»Seien Sie versichert, das Mittel wird seine Wirkung thun. S

Die Uhr

Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Von

Karl Frenzel

[Illustration]

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Übersetzungsrecht vorbehalten

Wie wenig gehört doch dazu, das Leben eines Menschen, sein Dichten und

Trachten aus der Bahn, die er Jahre lang, sei es im Schneckengang, sei es

im Eillauf, verfolgt hat, zu lenken! Das Kleinste genügt, eine Wandlung

in seinem Herzen hervorzurufen, ein plötzlicher Eindruck entscheidet über

sein Geschick. Weder Alter noch Welterfahrung schützen ihn davor, der

Leidenschaftliche steht ebenso unter der Herrschaft einer dunklen Macht wie

der Gelassene. Und so könnte ich in diesem belehrsamen Ton, mit dem

ich mich nur selbst zur Ruhe zwingen will, noch lange fortfahren und mit

ähnlichen Gemeinplätzen viele Seiten anfüllen, auch Beispiele aus der

alten und neuen Geschichte reichlich anführen: Leben und Welt blieben, wie

sie sind, unberechenbar, verworren, trotz ihrer ewigen Wiederholungen und

ihrer eingeborenen Nichtigkeit, für den, der gerade lebt und die Welt

anschaut, ein wundersames Räthsel. Nicht umsonst bin ich fünfzig Jahre

geworden -- ich weiß, daß mir nichts geschehen ist, was nicht Tausenden

vor mir auch geschehen, und als Arzt bin ich obendrein noch in der Lage,

mir neun Zehntel aller Vorgänge im menschlichen Körper und damit auch

in seiner Seele besser erklären zu können als die Mehrzahl meiner

Mitgeschöpfe: aber einmal sitzen wir Alle auf einer Sandbank fest.

Wenn man in einer großen Hauptstadt ein Jahrzehnt in derselben Wohnung,

ungestört und unbelästigt, weilt, ist man in meinen Augen ein vom Glück

besonders begünstigter Sterblicher. Ich war ein solcher Glücklicher. Aber

nicht ganz ohne eigenes Verdienst, setze ich hinzu. Mein Hauswirth war

ein seltener Charakter: er haßte Hunde, Klaviere und kleine Kinder.

Unbarmherzig schloß er Alle, die mit diesen drei Dingen belastet waren,

von seinem Paradiese aus. Selbstverständlich wußte auch er unter

Umständen ein Auge und ein Ohr zuzudrücken. Allein in der Hauptsache

hörte man hier doch nie einen Hund ungebührlich bellen, nie Kinder

schreien und nie um Mitternacht Klaviergeklimper. Gleichheit der

Gesinnungen hatte uns zusammengeführt: ich war ein Fanatiker der Stille

wie er. Ein Hagestolz, ohne Kind und Kegel, ohne Pianino und Pudel, aber

wohlhabend, ein in der Stadt leidlich bekannter Mann, war ich ihm als

Miether willkommen. Unser Verhältniß wuchs zu einem innigen aus: er im

ersten, ich im zweiten Stock, wetteiferten wir, Einer den Andern an Stille

zu übertreffen. Meine Stiefel pflegten öfters zu knarren, und mein

Diener, der jähzornigen Gemüths ist, hatte die üble Gewohnheit, wenn

er im Unrecht war, die Thüren krachend ins Schloß zu werfen. Gewiß

unleidliche Störungen -- zum Glück indeß hielt mir mein Freund und Wirth

das Gleichgewicht. Er war ein großer Politiker und Vereinsmann, natürlich

Fortschrittspartei, mit stark und ingrimmig betonter Abneigung gegen die

Socialdemokraten, und wenn er in jeder Woche zweimal in der zwölften

Stunde aus dem Wirthshause heimkehrte, entluden sich entweder die Wolken,

die sich dort auf seiner Jupiterstirn zusammengezogen, in einem Gewitter

wider seine Gattin, oder der heitere Sonnenglanz des politischen Himmels,

den er heimbrachte, ergoß sich in Anekdoten und homerischem Gelächter

über die Seinen. So wurden wir in dieser Beziehung gegenseitig quitt.

Außerdem gab ich ihm bei den Wahlen zum Landtag stets meine Stimme

zum Wahlmann in der ersten Klasse und nahm in jedem dritten Jahre eine

Steigerung meiner Miethe schweigend hin. Was ist der Mensch! Um nicht aus

seiner Behaglichkeit gestört zu werden, vor dem Gespenst der Wohnungsnoth

verleugnet er seine conservativen Grundsätze und stimmt für einen

Bourgeois-Fortschrittsmann.

Also ich saß in Frieden in meinem stillen Heim. Und ich kann sagen,

jeden Abend kehrte ich mit Vergnügen dahin zurück, aus dem Kampf mit der

Krankheit und dem Tode, wie aus der Gesellschaft. Hier hatte ich Ruhe

und unter meinen Büchern, Kupferstichen und Photographien auch keine

Langeweile. Jetzt, nach dem Eintritt in mein fünfzigstes Jahr, war mir

die erste doppelt erwünscht und der zweiten glaubte ich für lange den

Abschied gegeben zu haben. Mit großen Hoffnungen hatte ich das Studium

der Medicin begonnen; ich wollte auf diesem Gebiet ein Bahnbrecher, ein

Entdecker werden. Das Geheimniß des Lebens zu ergründen, in die dunkle

Tiefe des Werdens und Vergehens hinabzusteigen, reizte mich. Aber mein

Lebensgang wurde ein ganz anderer, als ich erwartet. Unglücksfälle

raubten mir mein väterliches Vermögen, arm stand ich da, nur reich an

Sorgen, da mehrere jüngere Geschwister von mir Unterhalt und Erziehung

erwarteten. Statt mich in die Studirstube, in das Laboratorium

zurückziehen zu können, mußte ich mich auf den Markt stürzen. Die wilde

Jagd eines armen Arztes nach Patienten ... nun, über mein Verdienst ist

sie mir geglückt. In fünfundzwanzig Jahren war ich in der Hauptstadt ein

gesuchter Arzt geworden. Die Kranken rühmten mir Ruhe und Festigkeit nach,

meine Collegen nannten mich eine Autorität in allen Herzleiden. Aus dem

armen Manne war ich ein reicher geworden. Ich ehrte und liebte das Geld,

nachdem ich einmal in schmerzlichster Weise erfahren, was arm sein heißt.

Meine Praxis, daneben auch mein fester Wille, ein Vermögen zu erwerben,

hatten alle meine wissenschaftlichen Pläne wie mit einem scharfen Messer

zerschnitten. Der Jüngling, der sich vermessen hatte, in die erlauchte

Gesellschaft des Hippokrates und des Galenus, Harvey's und Boerhave's

einzutreten, und der Mann, der Tag und Nacht mit seinen Kranken

beschäftigt war, hatten sehr verschiedene Gesichter. Nur in einem Punkte

glichen sie sich; auch der Mann hing noch in seltenen Augenblicken den

ehrgeizigen Träumen der Jugend nach. Je sicherer meine Stellung wurde,

je mehr mein Vermögen wuchs, desto lebendiger kehrte der Traum zurück.

Vielleicht vollendete der Greis, was der Jüngling geahnt. Möglich, daß

mir unbewußt Abspannung, Ermüdung und körperliche Leiden, die sich

einstellten, zu meinem Entschlusse beitrugen und gleichsam das feste aber

unscheinbare Gewebe bildeten, das dann die Eitelkeit und der Hochmuth

mit bunten Fäden durchzogen, genug: ich gab meine Praxis, mit geringen

Ausnahmen, an meinem fünfzigsten Geburtstag auf und begann an das

eigentliche Werk meines Lebens zu gehen. Ich wollte sehen, wie nahe man

durch unablässige Forschung, durch Erfahrungen und Versuche dem Geheimniß

des menschlichen Daseins kommen kann.

Wie weit ich kam ...

Eines Abends, unter einem schweren trüben Octoberhimmel, kehrte ich aus

unserem medicinischen Verein nach Hause zurück. Es war nichts Wichtiges

verhandelt, nichts Lustiges oder Trauriges erzählt worden. Man kann nicht

gleichmüthiger, als ich es that, die Hausthür öffnen, die Treppe zu

seiner Wohnung hinaufsteigen. Drinnen war Alles in gewohnter Ordnung.

Die Lampen brannten, eine behagliche Wärme in allen Gemächern, kein

unangenehmer Brief war eingelaufen. Wie immer stand mein Nachttrunk

bereit, daneben lagen die Abendzeitungen, zwei oder drei medicinische

Zeitschriften. Ich hatte mich in meinen Stuhl gesetzt und ein Zeitungsblatt

in die Hand genommen. Aber was ist das? ich vermag nicht zu lesen. Ein

scharfes anhaltendes Geräusch unterbricht und belästigt mich. Ich blicke

auf -- mir gegenüber still und starr, von der Ampel hell beleuchtet,

hängt eine marmorne Nachbildung der bekannten rondaninischen Meduse; ich

horche hin: dahinter ist die Ursache des Geräusches: eine Uhr, die tick,

tack, in ununterbrochener Gleichmäßigkeit ihren Pendel bewegt. Wer wird

sich von einer Uhr stören lassen -- und ich versuche von neuem meine

Zeitungslektüre. Aber es geht nicht, dieser Pendelschlag hat etwas so

Unbarmherziges, Dröhnendes -- und nun, wie es nicht anders sein kann, ist

es nicht mehr einzig das Geräusch, was mich hemmt. Meine Gedanken sind

zerstreut. Die Wand ist dünn, die mich hier von meinen Nachbarn trennt.

Bis zu diesem Abend ist es mir nie aufgefallen, da Alle, die bisher neben

mir gewohnt haben, gerade dies Zimmer wenig zu benutzen pflegten: es war

bei ihnen Allen die sogenannte gute Stube gewesen, die sich nur selten

zu irgend einem Familienfeste öffnete. Tick, tack -- tick, tack: geht es

nebenan weiter. Es ist mir, als erhielte ich von einer unsichtbaren Hand

eben so viele leise Schläge, unter denen meine Nerven zusammenzucken,

wie der Pendel Schwingungen macht. Darüber fällt mir ein, daß ich neue

Nachbarn -- oder besser eine neue Nachbarin bekommen habe ... Den Namen

habe ich vergessen, ich entsinne mich nur, daß es eine Schauspielerin bei

einem der zweiten Theater unserer Stadt sein soll ... Meinetwegen, eine

große oder eine kleine Künstlerin, hübsch oder häßlich, tugendhaft

oder brüchig, eine Magdalene oder eine Messalina, wenn sie nur ihrer

verwünschten Uhr einen anderen Platz gegeben hätte! Das unerträgliche

Geräusch verwirrt und verstimmt mich mehr und mehr. Solche Damen, die

so gar keine Bürgschaft der Stille und des bürgerlichen Wohlanstandes

bieten, in ein ruhiges Haus aufzunehmen! Es ist unverantwortlich von dem

Wirthe. Freilich, ich hätte bei Zeiten Einspruch gegen die neue Mietherin

erheben sollen ... und so, ärgerlich gegen die Uhr, gegen die Nachbarin,

empört über die Rücksichtslosigkeit des Wirthes, unzufrieden mit mir

selbst, suche ich mein Lager. Meine Schlafstube liegt nach dem Garten

hinaus, weit ab von dem Unglückszimmer, aber dennoch tönte mir das

scharfe Ticktack noch lange im Ohre.

Am nächsten Morgen zog ich Erkundigungen ein. Die Dame heißt Elsa Themar

und soll, wie mein Diener versichert, jung, blond und schön sein. Sie

spielt in dem Stadttheater, das am Ostende unserer Stadt liegt, in

den französischen Komödien, die dort an der Tagesordnung sind, die

jugendlichen Liebhaberinnen. Mein Wirth, der mir gegenüber gern den

gebildeten Mann hervorkehrt, lächelte ein wenig spöttisch, als ich ihm

erklärte, daß ich weder den Namen dieser berühmten Künstlerin noch je

etwas von ihren Talenten gehört. So sind nun diese Gelehrten, schien sein

verzogener Mundwinkel zu sagen; steif, verknöchert, geistlos -- sie gehen

nicht in das Theater, sie wissen nichts von Sardou's »Fernande« und

Dumas' »Monsieur Alphonse«. Ich wußte in der That nichts davon und

erfuhr erst von ihm, daß in diesen Stücken Fräulein Elsa Themar ganz

vortrefflich spiele -- viel besser, als die Damen am Hoftheater. Im Grunde

war mir dies Alles außerordentlich gleichgiltig, mich beschäftigte weder

das Fräulein noch ihre Kunst, sondern einzig und allein ihre Uhr. Aber um

zu dieser zu kommen, mußte ich leider erst die Besitzerin kennen lernen.

Hunde und Klaviere waren im Kontrakt vorgesehen -- eine Uhr jedoch

hat Jeder, und es ist lächerlich, sich über das Geräusch einer Uhr

beschweren zu wollen. Doppelt lächerlich von Seiten eines Arztes -- oder

sollte ich verrathen, daß mir dies Geräusch einen unheimlichen Eindruck

machte? Ich mußte mich also zunächst zum Dulden entschließen. Die

verschiedensten Pläne indeß, mich von diesem Feinde zu befreien,

durchkreuzten mein Gehirn. Denn es war, als sei mit diesem Ticktack

eine mir feindliche Macht in mein Leben eingedrungen. Ich konnte von den

Gemächern meiner Wohnung ein anderes zum Arbeitszimmer wählen: aber eine

zehnjährige Gewohnheit aufgeben, mitten im Herbst eine solche Umgestaltung

vornehmen! Ich konnte an die Dame schreiben und sie bitten, ihre Uhr an die

andere Wand oder in einen andern Raum zu stellen, aber einer spöttischen,

leichtlebigen Komödiantin einen solchen Anlaß zu bieten, sich über die

Nervosität eines alten Herrn lustig zu machen! Wenn ich ihr unter irgend

einem Vorwande einen Kauf der Uhr vorschlagen ließe? Das Einfachste von

Allem, was zugleich der natürlichen Trägheit am meisten zusagte, war der

Versuch, sich an jenes störende Geräusch zu gewöhnen. Man erträgt

das Rauschen der Wellen, das Klappern einer Mühle, man lernt Schmerzen

ertragen in so hohem Grad, daß uns etwas zu fehlen scheint, wenn sie

plötzlich nachlassen, warum nicht den Pendelschlag einer Stutzuhr?

Zuweilen gelang es mir; das Geräusch, das von der Straße heraufscholl,

übertönte den Schlag der Uhr; in meine Studien vertieft, achtete ich

eine Weile nicht darauf. Bald genug aber machte sich das Geräusch wieder

vernehmbar. Mit der Störung ermunterte sich mein Verdruß, er schwoll

zu einem ingrimmigen Haß gegen das unschuldige Ding an, das dieselbe

verursachte. Von dem Gegenstand übertrug ich meine Feindschaft auf die

Besitzerin. Obwol ich sie noch immer nicht gesehen, in keinem ernsthaften

Punkte über sie Klage führen konnte, haßte ich diese Elsa und spähte

nach einer Gelegenheit aus, ihr das Böse zu vergelten, das sie mir mit

ihrer Uhr angethan.

Sie lebte still und eingezogen. Die Besuche, die sie empfing, machten

keinen Lärm; zuweilen kam sie spät in der Nacht nach Hause, wenn ich noch

wachend bei meinen Arbeiten saß, aber immer war sie allein. Ihre Rollen

studirte sie in einem Hinterzimmer ein, so daß ich mich nicht einmal über

ihre Deklamationen beschweren konnte. Dabei hatte es der Zufall so gefügt,

daß wir uns noch nie auf der Treppe oder auf der Vorflur begegnet waren.

Nur unsere Namen starrten sich gegenseitig auf Messingschildern an den

Klingelthüren an. Elsa Themar -- Gotthold Werben. Plötzlich, wie es sich

erhoben, war eines Tages das Geräusch verstummt. Ich traute meinen Ohren

nicht, allein die Uhr stand still. Diesen Tag rührte sie ihren Pendel

nicht, den folgenden, den dritten nicht. Es war indessen, wie ich bald

darauf von meinem Diener hörte, ohne Zauberei zugegangen. Die Dienerin

des Fräuleins hatte bei dem Klopfen der Teppiche seine Hilfe in Anspruch

genommen und er die Gelegenheit benutzt, ihr meinen Verdruß und Aerger

über die Stutzuhr mitzutheilen. Das hatte gewirkt, Fräulein Elsa Themar

als gebildete junge Dame, welche die wissenschaftlichen Studien eines

Gelehrten zu schätzen und seine Launen zu ertragen wußte, hatte ihrer

Uhr einen Platz im Nebenzimmer angewiesen -- wir, hatte ihr Mädchen

meinem Diener gesagt, verstehen uns auf das Studiren und halten gern gute

Nachbarschaft.

Ich gestehe, daß mich dieser Zug von gutherziger Freundlichkeit

überraschte und meine Gesinnungen gegen die Dame umstimmte. An dem Abend

fuhr ich nach dem Stadttheater hinaus, sie und ihr Spiel mir anzusehen. In

einer französischen Komödie hatte sie die Rolle einer jungen, schuldigen,

sehr liebenswürdigen und sehr reuevollen Frau darzustellen. Nach der

Meinung des Publikums machte sie ihre Sache vortrefflich, denn sie wurde

wiederholt mit Beifall überschüttet. Ich konnte mich nur ein und

ein anderes Mal zum Klatschen entschließen, mir erschien ihr Spiel zu

flüchtig und zu übertrieben. Es fehlten alle feineren Uebergänge, die

Farben waren grell aufgetragen. In den erregteren Scenen jedoch brach eine

starke natürliche Leidenschaft durch das Künstliche und Conventionelle

der ganzen Leistung, die, verbunden mit dem wohlklingenden Organ und der

schönen Erscheinung der Dame, bei ihrer Jugend Besseres für die Zukunft

versprach. Bei ihrer Jugend -- sie mochte etwa fünfundzwanzig Jahre

zählen, eine schlanke Gestalt mit lebhaften Augen, reichen blonden Haaren,

ein starkes, groß und edel geschnittenes Gesicht, wie für das Theater

und das Lampenlicht geschaffen, stand sie offenbar erst am Anfang ihrer

Laufbahn. Gewisse kleine Verstöße ließen mich sogar vermuthen, daß sie

jählings ohne gründliche Vorbereitung auf die Bühne gegangen sei, aus

anderen Lebensbedingungen und glücklicheren Verhältnissen heraus. Ich

spann mir während des Stücks und noch lebhafter, als ich wieder daheim

an meinem Kamin saß, wo mich kein Pendelschlag störte, einen ganzen

Roman über Fräulein Themar aus, um mich selbst zuletzt mit dem Worte:

»Dummheiten!« zur Ordnung zu rufen.

Nicht umsonst bin ich gewohnt, mir über alle starken Eindrücke, ob sie

mich nun plötzlich oder langsam ergreifen, Rechenschaft abzulegen und

sie bis zu ihren ersten Ursachen zu verfolgen. So grübelte ich auch dem

Eindruck nach, den das junge Mädchen auf mich gemacht, der Theilnahme, die

ich für sie empfand. Ihr Spiel war es sicher nicht, denn es berührte mich

unbehaglich oder ließ mich kalt, die Schönheit mochte jungen Männern den

Kopf verdrehen, dem meinen that sie nichts. Die Stimme ist es, sagte ich

mir endlich, diese weiche und doch kräftige, wohllautende Stimme, die mich

berückt. Aus dieser Stimme heraus erfinde ich mir eine Geschichte -- habe

ich sie doch schon einmal im Leben gehört und nun wirrt und dichtet mir

unbewußt die Phantasie Vergangenes und Gegenwärtiges in einander. So fest

hat sich mir das Abbild jener Begebenheit eingeprägt, daß sie mir jetzt,

bei einem so leisen und flüchtigen Anstoß, wieder wie ein eben Erlebtes

vor Augen tritt. Und doch liegen Jahre, wichtige, entscheidende Jahre und

Ereignisse zwischen jenen Tagen und der heutigen Stunde. Es ist mehr als

wahrscheinlich, daß die kleine Schauspielerin niemals mit den Kreisen in

Berührung gekommen ist, wohin mich meine Erinnerung führt. Weil ich den

Klang dieser Stimme schon einmal vernommen, aus dem Munde einer Frau, die

im Ueberfluß und in einer angesehenen Stellung lebte, erfinde ich mir eine

Geschichte, wie -- lächerlich! wie man Schauspielerin wird. Aber ich kann

wenigstens wieder an meinem eigenen Beispiel das Entstehen und Wachsen

abergläubischer Vorstellungen und Meinungen erproben. Ein unbedeutender

Sinnenreiz, der Pendelschlag einer Uhr, erregt ein körperliches Unbehagen,

das sich bis zur Furcht steigert. Dieser Schlag, sage ich mir wider meinen

Willen und mein besseres Wissen, wird dir verhängnißvoll werden, und

als ob diese unbewußte Regung ein bestimmtes Vorgefühl zukünftiger

Ereignisse gewesen, schließt sich nun eine Reihe von Zufällen an diesen

ersten Eindruck, die meine Gedanken in der einmal eingeschlagenen Richtung

festhalten, die ersten losen Fäden des Gewebes verstärken und mich immer

mehr in den Kreis eines fremden Daseins ziehen.

Durch die stille, schweigende Straße rollte ein Wagen; er hielt vor

unserem Hause. Bis zu mir herauf tönte fröhliches Gelächter, das

Abschiednehmen, dann wurde die Hausthür aufgeschlossen, während der Wagen

sich wieder entfernte, stieg meine Nachbarin leichten Schrittes die Treppe

hinan. Sie mußte in der glücklichsten Stimmung sein, denn ich hörte

sie im Nebenzimmer eine lustige Arie singen. Nur ein paar Takte, die

Hausordnung mochte ihr einfallen oder der Nachbar, den sie in seinen

gelehrten Studien nicht stören wollte. Sie verstummte, aber ich hörte

das Rascheln ihres Seidenkleides, das Hin und Her einer Frau, die sich

zur Nachtruhe anschickt. Wie thöricht war ich doch! Während ich mir

eine tragische Geschichte von zerrütteten Lebensverhältnissen, von

einer unglücklichen Theaterlaufbahn ausgesonnen, hatte die Heldin meiner

romantischen Dichtung mit guten Freunden soupirt und das Champagnerglas

geleert. Ihr war offenbar nie der Gedanke gekommen, daß sie eine sehr

mittelmäßige Schauspielerin sei und vor strengeren Augen gar nicht auf

der Bühne bestehen könne. Sie war mit sich und ihrem Loose zufrieden,

und wenn sie jetzt träumte, so träumte sie nur von Rosen und Lorbeeren,

vielleicht gar vom Goldregen der Danae. Da schrie es im Nebenzimmer auf:

ein Schrei der höchsten Angst, der uns entfährt, wenn wir unerwartet

einem Abgrunde zu nahe getreten sind oder plötzlich ein Schreckniß sich

vor uns aufrichtet. Ich war aufgesprungen und machte unwillkürlich ein

paar Schritte nach der Thür hin, von Mitleid und Sorge ergriffen, in dem

instinctiven Gefühl des Arztes, einem Leidenden zu helfen. Aber meine

Bewegung mußte von meiner Nachbarin gehört worden sein. Im nächsten

Augenblick war Alles bei ihr still und lautlos. Ich legte mein Ohr an die

dünne Wand, ich horchte -- umsonst, sie mochte sich in ein anderes Gemach

zurückgezogen haben, wo sie vor jedem Lauscher sicher war. Ich konnte nach

Laune mir den Kopf über den Schrei einer Komödiantin zerbrechen und

meine grauen Haare daran setzen, das Geheimniß einer schönen Seele zu

ergründen. Darüber regte sich in mir das Schamgefühl, und ich griff

wieder zu meinem Häckel und bemühte mich nach Kräften, seinen Urkeim und

Protoplasma durch alle Wandlungen bis zum Menschen zu folgen. Merkwürdig

genug äffte mich beständig dabei das Gesicht meiner Nachbarin: bald ein

lachendes, übermüthiges, bald ein thränenüberströmtes, entsetztes

Gesicht. Aber es war keine Hexerei dabei, ich hatte beide Gesichter an ihr

in der Komödie gesehen.

Am nächsten Tage bat sie mich durch einen Brief zu ihr hinüber zu kommen;

sie nahm die Freundlichkeit des Nachbars und die Hilfe des Arztes in

Anspruch. Es wäre hart gewesen, eine Bitte abzuschlagen, die mit so vielem

Recht Gewährung erwarten durfte. Dennoch habe ich selten einen Schritt mit

größerem Widerstreben gethan, als den von meiner Thür zu der ihrigen.

In mir war etwas, das mich warnte, den kurzen Raum zu überschreiten,

der unsere Wohnungen von einander trennte. Ob in ihrem Betragen etwas

Absonderliches, Schauspielerisches war, als sie mich empfing, vermag ich

nicht zu sagen, da ich bisher nie mit Komödianten oder Komödiantinnen

zu thun gehabt hatte. Sie sah wie eine Dame aus, in einem einfachen,

bescheidenen Anzuge, ihre Sprache wie ihre Bewegungen waren, mit denen

verglichen, die sie gestern Abend auf der Bühne gezeigt, nicht nur

natürlicher, sondern auch angenehmer und gehaltener. Wie gestern, bannte

mich auch jetzt wieder der Zauber ihrer Stimme. Nur viel mächtiger; unter

den schweren und starken Drückern einer pathetischen Deklamation war von

der Bühne her das leis Verschleierte der Stimme ganz verloren gegangen.

Aber wenn ich auch den Wohlklang dieser Stimme schon gehört: in keinem

Zuge erinnerte das Gesicht des Fräuleins an jenes mir unvergeßliche

Antlitz, an jene Frau, deren Stimme mir einst wie die ihrige geklungen.

Noch einmal bat sie um Entschuldigung, wenn sie mich gestört, aber sie

wäre sehr leidend und hätte zu dem Theaterarzt kein Vertrauen. Sie

glaubte an einem Herzfehler zu leiden und wollte von allen Seiten gehört

haben, daß ich der beste Arzt für die Krankheiten des Herzens sei.

Zunächst stand mir nur so viel fest, daß sie an allzuheftigem Herzschlage

litt, den eine starke Aufregung in bedenklicher Weise gesteigert. Ruhe

war nach einer schlaflosen Nacht das erste Bedürfniß für sie. Da sie an

diesem Tage nicht zu spielen brauchte, konnte sie ganz sich selbst leben.

Ich verschrieb ihr ein leichtes Schlafmittel und suchte ihr nach Kräften

die Grille, daß sie einen Herzkrampf bekommen würde, auszureden. Es

gehörte kein Scharfblick dazu, hinter dem physischen Unbehagen eine

psychische Ursache zu ahnen. Mir fiel der Schrei ein, den sie in der Nacht

ausgestoßen. Aber ich hütete mich, in der Sorge, ihre Aufregung noch

zu vermehren, auch nur mit einem Worte darauf anzuspielen. Die Rücksicht

gegen mich selbst mag mit hineingespielt haben. Das wäre eine schöne

Geschichte, sagte das Unbewußte in mir, wenn du mit deinen fünfzig Jahren

hier den Seelenarzt spielen wolltest.

»Ich soll mich niederlegen, Herr Doctor?« fing sie plötzlich an, mit

einem gewissen zögernden Ton, als ich schon im Begriff stand, mich zu

entfernen, »aber ich wage es nicht. Die Unruhe, die Angst wird mich wieder

überfallen.«

»Seien Sie versichert, das Mittel wird seine Wirkung thun. Sie regen sich

unnöthig auf. Es wird keine Träume und keine Gespenster für Sie geben.«

Mir war das Wort mit einem Lächeln entfahren, ohne daß ich mir etwas

Sonderliches dabei gedacht. Um so überraschter war ich, als sie es mit

leidenschaftlicher Hast aufgriff. »O, Sie wissen nicht, was ich leide,«

rief sie und faßte meine Hand, gleich als ob sie mich festhalten wollte,

»gerade von den unsichtbaren Mächten leide. Schreckbilder drängen sich

zu mir heran -- der Schlag der Uhr« ...

Richtig, nebenan ging es ticktack, jenes Geräusch, das mir in den ersten

Tagen nach dem Einzug des Fräuleins in diese Räume so unheimlich geworden

war. Der Fall wurde mir immer merkwürdiger; waren wir beide wenigstens in

Hinsicht auf diese abscheuliche Uhr wahlverwandt?

Sie hatte meinen erstaunten Blick nicht bemerkt und fuhr, ausschließlich

mit ihren Gedanken und Erfahrungen beschäftigt, in nervöser Heftigkeit

fort: »Die Stunde schlägt, wo eine verhaßte Gestalt sich mir nähert,

drohend, ihr Recht fordernd. Zuweilen weiß ich nicht, ob nur das Spiel

meiner aufgeregten Phantasie sie herbeibeschwört, ob es Wirklichkeit ist.

Was ist überhaupt Wirklichkeit? Eine Weile lassen mich die schrecklichen

Bilder in Ruhe, aber es ist ein trügerischer Friede, unerwartet stehen sie

wieder vor mir da.«

War es nun die sichtliche Angst des schönen Mädchens, die rührende Bitte

um Hilfe, die eben so beredt aus ihren Augen wie aus dem Tone ihrer Stimme

sprach, oder das immerhin merkwürdige Problem, unter welchen Bedingungen

Traumbilder, Phantasie-Vorstellungen eine scheinbare Realität und

Körperlichkeit unsern Sinnen gegenüber erhalten können, was mich

fesselte -- genug, ich blieb und fing an zu fragen, halb als Arzt, halb als

Beichtiger. So weit war in wenigen Minuten mein Wille vom Zufall umgestimmt

worden.

»Allein dies Unerwartete,« sagte ich auf ihre letzte Aeußerung, »kann

sich doch nicht ohne einen äußeren Anstoß ereignen. Ihre Phantasie

muß eine Anregung, einen Eindruck von außen her empfangen, der jene halb

entschwundene Reihe von Vorstellungen wieder in den Vordergrund treten

läßt und dem Einzelnen wieder feste Formen und helle Farben giebt.

Erinnern Sie sich nur genau, was Ihnen gestern Abend geschehen ist. Ich

will Ihrem Gedächtniß zu Hilfe kommen. Da wir Nachbarn sind und einzig

eine dünne Wand uns trennt, hörte ich Sie in der Nacht in heiterer

Stimmung Ihr Zimmer betreten.«

»O mein Gott!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Was hab' ich

da gemacht? Sie waren noch wach, Sie haben gehört -- ich muß einen Schrei

ausgestoßen haben« ...

»Ja -- und ich möchte Sie als Arzt fragen, was die Ursache Ihres

Schreckens war« ...

»Ein Brief, der mir eine Ankunft ankündigte« --

»Eines ehemaligen Liebhabers?« fuhr es mir heraus. Ich fühlte mich

wieder ernüchtert und erkannte die Sphäre, in der ich mich befand -- ein

abenteuerliches, phantastisch aufgeputztes Komödiantenthum.

»Warum nicht?« fragte sie zurück. »Glauben Sie nicht, daß man sich vor

der Liebe fürchten kann?«

»Ich bin so fest davon überzeugt wie Sie, nur meine ich« -- und ich

deutete auf meine grauen Haare -- »daß für mich kein Platz in dieser

Geschichte sein dürfte. Was der Arzt Ihnen sagen konnte, hab' ich Ihnen

gesagt. Ihr Körper bedarf der Ruhe, des Schlummers -- das Uebrige, was

allerdings das Wichtigere ist, liegt außerhalb des Bereiches meiner

Wissenschaft. Unruhige Seelen zu beruhigen, giebt es in der Apotheke kein

Mittel.«

»Sie wollen mich in Unmuth verlassen, als ob das Opfer einer tollen

Leidenschaft Ihres Rathes und Ihrer Hilfe weniger würdig wäre, als jede

andere Kranke« ...

Sie kam nicht weiter; draußen wurde ungestüm an der Klingel gerissen

und zugleich hob im Nebenzimmer die Uhr zum Stundenschlage aus -- zwölf

Schläge. Der hellste Mittagssonnenschein eines freundlichen Herbsttages

schaute, so weit es ihm die niedergelassenen weißen Fenstervorhänge

gestatteten, in das Gemach. Mit dem Schrei: »Er ist es!« war die

Schauspielerin bewußtlos rücklings niedergesunken. Wenn dies schon

Komödie war, so wurde sie zum mindesten gut gespielt. Um die Ohnmächtige

beschäftigt, achtete ich des heftigen Gezänkes nicht, das sich auf der

Vorflur zwischen der Dienerin und dem ungeberdigen Besucher entspann.

Gerade als ihr die Besinnung zurückkehrte, stürzten die Zankenden ins

Zimmer, voran der Fremde, hinter ihm die Dienerin, die ihn zurückzuhalten

suchte. Aergerlich drehte ich mich um und richtete mich dem Störenfried

gegenüber in meiner ganzen ärztlichen Würde auf.

»Wer erlaubt Ihnen hier einzudringen? Bei einer Kranken! Wenn man Ihnen

den Eintritt weigert« ...

»Und wer sind Sie?« fuhr er grimmig heraus, »der« ...

»Das möcht' ich Sie fragen. Ich bin der Arzt und im Augenblick der Herr

hier.«

Ich stand zwischen ihm und dem Mädchen, auf der Schwelle der Thür, den

Arm abweisend erhoben. Offenbar hatte ihn diese unerwartete Begegnung

außer Fassung gebracht; er maß mich mit einem halb geringschätzenden,

halb mißtrauischen Blicke, aber diese Prüfung mochte insofern zu meinen

Gunsten ausfallen, da er nichts von einem Liebhaber an mir

entdeckte. Zögernd that er einen Schritt rückwärts. »Ich bitte um

Entschuldigung,« sagte er, mit den Zähnen seine Unterlippe beißend.

Da klang es wie das Zuschieben eines Riegels hinter mir. Ich drehte mich

um, das Gemach war leer. Man ist nicht unbetrogen bei einer Schauspielerin.

Während meiner Verhandlung mit dem ungebetenen Gaste hatte das Fräulein

die günstige Gelegenheit ergriffen, sich mit ihrer Zofe in ein anderes

Zimmer zu retten. Um den Mund des Fremden flog ein boshaftes Lächeln, das

eben so gut der schönen Entflohenen wie mir gelten konnte.

»Ich werde mir ein anderes Mal erlauben, bei Fräulein Themar

vorzusprechen, wenn sie allein ist,« sagte er und rückte an seinem Hute,

wie einer, der sich entfernen will.

»Das werden Sie nicht, mein Herr, so lange sich das Fräulein in

meiner Behandlung befindet. Es ist gleichgiltig, was Sie mit der Dame zu

verhandeln haben -- und wenn es das Wichtigste wäre, es muß vor der Sorge

um ihre Gesundheit zurücktreten. Einem Gentleman brauche ich nichts mehr

zu sagen.«

Während meiner Rede hatte ich ihn genauer ins Auge fassen können. Eine

kräftige, gedrungene Gestalt mit einem ausdrucksvollen Kopfe, stechende

Augen unter buschigen Brauen, eine Adlernase in dem breiten Gesicht, das

von einem dichten röthlichen Vollbart umrahmt wurde -- das Ganze herrisch

und raubthierartig, aber nicht häßlich im gemeinen Sinne -- der Mann,

etwa im Ausgang der zwanziger Jahre, war ohne Zweifel Soldat gewesen,

Offizier, Rittergutsbesitzer.

»Ich danke Ihnen für die Mittheilung,« entgegnete er. »Mein Geschäft

kann in der That warten, meine Anwesenheit in der Stadt genügt. Zugleich

freut es mich, gleich am Tage meiner Ankunft eine so interessante

Bekanntschaft ... Ah, verzeihen Sie -- ich bin der Freiherr Egon von

Lüttow« --

»Und ich der Geheime Medicinalrath Gotthold Werben.«

»Noch einmal Entschuldigung und guten Morgen.«

Er trat in den dämmerigen Corridor zurück; die Außenthür stand noch

halb offen; hinausgehend drückte er sie leise ins Schloß. Auf der Vorflur

verweilte er einen Augenblick. Er mochte an der gegenüber liegenden Thür

meinen Namen auf dem Messingschilde gelesen haben. Mir war es, als hörte

ich sein unterdrücktes kaustisches Gelächter. Dann ging er schwer

auftretend die Treppe hinunter. Unbeweglich verharrte ich in meiner

Stellung, hinaushorchend -- ich hatte eine Besorgniß, als könne er wieder

umkehren und den peinlichen Auftritt von vorn beginnen. Erst als ich von

seiner Entfernung überzeugt war, trat ich in das Zimmer zurück. Wenig

hätte gefehlt, so wäre mir meine Schöne zu Füßen gefallen. Sie

fand keine Worte, nur Thränen und Schluchzen, mir ihre Dankbarkeit zu

betheuern. Aber ich hielt ihr nicht lange Stand, befahl ihrem Mädchen, sie

zu Bett zu bringen, und ging in meine Wohnung hinüber. Das kommt von der

Nachbarschaft, brummte ich verdrießlich in mich hinein. Die Dame hatte

mir offenbar eine Scene vorgespielt, um mich als Blitzableiter zu verwenden

gegen einen eifersüchtigen, einen abgedankten, einen betrogenen -- ja, was

wußte ich, zu welcher Art von Liebhabern der Rothbart gehörte! Nur das

Eine schien mir gewiß, daß er mich für einen Gecken halten mußte, der

sich zum Vertheidiger einer Schauspielerin aufwirft, der wohl gar darauf

ausgeht, die Rolle des Seelenretters zu übernehmen. Besann ich mich dann

auf das Einzelne zurück, was ich seit einer Stunde gethan und gesagt,

konnte ich freilich nichts entdecken, was ich anders hätte machen, was

unterlassen können, ohne gegen die Pflichten eines Arztes zu verstoßen.

Das Fräulein war krank: dies mußte schließlich alle Einwendungen und

Vorwürfe niederschlagen. Die Stellung eines Arztes ist eben so peinlich,

eben so hundertfältigen Verdächtigungen, der Reue und der Selbstanklage

ausgesetzt wie die eines Beichtigers. In der Welt, wie sie ist, büßen wir

nicht nur unser Wesen, sondern auch die Zufälligkeiten unseres Standes,

unseres Glücks oder Unglücks.

Es traten aber im Verlaufe dieses Tages so viele andere Angelegenheiten

und Beschäftigungen an mich heran, daß ich nicht lange dem Abenteuer

nachhängen oder mir wohl gar seine möglichen Folgen ausmalen konnte. Als

ich am Abend bei meiner Nachbarin noch einmal vorsprach, fand ich ihren

Zustand in der Besserung, ihre Aufregung im Sinken begriffen. Um ihr die

Nachtruhe, so weit es bei mir lag, zu sichern, gelobte ich ihr, für

die nächsten Tage ein achtsames Auge auf ihre Thür zu haben und alle

ungelegenen Besuche von ihr fern zu halten. Sie dankte mir gerührt, noch

mehr mit ihren schönen, schmachtenden Augen als mit ihren Worten. Ganz

ohne Bestrafung für meine mitleidige Regung kam ich freilich nicht davon.

Spät am Abend störte mich nämlich wieder die verwünschte Uhr, die

Dienerin hatte sie aus dem Schlafzimmer der kranken Herrin an ihren

früheren Platz zurück gestellt. Ich hatte mich ja so gutmüthig und

menschenfreundlich bewiesen, daß man mir dies auch noch anthun konnte. Je

rücksichtsvoller wir sind, desto mehr wird gegen uns gesündigt.

Allein wenn der Dame die Uhr so lästig fiel, wie mir -- wenn gerade der

Glockenschlag dieser Uhr ihr eine unheimliche Erinnerung wieder erweckte,

ein gespenstisches Gesicht heraufbeschwor, warum hatte sie sich derselben

nicht längst entäußert? Ein Spukhaus sucht der Besitzer selbst mit

Verlust zu verkaufen, und eine Uhr wird man leichter los als ein Haus. Wie

sie nur aussehen mochte, diese abscheuliche Uhr! Ich war überzeugt, daß

es ein Erbstück sein mußte, aus dem vorigen Jahrhundert; moderne

Uhren, redete ich mir ein, hätten einen ganz anderen Schlag. Und was

der phantastischen Tollheiten mehr waren. Der Gespenster- und

Automaten-Hoffmann hätte an mir seine Freude gehabt. Welch höhnisches

Koboldlachen würde er ausgestoßen haben, wenn er am nächsten Vormittag

mein langes dummes Gesicht gesehen! Ich trete bei meiner Kranken ein --

viel mehr mit der Uhr als mit ihr beschäftigt, in der gewissen Hoffnung,

nun endlich einmal meinen unsichtbaren Gegner zu Angesicht zu bekommen. Ja,

wer nicht da ist, das ist die Uhr. Sie hat wieder ihren Platz gewechselt,

und ich getraue mich nicht nach ihr zu fragen. Wie ich erwartet, haben

die Tropfen eine gute Wirkung geübt. Die Augen des Fräuleins haben einen

hellern Glanz, ihre Wangen färbt ein leichtes, feines Roth. Sie ist nicht

im klassischen Sinne schön, ihre Formen sind ein wenig zu voll, ihre Züge

zu stark dafür, aber die Anmuth ihrer Bewegungen und die Bescheidenheit

ihrer Haltung lassen diese Mängel dem Betrachter nicht zum rechten

Bewußtsein kommen. Der Reiz des Gesammtbildes verführt, mögen die

Einzelheiten sein, wie sie wollen. Um sie in guter Stimmung zu erhalten,

lenkte ich das Gespräch von den gefährlichen Klippen ab, an die

es gestern gestreift. Das Theater bot sich als der geeignetste

Unterhaltungsgegenstand dar, zunächst die Rolle, in der ich sie gesehen.

»Nicht wahr, ich bin eine schlechte Schauspielerin?« unterbrach sie mich.

Mit schonendem Freimuth, ohne ein starkes Wort des Tadels gegen sie, setzte

ich ihr meine Ansichten über die Rolle auseinander. Aufmerksam hörte

sie mir zu, immer unverkennbarer sprachen sich Erstaunen und Theilnahme in

ihren Zügen aus.

»Nie hätte ich von einem hochberühmten Arzt eine so feine Kenntniß der

Schauspielkunst erwartet,« meinte sie, »wie viel könnte eine bessere

Künstlerin als ich von Ihnen lernen!«

»Warum sollte ein Arzt nichts von der Kunst, Menschen auf der Bühne

darzustellen, verstehen?« entgegnete ich. »Genauer als Andere kennt er

-- muß er die Gesetze unseres Organismus kennen; auch unsere Gefühle,

die Bewegungen, durch die wir sie zum Ausdruck bringen, unterliegen

unabänderlichen Gesetzen.«

Und so weiter. Das Thema war umfassend und anregend und bot nach keiner

Richtung einen Anstoß. Ich erfuhr, daß sie erst seit drei Jahren der

Bühne angehöre, nur eine kurze Lehrzeit durchgemacht habe und über ihr

Verdienst vom Glück begünstigt worden sei.

»Die Leute sagen, ich sei hübsch,« lachte sie, »und hat man dann nur

einen starken Willen und eine laute Stimme, kann man es auf den Brettern

weit bringen.«

»Sie lieben die Kunst?« wagte ich mich heraus: erst, als ich sie gethan,

fiel mir die Dummheit der Frage ein. Konnte sie anders als mit einem Ja

darauf antworten?

»Oh, Sie fragen mich mit so strengen Augen, als ginge es um Seele und

Seligkeit. Ich liebe schon die Kunst und möchte gern eine berühmte

Schauspielerin werden,« antwortete sie. »Aber ich will Ihnen nichts

vorspiegeln. Die verzehrende Liebe, die Sie meinen, die Begeisterung und

Hingabe, die Sie für Ihre Wissenschaft hegen -- ich habe sie nie für

die Bühne gehabt. In der Welt, wie sie ist, kann eine Frau trotz aller

schönen Redensarten nur in der Kunst vorwärts kommen. Von Jugend auf war

mein Sinn auf das Bunte und Glänzende gerichtet; ich darf mit Recht sagen,

ich spiele mit Lust Komödie, ich liebe das Handwerk.«

Zum Mindesten, dachte ich bei mir, ist dies ein aufrichtiges Wort, sie will

leben und genießen und wirft über den derben Realismus ihrer Wünsche

keinen idealischen Mantel. So schieden wir als gute Freunde, und es

war eben so herzlich wie natürlich, als sie mich zur Thüre geleitend

plötzlich meine Hände faßte und sagte:

»Sie haben sich heute selbst verrathen und dürfen mir es nicht verargen,

wenn ich künftig nicht nur den Arzt, sondern auch den Kunstkenner um Rath

frage, =noblesse oblige=!«

»Hexe!« rief etwas in mir, und ich ging hinüber.

Am Abend dieses Tages saß ich im Kaffeehause in vergnüglichster Stimmung;

ich hatte eben meinem alten Freunde und Collegen, dem Doctor Bastian --

wenn es je einen Materialisten und Cyniker ohne Feigenblatt gegeben, war

er es -- eine Partie Domino abgewonnen und ließ ihn, meinen Kaffee

schlürfend, noch einmal alle seine Spielfehler nachdenklich überlegen,

als ein anderer Gast, der dem Ausgang zuschritt, meinen Sessel streifte.

Ich sah auf.

»Guten Abend, Herr Medicinalrath,« sagte mein Rothbart. »Wie geht es

Ihrer Kranken? Noch immer Clausur?«

Den Spott, der noch mehr in seiner Stimme als in seinen Worten lag,

überhörte ich und erwiderte nur:

»Nicht für immer, Herr von Lüttow. Wenn Sie wollen, können Sie

übermorgen Ihr Heil versuchen. Ich bin kein Argus.«

»Danke für die Mittheilung« -- rückte am Hute und war in drei Schritten

an der Thür. Wie er sie öffnete, schaute er sich noch einmal nach mir

um. Wollte er mich mit seinen scharfen Blicken durchbohren oder sich lustig

über mich machen? Zur Klarheit darüber konnte ich nicht kommen, denn

Bastian, der es aufgegeben hatte, die Augen seiner Dominosteine zum dritten

Male zu zählen, fragte mich mit einem merkwürdig gedehnten Ton:

»Kennen Sie den Herrn?«

»Seinen Namen und seinen Bart. Wir haben uns neulich in einem

Krankenzimmer getroffen. Sie aber scheinen mehr von ihm zu wissen,

Werthester?«

»Nichts als die Geschichte, die man in der Gesellschaft von ihm

erzählt.«

»Männer- oder Frauenverleumdung?«

»Bewahre, eine Thatsache. Er hat einen seiner Freunde, die einen

behaupten: seinen besten, im Zweikampf erschossen, seine Festungshaft

abgesessen und treibt sich nun in der Hauptstadt herum.«

»Seit längerer Zeit?«

»Weiß ich nicht; hier im Saale habe ich ihn einige Male gesehen. Mir fiel

auch nur auf, daß Sie mit ihm sprachen, Herr Collega.«

»Ist dabei etwas Verwunderliches?«

»Hm! Nichts für ungut, Bester; Sie sind ein Spiritualist, nicht frei vom

Unsterblichkeitswahn -- vermuthe sogar, daß Sie den Ahnungen, Träumen,

der Seelenwanderung gewisse Rechte in Ihren Urtheilen und Vorstellungen

einräumen, und erstaunte darum, daß Sie an jenem Manne nicht den

Blutgeruch gewittert.«

»Er hat doch nicht gemordet,« unterbrach ich ihn. »Leider sind

Zweikämpfe unter Offizieren« ...

»Blut ist Blut. An sich ist es freilich sehr gleichgiltig, ob es einen

Menschen mehr oder weniger giebt, ob er durch einen Schuß vorn in die

Brust oder durch einen Beilschlag auf den Kopf von hinten her getödtet

wird, aber ich dachte, Ihrer sensitiven Seele müßte auch die

oberflächlichste Berührung mit einem Todtschläger einen Schmerz bereiten

und Ihre Herzmuskel sich dabei zusammenkrampfen.«

Das war deutlich, Bastian wollte sich für die verlorene Partie rächen

und mich ärgern. Letzteres gelang ihm nun zwar nicht, allein nachdenklich

hatte er mich doch gestimmt. Im Duell sollte dieser Mann einen Freund

erschossen haben? Warum? Aus Eifersucht; wenn sich junge Männer zu einem

solchen Kampfe gegenseitig reizen, pflegt immer ein Weib die Ursache zu

sein. Und dies Weib wohnte neben mir, Thür an Thür. Hatte sie den Mörder

oder den Ermordeten begünstigt? Aengstigte sie das Gespenst des Todten

oder das Auftreten des Lebendigen? Es war thöricht, aber ich vermochte

den Gedanken nicht abzuweisen, daß mich von Anfang an das Unbewußte, der

Instinkt oder der Dämon, vor dieser Bekanntschaft gewarnt. Die Unruhe,

in die mich der Schlag der Uhr gestürzt, war nur der Ausdruck dieser

scheinbar grund- und gegenstandslosen Stimmung gewesen.

... Wozu dies gewaltsame Erwecken heftiger und schmerzlicher Gefühle,

welche die Zeit allmählich in einen dumpfen Halbschlummer gewiegt hatte?

Wem erzähle ich eine Geschichte, die vermuthlich nur mir bedeutsam und

räthselhaft erscheint -- mir selber! Als ob ich nicht genug daran hätte,

sie erlebt und erlitten zu haben, sondern sie schwarz auf weiß mit mir

herumtragen müßte, um sie nicht zu vergessen. Warum wühle ich in dem

Staube des vergangenen Jahres, in dem Haufen welker Blätter? In der

Hoffnung, doch noch eine Perle darin zu finden? Ich weiß wohl, welche

Empfindung mir nach langem Zögern die Feder in die Hand drückte -- ein

seltsam verschlungenes Schicksal hatte sich auf meine Brust gewälzt

und lastete darauf, als wäre ich der erste Schuldige; es trieb mich

an, niederzuschreiben, wie Alles gekommen, meine Unschuld und die

Verwickelungen des Zufalls vor mir selbst klar darzulegen. Allein zu diesem

ersten Drange gesellte sich bald eine andere Regung. Ich fand eine eigene

Freude daran, halberloschene Bilder in ihrem ursprünglichen Farbenton

wiederherzustellen, mein Ich im Spiegel zu betrachten; zuweilen war es mir,

als hätte ich sie noch nicht ganz verloren, wenn ich von ihr erzählen

konnte, als schwebte etwas wie ein Schatten um mich, der dem Schatten ihrer

Gestalt gliche, als würde durch meine Schreiberei die Verbindung zwischen

uns, wenn auch nur durch den dünnsten Faden, erhalten -- genug, die Lust

überwog die Unlust. So verwandelt sich unmerklich die Gewohnheit des

Elends in einen erträglichen Zustand. Ob der Bettler, der plötzlich

seiner Noth entrückt wird, sich nicht manchmal nach seinem Betteln

zurücksehnt? --

Als ich am andern Morgen meinen ärztlichen Besuch bei meiner Nachbarin

machte, wurde ich schon wie der erwartete und gern gesehene Hausfreund

empfangen. Die eigenthümlichen Umstände, unter denen wir einander

näher getreten, hatten schnell eine Art Vertraulichkeit erzeugt, die

im gewöhnlichen Verlauf des Verkehrs wahrscheinlich niemals oder nur in

langer Zeit, nach mancherlei Erfahrungen und Prüfungen sich zwischen uns

gebildet hätte. Mein Alter, mein Stand, die fest und streng geregelten

Formen meines Lebens, die sie im Nebeneinanderwohnen leicht erkundet,

flößten ihr Vertrauen ein und gaben ihr zugleich eine Sicherheit,

deren sie einem jüngeren Manne gegenüber entbehrt haben würde. Was ihr

körperliches Leiden betraf, so war es im Schwinden; sie fühlte sich stark

genug, an einem der nächsten Tage wieder aufzutreten. Meine Einwände wies

sie zurück: »Die Erregung von der Bühne her ist die stärkste, die

es giebt,« behauptete sie, »das Lampenlicht, der Souffleurkasten, der

Anblick der Zuschauermenge, die Furcht, ausgelacht und verhöhnt zu werden,

bändigen alle anderen Leidenschaften; vor dem einen Gefühl, gut vor dem

Publikum zu bestehen, treten Liebe und Eifersucht, Zorn und Haß zurück.

Das ist Beelzebub, der die kleinen Teufel zum Schweigen bringt.«

»Vortrefflich,« sagte ich dagegen, »wenn nur nicht aus dem

Zuschauerraume Gesichter blicken könnten --«

»Sein Gesicht, das unheimliche,« unterbrach sie mich. »Freilich, er ist

im Stande, in einer Prosceniumsloge Platz zu nehmen und mich mit seinen

Blicken unablässig zu verfolgen. Ich habe auch daran gedacht und hin und

her gesonnen. Aber was hilft's? Einmal muß ich doch wieder auf der Bühne

erscheinen und, wenn es mein Unstern will, wird von allen Gesichtern seines

mir zuerst entgegenstarren, ob ich morgen oder nach vierzehn Tagen den

Schritt wage. Wer draußen steht, Herr Doctor, malt sich die Sache auch

ärger und gefährlicher aus, als sie ist.«

»Nun, vielleicht ist Herr von Lüttow auch so ritterlich, Ihnen die

Aufregung eines solchen Wiedersehens zu ersparen.«

Mit einem unbeschreiblichen Blick betrachtete sie mich, so von der Seite,

halb erstaunt, halb mitleidig über meine Harmlosigkeit. »Ist es denn

wahr,« fragte sie lächelnd, »daß die Gelehrsamkeit vor der Raserei der

Liebe schützt?«

Es war lächerlich, daß ich alter Narr darüber erröthete.

»Herr von Lüttow würde mich am liebsten erwürgen, wie Othello

Desdemona. Ich weiß nicht, was an oder in mir es ihm angethan hat,

aber mein Anblick hat ihn mit einer wilden und unbändigen Leidenschaft

erfüllt. Er ist hinter mir her, wie der wilde Jäger hinter dem fliehenden

Reh. Nichts hält ihn auf; meine Gleichgiltigkeit zuerst, dann meine

Abneigung, die seine beständigen Nachstellungen, seine Anträge in mir

hervorgerufen, der Widerspruch seiner Verwandten, denn er wollte mich

heiraten -- Alles bestärkt ihn in seiner Tollheit. Daß ich die Auftritte,

die Sorgen, die Unruhe, die Thränen vergessen könnte, die er mich schon

gekostet hat! Ich schöpfte Athem, als ihn eine unselige That --«

Sie hielt plötzlich inne und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen.

»Ich habe davon gehört, daß er eines Zweikampfes wegen eine längere

Festungshaft zu verbüßen hatte,« sagte ich, um uns Beiden über das

peinliche Schweigen hinwegzuhelfen.

»Unschuldiges Blut hat er vergossen, seinen Freund getödtet, als gälte

es ein Hinderniß aus dem Wege zu meinem Herzen zu räumen!« seufzte sie.

»Es ist eine entsetzliche Erinnerung, denn mich nennt er die Ursache der

Unthat, als hätte ich ihm und nicht seine Eifersucht die Pistole in die

Hand gedrückt. Mich ängstigen die Träume, die ihm den Schlaf rauben

sollten.«

Hier weiter vorzudringen, war nicht gut, ich wandte meine ganze Rednergabe

auf, wieder aus diesen Untiefen auf festeren Boden zu gelangen. Ich schlug

ihr vor, eine Ausfahrt zu machen -- eben fuhr mein Wagen vor das Haus, und

ich bat sie, denselben zu benutzen.

»Wenn ich Sie dadurch nicht in Ihren Geschäften störe --«

»Keineswegs, ich steige bei dem Hause des Grafen Waldheim aus, es liegt

auf dem Wege nach dem Park.«

Wir saßen keine zehn Minuten lang neben einander im Wagen, und doch

reichten sie hin, meine Gedanken in toller Jagd dahinstürmen zu lassen.

Als hätte es sich um ein ganz besonderes Ereigniß gehandelt! Zum Glück

forderte der Zustand des kranken Grafen meine ganze Kaltblütigkeit und

meinen Scharfsinn heraus; noch war der Arzt stärker in mir als der Narr.

Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen · 第 1 / 7 段