Kranz, 15. 6. 92
Verehrter Herr Professor!
Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen
Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern
Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte,
mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gespräch
verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester
Bleichsucht, sondern mein 'gefährlicher' Geisteszustand die Eltern
veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der
Onkel erzählte mir, daß die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als
S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rücksicht auf seine
Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde
dafür bei Zeiten seinen Parteigängern an den Kragen gehen, die im
Polizeipräsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein
Professor ist viel gefährlicher', fügte er dann hinzu, 'und er wäre
längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wäre.' Da mir
die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glücklich abhanden
gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn
Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel,
als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur
Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte.
Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht
nur höchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen
zu hören, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal,
seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen.
Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesättigt von dem ganzen
Pessimismus des Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt für
ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche Durchgangsstation
hält, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und
angestammter Herrenrechte voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und
alle seine Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge halten,
gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen gestanden, sind mir solch
ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir
ja eben zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich die
Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln,
'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenüber den
Handelsverträgen einigermaßen fadenscheinig vorkäme.' -- 'Unser
Monarchismus besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen
Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung
alles dessen, was die Monarchie stützt und kräftigt, -- auch gegen den
Monarchen, wenn es sein muß!' Mich würde diese geistreiche Definition
in seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen
wäre, daß in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den
Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.
Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen Ergehen, von
der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne
Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern
mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine
Tasse Kaffee zu trinken?!