Allerlei Lektüre, auch der 'Vorwärts', folgt anbei!«

»Kranz, 29. 6. 92

Verehrter Herr Professor!

Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst heute beantworte,

weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergnügen zum anderen hetzten

und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die

Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe und die doch

eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verständnislosigkeit fremd.

Ihre Atmosphäre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines

überfüllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so

schreit alles, aus Angst vor Erkältung.

Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen und nach

dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glühende Feuer meiner

Hoffnung freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl getroffen

worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, daß beide

stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unmaß in der Menschenwelt'

stört mich besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf sehen, es

mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr

unethischen Konsequenzen führen. Und zu der Stellung von Professor

Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der

ist wider uns.

Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Wahl in die

Kommission annehmen muß. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung

für Sie werde! Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner

Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es mir so

schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu

entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich

aber einsehe, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die

Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will

ich versuchen, mich dazu zu erziehen.

Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch

das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestärkt worden: wie viel Jammer und

Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des unendlichen

brandenden Meeres! Fast möchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt

darüber die Hände untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten,

Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht möglich erscheint.

Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei

mir ein Zug zum Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der

Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von

dem Augenblick an, daß man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox

klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! --,

daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind

auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschöpf,

-- von dem Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. Und wenn

mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so

kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, -- und

fühls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- daß gerade

dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück ist und jeder einzelne

von uns die Verantwortung dafür trägt.

Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres Elends ist sicher der

erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwärts', dank

Ihrer Güte, regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der

Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die Sturmglocke

läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die

unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein

rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie Dr.

Brandt, die 'Ströme, die in sein Meer fließen'? So ist sein Angriff auf

die Ethische Bewegung ebenso töricht wie ungerecht. Er müßte uns

wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stöckerscher Art

unterscheiden können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen die

einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, -- der nichts zur

Folge hat, als lähmende Bitterkeit --, statt nur den Haß gegen die

Zustände, der Mut und Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt

doch, daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen

Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen

Grundprinzipien, wenn man den Haß gegen Personen verbreitet, die doch so

werden mußten, wie sie wurden.

Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die

Junker betreffend, zurück. Sie erinnern mich daran und werden es

vielleicht jetzt wieder tun, daß wir beide doch auch Junker wären und

uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum

Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich

höre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir

nicht von Jugend an Abhängige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von

unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine Eltern sich frei bewegen

können, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um

sie gezogen hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit -- macht sie

nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehöre von Rechts

wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden

Masse der Enterbten!

Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfüllt und mit neuer

Hoffnung; gilt doch dann dasselbe für unseresgleichen wie für das arme

Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer

gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es,

deren ganzes Wesen nach Befreiung und Betätigung verlangt, deren

geistige Kräfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewußt, schon im

Dienst der großen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all

unsere jungen Künstler und Schriftsteller!

Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit

Schießscharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so

spricht das nicht nur für seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert,

wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt

sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen

Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und

das Eisen ihrer Entrüstung schmieden, solange es warm ist.

Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen ersten Versuch

machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des

Schweriner Hoftheaters, die mit einem Königsberger Professor verheiratet

ist, lud mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange

sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, aus dem sie stammte,

nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen

die Erinnerung an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen

jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und

ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein

Mann, der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das Verdammungsurteil

ins Gesicht schleudern konnte, gehört von vornherein zu uns und müßte

der Bannerträger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.

Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich

mich auszusprechen vermöchte, und Sie haben mich so sehr verwöhnt!

Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich sie, nach Berlin

zurückkehren zu dürfen. Allein in unserer Wohnung zu sein, halten sie

für unpassend, und zu Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise

einluden, ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so komme ich

ohne ihre Erlaubnis.

Mit herzlichsten Grüßen

Ihre dankbar ergebene

Alix von Kleve.«

»Berlin, den 1. Juli 1892

Mein liebes gnädiges Fräulein!

Wundern Sie sich nicht über meine rasche Antwort: jeden Tag häuft sich

so viel an, was ich Ihnen sagen möchte, und Ihr Brief weckt überdies

solch eine Menge Empfindungen und Gedanken, daß ich nicht anders kann,

als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. Entschuldigen Sie

nur meine häßlichen zitternden Krakelfüße, -- ich bin nicht ganz auf dem

Posten und muß ausgestreckt liegen.

Für die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz persönlich: Sie werden

unserer Sache von größtem Nutzen sein und -- was mich besonders

befriedigt! -- das weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma

Kurz und Frau Schaper haben -- infolge 'starker Arbeitslast'! -- ihre

Ämter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl von zwei Sozialdemokraten

vorgeschlagen, so daß wir uns möglicherweise sehr verbessern werden. Sie

werden dann auch Gelegenheit haben, sich mit diesen über Ihre

Erweiterung des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, der, wie ich

glaube, durchaus im Rahmen marxistischer Entwicklungslehre liegt: der

Arbeiter, der 'mit dem Hirne pflügt' wird als Gleichberechtigter und

Gleichentrechteter neben den Handarbeiter gestellt.

Mit Ihrer Kritik des Vorwärts freilich würden Sie sich weniger in

Übereinstimmung mit den 'Genossen' befinden, -- auch mit Ihrem getreuen

'Genossen' Glyzcinski nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenüber nicht

verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft alsbald

viele sein, welche von dessen Urteil getroffen werden und nichts als

'Harmonieduselei' treiben wollen. Wer aber bürgt dafür, daß sie nicht

schließlich herrschen und 'gefährliche' Elemente hinausdrängen?!

Suchen Sie Sindermann für uns zu gewinnen. Mein Vetter Paul, den Sie

einmal bei mir sahen, und der dem Friedrichshagener Kreis angehört, hält

zwar nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz würden ihn eher

immer weiter von uns entfernen, als ihn uns näher bringen. Er rühmte mir

dagegen den jungen Dichter des Dramas 'Vor Sonnenaufgang', den er für

den 'Kommenden' hält; aber bei der Manier dieser Art junger Leute, aus

jedem bunten Kälbchen einen Götzen zu machen, vor dem sie anbetend auf

dem Bauche liegen, bin ich vorläufig noch sehr skeptisch.

Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt worden. Alles

denkt ans Reisen, und es wird im Zoo immer stiller. Wie schön und

ungestört ließe sichs jetzt dort plaudern! Nicht wahr, Sie gönnen mir

die Vorfreude und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie erwarten darf?

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 30 / 35 题