Neunzehntes Kapitel

In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der

Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge

mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,

kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr

Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne

Licht war wie ein mütterliches Lächeln.

Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit,

daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft

heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es

möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade

betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend

zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war

neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,

ein Pfadfinder.

Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,

aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir

allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt

wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so

war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle

unsere Wunden ...

Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein

geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der

goldenen Schätze zum anderen springt.

Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch,

der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den

mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem

Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen

konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen

Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum

Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu

begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk --

»mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es

»Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten.

Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das

Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige

Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer

seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst

gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr

vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen

Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn

standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.

Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien

auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In

atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der

»Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von

der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der

Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der

Wahlstatt.

»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag

aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht

immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich

komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner

Wahlversammlungen begleiten.«

Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem

ersten Besuch einer Volksversammlung!

Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir

eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren

Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das

praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen

die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber,

kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen

Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft

geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von

Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten.

»Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,

deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell

erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen

warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und

die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen

Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.

»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten

Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr

Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --

un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«

»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der

Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott

gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,

»wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!«

schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein

Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht

an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern

schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit

Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns

aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen

uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues

Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall,

wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen

rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an

der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den

zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes

Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf

gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so

daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich

sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer

Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.

»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht

üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm

eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein

paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten

sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen

zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was

er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten

zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der

herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein

paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor

dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden

Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die

Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer

Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen

deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren

Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern

wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und

hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch

zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und

wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den

gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für

all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --

wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren

rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen

Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist

das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den

inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie

brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit

verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.

»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.

»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich

ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf

das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie

dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«

Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,

erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz

neben mir.

»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, --

darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten

Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei

das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und

niedertrampelt -- --«

»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um

einen Schein blasser.

»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht

Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten

Waffen kämpft --«

Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr

richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt

aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy

stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken

hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu

schaffen.

Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um

gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur

Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte

ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,

und neben ihr stand er.

»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der

Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie

Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne

Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine

Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch

weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von

Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war

seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen

Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern

wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine

ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von

Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm

stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:

rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie

mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache

bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den

Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die

Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe --

»an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren

Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure

christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, --

jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht

ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie

brauchen müssen!« --

Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,

hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden,

und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur

die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --,

»Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und

plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem

einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die

überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose

Kraft der Jugend lag darin.

»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.

Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy

noch mit der kleinen Näherin.

»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden

zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich

dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz

strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre

Adresse.

Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die

Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt

hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein

feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.

»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen

und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden

aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.

»So versuch es doch einmal ...«

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 32 / 35 题