Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im
Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch
bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem
Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine
wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete
es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger
Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels
aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor --« Mit
ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.
Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten
lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen
Sofa mit dem sorgfältig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um
die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte
peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder
von Marx und Lassalle an den Wänden.
Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander
im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und
hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie
-- früh mutterlos -- schon als Schulkind mit verdienen mußte und der
kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.
»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben
Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wußt ich nicht,
sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
dem elenden Leben ein Ende machen.«
»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn,
der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, -- Tag aus,
Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher!
--« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich
zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und
Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«
Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter.
»Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren
auf einmal nicht mehr allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme
Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des
Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und
draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete -- der Meisterhochmut war mir
glücklich vergangen! --, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging,
haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«
Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich
zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den
Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln
verstand! -- Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten
Künste erinnern müssen!«
Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre
Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit
für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie
im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern
und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.
»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit
steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«
»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will
sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«
»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich
nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat
eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren
Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse --
aber jetzt muß ich fort, -- wir tragen heut in unserem Bezirk
Wahlflugblätter aus --«
Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein,
von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie
sollten mal hinkommen, Frau Professor!«
»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber -- bitte -- nennen Sie mich nicht
'Frau Professor', Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst
erworben sind.«
Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja -- wie soll ich Sie sonst
anreden -- ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«
Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die
Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten
einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle
fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften
mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen
an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier
eine Fremde war.
Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im
Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die
Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut
und lustig, »meine Frau und ich!«
Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn
schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger
entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen,
schmalen Körper -- »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum
daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die
Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg
seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.
Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus
bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder.
Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und,
dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen
zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten
kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer
Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen
liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um
Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen,
und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um
durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der
Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen
die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden
Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer
Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegensätze zwischen
Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer
Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus
Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.
»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er
oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres
persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«
Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit
einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, --
zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine
Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der
Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine
andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die
eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste
Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek
die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden
gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender
sicherlich auf neue Wege geführt.
Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar
hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte?
Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer
Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer
ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen
starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren
jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.
Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere
Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den
sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche
Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln
gesagt, -- derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde
berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von
Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.
Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs
Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller
Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch
Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen,
die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich
aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft
Leben war.
Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen,
tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank.
Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu
verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch
Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie
sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit
Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen.
Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und
manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen
Aufgaben, die der christlich-soziale Kongreß den Vertretern der Kirche
stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in
Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das
Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige
Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze
Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances
Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug
gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner
Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne
Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum
anderen trug.
So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die
finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, -- zweierlei war
ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das
Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der
Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.
»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte
Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und
Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen
Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen
Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom
Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.
»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich -- eine tiefe
Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises
selbständig schaffender Menschen ergriffen --, »nicht immer bloß
nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.«
Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem
berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die
notwendig zum Sozialismus führen müsse.
»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit,
unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und
Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen
Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten
wir die Frauen, -- wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer
umher -- »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt -- --«
»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich Georg, mir beide
Hände entgegenstreckend.
Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste der Ethischen
Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine
Anmeldung mit Freuden begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung.
Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich über den
Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der »Vorwärts,« die
Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die
ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der
Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von
der deutschen Frauenbewegung wußte ich noch nicht viel.
Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die Eröffnung bürgerlicher
Berufe, um höhere Bildung. Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen
und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, -- aber die Welt
außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. Ich las die Broschüren von
Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu
sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und
seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.
»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben
können!« rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien
auseinandersetzte. »Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und
Advokaten werden können, was haben wir dann besonderes, als einige
Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage
ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelöst ist, die
längst das Recht haben, zu schuften wie die Männer.«
»Ich bin ganz Ihrer Meinung -- ganz und gar --« nickte Frau Vanselow
eifrig und hob die schweren Lider von den berühmt schönen Augen -- »aber
wir müssen vorsichtig -- sehr vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne
Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, -- kämpfen Sie erst so lange
Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, daß wir
Frauen nur Schritt für Schritt vorgehen dürfen. Ich besonders habe
schwer zu ringen -- niemand versteht mich -- meine Vereinsdamen sind die
Ängstlichkeit selbst --«, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in
der ihren -- »wie froh wäre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft
gewinnen zu können!« Ich errötete erfreut; hier bot sich mir eine neue
Gelegenheit, um zu wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,«
antwortete ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst
abwarten, was ich leisten kann.«
Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn
Satz für Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war »Generalprobe«
vor Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich schon vor dir so
fürchte, wie soll das bloß morgen werden!« sagte ich, und das Papier
zitterte in meinen Händen. Da klingelte es, -- ich hörte eine Stimme,
die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Tränen in die Augen
trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun
stand er vor mir -- sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer auf den
Stock stützend --, wie an den Boden gewurzelt.
»Papa!«
»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er
meinen Kopf zwischen seine Hände und sah mich an. »Wie rosig du
aussiehst -- und wie -- wie glücklich!« Mit einer raschen Bewegung
näherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder,
verzeiht! -- Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich meine Alix so
wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand,
jeder Zimmerwinkel mußte einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie
hübsch und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem Seufzer die
Hand über die Augen. »Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los
werden!«
Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung
beschäftigt hatte, und vergaß in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor
sich sah: »Diese Rasselbande, die die Militärvorlage ablehnte, -- und
dann diese infamen Wahlen -- --.«
Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er räusperte
sich vernehmbar. Der Vater stockte. »Ach soo --« sagte er gedehnt, biß
sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen Litfaßsäulen
steht dein Name -- mich hat das nicht wenig entsetzt -- du wirst kaum
auf mich rechnen in der Versammlung -- Mama wird mir berichten. -- Gute
Nacht, mein Kind.«
* * * * *
Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten Saal des
Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als
müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden
Bänken wie eine Lawine auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf
Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefühl
sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst nur für ihn. Allmählich
aber strömte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen,
-- ich fühlte die Menschen, die unter meinen Worten _ein_ Mensch
geworden waren, -- mit _einem_ klopfenden Herzen, _einem_ horchenden
Verstand.
»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem
Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder
unserer Handschuhe könnte von hohläugigen, müden Frauen, von blassen um
ihre Jugend betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen.
Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen Frau
wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der
Damast, der unsere Tafeln deckt, -- Leopold Jakoby singt von ihm:
'Daraus hervor grauenhaft -- das Gespenst des Hungers grinst mich an --
über den Tisch ...«
Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug
-- mich empor hob -- hoch -- immer höher, so daß meine Stimme über alle
hinweg in die Ferne drang.
»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein
Mädchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres
Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater
es daran hindern kann. Die Frau darf -- bei uns in Deutschland! -- nicht
Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit so zärtlich besorgt
ist und ihre Sittlichkeit hüten will, aber sie darf sich einen
Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch
und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf -- bei uns in Deutschland!
-- an keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem
durch den Verkauf ihres Körpers schmählich erworbenen Geld dem Staate
Abgaben zahlen ...«
Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, -- der Sturm
der Empörung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen
einzureißen, dürre Bäume zu stürzen galt!
»... Was tun? fragen wir mit dem großen russischen Dichter, dessen Werk
nur ein Ausdruck des Gefühls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht
mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den
verschlossenen Türen unserer Vereine über unsere frommen Wünsche
unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und für ihre
Erfüllung kämpfen, gleichgültig, ob man mit Steinen nach uns wirft ...«
Brausender Beifall unterbrach mich, -- ich sah nur Georg, der weit
vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und die Augen nicht von mir ließ.
»... Aber was wir auch fordern mögen zugunsten unseres Geschlechts, das
die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
Kampf ums Dasein trieb, -- man wird uns mit Phrasen und kläglichen
Pflastern für unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns
fehlt ...«
Erneuter, dröhnender Beifall, -- aber von irgendwo her mischte sich ein
giftiger, zischender Laut hinein.
»... Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine
Leute sprechen, die, darauf gestützt, unsere Forderung der politischen
Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die Frauen
ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Hilfe der
Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes
genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit
ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht -- so wirft man weiter
ein -- habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern
Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab?
Hat man ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner Geisteskräfte
abhängig gemacht?... Sie können der Wehrpflicht nicht genügen, darum
kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben
vor dem Feinde in die Schanze schlägt, und die Frau, die mit Gefahr
ihres Lebens dem Staate die Bürger gebiert -- haben sie nicht die
gleiche Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem natürlichen
Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann
noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Völkermord längst der Erinnerung
angehören wird ...«
Ich hatte geendet -- mir war, als versänke ich in einem vom Orkan
gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen -- ich fühlte
Händedrücke -- sah in hundert unbekannte Gesichter, -- -- vor all diesen
fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur möglich
gewesen?! -- Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heißem, erregten
Gesicht -- meine Schwester umarmte mich stürmisch. -- An der Tür drängte
sich Martha Bartels durch die Menge, -- ich fühlte nur, wie sich ihre
heißen Finger schmerzhaft fest um die meinen preßten. Endlich -- endlich
sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, -- von ihm allein
erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, -- er beugte den
Kopf über meine Hand und küßte sie.
Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die
stille, dunkle Ziegelstraße, und leise rollten die Räder des Fahrstuhls
über das Pflaster. An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf
die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor
uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, -- und nun ließ ich all deine
Zuhörer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und er
ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße und den nachtdunkeln
Tiergarten mit uns.
Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kinderträume umgaukelten
mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans,
das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, -- im
Sturme würde ich sie zum Siege führen!
Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch von der
»Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an deren Feuer sich kaum ein
Nachtlicht anzünden läßt«, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß
seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich darin.
»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre Tatkraft,« sagte er ihm.
»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau
in einem Meer von Enttäuschung untergehen lassen,« antwortete er
ärgerlich und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen,
roten Haare.
»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug Georg lächelnd.
»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre
Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt --«,
Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen
gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten
Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer
Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«
Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie
nicht gewichtige Gründe hätten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht
Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
Kraft.«
Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, -- das
wäre besser für Sie und uns!«
Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte
genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie
sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen
Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren
Vortrag in unserem Verein wiederholen!«
»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken.
»Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor
Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen
die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir müssen vor der
breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«
Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist
ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines
kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu
gewinnen.
»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr
Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen
lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht
wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wünsche vor
unserem Vorstand selbst vertreten?«
Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war,
mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken,
aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und
verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln
schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.
Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie
werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese
junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.«
Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war
doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an
Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten --
meinem Willen gefügig machen!
Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher
Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen --, desto mehr
erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine
Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und
nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von
wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und
den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.
»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,«
meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen
Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das
Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum
Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer
Rechte berühren wollten!«
»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde
zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder
verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.
»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte
eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf.
»Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde
es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung
aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung
aufstellen würden.«
»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur
der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln,
mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der
Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.
»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne
jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf
gegangen war.
Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke
zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! -- Niemals!« rief
sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von
allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der
Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht
engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die
Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung
übernehmen wolle.
Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso
der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.
Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich
zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt
hast!«
»Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«
»Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir
leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein
Gefühl tiefer Ruhe überkam.
Dankbar küßte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie
eine Flamme.
»Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich --« flüsterte ich
und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich
küsse?«
Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu
mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende
Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden
Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...
Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den
einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir
vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen
Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine
beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.
»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen
müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille
fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie
nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein
Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer
Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie
schlagen damit die Besten vor den Kopf --.«
Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen
mich.
»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in
höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.
»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine
Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen
Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.
»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die
Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren
verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr
eine Art Respektstellung geschaffen hatte.
»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich.
»Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«
»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir
ihre Wünsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont,
ohne Gehör zu finden.«
Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran,
den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen
machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder
überstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden
Achselzucken der Abstimmung.
In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an
einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien
hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der
Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften
die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem
Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von
schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz,
-- sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger --« hatte sie mir noch
hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite,
ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst
nichts weiter als mein Name stand.
Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die
dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich
bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte
und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte
Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines
Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies,
um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die
Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich
aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann
verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und
werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von
den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der
Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich
an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.
»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu
tun für euer Geschlecht? -- Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der
Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete,
aber dessen ungeachtet für einen 'tüchtigen und pflichttreuen Beamten'
erklärt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine
Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame
Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte
das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich
vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den
Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«
Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter
jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu
schaffen ...
Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur daß die Arme
der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein
Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem
Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen
berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte
Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten
Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die
große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen
aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene,
als wäre ich noch zu Haus.
»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub
kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich,
auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.
»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir
befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem
Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das
Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.
Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um
Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen
verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe
die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag
schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in
einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit
und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«
So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich
jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine
Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen
Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren
zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der
Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere
Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden
Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form
kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie
wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu
verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie
unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner
letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.
»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation
beiseite ließen --« sagte sie.
»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren
wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik
verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten
wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!«
Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen
wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis,
daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen
hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser
Forderung anzuschließen.«
»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine
Unterschrift.
Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts
bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein
Fortschritt!«
Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine
Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der
Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen,
gedankenlos in einer Zeitung blätterte.
»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich -- ich
bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die
geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein
'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! --
Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist
es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir
immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«
Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden,
hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen
armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er
einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'!« Und
dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines
Gefährten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.
»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise,
wie im Selbstgespräch über die Lippen.
»Sie haben recht -- wir müssen uns abfinden -- so oder so!« ...
Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise
schloß ich die Wohnungstür auf, -- um die Zeit war er immer in seine
Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den
Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --
»Alix!!« -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die
Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und
brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.
»Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr
verlassen!«
»Nie mehr, Georg -- nie mehr!« -- Angstvoll forschte ich in seinen
Zügen. -- »Hast du gelitten, -- mehr als sonst?«
»Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut!« Und er
lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.