Mit herzlichsten Grüßen

Ihr treuergebener

Georg von Glyzcinski.«

Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, nichts als leere Worte

tanzten mir vor den Augen; denn nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft

eingeprägt: »ich bin nicht auf dem Posten -- muß ausgestreckt liegen.«

Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann mit dem Apostelkopf

und dem wesenlosen Körper, wie er allein, von einem ungeschickten Diener

kaum bedient, geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,

die weißen schmalen Hände auf der schwarzen Pelzdecke, die Kinderaugen

sehnsüchtig ins Weite gerichtet. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, und

ich wußte auf einmal, wohin ich gehörte.

Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: von Lisbeth; --

noch heute sollte ich zu ihr kommen, Sindermann habe sich zum Abend

angesagt, schrieb sie. Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste

eilig zusammen und hinterließ meiner Mutter, die mit allen anderen auf

ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: »Frau Professor Landmann lädt

mich soeben ein, noch heute nach Königsberg zu kommen. Da ich Eurer

Erlaubnis sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nächsten Zug.«

Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund

schon mit geschlossenen Augen und erblaßten Lippen auf dem Totenbette

sehen ließ. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu

benutzen, -- aber konnte -- durfte ich den Kranken durch meine

überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach

einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? Ich errötete unwillkürlich. Auf dem

Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und

kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille

Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren

altersgrauen Häusern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies

Königsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des

Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu

halten. Wäre ich hier aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie

über ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!

Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und Wangen glühend vor

Eifer, empfing mich Lisbeth. So -- gerade so hatte ich sie einmal in

Schwerin auf der Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte

es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd geflüstert »Du

-- du bist viel tausendmal schöner --« war mir aus dem Dunkel der Loge

heiß ins Ohr geklungen ...

Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich dem Taumel der

Erinnerung. Still -- ein bißchen verlegen, die Augen in offenbarer

Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der

typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein und

linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von

blühenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden

hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und

plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weißes,

goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes

Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck

still-seliger Verklärung an; -- »mein Kind!« sagte sie leise und legte

die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Tränen,

brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! -- Wie reich mußte sie sein!

Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen

Füßchen, seine runden Ärmchen, die Grübchen in den Händen und in den

Knieen mußte ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und

Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme Beter,

die selbst der Ungläubigste nicht zu stören wagt. In diesem Augenblick

lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.

Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann kam.

Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die

Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte völlig fremd. Ein »bel

homme« -- es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte --

mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen

Allüren, großen breiten Händen und runden fleischigen Fingern daran.

Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter

Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem

romantischen Kostüm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen

Gegensatz stand wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum

Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu weichen: dem

Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften Kerzenlicht bunter Lampions

erhellten künstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und

die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen

Zarewna leuchteten und glänzten wie Perlen und Brillanten, verschwand

nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.

Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne,

von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,«

sagte Sindermann, »weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein

kann, --« schon klopfte mir das Herz höher vor Freude -- »aber ich

glaube nicht, daß die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit

erfüllen werden.« Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die

Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und führte all meine Gründe

ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lächelte; in dem

rötlichen Dämmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es

das Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten

war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, uns zu würdigeren inneren

und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« meinte er dann, »und so sehr ich

alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter den

Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf

wie ich --« er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen.

Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.

»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.

»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das

vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid

der Gegenwart mit zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit

Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den Zuschauer dadurch

befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit den Schluß

herbeiführte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und

ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein

Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen

helfen, ich will es aufrütteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten

führen, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch

ethisch handeln?«

Ich war entzückt. So hatte ich mir das Wirken des Künstlers vorgestellt!

Er wurde wärmer und lebhafter.

»Glauben Sie mir,« sagte er mit einer großen Geste, »wenn ich könnte,

würde ich nur vor Arbeitern meine Stücke aufführen lassen, -- die

verstehen, die würdigen mich!« Und dann erzählte er von der berliner

Gesellschaft der Kunstkenner, Ästheten und Mäcene, die wahl- und

kritiklos jeder neu auftauchenden Größe nachliefen. »Bewundert haben

mich alle als den berühmten Mann,« und wieder zeigte sich jenes

unbestimmte tragisch-resignierte Lächeln, -- ich erinnerte mich flüchtig

eines Schauspielers, dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch eines

Lächelns willen zu Füßen lagen -- »aber die meisten wußten nicht, ob

dieses notwendige Salonrequisit ein Bildhauer oder sonst was wäre.«

Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein neuestes Werk die Rede

kam, das im nächsten Winter das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich

horchte um so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr. Ein

Weib sollte die Heldin sein, deren Künstlernatur sie aus dem engen

Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb in die Welt.

Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der Dichter zu erzählen

vermochte: Ich selbst war dies Weib, das sich endlich losriß, um die

Heimat seines Wesens zu finden, -- war nicht am Ende auch der alte

Oberst, der in der Verzweiflung zur Pistole griff, -- mein Vater?! Die

Heimat, -- das ist das Schicksal, es vernichtet uns, wenn wir die

Schwächeren sind, und es ist wie die antike Tragödie, die immer Tote auf

der Wahlstatt läßt.

Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, die des Gastes

Werk in mir ausgelöst hatte.

Draußen dämmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer hingen erschlafft die

Köpfchen; ein feiner Zigarettenrauch zog seine Kreise um die

verglimmenden Kerzen. Und plötzlich übermannte uns bleierne Müdigkeit.

Sindermann erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja wieder, vom

ersten Frühlicht beleuchtet, der »bel homme«, der Mann mit dem liebevoll

gepflegten Bart, den großen Händen und den runden fleischigen Fingern

daran. Seltsam, wie fremd, wie störend er wirkte. War er es wirklich

gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?

Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der Erschöpfung. Das

rasche Klingeln des Telegraphenboten weckte mich: »Befinden wechselnd.

Freue mich unbeschreiblich auf Ihre Rückkehr. Glyzcinski.« Ich hatte

noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines raschen Entschlusses

wegen um Entschuldigung zu bitten. »Der Professor ist krank; Ihr wißt,

sein Leben hängt nur an einem Faden; ich würde es mir nie verzeihen,

wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben müßte,« schrieb ich.

Am Abend war ich bei ihm. Er saß vor dem Schreibtisch am Fenster wie

immer, und schon wollt' ich freudig überrascht auf ihn zueilen, als

seine Augen mir entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;

auf seinen schmalen Wangen glühten rote Flecken, und die Hand bebte, die

er mir bot. »Sie haben sich meinetwegen aus dem Bett gewagt!« rief ich

erschrocken.

»Darf ich denn dies glückliche Ereignis nicht auf meine Art feiern?!« --

sein ganzes Antlitz strahlte -- »es geht mir ja besser, viel besser --

und ich glaubte schon« -- seine Stimme senkte sich -- »ich glaubte, ich

würde Sie niemals wiedersehen!«

Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte den Kopf zurück, mit

halb geschlossenen Augen, ich sah nichts als sein Gesicht, das ein

Ausdruck seligen Friedens verklärte. Und dann hatten wir einander so

viel zu sagen, daß selbst die schlagende Uhr uns an die vorrückende

Stunde nicht zu erinnern vermochte.

Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« sagte er und sah

mich halb verwundert, halb mißbilligend an. Erschrocken sprang ich auf.

»Wie komm' ich nun ins Haus -- und wie in die Wohnung!« Ich hatte

vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.

»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, »nebenan auf dem Sofa

hat mein Bruder oft geschlafen, -- Friedrich braucht Ihnen nur die

Betten aus dem Schrank zu geben.«

War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Geräusch der

Großstadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am

nächsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den

Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das mürrische Gebahren

des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich

aus zwinkerndem Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem mir

fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott Lob -- Glyzcinski bemerkte

nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die

gleichmäßige Färbung.

»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« sagte er und behielt

meine Hand in der seinen.

Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: »Papa über deine Abreise

äußerst empört, verlangt sofortige Rückkehr oder Übersiedlung zu

Egidys.« Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die

Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu

verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast immer war ich bei

Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zuließ, daß ich ihn pflegte, so

konnte ich doch überwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die

verschiedenen Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt

wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich wieder und freute

mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der

liebe Kranke meine Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu

sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« sagte er ernst.

»Leidet er?« frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief

in den dunkelsten Schatten der Treppe.

»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum ertragen, aber er, --

wir Gesunden könnten ihn fast um das Glücksgefühl beneiden, das ihm

unveränderlich aus den Augen strahlt.«

»Wird er genesen und -- leben?« brachte ich mühsam hervor.

Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte

mir die Hand zum Abschied:

»Genesen, -- niemals! Leben?! Glück und Liebe sind Elixire, die schon

Sterbende ins Dasein zurückriefen. Verordnen können wir sie leider

nicht!«

Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich

kam, begrüßte er mich, als wäre ich Jahre fort gewesen, und des Abends,

wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen

wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. Der Philosophie war

der Vormittag gewidmet -- »in einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen

machen können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein

förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte

dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: daß mir für

große Gebiete des Wissens die sprachlichen und -- noch mehr -- die

mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft

wünschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu

können, aber dann lachte er mich aus: »Sie kennen das Leben, -- das ist

mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, -- das ist

besser, als mathematische Aufgaben lösen und den Plato im Urtext

verstehen können.«

Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir uns mit der

Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militärvorlage warf damals

ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine

lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schärfste das

Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf

dem Gebiet der Sozialpolitik einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes

nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte durch dürre

Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und

Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends,

wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer

deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen

Interessen traten mehr und mehr zurück: hier war ein Gebiet, das empfand

ich instinktiv, das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die

Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten

strömten mir in Form von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln

Aufklärungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in

den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich

Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate Fabrikarbeiter,« dessen

ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortriß; und als Dr. Brandt

dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben

gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen der

Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah

von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch

einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,

erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen den Ausgangspunkt

allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrückung.

»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, und alles wächst, --

dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden

stehen,« pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte:

»Könnten wir nur den Anfang der künftigen Ordnung der Dinge noch

erleben,« so antwortete er: »Aber wir sind ja schon mitten darin!«

Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen

Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste,

die Kunst schmiedete Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber«

andres, als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts

sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt mit blutenden Füßen und

keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem

Wege auf duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und hoch auf die

Berge der weiten Ausblicke führen, den kein Ausruhen lockt im Schatten

der Dorflinde und der Kirchenpforten, -- derselbe Fanatismus, der die

ersten Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer Götter in die

pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.

Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, die Pforte der

Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.

Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung

seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer,

der mit uns kämpfte?

Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen

melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen

tiefen Seeen spiegeln und in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue

Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein

fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam feinen Lächeln nannte,

war dabei: Detlev von Liliencron.

Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie

scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine

Schleier und keine Papierlaternen gedämpft wird, beleuchtet grell, was

am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit

kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in modischen Kleidern

und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schön sind und im Salon

blenden, wirken, wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb

gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem Lächeln und

der »interessanten« Blässe endloser Kaffeehausnächte auf den Zügen,

richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese

Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, zu sein, wo

sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme und Lodenjoppen und

setzen naiv grüne Hütchen auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen,

so tritt ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit

hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen großstädtischen

Lebens bleibt nichts übrig als die armselige Maske kleiner

Vorstadtkomödianten.

Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht immer Stand zu

halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es

einem beinahe wehe tut.

Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am

See. Warum hatte nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und so

geistreiche Augen -- so fleischige Finger und eine so starke Männerhand?

Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stück dieser

märkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch völlig

fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, bei dem alles zueinander

paßte.

Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann,

und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe.

Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes

Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die

Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst

retten muß vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit

auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden

zwischen der Heimat und mir!«

Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhörer war groß. Daß man jede

Szene stundenlang unter dem Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit

besprach, verletzte mich freilich. Erst auf dem Rückweg zur Bahn fing

man an, die Tendenz des Stückes zu erörtern.

»Daß das individualistische Prinzip darin zu so starkem Ausdruck kommt,

befriedigt mich ganz besonders,« sagte einer.

»Diese Maria ist die Personifizierung der Idee Nietzsches!« fügte

enthusiastisch ein anderer hinzu, »sie hat die Umwertung aller Werte für

sich vollzogen, sie steht jenseits von gut und böse, sie ist der

Übermensch, obwohl sie ein Weib ist!«

Der Übermensch, -- diese Maria, die sich von einem Elenden hatte

verführen lassen?! dachte ich. Und die Umwertung aller Werte sollte sie

vollzogen haben, weil sie die Heimat überwand?! Wäre es möglich, daß ich

meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? -- Die Unterhaltung

wurde lebhafter. Man sprach über die Notwendigkeit, den Sozialismus

durch den Individualismus zu überwinden, die Sklavenmoral durch die

Herrenmoral.

»Wir Künstler haben inmitten der gefährlichen Nivellierungsbestrebungen

unserer Zeit die Aufgabe, das Recht der Adelsmenschen zu vertreten,«

rief ein kleiner Mann mit einem Spitzbauch, während ihm die hellen

Schweißtropfen über das runde Gesicht liefen.

»Und worin besteht dieses Recht?« frug ich neugierig, das Lachen mühsam

verbeißend.

Verblüfft sah er mich an. »In dem Recht, sich zu behaupten, seine

Persönlichkeit auszuleben,« sagte er schließlich und hieb sich mit der

flachen Hand auf den breiten Sportgürtel, daß die dicke Goldkette

klirrte, die weithin leuchtend darüber hing.

»Sofern man eine hat,« meinte Liliencron lakonisch, der bisher fast

immer geschwiegen hatte.

»Gewiß -- gewiß,« echote der erhitzte Individualist, sichtlich froh, daß

der einfahrende Zug ihn einer weiteren Erörterung überhob.

Am nächsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht aus: wir stritten

uns über Nietzsche, und zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft

verteidigte Glyzcinski seine Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. »Wie

im Anarchismus die große Gefahr für die Verbreitung des Sozialismus in

der Arbeiterklasse zu suchen ist,« sagte er, »so kann die Ausbreitung

der Ideen Nietzsches die Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den

oberen Klassen völlig untergraben. Die Ausbildung der Persönlichkeit als

Selbstzweck steht zu unserem Ziel -- dem größten Glück der größten

Mehrheit -- in direktem Gegensatz.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,« antwortete ich schüchtern,

aber doch im Augenblick meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. »Mir

scheint nämlich, als ob gerade sie unser Ziel wäre. Höchstes Glück der

Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit, -- so ähnlich heißt es schon bei

Goethe. Und der Sozialismus soll eben die Möglichkeit für alle schaffen,

ein Glück sich zu erringen, das heute nur wenige genießen können.«

»Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wäre,« lachte Glyzcinski, »so

würde ihn diese Ihre Auslegung daran mahnen, zum Weibe nicht ohne

Peitsche zu kommen! -- Sehen Sie doch um sich: sind seine lautesten

Anhänger nicht unsere ärgsten Feinde?«

»Weil sie es sind, die ihn mißverstehen, nicht ich! Sich ausleben,

bedeutet doch nichts anderes, als alle Fesseln zerreißen und

zersprengen, die uns hindern können, die Glieder im Dienst der

Menschheit zu regen!«

»Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke

Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon Fichte und Kant und viele

andere mehr ausgesprochen haben,« antwortete der Professor. »Ich

fürchtete schon, wir beide könnten uneins werden, und nun sehe ich, daß

selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis unserer

Einigkeit ist.«

Ein unbestimmter Widerspruch, über dessen Inhalt ich mir nicht klar zu

werden vermochte, regte sich zwar noch in mir, aber ich war viel zu

glücklich über die Brücke des Verständnisses, die wir betreten hatten,

als daß ich weiter darüber hätte nachdenken mögen.

* * * * *

Die Eltern kehrten zurück. Die Stimmung des Vaters mir gegenüber

wechselte täglich: er konnte zärtlich sein und voller Interesse für

mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der nächsten Stunde schon

wandelte sich seine Liebe in rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte

Verdammungsurteile, wenn irgendein politisches Ereignis, eine

sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung der Ethischen

Bewegung in der konservativen Presse, den Aristokraten, den General, den

Monarchisten in ihm über den Vater siegen ließen. Die Mutter dagegen

blieb fast immer kühl, zurückhaltend, beobachtend. Klein-Ilschen ging

mir scheu aus dem Wege. Und als ich sie nach der Ursache frug, gestand

sie, daß der Konfirmandenunterricht ihr eine nähere Beziehung zu mir

unmöglich mache.

Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der ungern Geduldeten zu

spielen, -- an dem Tage aber, wo dies blonde Kind sich von mir wandte,

weinte ich.

Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft stand vor

der Tür. Aus allen Teilen Deutschlands strömten uns Begrüßungsschreiben,

Beitrittserklärungen, Zustimmungskundgebungen zu, -- es schien wirklich,

als hätten sich viele im stillen nach einer geistigen Vereinigung auf

dieser Basis gesehnt. Selten nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein:

Gelehrte und Ungelehrte, Leute mit berühmten Namen und mit Würden

beladen erschienen neben armen Handwerkern, und Frauen aus allen Kreisen

fanden sich ein. Es war ein anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen

war: entschiedener in seiner antireligiösen Gesinnung, von sozialem

Pflichtbewußtsein stärker durchdrungen. Und die nahende Vollendung

des lange vorbereiteten Werks gestaltete auch die letzten

Kommissionssitzungen harmonischer. Wir waren alle voll Zuversicht und

voll guten Willens, uns auf dem Boden »allgemein menschlicher Ethik«

zusammenzufinden.

Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde jeder neuen

humanitären Schöpfung begleitet und die Teilnehmer glauben läßt, der

Beginn sei schon die Vollendung, verliefen die offiziellen Gründungstage

unserer Gesellschaft. Es tat förmlich weh, zu der Nüchternheit der

Alltagsaufgaben zurückzukehren, und die meisten Menschen, die uns eben

noch zugejubelt hatten, ergriffen vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von

der Welterlösung geträumt hatte, wurde es besonders schwer, an all den

internen Beratungen und Zusammenkünften teil zu nehmen, wo über Fragen,

wie die der Versammlungslokale, der Einkassierung der Beiträge, und

dergleichen mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging regelmäßig

hin, um Glyzcinski darüber zu berichten, der nur ausnahmsweise an den

Sitzungen teilnehmen konnte, und daher auch oft den Grad meiner

Ernüchterung nicht verstand. In Rücksicht auf ihn, dessen Freundschaft

mit mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung meiner sehr geringen

Verdienste um die Gesellschaft, wurde mir, statt seiner -- der jede Wahl

von vornherein abgelehnt hatte -- der Schriftführerposten im

Hauptvorstand angeboten. Ich zögerte keinen Augenblick, ihn anzunehmen,

da ich mir wohl bewußt war, gerade durch ihn den größten Einfluß

gewinnen zu können. Zu Hause erzählte ich nicht ohne Stolz von der mir

widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade aus seinem Klub, und ich hatte

in meiner Freude auf seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche

Zeichen nicht bemerkt.

»Wie --«, fuhr er los, »ein Mensch, der meinen ehrlichen Namen trägt,

offizieller Vertreter dieser Gesellschaft internationaler Schwindler?!«

Ich wollte ihn unterbrechen, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.

»Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natürlich von Fremden

erfahren mußte, für die wahnwitzige Utopie ewigen Friedens demonstriert,

was nichts anderes bedeutet, als diesen Schuften, den Sozialdemokraten,

Wasser auf ihre Mühle treiben!« Seine Stimme schwoll an, als stünde er

auf dem Kasernenhof, »und die Religion wollt ihr schon den Kindern durch

euren sogenannten Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das --

wahrhaftig!« Er trat auf mich zu: »Ich verbiete dir ein- für allemal,

mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrätern gemeinsame Sache zu

machen -- sonst --«

»Du erlaubst, daß ich mich entferne --« unterbrach ich den Tobenden und

ging hinaus.

Am nächsten Morgen kam er mir entgegen: ganz blaß, mit überwachten,

müden Augen. »Höre auf deinen alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir

meint, -- du bist auf falschem Wege, -- schneide dir nicht die Rückkehr

ab, indem du dich öffentlich engagierst!«

»Laß mir Zeit zum Überlegen, lieber Vater,« bat ich stockend, innerlich

fast schon überwunden; nur bei Glyzcinski wollte ich mir noch Rats

erholen.

»Geben Sie nach, -- für diesmal noch!« sagte er, »das geringste Maß von

Schmerz sollen wir anderen zufügen. Und am schönsten ists, wenn der

Gegner sich uns aus Überzeugung schließlich selbst ergibt.«

Meinen Vater überwältigte fast die Rührung, als ich ihm sagte, daß ich

mich seinem Wunsche fügen wolle. Er ging selbst zum Professor und

unterhielt sich ruhig und eingehend mit ihm, »wie ein vollendeter

Ethiker.« Dann mußt ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid

auszusuchen: »Ich will nicht, daß du durch die ewige Näherei in der

Arbeit gestört wirst, die dir am Herzen liegt!«

Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fühlte, daß es nur

eines geringfügigen Anlasses bedurfte, um einen neuen Sturm

heraufzubeschwören.

Ich schwebte in ständiger Angst. Schon der Tritt meines Vaters auf der

Treppe machte mich zittern, und möglichst leise verließ ich nachmittags

das Haus, um erst dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tür von

Glyzcinskis Studierstube sich hinter mir schloß.

»Jetzt müßt' ich Sie pflegen können, wie Sie mich,« sagte er dann wohl,

und sein warmer Blick voll Liebe und Mitleid ruhte auf mir.

Eines Novemberabends -- ich hatte infolge eines heftigen

Erkältungsfiebers ein paar Tage das Bett hüten müssen -- kam ein Brief

vom Professor:

»Mein gnädigstes Fräulein!

Wir haben schon oft miteinander besprochen, daß die Schaffung eines

Ethischen Journals sich angesichts der Entwicklung der Gesellschaft als

eine immer stärkere Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich

innerhalb unserer literarischen Gruppe die Frage erörtert, und der

Verleger unserer Flugblätter hat sich bereit erklärt, eine Zeitschrift,

wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft mit mir ins Leben zu rufen; da ich

jedoch außerstande bin, sie allein zu leiten, -- der Redakteur eines

solchen Blattes muß persönlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen sein

können --, liegt die letzte Entscheidung der Sache in Ihrer Hand. Die

Stellung als mein Mitredakteur wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch

nehmen, und im Anfang ist der Verlag leider außerstande, Ihnen ein

höheres Honorar, als etwa fünfzehnhundert bis zweitausend Mark jährlich

zu bieten. Aber ich hoffe und glaube, daß Ihre Liebe zur Sache groß

genug ist, um über diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.

Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und herzlichen Grüßen an

Sie

Ihr treuergebenster

Georg von Glyzcinski.«

Das ist die Befreiung! jubelte ich -- und zitterte doch vor Angst, als

ich den Brief meinen Eltern gab. Die Szene, die folgte, war schlimmer

als je vorher. »Solange du meinen Namen trägst, niemals -- niemals!«

Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstraße und brach,

aufschluchzend, neben dem Stuhl des Freundes zusammen. Minutenlang

vermochte ich nicht zu sprechen und fühlte nur, wie der schmalen Hand,

die mir leise über die Stirne strich, wohltätige Ruhe entströmte. Und

dann erzählte ich --

»'Solange du meinen Namen trägst' -- das sagte Ihr Vater?« Glyzcinski

wandte den Kopf und sah zum Fenster hinaus, wo die roten und gelben

Blätter im Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, -- eine Mahnung zum

Aufbruch.

»Ich fürchte mich so --« murmelte ich mit neu hervorstürzenden Tränen.

Und aus dem Zwielicht und der Stille hörte ich seine leise Stimme sagen:

»Möchtest du bei mir bleiben, mein Schwesterchen?« -- »Immer -- immer

--« stöhnte ich und preßte meine Lippen, ehe ers hindern konnte, auf die

Hand, die weiß und unirdisch im Dämmer leuchtete.

Am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt ich diesen Brief:

»Mein liebes, gnädiges Fräulein!

Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn Sie eine Anzahl Jahre

älter geworden wären, ohne das Glück gefunden zu haben, das Sie in so

reichem Maße verdienen, -- wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf Liebe und

Glück verzichten zu müssen, vertraut gemacht hätten, dann wollte ich

fragen: Liebe Freundin, wollen wir zueinander ziehen, Mann und Frau

werden, dabei aber -- wie es mir beschieden wäre -- als Bruder und

Schwester weiterleben?!

Der Umstand nun, daß sich jetzt ein Arbeitsplan für uns meldet, dessen

Verwirklichung, nach dem Standpunkt, den Ihr Herr Vater einnimmt, zu

schließen, durch jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden würde,

ist der Grund, daß ich schon heut mit dieser Frage an Sie herantrete.

Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe

führen; sie würde für Sie alles andere eher als eine 'Versorgung' sein;

wir würden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch

eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe nur ein geringes

Einkommen. Im übrigen wissen Sie, daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein

kann.

Und nun dürfen Sie rasch 'nein' sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen würde

auch dann immer dieselbe bleiben. Das 'ja' würde jedenfalls eine lange

Überlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas Ähnliches,

als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem

einmal 'ja' sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe

werden.

Ewig

Ihr treuer Freund

Georg von Glyzcinski.«

Ich hatte kaum zu Ende gelesen -- mit klopfendem Herzen und tiefen

Atemzügen --, als ich schon am Schreibtisch saß und meine Feder über das

Papier flog:

»Mein lieber Freund!

Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine Hand mit einem

freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im

Gefühl, auf Glück und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur

ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist,

gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies

geträumt, das dem Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir

fast wie die Hölle erscheinen, -- während Sie mir bieten, was die

Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.

Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft

undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht bis auf den Boden dringen

kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen

bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus der Ferne

tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter zu uns herüber. Das ist

Musik für unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen,

die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange

wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfällt, solange

wir offnen Auges das Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes

fluten sehen, -- solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...«

Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fuße. Leise trat

ich ins Zimmer -- Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor

ihm lag mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und die Stirn

wie versunken darauf gepreßt.

»Georg --«

»Alix --«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, überströmt

von Tränen. Und er nahm meine Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu

sich hernieder, und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen

berührte.

Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen

mußten, -- daß meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwände

erheben würden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel --

und im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden

werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor

Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und

ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefärbtem

Gesicht, die Augen rot unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock

geöffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als

fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die

seine nicht war, begann er zu reden, während die Mutter, im Sofa

zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.

»Das mir -- das mir! -- hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! --

Dich -- dich -- auf die ich so stolz gewesen bin! -- Die du mein -- mein

Kind warst vor allem! -- Dich, um die ein König noch hätte betteln

müssen! -- Dich will dieser -- dieser -- den Gott selbst als einen

Ausgestoßenen brandmarkte --«

»Papa --!« schrie ich und taumelte bis an die Tür zurück.

Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie von einem Schwindel

erfaßt, mit beiden Fäusten schwer auf den Tisch zu stützen. Den Kopf

weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:

»Du läufst mir nicht wieder davon, -- und wenn ich dich mit Gewalt

festhalten müßte! Und deinen sauberen Galan --« er lachte grell auf --

»ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, -- niederschießen tu ich ihn,

wie einen tollen Hund -- --.« Mit einem unartikulierten Laut fiel er in

den Stuhl zurück. Ich lief nach Wasser, -- benetzte ihm die Lippen, --

rieb ihm die Stirn, -- es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte!

Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß er mich auch schon von sich.

Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht saß

ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. Wie eine Mörderin kam ich mir

vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski,

und kaum daß der graue Novembertag mit schwerfällig-langsamen Schritten

durch die Straßen geschlichen kam, hörte ich den Vater schon wieder in

seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, -- die Angst

schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus!

In einer einzigen Nacht, -- wie furchtbar gealtert!

»Fürchte dich nicht, -- ich tue dir nichts --« sagte er und verzog den

Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein

sollte. »Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, -- was du

nicht weißt -- nicht wissen kannst, und was der Professor --« es war ihm

offenbar unmöglich, den verhaßten Namen zu nennen -- »vielleicht auch

nicht weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!«

Ich mußte mich neben ihn setzen, wie in früheren Jahren, und er behielt,

während er sprach, meine Hand in der seinen.

»Ich sagte dir schon, -- du bist mein Kind! Du hast meine

Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes Blut. Bist du die -- die

Frau dieses Mannes, so wird -- ich weiß es genau, ganz genau! -- eine

Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen

zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit -- schreit!! -- hörst

du? -- Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! --

Dann wirst du unglücklich werden, totunglücklich -- oder --,« er brachte

nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor -- »eine Ehrlose,

-- eine -- eine Dirne!«

»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, »du könntest so

nicht sprechen, wenn du mich besser kennen würdest! -- Ich bin kein Kind

mehr -- ich habe viel erlebt, -- sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat

endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen Liebe als von

der, die Georg mir bietet!«

»Du irrst, -- und dieser Irrtum wird dein Unglück werden. Ich kenne dich

besser, als du dich in diesem Augenblick kennst --.« Seine überwachten

Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich neben

ihm saß. »Auch ich liebte -- und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein

viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht

begreifen, daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte --! Bis

ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, daß nichts --

nichts im Leben mir Wort hielt, -- auch meine Liebeshoffnung nicht! --«

Er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.

»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso

-- nein -- noch viel unglücklicher werden zu sehen als mich? -- Du wirst

ja nicht einmal Kinder haben!«

Ich zuckte zusammen, -- aber rasch und gewaltsam hatte ich die

Empfindung auch schon niedergekämpft, die ihm Recht hätte geben können.

»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder

sein --« antwortete ich, »für sie werde ich denken und arbeiten!«

Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn,

du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und

deine Mutter wird dieselbe Bitte dem -- dem Professor vortragen -- ich

selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen --: Warte nur noch ein

halbes Jahr, -- prüfe dich währenddessen. Du kannst, ungehindert durch

mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, -- bist

du dann noch entschlossen, -- so strecke ich die Waffen.«

Ich wollte danken, -- war doch dies Zugeständnis weit mehr, als ich nach

dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu dürfen, -- aber er

entzog mir seine Hand und verließ hastig das Zimmer.

Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht

hatte:

»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so

größeren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier

gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus

meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. 'Geschieht, was du in

deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glück ansiehst, so

geht Ihr zugrunde,' sagte er. Meine geliebte Alix, -- sind wir nicht in

einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns

zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar

wenige, die unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten wir uns

beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhängnis, das

der schönen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und

in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden

abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte.

Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein segensreiches Schicksal

verwandeln können, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst

bezwinge? ...

Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die

armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich

dürste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! -- Und lieber

lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das Haupt des

liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!

Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein

wenig Glück -- für mich ist das schon überschwenglich viel! -- und viel

Arbeit zu begnügen, und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen

sollen ...«

Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung

Lügen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das

sonnige Lächeln um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so

hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen

eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns täglich. Bald aber merkte ich,

wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine

Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein

Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wünschen Widerstand

entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter

verweint, die Schwester verschüchtert, den Vater stumm und finster

wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort -- Versammlungen und

Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift berichten

mußte, machten es häufig genug notwendig --, so schlich ich mich in

zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den

ungerechtfertigsten Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in

unserem Blatt unter meinem Namen schrieb -- die Anonymität war mir als

eine Feigheit verhaßt --, gab Anlaß zu den peinlichsten

Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte

er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. Ich wurde

schließlich von einem so dauernden, Angstgefühl gefoltert, daß ich oft

meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der täglich wiederholte

Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, und

eines Tages gestanden wir einander das Unerträgliche unseres Zustands.

»So willst du wirklich -- wirklich diesen Krüppel heiraten, den man im

Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewiß verbrannt haben

würde?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.

»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein muß, ohne den Segen

der Eltern.« Da ich wußte, daß meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde

zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen

Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, daß ich alt genug sei,

um nach eigener Überzeugung mein Leben zu gestalten, daß es im höheren

Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht und

dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, daß es

schlimmer sei als töten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur

Unmündigkeit und Unfreiheit verdamme.

Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu

ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur

entgegen.

»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate

Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst

mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche

einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar

deine Seele vergiften.«

»Du brichst dein Versprechen, Papa --« stieß ich hervor und riß mich

gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten

Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.

»Ein Schritt noch und ich schieße --.« Aber schon lief ich die Treppe

hinunter -- über die Straße -- über den Platz, -- Menschen und Wagen und

Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.

Wie ich zu Georg kam, -- ich weiß es nicht, -- der gelle Angstschrei,

den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte

mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von

ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt

hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich

nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie

erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich

zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und

während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte,

gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand

konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.

»Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie

immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter

in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller

Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich -- wenn er

auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner

Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz

heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand,

wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir

aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat,

nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries.

Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen

meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle

Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst

nicht teilnehmen wird.«

Mir traten die Tränen in die Augen, -- die Erschütterung dieses neuen

plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!

»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff

jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre

unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir

haben.« Damit war ich entlassen.

Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater abgereist war.

Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. »Deiner

Heirat steht nichts mehr im Wege,« sagte sie, »außer einer Kleinigkeit,

die du natürlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du

weißt, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit

der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begnügen müssen.

Und was die Wohnung betrifft, so -- --«

Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch wirklich nichts als

Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach ich sie. »Wir haben, was wir brauchen,

-- und Georgs Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben

möchte!«

»Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer!« Mama kräuselte verächtlich die

Lippen.

»Übergenug für uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt,

können wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --«

»Selbstverständlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das

Standesamt und womöglich auch gleich zum Geistlichen gehen.«

»Zum -- Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos an. Wir

»dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich trauen lassen?!

»Georg ist Atheist --«

»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest unter dem Schutz

deiner gläubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder

gar nicht.«

All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen

ab. Ich sah aufs neue die schwer erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als

ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen

Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über seine Züge.

»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr

die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben

und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte

stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht

zustimmen können.

Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt

worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren

Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre

teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich

selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir:

»Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches

Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich

schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir

kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine

schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das

ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«

Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all

die Nadelstiche des täglichen Lebens.

Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche

Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in

den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.

In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr

tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten

liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen

Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten

das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten,

und der Teekessel summte schwermütig, -- groß und vorwurfsvoll sah mir

zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter

vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der

Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte

mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da

klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat

Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in

der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte

es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; -- mit

einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren

schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten

Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, -- einen anderen

Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; -- fort mit allem

blassen Erinnern, -- draußen stand die Arbeit, stand das Leben und

begehrte meiner!

Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:

»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von

morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe

liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und

eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.

Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix!

-- der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, -- anderen zur Warnung,

oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir:

sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns

warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so

denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde

mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine

Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.

Dein in Zeit und Ewigkeit!

Georg.«

Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich

schlief ich dem Morgen entgegen.

Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als

sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen.

Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher --

immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der

Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür

blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,«

stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges

Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz

und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle

vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der

Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und

lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen

bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler

nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt

täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut

nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein

zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's,

daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig

schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah

mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein

wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier

und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben

Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott

segne Sie! --«

War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir

in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts

als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts

angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen

sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam.

Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine

Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf

grünem Grund, -- es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden --

und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein

vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich

noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn -- Kleiderrauschen --

halblautes Schwatzen -- Türen schlagen -- und noch einmal den grellen

Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir

und Georg. Dein Vater.«

Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 31 / 35 题