand gesiegt haben? Zeit wäre es,« setzte sie

mit einem ein wenig gefallsamen Lächeln hinzu, »er und ich -- wir sind

längst über die Kinderjahre hinaus.«

Ich weiß nicht -- etwas in ihrer Erzählung gefiel mir nicht, etwas, das

nicht ausgesprochen wurde und das mir doch in den Worten zu liegen oder

darüber zu schweben schien. »Herr von Lüttow geheilt?« sagte ich mit

größerer Schärfe, als die Sache verdiente. »Sie können es nicht im

Ernste glauben, meine Freundin. Unter so vielen auf ihn gerichteten Augen

konnte er sich Ihnen wohl nicht anders als in den vorgeschriebenen Formen

der Höflichkeit nähern. Nein, so leichten Kaufs werden Sie nicht von ihm

befreit werden. Er Sie aufgeben, um die er so viel gelitten, um die er

eine Blutschuld auf sich geladen!« Ich redete mich in einen solchen Eifer

hinein, daß sie mich mit dem erstaunten Ausruf beruhigen mußte:

»Aber, lieber Doctor, ich erkenne Sie nicht wieder! Habe ich Ihren

Gelehrtenstolz beleidigt, weil ich die Möglichkeit einer Heilung

ausgesprochen, wo Sie schon das Todesurtheil gefällt haben? Ich bescheide

mich, allein ich gestehe Ihnen aufrichtig, mir wäre es lieber, Lüttow

würde ein vernünftiger Mensch und vergäße mich so völlig, wie man

hienieden nur jemand vergessen kann, als daß er nach Ihrer Diagnose als

Wahnsinniger vor meiner Thür sich erschösse.«

Mit einem Lächeln um ihre vollen Lippen hatte sie angefangen -- nun endete

sie doch wider ihren Willen mit so herben und traurigen Worten. Sie war

bleich geworden und streckte die beiden Arme abwehrend weit von sich, als

sähe sie das schrecklich häßliche Bild leibhaftig vor sich.

»Wie nur ein solcher Einfall in uns aufsteigt!« sagte sie dann und

schüttelte sich.

»Ich bin trostlos über meine Ungeschicklichkeit,« erwiderte ich, und ich

war es in der That; »vergeben Sie mir, Fräulein Themar. In dem Manne muß

wohl ein Dämon stecken, daß man gleich in Verwirrung geräth, wenn man

nur von ihm redet. Welcher Arzt hörte aber auch gern von seinem Kranken,

daß er wieder in der Gefahr eines Rückfalls gewesen? Und so oft Sie ihm

begegnen, besorge ich ein Unglück.«

»Natürlich,« meinte sie abgebrochen, »-- als Arzt.« Plötzlich

schaute sie mich groß an; es ging etwas in ihrer Seele vor, das nur als

Wiederschein über ihr Gesicht blitzte und seinen Ausdruck erhöhte, dem

sie jedoch keine Worte geben konnte oder mochte.

So blieben die drei Worte: »Natürlich, als Arzt« -- in der Luft hängen

-- schwebende Fragezeichen, hinter einer Frage, die nur in einem Blicke --

noch weniger, die nur in einem Hauche bestand. Das Gespräch wollte nicht

mehr recht in Fluß kommen; Elsa's Stimme hatte einen eigenen, leise

zitternden Ton -- auf der Bühne sprach sie so, wenn ein Unerwartetes auf

sie einstürmte, wenn sie sich mit einem plötzlichen Ereigniß, einer

peinlichen Thatsache abzufinden hatte. Wie immer trennten wir uns mit

freundlichem Händedruck; sie hatte eine starke, kleine Hand und eine

besonders liebenswürdige Art, die des Anderen zu ergreifen -- heute zum

ersten Male war in ihrer Bewegung etwas Zögerndes; ihre Hand war feucht

und ihre Augen wie verschleiert.

Mir selbst war nicht weniger bänglich und unheimlich. Woraus entsprang

denn mein Uebereifer gegen Lüttow, woher dies Geschrei über eine

Begegnung, die mir vor einigen Wochen noch ganz in dem Lichte, wie ihr

selbst, erschienen wäre? Aus Eifersucht, alter Narr, aus Eifersucht! Das

Netz war über mir zusammengezogen -- das Netz ihres Liebreizes, ihrer

Liebenswürdigkeit. Mit all meiner Klugheit saß ich gefangen. Weder die

Jahre noch die Studien, weder die Erfahrungen noch die Erkenntniß von der

Nichtigkeit und der Gefährlichkeit der Leidenschaft hatten mich vor dem

Falle bewahrt. Und was wollte ich denn? Ihre Liebe gewinnen, sie heiraten,

Lüttow den Zweiten spielen? Denn wie durfte ich Günstigeres hoffen als

der jüngere, glänzendere Mann? Aber nicht diese Aussicht in die

Zukunft war es, was mich zunächst bekümmerte und meinen Stolz auf das

empfindlichste kränkte -- ich hatte mich Elsa gegenüber verraten. Daher

ihre Verwirrung, das Beben ihrer Stimme. Es war noch eine Güte ihres

Herzens, daß sie mich nicht ausgelacht. Ein älterer Mann, ein Gelehrter,

der einem Mädchen seine Liebe erklärt -- wie lächerlich hatte ich das

bisher gefunden; die Rache des Schicksals war gerecht -- ich mußte mich

in eine Schauspielerin verlieben. Dahin hatten mich schließlich meine

Weisheit, mein Junggesellentum, meine Sicherheit, daß mir die Pfeile Amors

nichts mehr anhaben könnten, geführt. Ich irrte an diesem Tage trotz

des schlechten Wetters in den entlegensten Teilen des Parks umher, um von

niemand gesehen zu werden. Ich fürchtete in meiner Wohnung jeden Besuch,

das Gesicht des gleichgiltigsten Bekannten. Alle müßten mir meine

Thorheit von der Stirn ablesen. Gegen die Flamme, die in mir lohte, half

freilich das Spazierengehen unter entlaubten Bäumen, auf feuchtem Boden,

in Wind und Regen ebenso wenig, wie der Vorsatz, sie unter moralischen

Betrachtungen zu ersticken. Nichts war leichter, als mich auszuschelten,

als mir die unwürdige Lage, in die mich die Leidenschaft gebracht

hatte, die Demütigung, die mir zweifellos noch vorbehalten war, in den

schwärzesten Farben auszumalen; darum hörte die Hoffnung nicht auf,

mir in das Ohr zu flüstern: wenn nun aber Elsa trotz alledem deine Hand

annimmt, weniger aus Liebe -- so eitel wirst du doch nicht sein, an ihre

Liebe zu glauben! -- als aus Freundschaft; wenn sie der Bühne und

dieses unruhigen, unstäten Lebens müde, eine gesicherte Stellung, ein

behagliches Dasein in Kreisen, die ihrer Bildung und Schönheit angemessen

sind, einer ungewissen Zukunft und den mageren Lorbeern vorziehen

sollte ... So hinüber und herüber, in einem wilden Durcheinander gingen

Furcht und Zuversicht. Der heldenmütige Entschluß, sie die nächsten

Tage zu vermeiden und auch das Theater nicht zu besuchen, der noch

heldenmütiger ausgeführt wurde, änderte weder an dem Zustande meines

Herzens noch an der Lage der Dinge das Geringste. Meine Bücher dünkten

mich schal, meine Untersuchungen wertlos -- ich sehnte mich nach ihrem

Lächeln, nach einem Wort von ihr; das ersetzte mir nicht nur den ganzen

Galenus -- ich empfand zu meinem Schrecken, daß es mir schon zu meinem

Leben notwendig geworden, wie der Sonnenschein meinen Palmen.

Uebrigens hatte ich mit meinem Enthaltungssystem die Rechnung ohne die

Wirtin gemacht; ich hatte vergessen, daß ich nicht mehr allein im Kahne

saß, sondern daß ein Zweites zu mir eingestiegen war. Als ich am dritten

Tage nicht zu Elsa hinübergekommen war, ließ sie fragen: ob ich krank

sei, ob mir ihr Besuch nicht ungelegen? Und da war sie schon, schöner

als je. Ich schützte meine Studien vor, daß ich sie nicht besucht, eine

schwierige Untersuchung. Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, als brauche

ich ihr keine weitere Entschuldigung oder Lüge zu sagen. Neugierig schaute

sie sich in den vorderen Zimmern um.

»Ich hatte mir die Wohnung eines Gelehrten nicht halb so freundlich und

so prächtig gedacht,« sagte sie. »Welch' schöne Blumen! Echte alte

chinesische Vasen?«

»Das Geschenk eines Engländers, der lange Jahre Konsul im Reich der Mitte

gewesen.«

Nun fragte sie nach diesem und jenem; ich kramte die Seltsamkeiten,

Kunstsachen und Kunsttrödel aus, die ich besaß. Und dann ein Gespräch,

das nicht abriß, wie ich sie erworben, an welchem Orte, von meinen Reisen

-- die Stunde flog nur so dahin. Sie hatte ihre frühere Harmlosigkeit

wieder gewonnen und gab mir dadurch gleichfalls wenigstens den äußeren

Schein der Ruhe und die gemessene Haltung.

»Und für wen haben Sie dies Alles gesammelt?« fragte sie plötzlich,

ihren Kopf zurückwerfend »Für das Gewerbemuseum?«

Es lag so viel Schelmerei und Neckerei in der Frage, daß ich in demselben

Ton antwortete: »Freilich, für wen sammelt ein Hagestolz, wenn nicht für

das Allgemeine?«

Ein schräger Blick traf mich, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie von

einem verhaltenen Lächeln. »Da mögen Ihnen die Nachkommen Dank wissen.«

»Sie halten nicht viel davon, vom Nachruhm?«

»Eine mittelmäßige Schauspielerin und Nachruf! Spotten Sie nur! Ich

bin eine Eintagsfliege und suche so viel Sonnenschein als möglich zu

genießen. Bei Ihnen liegt die Sache anders; Sie leben nicht mit uns und

für uns; die besten Gedanken und Stunden eines großen Gelehrten

gehören den noch ungeborenen Geschlechtern. Ist es nicht eine Ironie

des Weltgeistes, daß Darwin die Unsterblichkeit leugnet und für die

Unsterblichkeit arbeiten muß? Für eine Zukunft, die er nicht absehen

kann?«

Während sie so sprach, spielte sie mit einem japanischen Fächer, den ich

einmal auf einer Auction in London gekauft hatte: zierlich in Elfenbein

geschnitzt, mit phantastischen Drachenungetümen und Vögeln, sollte er ein

hohes Alter besitzen.

»Wie hieß der Künstler, der ihn fertigte? Wo sind die Schönen hin,

die sich mit ihm fächelten und ihn die Sprache der Liebe reden ließen?«

meinte sie halb für sich hin, halb zu mir gewendet. »Niemand weiß von

ihnen.«

»Aber die ursprüngliche Absicht des Künstlers,« entgegnete ich, »ist

doch in Erfüllung gegangen und geht immer von neuem in Erfüllung; er

wollte etwas Gefälliges für die Schönen schaffen, und seine Arbeit

gelangt in Jahrhunderten immer wieder, nach den mannigfaltigsten

Wechselfällen, aus einer schönen Hand in die andere; jede Nachfolgerin

freut sich des zierlichen Werkes, wie die erste Besitzerin, und gedenkt

unwillkürlich des Meisters und all ihrer Vorgängerinnen.«

Rasch wollte sie den Fächer in das Futteral zurücklegen, allein ich litt

es nicht.

»Nun müssen Sie ihn schon behalten,« lachte ich und drückte ihn in ihre

Hand.

»Muß ich?« scherzte sie, »dann bezahle ich ihn auch« -- und ihre Wange

schmiegte sich an meine Lippen ... So empfängt ein junges Mädchen die

Liebkosung eines alten Verwandten. Ein unschuldiger Kuß ... Wären

nur ihre Augen nicht gewesen, die wie durch einen leichten Schleier mich

anschauten, halb mit einer Frage, halb mit einer Aufforderung.

Seitdem setzte sich unser Verkehr wieder in der früheren Weise fort.

Keines wollte dem andern deutlich merken lassen, daß trotz der scheinbaren

Gleichmäßigkeit unseres Benehmens unser Verhältnisse eine tiefgehende

Aenderung erfahren hatte. Nur ein verstohlener Blick Elsa's, ein kurzer

Seufzer, gewisse Wendungen der Rede, ein zärtlicheres Eingehen auf

meine Eigenheiten und Ansichten, dann wieder ein beredtes Schweigen, ein

Zusammenschauern, wenn ich sie berührte, ließen mich glauben, daß sie

gegen meine Liebe nicht unempfänglich wäre, daß sie meinen Wünschen

keinen unbesiegbaren Widerspruch entgegensetzen würde. Es waren eben so

viele Brände, um die Glut meines Herzens noch mehr zu entzünden. Du bist

ja noch kein Greis, sagten die Eitelkeit und die Begierde in mir, daß du

nicht nach dem Besitz eines schönen Mädchens streben könntest, und über

die erste Jugend und den ersten Liebestraum ist doch auch sie schon hinaus.

Bitter genug hat sie die Wechselfälle des Schicksals erfahren, um nicht

den heiteren Lebensgenuß in würdiger Stellung nach seinem vollen Werte zu

schätzen.

So kleinlaut ich noch vor Kurzem gewesen, so mutig wurde ich jetzt. Mutig

und unternehmend -- wir waren in der Weihnachtszeit, und ich fühlte mich,

mehr wie in der Jugend, zu abenteuerlichen Streichen aufgelegt. Unter so

harten Entbehrungen und Kämpfen um das Dasein hatte ich die Jahre, die man

die schönsten nennt, hinbringen müssen, daß ich kaum eine Jugend gehabt,

wenigstens nichts von ihrem Sonnenschein genossen. Einmal hatte auch mir

die Liebe gelächelt, einmal war auch ich in Arkadien gewesen -- aber

ich hatte das Glück nicht zu benutzen verstanden. Jetzt war es unnütz,

nachträglich darüber zu grübeln, ob ich wie ein Thor oder wie ein Held

gehandelt, ob ich mich mit der Kraft des Willens vor der Schuld bewahrt

hatte oder vor der Leidenschaft aus angeborener Schwäche geflohen war. Die

einzige Ausbeute, die ich von allen Arbeiten, Nachtwachen und Entsagungen

heimgebracht, war ein Name in der Wissenschaft und ein Vermögen -- zu

spät erkannte ich, daß sie nicht im Stande sind, Glück zu gewähren.

Nein, es sollte nicht zu spät sein! Ich wollte mich an die Tafel des

Lebens setzen und seinen Wein kosten.

Das Weihnachtsfest bietet die leichteste und die ungezwungenste Annäherung

auch denen, die sich bisher im Zwange der Gesellschaft ferner

gestanden; unter dem Tannenbaum, im Glanz der Lichter, in dem Hauch der

Kindheitserinnerungen, der mit dem Harzduft durch das Gemach zieht, finden

sich Hände und Herzen gleichsam von selbst zusammen. In meiner Stube hatte

freilich seit fünfunddreißig Jahren kein Weihnachtsbaum gestanden; ich

pflegte mich jeden heiligen Abend, wenn die Pflicht mich nicht durch die

feuchten Straßen, in Nebel und Regen, auf und ab von einem Krankenbett zum

andern trieb, so tief ich konnte unter meinen Büchern zu vergraben. Hatte

ich doch nicht einmal frohe Erinnerungen heraufzubeschwören. In Armut und

Sorge war meine Mutter gestorben, ich hatte ihr keinen heiteren Lebensabend

bereiten können; in weiter Ferne lebten mir die Geschwister -- nun auch,

so viel ich wußte, in wohlhabenden Verhältnissen, aber jenseit des

Oceans, im Westen der Union. So war mir der Christabend nur dadurch ein

anderer als die übrigen Abende im Jahre, daß sich an ihm mein Mißmut

und meine Melancholie steigerten und das Weltelend mich in den Abgrund der

Verzweiflung hinabzustoßen drohte.

Heute sollte es anders sein. »Ich lasse mir meinen Weihnachtsbaum nicht

nehmen,« hatte Elsa gesagt. »Der Direktor ist in der Gebelaune und will

uns Allen eine feierliche Bescherung bereiten, allein um neun Uhr bin

ich wieder daheim und zünde mir mein eigenes Christlicht an. Sie sind

feierlich dazu geladen, mein lieber, mein verehrter Freund!« Mir war das

eine Botschaft wie aus Engelsmunde. Wie dereinst der römischen Welt, so

schien auch mir eine Zeit des Friedens und der Fröhlichkeit anbrechen zu

sollen.

Ungeduldig erwartete ich die neunte Stunde -- ich glaube, mit klopfendem

Herzen wie ein Kind. Und meine Hoffnung wurde nicht getäuscht. Nie habe

ich einen schöneren Weihnachtsabend gefeiert, als diesen. Alles vereinigte

sich, Elsa in die rosigste Laune zu versetzen. Ihre Kollegen, ihr Direktor

hatten sie mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit behandelt; vor einigen

Tagen war ein neues Schauspiel aufgeführt worden, und sie hatte darin

einen so großen Erfolg gehabt, daß ihr Spiel und die Kunde, die sich

davon in der Stadt verbreitet, der Neuigkeit während mehrerer Wochen volle

Häuser zu versprechen schienen. Die Kleinigkeiten, die sie verschenkt,

hatten den anderen eben so viele Freude bereitet, als ihr die Gaben,

die sie empfangen. In ihrer Wohnung strahlte bald der bunt aufgeputzte

Tannenbaum im hellen Lichterglanz. Mir schimmerte ihr Gesicht wie

Frühlingssonnenschein. Sie trug ein blauseidenes Kleid, die blonden

Haare fielen ihr lang ausgekämmt über Schultern und Rücken. In ihrer

Heiterkeit und Geschäftigkeit hatte sie niemals bestrickender den ganzen

Zauber ihrer Anmut entfaltet. Nachdem wir Beide uns an dem gegenseitigen

»Aufbau« erfreut und satt gesehen, sie in jeder Kleinigkeit noch eine

besondere Zierlichkeit entdeckt hatte, saßen wir dicht neben einander.

Aus ihrer munteren Laune war sie allmählich ernsthafter geworden,

unwillkürlich hatten sich unsere Hände zusammengefunden. »Heute komme

ich mir wirklich wie die arme Schäferin vor,« sagte sie, »der ihre Pate,

die Fee, einen ganzen Korb köstlicher Geschenke in den Schooß schüttet.

Denken Sie nur, ich habe einen Gastspielantrag von dem Burgtheater in Wien

erhalten -- ich, armes Ding! Wer mir das vor einem halben Jahre geweissagt

hätte! Ich muß aber seitdem eine vortreffliche Schauspielerin geworden

sein, wenn ich dem Publikum und meinem Direktor glauben soll. Und wem

verdanke ich dies glänzende Resultat? Wem anders als Ihnen, lieber Freund,

Ihren Ratschlägen, Ihren Lehren!«

Darauf wußte ich kein Wort zu erwidern, ich hatte auch nur die erste

Hälfte ihrer Aeußerung deutlich vernommen. Einen Antrag nach Wien! »Also

wollen Sie uns verlassen?« rief ich aus.

»So weit ist es noch lange nicht,« erwiderte sie. »Ein Gastspiel ist

noch kein Engagement -- und wenn ich auch hier an einem zweiten Theater

gefalle, werde ich auf einer ersten Bühne auch nur genügen? =Tel brille

au second rang, qui s'éclipse au premier.=«

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 3 / 7 段