Wer am dritten Tage danach, als sie zum ersten Male wieder die Bühne

betrat, nicht im Theater fehlte, war ich. Schon aus Pflicht hätte ich

nicht wegbleiben dürfen. Irgend ein Zufall konnte ihr zustoßen, bei dem

ihr meine Hilfe vielleicht von Nutzen und Werth war. Dicht an der Bühne,

in einer der unteren Logen, hatte ich einen Sitz genommen. Weil mir

all' diese Verhältnisse und Dinge so ungewohnt waren, lebte ich in der

Erwartung eines tragischen Abenteuers. Darum ärgerte ich mich anfangs,

als ich einen Bekannten in der Loge traf, mit seiner Frau, die gleich ein

endloses Gespräch mit mir begann, während ich mich am liebsten in den

dunkelsten Winkel zurückgezogen hätte, um ungestört beobachten zu

können. Nachher aber erwies sich der Zufall doch als ein glücklicher. Der

Vorhang war eben in die Höhe gegangen, da trat der unheimliche Mensch in

die mir gegenüberliegende Loge des ersten Ranges; unsere Blicke, der

seine von oben herab, der meine von unten herauf, begegneten sich durch

die Operngläser. Nicht einmal, zehnmal sagte ich es mir, daß mein Urtheil

über ihn durch Bastian's und Elsa's Mittheilungen eine Trübung erfahren,

und daß ich ihn nur wie durch einen grauen Schleier sähe -- es half

nichts, er kam mir wie ein Mörder vor, wie einer, von dem man immer eine

Gewaltthat zu befürchten hat, dem gegenüber man sich beständig in der

Nothwehr befindet. Errieth er meine Gedanken? War es ihm unbehaglich,

daß ich seine Vergangenheit kannte? Meine Anwesenheit im Theater,

unser Gegenüber ärgerte ihn und schien ihn außer Fassung zu bringen.

Wenigstens schenkte er der Bühne und dem Spiel der Schauspieler nur je

zuweilen seine Aufmerksamkeit; kaum daß er sein Glas eine Minute lang auf

Elsa richtete, als sie, von dem Beifall ihrer Verehrer begrüßt, aus der

Coulisse trat. Und so verhielt er sich während des ganzen Abends still,

gleichgiltig gegen Alles, was auf den Brettern vorging, nur unsere Loge

ließ er nicht aus den Augen. Die Gattin meines Bekannten, neben der ich

saß, ist eine schöne Frau, nicht mehr in der ersten Blüte, aber eine

rechte Abendschönheit, die sich mit dem feinsten Geschmack zu kleiden

versteht und, wo sie sich zeigt, bald der Gegenstand bewundernder

Aufmerksamkeit wird. Natürlich entging ihr der eigenthümlich geschnittene

Kopf nicht, dessen Augen unablässig hinüber starrten; sie -- und

wahrscheinlich Alle, die darauf achten mochten -- legten sich dies

Anschauen zu Gunsten ihrer Schönheit aus. -- »Ein merkwürdiger Mensch da

drüben,« sagte sie in einer Pause zu mir, »der dort mit dem rothen Bart

und der Adlernase. Offenbar ein Fremder, ich sehe ihn zum ersten Male im

Theater. Was er nur an uns findet?«

»Er hat etwas von einem Byron'schen Helden, Conrad der Corsar --«

»Oder wohl gar Montechristo! Liebster Doctor, das ist altmodisch. Mir

kommt er wie einer unserer neuesten adeligen Gründer vor. Wenn er einen

vornehmen Namen trägt, könnte er glänzende Geschäfte machen.«

»Im Ernst?«

»Sehen Sie ihn nur genauer an, der wird nicht allein den Frauen, sondern

auch den Männern gefährlich.«

Im anderen Sinne, als sie es meinte, war die Bemerkung nur allzu richtig.

Also hatte ich mich doch nicht ganz getäuscht, etwas Dämonisches oder

Magnetisches war um diesen Herrn von Lüttow. Blutgeruch, würde mich

Bastian unterbrochen haben, wenn er die dumpfe Sprache meines Innern hätte

vernehmen können, gar keine Schwebelei und Mystik, sondern ein realer

Todtschlag. Im Uebrigen ging die Vorstellung ohne jede Störung vorüber;

ich glaube nicht einmal, daß Elsa ihren schrecklichen Liebhaber erblickte:

in ihrem Spiel wurde weder eine Spur ihres Leidens noch irgend einer Angst

oder Sorge sichtbar. Beruhigten Gemüths verließ ich das Theater; es

war mir sogar nicht unangenehm, daß er mich draußen unter dem Portal

erwartete. Ich hatte eine solche Begegnung vermuthet, und es dünkte mich

das geringere Uebel, daß ich mit ihm zusammengerieth, als daß er

Elsa aufs Neue erschreckte. Gerade unter einer Laterne standen wir uns

gegenüber, unsere Gesichter hell beleuchtet.

»Mein Herr Medicinalrath,« sagte er nach höflichem Gruß halblaut,

zwischen Zischen und Knirschen, wie einer, der mit Spott und Wut kämpft,

»nicht das Alter noch die Wissenschaft schützen vor gewissen Thorheiten,

vielleicht thut es die Erkenntniß der Gefahr, die zuweilen mit

Narrenstreichen verbunden ist. Nichts für ungut darum, wenn der jüngere

Mann den älteren warnt. Verbrennen Sie sich nicht an diesem Feuer, es

kostet mehr als die Finger.« Nun aber schäumte doch der Zorn über das

Wehr scheinbar kühler Ironie: »Dies Weib gehört mir,« brach er mit

bebender Stimme aus, die in ihrem Flüsterton noch unheimlicher klang,

»mir allein, Niemand darf daran rühren! Bedenken Sie's wohl!«

Und fort war er, in dem Gedränge der Menschen, der heran- und

hinwegfahrenden Wagen, in der Dunkelheit der Straße entschwunden -- er

mochte gefürchtet haben, bei meiner Antwort seiner selbst nicht mehr

Herr zu bleiben, und hatte die Entfernung einem ärgerlichen Auftritte

vorgezogen.

Ich hatte Muße vollauf, über den Vorfall während der Fahrt nach

meiner Wohnung nachzudenken. Ein wunderlicher Kauz, wenn nicht gar ein

wahnsinniger. Die Festungshaft hatte in keiner Weise seine Eifersucht

abgekühlt. Neu war mir nur die Beobachtung, daß sich die Wut nicht gegen

Elsa richtete. Wenn es sich um ein Liebesabenteuer handelte, konnte ich ihm

schwerlich bei seiner Schönen hinderlich werden, selbst mit meinem besten

Willen nicht, und wenn ihn die Schöne zurückwies, was half es ihm,

daß er mich gewaltsam von ihr entfernte? Freilich, wer wird bei

einem Verliebten nach Verstandesgründen suchen? Der Trieb stößt den

Bewußtlosen vorwärts; ein Priester hat einmal in solcher Raserei alle

Bewohner des Hauses getödtet, in dem sich die Person, die er liebte,

aufhielt. Das ist keine angenehme Aussicht für die Arme, die eine solche

Leidenschaft entzündet hat; sehr begreiflich, daß dieser Herr von Lüttow

bei meiner Nachbarin mit seiner Werbung kein Glück gehabt hat. Um so mehr

war es die Pflicht eines Mannes, eines Arztes, sie zu beschützen. Ihm

gehörte sie? Nach welchem Rechte? Sie war doch weder seine Sklavin noch

seine Frau. Und wie die Dinge lagen, konnte er nicht einmal die Gewalt des

Stärkeren geltend machen. Ihm gehörte sie? Oder hatten die Worte

einen verborgenen Sinn? Gleichviel -- ihr Widerstand war hier das einzig

Entscheidende, und ich that recht, sie darin zu bestärken und vor

seinen Nachstellungen zu schirmen. So scharf ich auch Einblick in meine

Empfindungen hielt, ich konnte keinen selbstsüchtigen Beweggrund meines

Handelns entdecken; was mich bestimmte, war das Mitleid, höchstens empfing

es von dem Zauber, den Elsa's Stimme auf mich ausübte, eine wärmere

Färbung.

An jenem Abend und noch in den nächsten Tagen hätte ich für die

ungetrübte Reinheit meines Gefühls einstehen wollen, es war kein

unlauterer Zusatz darin. Aber wie lange kann die Empfindung des Mitleids

einem schönen Mädchen gegenüber sich frei von Wünschen und Hoffnungen

bewahren? Zuerst stellte sich das Verlangen ein, über die Freundschaft

hinaus ein vollgiltiges, von Allen anerkanntes Recht zu Elsa's Schutze zu

haben. Denn verhielt sich auch Lüttow, im Widerspruch zu seinem

ersten Auftreten, ruhig, an vielen Zeichen war zu erkennen, daß er uns

beobachtete. Nicht allein, daß er jeder Vorstellung Elsa's beiwohnte: auf

der Promenade begegnete er ihr; fuhr sie aus, erschien er zu Pferde und

ritt in gemessener Entfernung neben oder hinter ihrem Wagen einher. Er

versagte es sich, sie anzureden, er grüßte nur: allein dieser Gruß war

hinreichend, um die Arme zu beunruhigen. Was du auch thust, schien er zu

sagen, ich weiß darum, ich bin da. Es giebt nichts Peinlicheres, als unter

dem Zwang einer geheimen Aufsicht zu stehen, die man kennt, von der man

sich nicht zu befreien vermag, und über deren Dasein man immer von neuem

erschrickt. Der einmal nervös erregten Elsa schien Lüttow allgegenwärtig

zu sein; wenig half es, daß ich ihr vorstellte, wie alle diese Begegnungen

zufälliger Art sein könnten, daß vielleicht in dem Zusammenhang der

Dinge gerade ihre Furcht, mit ihm zusammenzutreffen, ihn herbeiriefe. Die

Ahnung der Unfreiheit peinigte sie mehr, als irgend eine Besorgniß vor

einer gewaltthätigen Handlung des seltsamen Menschen. Auf den Brettern,

in der Bewegung und Hast des Spieles, inmitten ihrer Kameraden war sie

unbekümmerter und gelassener; »bin ich aber allein in meinem Zimmer, mit

meinen Gedanken, ergreift mich die Angst,« gestand sie mir. »Plötzlich,

wenn ich lese oder eine Rolle lerne, glaube ich die Thür sich öffnen, die

Vorhänge sich auseinanderschieben zu hören -- eine Weile wage ich nicht

aufzublicken, der Schrei des Schreckens bleibt mir in der Kehle stecken,

bis der Schauer vorüber ist.«

Es war an einem ihrer freien Abende, und sie hatte mich bitten lassen, eine

Tasse Thee bei ihr zu trinken. Sie ging selten in Gesellschaften, sei es,

weil sie eifrig studierte oder ihre angegriffene Gesundheit schonen wollte;

Wenige kamen zu ihr -- die Collegen, ein und ein anderer junger Poet,

einige Damen. Bei ihrer Jugend mußte ihr da wohl zuweilen die Einsamkeit

lästig fallen und auf ihre Phantasie einen nicht günstigen Einfluß

ausüben. Nichts war darum natürlicher, als daß sie bei mir Unterhaltung

und Zerstreuung suchte. Ich war eine neue Bekanntschaft, aus einem anderen

Lebenskreise, überdies eine ungefährliche. -- Also wir saßen zusammen,

das Zimmer war hell erleuchtet, sie liebte viel Licht; draußen fegte

der Herbstwind durch die stille Straße und trieb den Regen in bestimmten

Zeiträumen klatschend gegen die Fensterscheiben.

»Aber wie hat sich nur diese unglückselige Verbindung angeknüpft?«

fragte ich im Laufe des Gespräches. »Nicht, daß ich mich in Ihr Leben

eindrängen will, aber man löst den Knoten leichter, wenn man weiß, wie

er sich schürzte.«

»Warum sollten Sie es nicht wissen, mein verehrter Freund,« entgegnete

sie. »Giebt es doch nichts, was ich zu verbergen hätte. Ohne den

Charakter des Herrn von Lüttow wäre es die einfachste Geschichte, die

jeder Schauspielerin passirt. Vor zwei Jahren spielte ich in Königsberg.

Ich gefiel meinem Direktor und einem Teil des Publikums, aber es gab auch

eine starke Partei, die mir nicht wohl wollte. Ich, die Anfängerin,

hatte die Kühnheit, eine erfahrene Künstlerin aus ihrem Rollenfache zu

verdrängen -- einzig, weil ich jünger und hübscher war. Ach! Sie haben

nie erfahren, was Theaterneid und Theatereifersucht bedeuten. So oft ich

mit meiner Nebenbuhlerin spielte, hatte sie den Beifall und die Kränze;

meine Freunde wurden von ihren Anhängern überstimmt. Sie war seit Jahren

in der Stadt ansässig, mit vielen Familien bekannt; ich kam aus einer

anderen Provinz, aus anderen Lebensgewohnheiten und hatte zunächst keinen

Umgang und keine Stütze als bei einigen meiner Genossen. So verdrießlich

und peinlich waren diese Verhältnisse, so viel Thränen hatte ich schon

darüber vergossen, daß ich den Beschluß gefaßt, meinen Kontrakt zu

lösen und auf einer anderen Bühne mein Heil zu versuchen, als ein Abend

mein Schicksal änderte. Damals hielt ich es für eine Wendung zum Glück!

Was sind wir doch für kurzsichtige Eintagsgeschöpfe mit unendlichen

Plänen und Hoffnungen! Emilia Galotti wurde aufgeführt, ich war die

unglückliche Emilia. Man hatte mir gesagt, daß meine Gegnerin gerade

in dieser Rolle ein Meisterstück geleistet hätte, daß es thöricht und

übermütig von mir wäre, gerade hier den Kampf mit ihr aufzunehmen -- ich

wußte im Voraus, daß mir an diesem Abend nichts gelingen würde. Das Haus

war dichtgedrängt voll von Zuschauern; mich dünkte es, als wären die

meisten aus boshafter Absicht gekommen, meinen Fall mit anzusehen.

Den Schrecken Emiliens, bei ihrem Auftreten, hat vielleicht nie eine

Schauspielerin natürlicher dargestellt als ich, nur floh ich den Feind

nicht, sondern mußte ihm entgegengehen. Ein Zischen empfing mich, das nur

mühsam zur Ruhe gebracht wurde, die Versammlung war aufgeregt; als ich

mich nach einer tödtlichen Viertelstunde endlich zum Abgehen wandte,

das Schlimmste erwartend, erhob sich ein lauter Beifall, ein anhaltendes

Händeklatschen, in dem das Gezisch verhallte, ich wurde hervorgerufen --

ein-, zweimal, mit thränenfeuchten Augen blickte ich umher. In einer

der vordersten Logen, hart an der Bühne, saßen mehrere Offiziere der

Garnison: einer war aufgestanden und klatschte wie toll, es war Herr von

Lüttow. Es war natürlich, daß ich bei meinem Auftritt im anderen Akte

dankbar nach meinem Ritter hinüberschaute. Wie eine Erinnerung dämmerte

es in mir auf, daß ich ihn schon einmal gesehen hätte -- es war eine

schmerzliche Erinnerung. In der Leidenschaft des Spieles bekümmerte ich

mich nicht um das unangenehme Gefühl, aber um so stärker kehrte es mir

zurück, als ich in einer schlaflosen Nacht die Ereignisse des Abends

überdachte. Wohl war ich stolz und glücklich über meinen Erfolg, er

hatte nicht nur über meine Stellung an diesem Theater, sondern überhaupt

über meine künstlerische Laufbahn entschieden. Manche Zweifel, die in mir

aufgestiegen waren, hatte der Beifall verstummen lassen. Sie würden mich

auslachen, verehrter Freund, wenn ich Ihnen meine damaligen ehrgeizigen

Gedanken beichten wollte, da so wenig von ihnen in Erfüllung gegangen ist.

In meine Freude mischte sich indeß ein Tropfen Wermut; es verdroß und

ängstigte mich, daß Herr von Lüttow einen so großen Anteil an meinem

Triumphe gehabt hatte. Nicht, daß ich jemand zu Dank verpflichtet war --

daß ich es ihm war, beunruhigte mich. War es schon eine Ahnung von dem

Unheil, das er mir bereiten würde, die sich in mir regte? Ich suchte

mir damals jene Empfindung aus einer Art von Scham zu erklären. Vor zwei

Jahren hatte mich Herr von Lüttow unter anderen, unter glänzenderen

Verhältnissen kennen gelernt. Es war in einem Badeort gewesen, mein Vater

lebte noch. Ich galt für eine reiche Erbin und gab in meinem Kreise

den Ton an. Es ist bitter, dann als arme Schauspielerin einem früheren

Verehrer zu begegnen; Sie müßten ein Weib sein, um mich ganz zu

verstehen, lieber Doctor -- ein Weib, das plötzlich einem Manne

Dankbarkeit schuldet, dessen Huldigung sie bisher übermütig

zurückgewiesen hat, das von den Höhen des Reichthums in die Unsicherheit

eines zweideutigen Standes hinabgestürzt, dem vornehmen Manne

gegenübersteht. Daß mir gerade das Künstlerthum einen romantischen

Zauber in seinen Augen geben könnte, fiel mir nicht ein. Ich fand

mich durch das Unglück meines Vaters in meinen Augen gedemütigt, ich

fürchtete mich vor der Erzählung unseres Sturzes, vor dem Aufreißen kaum

vernarbter Wunden. So mischte sich von vornherein in mein Verhältniß zu

Herrn von Lüttow ein Element der Pein und des Unbehagens, das zu verbannen

vermutlich selbst der zärtlichsten Liebe schwer geworden wäre.«

Erst nach einer Pause, in der sie still vor sich hin auf den Teppich

geblickt hatte, fuhr sie fort: »Und ich liebte ihn nicht. Nein,«

wiederholte sie mit Heftigkeit, als ob ich oder eine geheime Stimme ihres

Herzens ihr widersprochen hätte, »ich liebte ihn nicht. Seine Gegenwart

drückte mich, seine Blicke, die mich unablässig verfolgten, schüchterten

mich ein. Mir fiel immer der Jäger ein, der auf dem Anstand das arglose

Thier erwartet, bis es ihm in den Schuß kommt. Nun bin ich freilich nicht

ohne Schuld, ich hätte auch als Schauspielerin ihm gegenüber die Rolle

weiter spielen sollen, die ich als Weltdame gegen ihn angenommen. Mein Herz

hatte sich in den zwei Jahren nicht zu seinen Gunsten gewandelt, aber

ich hatte meinen Trotz, meinen Uebermut verloren. Arm geboren, in den

Entbehrungen der Not, in den Kämpfen um das armselige Leben groß geworden

sein, mag den Charakter stählen und dem Menschen durch Willenskraft

ersetzen, was es ihm an anmutigen Formen raubt. Aber durch einen einzigen

Wetterschlag aus der Sorglosigkeit des Wohlstandes auf das Schlachtfeld des

Daseins geworfen werden, der Armut ins hohle Antlitz sehen, Entbehrungen

erleiden und Forderungen sich fügen müssen, vor denen wir in unserem

Glücke zurückgeschauert wären, wie vor der Berührung des Todes --

das kann wohl den Mut auch des Stärksten herabstimmen. Und ich war ein

Mädchen; froh genug, daß ich mich so weit emporgekämpft, ohne den Stolz

der Seele eigenwillig ganz zerbrochen, ohne ihn ganz durch das Verhängniß

verloren zu haben! Wie hätte ich die Hand eines Freundes in meiner

Lage zurückstoßen können? Auch vermied er in der ersten Zeit nach der

Wiederanknüpfung unserer Bekanntschaft jede heftigere Annäherung und jede

Anspielung auf die Vergangenheit, die mich hätte verletzen können. Er war

voll ritterlicher Zurückhaltung und schien die schiefe Stellung, in die

ich durch das Unglück zu ihm gerathen war, achten zu wollen. Wäre ich ein

Theaterkind oder eine echte Schauspielerin gewesen, die nicht nur auf der

Bühne Komödie spielt, sondern unwillkürlich und unbewußt ihr ganzes

Leben zu einer Reihe von Komödienscenen ausbildet, wie leicht, wie

angenehm hätte sich mein Verhältniß zu Lüttow gestaltet. Er war ganz

der glänzende Kavalier, mit dem eine Schauspielerin gern eine Weile ein

Liebesabenteuer hat. Ich aber hatte wohl aus dem Drange der Not und in

einem dunklen Triebe die Bühne betreten, doch Schauspielerblut hatte ich

nicht in den Adern. Noch immer betrachtete ich die Welt mit den Augen

eines gebildeten, sittsam erzogenen Mädchens, einer jungen Dame der besten

Gesellschaft -- damals noch mehr wie heute, mein verehrter Freund, muß

ich leider hinzusetzen. Meine Colleginnen beneideten mir die Eroberung des

reichen Offiziers; sie begriffen nicht, daß ich nicht mit beiden Händen

zugriff oder ihn nicht, wenn ich nun einmal einen unbesieglichen physischen

Widerwillen gegen ihn empfände, entschlossen von mir entfernte. Der ersten

Entscheidung widersprachen mein Herz und meine Lebensanschauung, zu der

anderen fehlte mir der Muth. Denn inzwischen hatte sich Lüttows Benehmen

gegen mich in einer Weise geändert, die mir die lebhaftesten Besorgnisse

einflößte. Er war zudringlich und herausfordernd geworden, seine

Huldigung äußerte sich in so auffälligen Zeichen, daß bald die ganze

Stadt von seiner Leidenschaft sprach. Diese Ständchen, diese Blumen,

diese Geschenke trieben mir die Schamröthe in die Wangen und brachten

mich außer Fassung. Es half nichts, daß ich sie ihm verbot, daß ich ihm

drohte, jede Beziehung zu ihm abzubrechen: er lachte darüber. Ich sei eben

eine Festung, die regelrecht belagert und bestürmt werden wolle, das sei

ihm neu und unterhalte ihn, behauptete er. Wie lange sich der kleine Krieg

zwischen uns hätte hinziehen können? Ich weiß es nicht; die spöttischen

Reden seiner Kameraden über die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen erregten

schließlich einen so großen Zorn in ihm, daß er ein Ende zu machen

beschloß. Ich hatte einige leidenschaftliche Auftritte zu erdulden, aber

ich beugte mich nicht. Seiner Verfolgungen und Liebeserklärungen müde,

schloß ich ihm meine Thür und forderte von meinem Direktor meine

Entlassung. Es war mir nicht möglich, mit diesem Wilden in derselben Stadt

zu wohnen. Nun legte er sich auf das Bitten und Schmeicheln; einsehend,

daß ich niemals seine Geliebte werden würde, bot er mir seine Hand an. So

groß war seine Leidenschaft, oder seine Eitelkeit so blind, daß er

meine Abneigung gegen seine Person nicht für möglich hielt und

meinen Widerstand einzig aus moralischen Gründen erklärte. In denkbar

maßvollster Weise antwortete ich ihm; nachdem ich ihm die Hindernisse

auseinandergesetzt, die sich seiner Verbindung mit mir widersetzten,

deutete ich leise die Verschiedenheit unserer Charaktere an, die auch

innerlich eine dauernde glückliche Verbindung zwischen uns ausschlösse,

und bat ihn, nicht ferner meine Ruhe zu stören und mich ziehen zu lassen.

Große Hoffnungen hegte ich freilich nicht von meiner Vernunftpredigt, aber

ich war doch weit entfernt, den leidenschaftlichen Ausbruch zu ahnen, den

sie hervorbrachte. Mit zweien seiner Freunde erschien er plötzlich in

meiner Wohnung und erklärte mir vor ihnen, als seinen Ehrenzeugen, daß

er mich heiraten wolle, ich müsse einwilligen. Nur mit Mühe konnten die

Herren den Tobenden beschwichtigen. In meiner Herzensangst, eben so sehr um

ihn wie um mich besorgt, that ich jetzt einen Schritt, der die Qual und

der beständige Stachel meines Lebens geworden ist -- er hat den Tod eines

Unschuldigen verursacht.«

»Sie Aermste!« suchte ich zu trösten. Ich empfand in diesem Augenblick,

wie ich sie so aufgeregt von den schmerzlichsten Erinnerungen sah, einen

tödtlichen Haß gegen diesen Lüttow und wünschte mir Riesenkräfte, ihn

zu bändigen.

»Ich schrieb,« nahm Elsa ihre Erzählung wieder auf, »einen Brief

an einen der Herren, die Zeugen jenes Auftrittes gewesen waren, einen

Jugendfreund Lüttows und seiner ganzen Familie, und ersuchte ihn, mir eine

Unterredung mit der Schwester Lüttows zu vermitteln, die einen großen

Einfluß auf ihn ausübte und in der Nähe der Stadt mit einem Gutsbesitzer

verheiratet war. Herr von Sternberg kannte mein ganzes Verhältniß zu

seinem Freunde; ich hatte ihm gestanden, daß ich Lüttow nicht lieben

könnte -- ich rief ihm in dem unglückseligen Briefe Alles, was zwischen

uns verhandelt worden war, ins Gedächtniß zurück: so wie er mich

kennen gelernt, möchte er mich der edlen Frau, deren Schutz ich anflehte,

schildern. War es ein tückischer Zufall, war es eine Unvorsichtigkeit

Sternbergs -- Lüttow erhielt Kunde von diesem Briefe; um sich zu

rechtfertigen, übergab ihm Sternberg meine Zeilen -- die Folge war ein

Duell. Lüttow glaubte sich von dem Freunde verraten und betrogen; er traf

ihn ins Herz. Was ich dabei gelitten, erlassen Sie mir Ihnen zu sagen. Mein

Aufenthalt in der unseligen Stadt dauerte zum Glück nicht lange mehr.

Von Lüttows Verfolgungen war ich befreit, er saß auf der Festung, aber

unablässig verfolgte mich das Bild des unschuldig Gemordeten. Noch

jetzt sehe ich es vor mir, die treuen, guten Augen vorwurfsvoll auf mich

gerichtet -- nie wird es mich zur Ruhe kommen lassen.«

Neunmal -- hart und scharf schlug im Nebenzimmer die abscheuliche Uhr. Sie

bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterste Thränen.

An dem Abend sprachen wir noch lange über die Launen des Schicksals, über

das dämonisch Unerklärliche der Leidenschaft in kühler Verständigkeit

und kamen darin überein, daß es für die Heiterkeit und Ruhe des Daseins

am besten sei, sich früh bescheiden zu lernen. Da selbst die Befriedigung

der Leidenschaft wohl entzücke, aber nicht beruhige und nur Unlust und

Ermüdung zurücklasse, wozu diese Qual? Ob es aber überhaupt dem Menschen

möglich sei, sein Herz zu bändigen? fragte sie dazwischen. Ob der dunkle

Trieb nicht stärker sei, als der bewußte Wille, und sogar

denjenigen fortrisse, der in lichten Augenblicken das Gefährliche und

Selbstmörderische eines überwältigenden Dranges der Liebe oder des

Ehrgeizes erkenne? Ich war nahe daran, ihr eine Geschichte aus meinen

jungen Jahren zu erzählen, in der sich, wie ich wenigstens glaube, meine

Entsagungsfähigkeit der Versuchung gegenüber heroisch bewährt hatte --

aber eine innere Stimme sprach dawider, mit meinen fünfzig Jahren erschien

es mir beinahe geckenhaft, von einem sentimentalen Liebesabenteuer zu

sprechen. Noch dazu einer Schauspielerin gegenüber! Auch war es über

unseren philosophischen Betrachtungen spät geworden und wünschenswerth,

daß jeder die Gedanken, die in ihm aufstiegen, still für sich und in sich

ausklingen ließe.

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 2 / 7 段