In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der
Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge
mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,
kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr
Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne
Licht war wie ein mütterliches Lächeln.
Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit,
daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft
heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es
möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade
betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend
zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war
neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,
ein Pfadfinder.
Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,
aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir
allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt
wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so
war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle
unsere Wunden ...
Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein
geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der
goldenen Schätze zum anderen springt.
Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch,
der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den
mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen
konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen
Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum
Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu
begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk --
»mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es
»Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten.
Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das
Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige
Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer
seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst
gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr
vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen
Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn
standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.
Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien
auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In
atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der
»Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von
der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der
Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der
Wahlstatt.
»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag
aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht
immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich
komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner
Wahlversammlungen begleiten.«
Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem
ersten Besuch einer Volksversammlung!
Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir
eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren
Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das
praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber,
kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen
Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft
geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von
Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten.
»Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell
erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen
warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und
die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen
Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.
»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten
Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr
Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --
un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«
»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der
Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott
gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,
»wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!«
schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein
Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht
an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern
schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit
Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns
aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen
uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues
Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall,
wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen
rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an
der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den
zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes
Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf
gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so
daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich
sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.
»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht
üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm
eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein
paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten
sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen
zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was
er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten
zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der
herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein
paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor
dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden
Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die
Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer
Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen
deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren
Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern
wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und
hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch
zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und
wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den
gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für
all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --
wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren
rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen
Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist
das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den
inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie
brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit
verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.
»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.
»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich
ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf
das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie
dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«
Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,
erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz
neben mir.
»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, --
darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten
Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und
niedertrampelt -- --«
»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um
einen Schein blasser.
»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht
Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten
Waffen kämpft --«
Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr
richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt
aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken
hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu
schaffen.
Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um
gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur
Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte
ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,
und neben ihr stand er.
»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der
Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie
Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne
Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine
Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch
weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von
Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war
seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen
Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern
wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine
ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm
stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:
rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie
mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache
bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den
Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die
Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe --
»an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren
Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure
christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, --
jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht
ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie
brauchen müssen!« --
Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,
hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden,
und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur
die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --,
»Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und
plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die
überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose
Kraft der Jugend lag darin.
»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.
Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy
noch mit der kleinen Näherin.
»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden
zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich
dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz
strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre
Adresse.
Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die
Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt
hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein
feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.
»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen
und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden
aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.
»So versuch es doch einmal ...«