Ihre dankbar ergebene
Alix von Kleve.«
»Berlin, 18. 6. 92
Gnädigstes Fräulein!
So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige
Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel
interessierte mich natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung
'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat Althoff ließ
sich dieser Tage von mir alles auf sie bezügliche Material kommen, und
in der Universität, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an
mir vorüber.
Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus
ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzüge des Besitzes und der
Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit
vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf dem Wege
wissenschaftlicher -- das heißt in diesem Fall ethischer und sozialer --
Einsicht zu denselben Überzeugungen kommen, die sich die Armen und
Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu
erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!
Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich stürmisch, und
mir kamen wieder arge Bedenken über deren Zusammensetzung. Die einen
forderten in erregtester Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen
Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, die anderen,
Professor Seefried an der Spitze, erklärten das Hineinziehen der
sozialen Frage für außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der
Erklärung gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem
Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, versöhnliche Art
unseres Vorsitzenden goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber was er
zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung
wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer
Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschluß daran hielt
Geheimrat Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, deren
Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit
mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund
und Bodens für notwendig und durchführbar halte,' sagte er, wobei ich
ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschließen müssen,'
unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklärte
er für utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die
Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche Ablenkung von ernster
Arbeit. Ich ließ es bei meiner Erwiderung natürlich wieder an dem
nötigen ethischen Maß fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das
Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im
Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus
für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, das sich auch ohne Zweifel
verwirklichen werde, -- in vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise
vernünftig, in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich
habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung lossagen würde,
welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit
war der Anstoß zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch
machte, enttäuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die
Sozis aus Eugen Richters Rüstkammer holte: 'Auflösung der Familie', --
als ob es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und Kinder in
die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige
Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur käuflichen Waare machte!
Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer empfand, bin
ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer
Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Daß
unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unmaß in der
Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der
Erziehung und der Lebensführung zu fördern', heißt, fürchte ich, Egidys
Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte
'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir
ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend
Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr
Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied
vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu
bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch
falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern
abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.
Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie
suchte mich zu bestimmen, meinen 'großen Einfluß' auf Sie geltend zu
machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des
weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß
Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen
vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
recht kühl und, wie es schien, verletzt.
Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und
mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns
-- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner
ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie
wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit
Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.
Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu
Pfingsten war ich dort und ließ die Menschen an mir vorüberfluten. Diese
Physiognomien könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir vom
Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten
Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich
gleichgültig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie
gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen
einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!