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Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen
Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen
verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer umfaßten, gewaltigen Vorschub
leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft
vertrat, oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte sich in
seinen Idealen persönlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um
den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er für sich allein nicht
aufbrachte. Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden und
die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse an der Ethischen
Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrückt durch die Täuschung, die
sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, -- denn daß der Entwurf
dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer --, daß die
neue Anhängerschaft ihn dafür nicht zu entschädigen vermochte. Vor der
Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so
schien mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal
müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelähmten
in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich
zuversichtlicher wurde. »Denen, die das Gute wollen, müssen alle Dinge
zum Besten dienen,« rief er mir zu, kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie
hier: --« und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts
als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter Traum geht
wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland eine Ethische
Gesellschaft haben!«
Ich erzählte es Egidy, -- seit jenem bösen Dienstagabend war die
Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwähnt worden --, er
schüttelte langsam den Kopf: »Wenn es doch bei der bloßen Bewegung
geblieben wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen
nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch
Satzungen zu einem künstlich gemauerten Kanal formen würden. Gedanken
verbreiten, -- das ist das einzig Not tuende! -- Sie werden vor lauter
Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für diese Hauptsache gar keine
Kraft und Zeit mehr übrig haben. Ein Verein -- nun ja, -- das ist ja
ganz nett, aber -- und nun glauben Sie mir einmal! -- über kurz oder
lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mächtigsten allein!«
»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, »und doch tun Sie
nichts anderes als Anhänger werben, die sich zwar nicht auf Statuten,
wohl aber auf Ihren Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich
Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich
gewandt -- --«
»Gewiß -- und mit meiner Zustimmung,« unterbrach mich Egidy, »das
Christentum schließt, wie alles andere Entwicklungsfähige, so auch den
Sozialismus in seinen lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich.
Und einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht
zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«
Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn
auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu können. Es hieß darin: » ... Das
Bürgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel
gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwölf bis
fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die
Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strömung
aufreizten. Die Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher
in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten,
andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht für diesen Kampf
begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein
können und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich
auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist,
nichts ändert. Sich für die Bestrebungen des Herrn von Egidy
unsererseits zu engagieren, hieße unsere Kräfte zersplittern, aber auch
zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und
ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also
für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel
willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir
doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von
Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed
kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«
Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine
Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte
unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem
Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im
Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges
aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen
würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy
noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewiß -- würde nicht
anders denken als ich.
Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder einmal den engen
Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner
Türe, als eine Stimme von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief
und warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns Norddeutsche,
wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam anheimelt.
»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß Ihre Partei uns ebenso
einschätzt: als einen Nebenfluß, der ihr reiche Schätze zuzutragen
vermag,« antwortete der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein paar
Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich öffnete rasch die Türe, um
nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein großer, blonder Mann stand
mir gegenüber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und
mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.
»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand
über die Stirne, -- ich mußte diesen Menschen schon irgendwo gesehen
haben.
»Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller,« sagte
Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude über den Besuch. »Was meinen
Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an
die Spitze unserer Satzungen stellen?«
»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich und drückte fest
die Hand, die er mir entgegenstreckte -- »hier haben Sie mich zum
Bundesgenossen!«