Zwanzigstes Kapitel

An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie

berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber

meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu

sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne

habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans

Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das

Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch

geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, --

wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.

Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters.

Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen

aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während

mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von

der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden,

Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der

Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich

durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.

Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine

wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann.

»Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,«

sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat

sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen

Schwindler -- Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! --, wie ich höre,

das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir

die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.

Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um

Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht

gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger

ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein

Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von

lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der

dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter

Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, -- er saß

hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken

Nacken gestürzt, -- und weinte!

»Meine Kinder -- meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor --

»alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!«

Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber

die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz

ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch

verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner

Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem

er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.

»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer

bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte

Georg, als er schwieg.

Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche

verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die

Hand: »Weiß Gott, -- ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich

wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover

sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt

vorwärts -- nach Zählen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.«

Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein -- im Kugelregen!«

wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.

»Meine Alix fürchtet sich?! -- Vergiß niemals, was der große

Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im

Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs

blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.

War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? --

und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen

wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...

Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen

Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, -- damit hatte Frau Vanselow die

Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren

Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames

Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche

Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig

Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr.

Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.

Es gelang mir zunächst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür

auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen,

und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern

Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin

sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen

Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die

Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete

ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf

uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren

liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift

treten sollte, die andere.

»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu

entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau

Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.

»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut

werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir

hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und

streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.

»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe

Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«

»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi hat die

Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser aller Zufriedenheit und

-- unentgeltlich --« ein vielsagender Blick traf mich -- »in selbstloser

Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man

sie beiseite schiebt!«

Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die

Personen, um ein öffentliches Unternehmen und nicht um ein

Vereinsblättchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre

Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und

wähle diesen!«

Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich selber.

Vier Wochen später erschien die erste Nummer der »Frauenfrage« unter

Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem

Artikel für das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma

Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur

Gründung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits

bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande

anschließen sollte.

Mit einem harten »Niemals« begegnete Frau Vanselow meiner Begeisterung

für diesen Zusammenschluß. »Aufspielen will sich die Kurz, von sich

reden machen, nachdem ihr angesichts unserer Erfolge längst schon die

Galle überläuft ...« Nur schwer gelang es mir, sie zu beruhigen und zur

Teilnahme an den vorbereitenden Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von

Frauen, in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, --

war das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! Hier würde die

Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau

des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde

schließlich die lebenskräftigste siegen, -- durch die Mütter der

kommenden Generation würde leise und natürlich die Quelle in die

Menschheit gelenkt werden, die bestimmt war, als Strom die Schiffe der

Zukunft zu tragen!

»Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, -- nach unserem Plan!«

meinte Georg. Ich benutzte den nächsten freien Augenblick, um mit Martha

Bartels die Sache zu besprechen. Seltsam: sie wußte von nichts, das

Zirkular war ihr nicht zugegangen. »Und wenn ich es schon erhalten

hätte,« sagte sie, »es ist mir zweifelhaft, ob meine Genossinnen eine

Beteiligung für nützlich gehalten haben würden.«

»Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet sich Ihnen eröffnen

würde« -- eiferte ich, auf das schmerzlichste überrascht durch ihre

ablehnende Haltung, -- denn daß die Aufforderung sie nur durch irgend

einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich überzeugt, -- es war ja

im Zirkular die Rede von »allen Frauen«.

»Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, -- groß genug für

die gewaltigsten Arbeitskräfte! Eine Vereinigung mit der bürgerlichen

Frauenbewegung würde zersplitternd und verwirrend wirken. Die große

Masse unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewußt, um sich den

Damen gegenüber als Gleichberechtigte zu fühlen.«

Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekränktheit über die

Zurücksetzung als Überzeugung sprach.

»Wir reden noch darüber,« sagte ich, innerlich ordentlich froh über die

Aufgabe, die sich mir eröffnete: Ich sah sie schon erfüllt, sah in

Gedanken Martha Bartels auf der Tribüne stehen und durch ihre schlichte

Wahrhaftigkeit die Frauen gewinnen. Ich schrieb an Helma Kurz, um sie

auf das Versäumte aufmerksam zu machen, -- ich erhielt keine Antwort.

Bei dem Begrüßungsabend der deutschen Delegierten erwartete ich mit

Ungeduld das Ende des Diners, um sie persönlich zu sprechen. Ich fand es

zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk bei Wein und Rehbraten in

großer Toilette zu beginnen und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch

ehe irgend etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma Kurz; sie

wurde dunkelrot, als sie mich sah. »Hier ist nicht der Ort, prinzipielle

Fragen zu erörtern,« sagte sie heftig und drehte mir den breiten Rücken

zu.

Am nächsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich als eine der ersten

zur Debatte. Es wurden endlose Reden gehalten: über die Einigkeit aller

Frauen, über die gemeinsamen großen Ziele, -- vergebens wartete ich

Stunde um Stunde, daß mir das Wort erteilt werden würde. Ich meldete

mich noch einmal. »Sie müssen Ihren Antrag schriftlich formulieren!«

schrie Helma Kurz mich bitterböse an. Ich tat es. Ein erregtes Tuscheln

um den Vorstandstisch -- »Ihr Antrag steht außerhalb der Tagesordnung«

-- verkündete die Vorsitzende. Ich versuchte mir gewaltsam Gehör zu

verschaffen. Um mich kreischten erregte Stimmen: »Schweigen Sie!« --

»Hinaus!« -- »Wie unethisch!«

Majestätisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz hinter dem

Vorstandstisch auf: »An dieser Störung unserer schönen Harmonie sehen

Sie, meine Damen, wes Geistes Kind diejenige sein muß, die sie

hervorrief!« erklärte sie mit feierlicher Würde, jedes Wort betonend.

»Ich werde trotzdem, nicht aus Rücksicht auf die Delegierte des Vereins

Frauenrecht« -- sie lächelte spöttisch -- »sondern auf unsere hier

anwesenden bewährten Mitkämpferinnen die Erklärung abgeben, die in einer

Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen

Radauversammlungen üblich war. Sämtliche deutsche Frauenvereine

sind zu dieser Zusammenkunft aufgefordert worden, mit Ausnahme

derjenigen natürlich, die nicht auf dem Boden unserer Staats- und

Gesellschaftsordnung stehen.« -- Ein langanhaltendes Bravo-Rufen

unterbrach sie -- »Ihre Teilnahme würde die Auflösung des Verbandes zur

notwendigen Folge gehabt haben ...« Ich sprang auf und warf noch einmal

meine Karte auf den Vorstandstisch. »Im Interesse der ruhigen

Fortführung unserer Verhandlungen haben wir beschlossen, Frau von

Glyzcinski das Wort zu verweigern.« Erneuter allgemeiner Beifall --

Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschluß der

Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte die Pause zum

Sammeln von Unterschriften. Aber wem ich auch in die Nähe trat, --

schon vor meiner Person zog man sich scheu zurück. Entrüstet blitzte

mich Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: »Und Sie sind

eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame pflegen und betonen soll!« Ich

fand in der großen Versammlung nur zwei Stimmen, die sich mir

anschlossen, unter ihnen die Frau Vanselows. »Sie schicken das an die

Presse? -- Famos! Ein empfindlicher Schlag für Helma Kurz!« sagte sie.

»Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,« tröstete mich Georg, als

ich verstimmt und enttäuscht nach Hause kam. Es dauerte lange, ehe der

heilende Trank seines Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus

dem Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit tötete er nicht.

Was ich in unserer Zeitschrift und in der »Frauenfrage« veröffentlichte,

wurde immer schärfer im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die

Bücher, die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, -- ich

beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: ihrer Stellung

zur sozialen Frage, zum Sozialismus.

* * * * *

Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand damals

allmählich die Elendsschilderung, die in Hauptmanns Webern noch die

Peitsche gewesen war, die rücksichtslos blutige Striemen zog, und in

seinem »Hannele« das Bettlerkind schon in Märchenkleidern zeigte.

Künstlerische Begeisterung entzündet sich an jungen Ideen, solange sie

flackernde Flammen sind und die Gefahr des Erlöschens ihnen

phantastisch-spannenden Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu

Schwertern, die der Kämpferarme bedürfen, während das Seherauge des

Künstlers schon sehnsüchtig nach neu auftauchenden Lichtern im fernen

Dunkel Ausschau hält. Aber was Notwendigkeit ist, erschien mir wie

Treulosigkeit und Schwäche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus

der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rückschritt.

Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen und Nietzsche die

Freiheit der Persönlichkeit verkündet, in jahrelangem, schmerzvollem

Ringen hatten wir sie erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige

Lampe sich von unserem Herzblut tränkte. Und nun kamen die vielen

lärmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, und nichts als ein

neues Spielzeug war sie ihnen. Dem gebildeten Pöbel galt jeder als ein

Freier, der schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgötterte

Menschheit suchte nach Götzen, und jeder fand eine anbetende Gemeinde,

der alte Werte mit Füßen trat.

»Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an sich!« sagte ich

einmal voller Empörung zu Polenz, der mir Hartlebens »Hanna Jagert«

gebracht hatte. »Gewiß gibt es Frauen mit denselben sinnlichen

Leidenschaften, wie Männer sie haben, aber in ihnen den 'großen freien

Weibtypus der Zukunft' zu suchen, ist ebenso frevelhaft, als wenn man

den modernen Lebemann für das Ideal der Männlichkeit erklären würde.«

»Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die zumeist aus dem

engsten Kleinbürgertum stammen und von da aus direkt der Großstadtbohême

in die Arme laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd und

bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie sollten es wagen, in

die Höhle der Löwen zu kommen,« antwortete Polenz.

Ich zögerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen war, das ihm

geeignet schien, mich heiterer zu stimmen, redete zu, und so folgte ich

eines Abends Polenz' Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft

zusammen gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde

Schriftsteller, sächsische Gesandschaftsattachés und die Blüte der

berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine unbehagliche Stimmung herrschte; die

Herren von der Feder fühlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fräcken,

und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer Interessantes erwartet

hatten, vermochten trotz aller Mühe die genierte Steifheit der fremden

Gäste nicht zu überwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es ein

wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten Schriftsteller,

der mit einer gewissen Grazie die gewagtesten Dinge zu schildern

pflegte, saß neben mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,

mit dunkler Brille über den lebhaften Augen, mir gegenüber. Ich ließ

alle meine oft erprobten, geselligen Künste spielen, schlug alle Saiten

an, von denen ich einen Ton erwarten konnte, -- vergebens. Wie

Backfische, die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie mit einem

Ja, einem Nein und einem verlegenen Lächeln, wenn ich glaubte, gerade

ihre Interessen berührt zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel

herauf und herunter: überall dasselbe Bild, -- und langsam legte sich

eine bleierne Langeweile über die zu krampfhaftem Höflichkeitsgrinsen

verzerrten Züge. Man atmete schließlich erleichtert auf, als das Essen

zu Ende war; und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im

Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald dröhnendes Lachen

herrüberscholl.

Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Straße stand, trat eine

kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein Spitzentuch lässig über den

dicken, blonden Schopf geworfen, auf mich zu. »Er ist wohl noch immer da

drin, der Franzl,« sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten

Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. Überrascht sah ich sie an --

»Juliane Déry! Was machen Sie denn hier?« -- »Ich warte! -- mit dem

letzten Bissen im Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber

es muß doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...« Ich

lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten drei Stunden.

»Und Sie dachten wirklich an gedeckten Tischen, zwischen Grafen und

Baroninnen, unsere jungen Genies kennen zu lernen?!« Sie konnte sich vor

Vergnügen nicht lassen, amüsiert blieben die Vorübergehenden bereits

neben uns stehen. »Kommen Sie!« mahnte ich leise und schob meinen Arm in

den ihren.

»Richtig! -- Wir haben ja schon einmal eine nächtliche Promenade

gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben --« sie stockte ein

wenig -- »geheiratet!«

»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu

sagen.

»Ich? -- Gott -- Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst

noch tun!« Ein düsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre

Augen, dann lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit

mir, -- ich bin ein besserer Cicerone der Bohème als Ihre Gastgeber

eben! Überdies --« sie musterte mich unter der nächsten Laterne von

oben bis unten -- »werde ich mit Ihnen Furore machen.«

Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt,

erzählte sie mir mit der ihr eigenen sprühenden Lebhaftigkeit von all

den freien Geistern, die ich finden würde. »Der große...«, »der

geniale...«, »der einzige...«, -- mit diesen Adjektiven begleitete sie

Namen, die mir kaum bekannt waren.

Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein

paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen brennender Zigaretten leuchteten

hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort

unverständlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,

verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns.

Sie rochen nach Kognak, -- unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

Man hörte meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« brummte

eine Männerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte

mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und

fühlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos ein

interessantes Spektakelstück, das ich sah, und Menschen eigener Art, die

darin spielten.

Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um den sich allmählich die

leeren Flaschen häuften, saß eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf

dem vornehmen Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die der

»satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, entführt hatte. Wenn er

redete, sah sie andächtig zu ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.

»Ja -- was ich sagen wollte -- --« er sprach mit einem scharfen

slawischen Akzent -- »was -- was war es doch?« Er goß sich roten Wein in

das Glas, -- ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Füßen auf die

weiße Stirn, -- er vergaß zu trinken und starrte sie an: »wie schön das

ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, -- wie

ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«

»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im nächsten Augenblick

und stürzte den Wein hinunter, »was geht das Euch Kanaillen an?!« Die

anderen lachten.

»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte jemand.

»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein Kerl sein! Kein

waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer,

der zupackt, wie ich!« -- seine Riesenfaust umklammerte den Arm der

blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, -- »keiner, der den Lahmen

Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite

stößt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei

was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die

Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge wirft wie die

Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem

verwässerten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen

den Gnadenstoß geben, damit die Starken Platz haben!«

Ich hielt mich nicht länger. »Es muß sich aber erst erweisen, wer die

Starken sind,« rief ich.

»Erweisen? Nein, schönste Frau, -- wenn wirs nur von uns selber wissen,«

antwortete er, stand auf und trat auf mich zu, -- er schwankte ein

wenig -- »Sie sind ja so Eine, die sich opfert -- der Menschheit -- der

Ethik -- pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und solcher Gestalt --« seine

große Hand streckte sich, ich wich ihr erschrocken aus -- »sich

behaupten sollten Sie, -- Glück schenken und Liebe, -- das ist mehr als

Traktätchen -- und -- und -- Kinder kriegen --«

Er fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach zu Boden. Ich strebte

hastig der Türe zu. Juliane Déry kam mir nach und drängte ihr glühendes

Gesicht dicht an das meine.

»So bleiben Sie doch -- Schönste -- Beste,« schmeichelte sie -- ich

fühlte ihre Hand auf meiner Hüfte. »Ist er nicht groß? -- herrlich? Und

jetzt wird es erst schön -- komm! komm! -- laß uns Freundinnen sein --«

Sie versuchte mich zu küssen. Ich schüttelte sie ab. »Hochmütige Närrin

--« knirschte sie.

»Sie -- sie hat kein Herz -- kein Herz -- wie all die -- die

Tribünenweiber!« lallte der Betrunkene, der sich halb aufgerichtet

hatte.

Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nächsten Wagen. Warum nur

brach ich schluchzend in den Kissen zusammen, -- warum?!

Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. Zum erstenmal

verschwieg ich Georg, was ich erlebt hatte; nur von dem Abend bei Polenz

erzählte ich und von den Menschen dort, die »auch nicht die unseren

sind«.

Er hörte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem Brief, den er zwischen

den Fingern rollte und mir lächelnd reichte.

»Hier werden wir die unseren finden!« sagte er.

Es war eine Einladung zu einem Festkommers »unserem verehrten Genossen

Friedrich Engels zu Ehren«, von den Mitgliedern des Parteivorstands

unterschrieben. »Du willst hingehen?« frug ich erstaunt, »als

preußischer Universitätsprofessor?!«

»Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, einmal im Leben dazu zu

gehören! -- und den Kragen wird es nicht kosten!«

* * * * *

Ein großer Saal. Grüne Girlanden, mit roten Blumen besteckt, schwebten

in runden Bogen um die Galerien, von einer Säule zur anderen.

»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« leuchtete es in riesigen

Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribünenwand herab den

Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbüschen glänzten die weißen Büsten

von Marx und Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon dicht

gefüllt: Männer im Festtagsrock, Frauen und Mädchen in bunten Blusen und

hellen Kleidern, die Gesichter verklärt, wie die der Kinder von

Weihnachtsvorfreude. Ein Glanz der Jugend strahlte aus allen Augen und

verwischte die Furchen, die Leidenszüge, die Kummerfalten, und gab den

früh gebleichten Wangen die Röte der Kinder des Glücks.

Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den bleichen Mann im

Rollstuhl und die junge Frau ihm zur Seite. Der alte Bartels führte uns

bis nach vorn, wo an gedeckten Tischen die Plätze für die Gäste

reserviert waren.

»Daß ich das noch erlebe -- Herr Professor -- das noch erlebe,«

wiederholte er immer wieder, mit dicken Freudentränen in den kleinen,

zwinkernden Äuglein.

Brausende Hochrufe erschütterten die Luft. -- Alles erhob sich --

schwenkte die Hüte und wehte mit den Taschentüchern -- auf die Tische

und auf die Schultern wurden die Kinder gehoben, so daß ihre Köpfchen

wie Blumen aus dichtem Wiesengrund über die Massen emporragten. Und

durch den breiten Mittelgang, an dem sich rechts und links, eine

undurchdringliche Mauer, die Menge staute, kamen sie alle, die alten

Kämpfer, deren Namen ein blutiger Schrecken für die einen, ein Symbol

künftiger Glückseligkeit für die anderen war.

Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden haften, die ich um

mich herum immer wieder flüsternd nennen hörte: Liebknecht -- Bebel --

Auer -- Engels. Groß war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,

geistvoll sprühenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus um den Mund,

klein der andere, mit widerspenstiger voller Haarsträhne, die ihm immer

wieder nach vorne fiel, so daß sein Blick sich noch mehr verschleierte,

-- jener merkwürdige Blick, wie ihn nur Dichter und Träumer haben. Einen

breiten, hellen Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken

Schultern, ein paar Augen, die gewiß kampflustig zu blitzen verstanden

wie die alter Häuptlinge, sahen über die Menge hinweg. Vorne aber ging

der alte gefeierte Gast mit einem Lächeln so voll gerührter Güte und

freudiger Menschenliebe, als wären das alles seine Kinder, die ihm

entgegenjauchzten.

Gesang, Musik, Begrüßungsreden wechselten miteinander ab, wie bei einem

großen Familienfest. Nichts Pathetisches, aber auch nichts, das an

Aufruhr und revolutionäre Schrecken erinnerte, störte die Stimmung. Das

Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal schien heute nur die Farbe

der Freude zu sein, nicht die des Bluts. Auch die 'Freiheit', die

auftrat, mit der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre

Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem Boten des

Frühlings als der Revolution.

Drunten im Saal, wie oben auf der Tribüne herrschte eitel Fröhlichkeit.

Von einem Tisch zum anderen begrüßten sich die Bekannten, und er, der

Held des Tages, drängte sich mit den Freunden immer wieder durch die

Reihen und schüttelte die Hände alter Kampfgenossen aus den schweren

Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu uns und setzten sich um Georgs

Rollstuhl, und seine Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor

Bewegung. Mit einer altväterisch-chevaleresken Verbeugung schenkte mir

Engels ein paar Blumen aus der Fülle, die ihm gegeben worden war. »Ein

gefährliches Zeichen,« lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke

darunter. »Eins des Sieges, wie ich hoffe,« antwortete ich.

Wir gingen still nach Haus. Eine große Freudigkeit erfüllte uns.

* * * * *

An einem grauen, naßkalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte

eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke zu sammeln

für das, was ich schreiben wollte. Man lachte -- schwatzte -- höhnte

rings um mich her: vom »Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine,

-- so hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet --, von

der leeren Tafel über den Toren erzählte der andere, die auf die

Inschrift »Dem deutschen Volke« vermutlich vergebens warten würde; --

»den Junkern und Pfaffen, -- wirds statt dessen heißen,« fügte bissig

ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich

umstürzen wird,« zischelte es dicht neben mir. Der stramme

Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In

offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten mit glänzenden

Zylindern auf dem Kopf und bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen

den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen

Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der

enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock

sich in Falten über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch alle

stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, -- die M. d. R.s --«

zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.

Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, -- ihre

Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.

Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in

glänzender Uniform mit wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender

Stoß -- ein Schrei, -- und zwei Reiter wälzten sich unter ihren Pferden.

Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend --

erwartungsvoll -- kaum, daß ein paar Hüte von den Köpfen flogen --

harrte die Menge, -- schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der

eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, -- dicht vor ihm

schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.

Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf -- ein einziger

kalter Blick streifte den Garde du Korps -- die feindselig-stumme Menge

hinter ihm, -- und vorüber raste der Wagen.

Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war,

so schien mir, der rechte Auftakt für das kommende Schauspiel: den Kampf

um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern

im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.

Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht worden, --

Kriegszeiten standen bevor.

Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefaßt,

und noch ehe Georg aus der Universität zurückkam, lag meine »Erklärung«

schon auf dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts

protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,«

begann sie, und weiter hieß es darin: »'Beschimpfende Äußerungen gegen

Ehe und Familie' gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr

wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch

'Kundgebungen' werden 'weite Bevölkerungkreise' zu dem Glauben verführt,

daß die Grundlagen unseres Lebens auf 'Unwahrheit und Ungerechtigkeit'

beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte des

Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, mit Unmündigen,

Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch

wirtschaftliche Zustände, die Millionen von Frauen in den Kampf ums

Dasein treiben, das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«

Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung mit der Bitte um

Unterschriften an die Presse. Kaum war sie veröffentlicht, als Onkel

Walter mich mit seinem Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,«

sagte er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium

deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im

Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, wenn

die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr ähnliches Gesetz in Kraft

treten sollte, du zu den Ersten gehören wirst, die davon getroffen

werden; -- vorausgesetzt natürlich --,« er sprach langsam und betonte

jede Silbe -- »daß du nicht klug genug bist, vorher andere Wege

einzuschlagen.«

»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, -- aber daß ich

deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.«

»So sind wir geschiedene Leute!« rief er, und krachend fiel hinter ihm

die Tür ins Schloß.

Seltsam, -- er hatte mir niemals nahe gestanden, und doch: in diesem

Augenblick krampfte sich mir das Herz zusammen, -- ein Stück der

Kindheitsheimat nahm er mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte

ich furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei Zeilen ohne

Anrede und Unterschrift: »Nach Deinem letzten Benehmen wirst Du Dich

nicht wundern, wenn wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu

Gott, daß er Dich wieder auf den rechten Weg leiten möge! ...«

* * * * *

Eisig fegte der Ostwind durch die Straßen, feine, schimmernde

Eiskristalle tanzten in der Luft, und der Rauhreif wandelte den

Tiergarten in ein Wintermärchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt Georg

in die Universität. Seine Vorlesungen über soziale Ethik füllten das

Auditorium bis in den fernsten Winkel und leidenschaftlich erregte

Menschen -- alte und junge -- Männer und Frauen -- begrüßten ihn mit

heftigem Beifallsgetrampel. Hinter dem Pult war nichts von ihm zu sehen

als der bleiche, dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.

Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geißelte die Sünden des

Kapitalismus mit einer Schärfe, wie sie in diesen Räumen noch nie gehört

worden war, und verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter

mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort riß.

»Der Glaube, daß wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, vor einer

Weltwende stehen, wie die Menschheit noch keine erlebt hat, ist eine

Überzeugung, die immer weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit

mehr zu beschaulichem Träumen ...« -- Seine Stimme hob sich in

ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie eine tiefe Glocke. »... Wir

müssen uns klar werden über die Lage der Dinge und wach sein für die

Nöte des Tages ... Wir müssen uns bewußt werden, wohin wir gehören ...«

»Er spricht sein Todesurteil ...« hörte ich leise flüstern. Kirchenstill

war es. Er wurde vom Katheder heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte

sich in Bewegung, mit scheuer Ehrfurcht grüßten ihn die Studenten.

Fauchend schlug ihm der Wind in das heiße Gesicht, als wir ins Freie

traten, und fröstelnd zog er sich den Pelzkragen höher. Vergebens bat

ich ihn, sich aus seinem offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen

heben zu lassen. Den ganzen langen Weg über die Linden, durch den

Tiergarten, über den Lützowplatz kämpften wir mühsam wider den

Schneesturm.

Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: groß und schlank, den

feingeschnittenen Kopf zurückgeworfen, den Bart keck in die Höhe

gewirbelt, -- »Hessenstein!« rief ich überrascht.

»Kein anderer, gnädige Frau!« sagte er und küßte mir die Hand -- »ich

warte auf Sie -- ich konnte Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen

Abschied zu nehmen --«

Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. Seltsam fragend betrachtete

Georg den Gast, den ich so freudig willkommen hieß.

»Sie verlassen Europa?« frug ich, »und warum?«

»Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk war mir nicht

mehr wohl im bunten Rock --« antwortete er, während sein Blick

sekundenlang peinlich überrascht zwischen Georg und mir hin und her flog

-- »und die neu eröffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf Eltern und

Geschwister schießen lassen zu müssen, hat meinen militärischen Ehrgeiz

auch nicht wesentlich steigern können. -- -- Ich habe einen Bruder in

Java, -- dorthin will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!

Aber -- was soll man tun --, wenn man den Mut nicht aufbringt, unter die

Roten zu gehen!«

»Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,« sagte Georg mit feindseliger

Schärfe. Rote Flecken brannten ihm über den Backenknochen.

Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, gut machen zu

wollen, was Georg verfehlt hatte, war ich doppelt herzlich.

»Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! Möchten Sie

recht, recht glücklich werden« -- damit reichte ich ihm beide Hände. Er

senkte tief den Kopf darauf. »Ich danke Ihnen!« flüsterte er bewegt.

Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein Kopf glühte -- seine

Hände waren heiß.

»Du fieberst!« rief ich erschrocken.

»Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, -- ich wollte nur heute die

Universität nicht versäumen --« ein harter Husten ließ ihn verstummen.

»Aber es ist nichts, Kindchen, nichts, -- ein Katarrh vielleicht!«

Wieder eine Pause. -- »Komm einmal her zu mir, Liebling, -- ganz nah --«

ich kniete neben ihm -- sein rascher, heißer Atem berührte mein Gesicht

-- »du -- du -- liebtest wohl jenen Hessenstein?«

»Georg!!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. »Wie kommst du darauf?«

»Ihr -- ihr saht euch an -- wie -- wie Menschen, die zusammen gehören!«

Lächelnd drückte ich meine Wange an seine schmalen Hände. »Nie -- Georg,

-- nie -- gehörten wir zusammen!« meine Augen richteten sich klar auf

ihn. »Und wenn es gewesen wäre, -- bin ich heute nicht dein -- nur

dein?!«

»O du -- du!« stöhnte er; seine Arme preßten sich sich um meine

Schultern, -- in meinen Haaren vergrub er sein Gesicht, -- gegen meine

Brust pochte sein Herz in wilden Schlägen.

Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich mußte ihn auf und ab

fahren; der Husten nahm zu, und jedesmal, wenn er den armen Körper

schüttelte, verzogen sich schmerzhaft die Züge. Ich schickte zum Arzt.

Er untersuchte ihn und lächelte beruhigend, als Georgs Blick in

angstvoller Frage den seinen suchte.

»Eine Erkältung. Halten Sie sich hübsch ruhig, -- dann ists bald

vorbei.«

In der Nacht stieg das Fieber. Er ließ meine Hand nicht los. Von Zeit zu

Zeit sah er mich flehend an, und flüsterte kaum hörbar: »Küsse mich!«

Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei Nächte lang.

»Sie müssen Hilfe haben,« -- sagte schließlich der Arzt. Ich schüttelte

nur den Kopf. Am Nachmittag des vierten Tages schien das Fieber zu

sinken. Die Augen wurden wieder klar.

»Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,« begann der Kranke mit

ruhiger, fester Stimme. »Es geht zu Ende mit mir, -- weine nicht,

Kindchen, -- bitte, weine nicht! -- Ich habe, glaube ich, meine

Schuldigkeit getan --; was ich ungetan ließ, -- du, du wirst es

vollenden! -- -- Du wirst mir treu sein, -- im höchsten Sinne treu --«

fassungslos brach ich neben ihm zusammen -- seine Hände lagen auf meinem

Kopf -- »über alles in der Welt habe ich dich geliebt --.« Nur wie ein

Hauch kamen die Worte über seine Lippen -- »zum Paradiese hast du mir

das Leben gemacht, -- hab Dank, -- Dank --.« Ich verlor die Besinnung --

Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief in der Nacht, nur ein

Licht brannte im Zimmer, die Mutter war neben mir, -- so sanft und gut

und leise, wie immer, wenn sie Kranke pflegte.

»Alix --« klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. Ich stürzte hinein.

Aufrecht auf seinem Stuhl saß Georg. Ich schlang den Arm um seine

Schulter.

»Warum -- warum läßt du mich sterben?!« flüsterte es vor meinem Ohr.

Sein Kopf sank an meine Schläfe. Tiefe, röchelnde Atemzüge kamen aus

seiner Brust.

Wie lange ich regungslos saß, -- ich weiß es nicht. -- Fahl dämmerte der

Tag durch die Scheiben. Der Arzt trat ein und umfaßte die wachsbleiche

Hand --

»Es ist vorüber --«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ein heißer Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus brannte die Sonne. In

üppiger Farbenpracht glänzten die bunten Blumen, ein sprühender

Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte ihre leuchtenden

Schneefelder im Rosensee. Schwül duftete um das Haus der Jasmin.

Ich lag in Decken gehüllt auf der Altane, -- ich sah das alles, und doch

sah ichs nicht. Tante Klotilde ging ab und zu. Sie war in Berlin eines

Tages in mein Zimmer getreten, hatte mich tränenüberströmt in die Arme

geschlossen und immer wieder die zwei Worte wiederholt: verzeih mir! Ich

hatte ihr versprechen müssen, im Sommer zu ihr zu kommen.

Und nun war ich hier, -- zu einer letzten, stillen Rast. Ich wußte, was

ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der unter grünem Epheu und roten Rosen

lag, treu sein wollte. Mein Entschluß war gefaßt. In meinem Schreibtisch

lag mein Abschiedswort an die Leser der Zeitschrift, die wir miteinander

geleitet hatten, -- und der Brief an meine Eltern, von dem ich wußte,

daß er sie schmerzen würde, wie nichts vorher. »Sie werden es überwinden

--« dachte ich in meinen schlaflosen Nächten, -- »ich werde ihnen von

da an eine Gestorbene sein!«

All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange ich zu Hause in

meinen einsamen Räumen war. Losgelöst fühlte ich mich schon von aller

Vergangenheit: Zu den Eltern zurückkehren sollte ich, hatten Vater und

Mutter in sorgender Liebe gemeint, -- so wenig wußten sie von mir!

Großmamas Heim im Schloß von Pirgallen hatte mir Onkel Walter als

Ruhesitz angeboten, -- so wenig ahnten sie, daß ich nicht ruhen durfte!

Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, während sie mir in den

schwersten Tagen der ersten Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.

»Sie werden uns eine liebe Genossin sein --« hatte sie gesagt.

Eine Genossin! -- Keines Menschen Geliebte, keines Kindes Mutter, --

eine Gefährtin nur der Elenden und der Verfolgten. Es war fast ein

Gefühl von Freude gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.

Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!

O du Sommertag über den Bergen, wie wunderschön bist du!

Es liegt in der Luft wie eine große Sehnsucht, -- und jubelnde Erfüllung

zwitschern die Vögel und duften die Blumen. In den Sonnenstrahlen glüht

jedes Blatt wie Gold, blutrot färben sich zur Abendstunde die grauen

Felsen. Und ein ganzer, großer Korb blühender Alpenrosen steht vor mir.

-- Ich will die Augen schließen, will das prangende Leben nicht sehen,

-- aber dann schleicht auf unhörbar linden Sohlen die Erinnerung in

meine Träume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glück ...

In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den Badersee. Tief, tief bis

zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen

streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich

meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo die Orchideen blühen.

Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein

junges blondes Weib trägt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die

Mütze zwischen den Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin

begrüßt. Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die »heilige Kirche«

bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das

alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen

gehörte?

* * * * *

»Übermorgen muß ich fort,« sagte ich entschlossen zu meiner Tante, --

»du weißt, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer --«

»Bleib noch, mein Kind, bleib noch, -- du bist noch so schwach --« bat

sie.

»Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin --« lächelte ich ...

* * * * *

Es läutete gerade zur Frühmesse, als ich aus dem Gartentor trat. Einen

Atemzug lang stand ich still, die Hände auf dem pochenden Herzen. Mir

war, als hätte ich drüben, zwischen den Bäumen einen Menschen gesehen,

-- eine Erscheinung aus ferner, ferner Vergangenheit.

Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf ohne Besinnen meine

Briefe in den blauen Kasten an der Post. Hörte ich nicht einen Schritt?

-- Es war wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen Blutes in den

Ohren.

Auf den Stock gestützt, schritt ich langsam bergauf. Wie doch die Bäume

gewachsen waren auf der Schonung! Früher reiften hier in der Sonne die

süßesten roten Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, --

kleinwinzige Tannenpflänzchen guckten schon neugierig zwischen

Grasbüscheln und alten Wurzeln hervor.

Über die Steinhalde lief ich sonst, -- heute wurde mir das Atmen recht

schwer!

Nun gings durch den Wald über Sturzbäche, höher und höher, bis der Weg

nur als schmales Band an der schroffen Felsenwand des Waxensteins

entlang führt. Tief unten braust und schäumt der Höllentalbach.

O, ich kenne noch keinen Schwindel, -- findet meine Sohle nur einen Fuß

breit Erde, so stehe ich sicher!

Wie frei weht die Luft hier oben, -- wie leicht läßt es sich atmen! Über

himmelhohem Abgrund schwingt sich die eiserne Brücke von Berg zu Berg,

und jenseits führen Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter einer

Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung klammert, halte ich

Rast. Im Halbkreis schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus,

von Riesen gebaut, bestimmt für die Spiele unsterblicher Götter.

Da hör' ich Schritte, -- Nagelschuhe auf Felsstufen, -- ein Wilddieb

vielleicht, oder ein Bergführer, der über die Knappenhäuser zur Hochalm

will. Ich stehe auf -- die Hand fest um den Stock --, hier gibt es kein

Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, den einsamen Wanderer, die

Spielhahnfeder am grünen Hut, ein gebräuntes Antlitz darunter, mit Augen

-- --! Ein Zittern durchläuft meinen Körper --

»Warum erschrickst du vor mir, Alix, -- ich bin ja nur ein Gespenst

unserer Jugend --«

Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins Gesicht. Wie hart sind

die weichen Züge geworden, denke ich. Das Blut strömt mir wieder zum

Herzen.

»Laß mich vorüber, -- ich glaube nicht an Gespenster,« sag' ich, den Ton

meiner Stimme zur Kälte zwingend.

»Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!« gibt er leise zurück und

rührt sich nicht von der Stelle.

»Denselben Weg?! Nein, -- unsere Wege sind längst auseinandergegangen,

-- und daß der deine emporführt, -- daran erlaubst du mir wohl, zu

zweifeln!« antworte ich höhnisch, -- meine eigenen Worte stechen mich

wie lauter Nadeln.

»Ich suchte dich, Alix, -- seit Wochen, -- kein Zufall ists, daß ich

hier bin --;« aus seinen Augen dringt ein blaues Blitzen --

»Du -- mich?!« Ich lache, daß es vom Felsen wiederklingt, -- aber in

meinem Herzen weint es.

»Ich liebe dich,« flüstert er -- »ich habe geglaubt, ich könnte dich

vergessen, -- aber meine Sehnsucht bliebst du, -- mein ganzes Leben war

ein einziges Warten auf dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein

Lieb, -- verlaß mich nicht wieder!« Und flehend, wie ein Hungernder,

streckt er die geöffneten Hände mir entgegen.

»An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor dir stand und dir

schenken wollte, was du heut' begehrst; -- jetzt hab' ich nichts mehr,

bin bettelarm! -- Ich liebe nur noch die Erinnerung, -- nicht dich; --

du bist ein fremder Mann für mich, -- an dem ich vorüber muß --«

In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes Leben, das mit dem Tode

ringt --

»Ich will um dich werben, Alix, -- demütig -- geduldig, -- an meiner

Liebe wirst du Kalte wieder warm werden --«

Ich schüttle den Kopf. »Nein!« sagt eine harte Stimme. War das die

meine?!

Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, -- er tritt zurück, und ohne

aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, -- sehr langsam, schwer atmend,

auf den Stock gestützt.

Hoch oben, wo auf grüner Halde um die Ruinen der Knappenhäuser in

dichten Büschen dunkelblaue Vergißmeinnicht blühen, sah ich noch einmal

hinab: auf dem Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der Tiefe

halb verwischt: meine Jugend.

Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin führt er?

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 34 / 35 题