Siebzehntes Kapitel

Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt sich der Himmel über Berlin;

alles Licht ist gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton.

Auf den Anlagen der großen Plätze und in den Vorgärten der Häuser, die

die Kultur mühsam dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt

ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot

der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grünen

Rasenteppich glänzen Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während

sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen Steinstufen der

Estraden schmiegen. Goldene Blätter tanzen in lind bewegter Luft, und

unter den Bäumen sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der

Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle und Kleider

tragen, die aussehen, als wären sie in der Sommersonne verblichen.

Täglich, am frühen Nachmittag, gingen wir vier in den nahen Zoologischen

Garten, wo sich die Bewohner des Westens am Neptunteich unter den

Musikkapellen ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behäbige

Spießbürger mit Freunden und Verwandten, im stillen beglückt, nach der

vorschriftsmäßigen Sommerreise wieder ruhig am rotgedeckten Tisch zu

sitzen, statt schwitzend und prustend Ausflüge abzuklappern. Hier

erschien in schäbiger Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um ihre

schon stark angejahrten, interessant verschleierten Töchter vor

Männeraugen spazieren zu führen. Hier ließen sich mit der Stickerei und

dem mitgebrachten Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die Überflüssigen

nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. Droben aber vor

dem Restaurant, wo die weißen Tischtücher weithin sichtbar die Klassen

schieden, tauchten elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und

Rücken an Rücken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft saß im Glanz

ihrer Brillanten und schwarzen Augen die schöne Otero und ihresgleichen.

Jenseits jedoch, auf dem Hügel hinter dem Neptun, fanden die Stillen

sich ein, die Musik- und die Naturschwärmer, die Nebenabsichtslosen mit

ihren Büchern und ihren Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der

Lästerallee den bunten Strom kokettierender Jugend an sich

vorüberfluten: bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, kurzröckige

Mädchen mit heißen Augen; greisenhafte Jünglinge, lüstern nach Beute um

sich schauend; korrekte junge Damen, glatt gescheitelt, mit kühlen,

bleichen Wangen.

Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich nicht gern hierher;

es kam mir wie Zeitverschwendung vor, und überdies sah ich mit leiser

Angst mein reizendes Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und

Gymnasiasten. Aber mein Vater liebte den Verkehr mit alten Freunden, die

hier immer zu finden waren, und meine Mutter amüsierte der

großstädtische Trubel. Bald hatten auch wir unseren Stammtisch unter

der großen Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster

Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames Gefühl aneinander zu

fesseln schien: die Unzufriedenheit. Das Leben hatte ihnen allen nicht

gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatten, und sie gaben nicht

sich die Schuld, und nicht den Verhältnissen, -- wodurch Unzufriedenheit

zum Hebel der Tatkraft werden kann, -- sondern den heimlichen Feinden im

Militär- und Zivilkabinett und den Intriganten am neuen Kaiserhof.

Es waren Männer darunter, die, um die magere Pension zu erhöhen und

ihren Frauen und Töchtern standesgemäße Toiletten, ihren Söhnen die

Leutnantszulage zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten

Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp ab liefen, und nachmittags

im Zoologischen den Junker spielten, der von seinen Renten lebt. Andere,

die für ihre ungebrochene Kraft eine Beschäftigung, für ihre leere Zeit

eine Ausfüllung brauchten, griffen zu den seltsamsten Hilfsmitteln. Der

eine vergrub sich in heraldische Studien, ein zweiter sammelte

Briefmarken, ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken dem

Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus auf und hatte täglich

andere Geistererscheinungen. Aus Langerweile ließ ich mich mit diesem

seltsamen Kauz, einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste

Erscheinung mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher

erinnerte, oftmals in Gespräche ein und amüsierte mich im stillen

darüber, auf welch vertrautem Fuß er mit dem lieben Gott stand, und wie

glühend er zu gleicher Zeit die Kirche und ihre Diener haßte. Dankbar

für mein vermeintliches Interesse brachte er mir täglich andere Bücher

und Broschüren und lief geduldig die Lästerallee mit mir auf und ab,

wenn ich es in der von Ärger und Mißgunst geschwängerten Atmosphäre

unserer Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.

So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle zur anderen,

als der Oberst plötzlich stehen blieb.

»Wie gehts dir, Vetter?« hörte ich ihn sagen; mein Blick fiel durch den

Schwarm Vorübergehender hindurch auf ein schmales Gesicht, von dichtem

braunem Bart umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen

herausleuchteten, wie von großer innerer Freude erhellt. »Gut -- sehr

gut,« antwortete eine Stimme, die wie ein voller Geigenton klang. Welch

glücklicher Mensch muß das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem

Augenblick schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, -- ich

sah einen Rollstuhl, -- eine dunkle Pelzdecke, -- zwei ganz schmale,

weiße Hände, deren blaues Geäder wie mit einem feinen Pinsel gezogen

war, -- einen schmächtigen Oberkörper -- -- unmöglich! -- das konnte

doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! Aber schon

richteten sie sich auf mich -- verwirrt sah ich zu Boden. »Entschuldigen

Sie ...« sagte mein Begleiter im Weitergehen. »Wer war das?« frug ich

hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.

»Professor von Glyzcinski -- mein Vetter,« lautete die lakonische

Antwort.

»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein rasch entstandener Wunsch

formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.

»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung über seine

Lippen.

Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir

zitternd über den Rücken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch stärker.

»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an:

»Aber die Verantwortung tragen Sie allein!«

Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein von Kleve möchte dich

kennen lernen, Georg, -- sie ist Schriftstellerin.«

Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. »Dann freue

ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« sagte er, und seine Hand umfaßte

die meine mit einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut

hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft.«

»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« meinte ich

zweifelnd.

»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien ihnen offen stehen, wie

den Männern!« Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich

bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische

Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz

geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die

Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine

Ansicht. Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten Töchtern

ging gerade vorüber.

»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit Jahren hier auf den

Heiratsmarkt geführt werden, vielleicht würdigere Vertreter der

Weiblichkeit?« sagte er, »die russische Studentin ziehe ich ihnen

jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, -- sie selbst würde keinenfalls

mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und

ist tausendmal reicher als jene.« Er schwieg, aber da ich nicht

antwortete -- das was er sagte war mir in seiner einfachen

Selbstverständlichkeit doppelt überraschend --, fuhr er nach einer Pause

fort: »Stellen Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, -- wie unglücklich

müßte sie sich fühlen, weil sie nicht nur von vielen Freuden des Lebens

ausgeschlossen, sondern vor allem, weil sie nutzlos, weil sie

überflüssig ist. Ich aber bin vollkommen glücklich!«

Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurück, legte die Hände

übereinander auf die schwarze Pelzdecke und sah mit einem Ausdruck der

Verklärung über die Menschen hinweg in die gelben tanzenden Blätter, in

die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich

war keines Wortes mächtig und dankbar, daß die Eltern, die mich suchten,

mich jeder Antwort überhoben.

Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht erwarten konnte, die,

als es immer herbstlicher wurde, und kälter und trüber, oft allein den

gewohnten Weg ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten den

Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand mich auf steile Höhen

mit endlosen Fernsichten und in dunkle Tiefen voll überquellender

Schätze führte. Ohne daß er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl

seiner Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht, und wo sie

wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zerrissene Telegraphendrähte,

knüpfte er sie wieder vorsichtig zusammen. Er brachte mir Bücher,

Zeitungen und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach Hause

kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu trennen und zu meiner Arbeit

zurückzukehren. Ich hatte mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu

vollenden und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erfüllt, mich auf

eigene Füße zu stellen.

Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit wieder wertvoll

zu machen. »Wie viele große, gute und gefährlich umstürzlerische Ideen

können Sie einschmuggeln, wenn Sie nur Ihren Goethe tüchtig ausnutzen,«

meinte er, »und die vielen kleinen Flämmchen, die Sie entzünden,

schlagen schließlich zu einer großen Flamme zusammen.«

Daß diese Arbeit nicht die meine bleiben dürfe, -- davon war er freilich

auch überzeugt, doch er lachte mich aus, -- mit einem hellen frohen

Gelächter, das von Spott nichts weiß --, als ich sagte, für mich gebe es

nichts zu tun. »Die Fülle der Aufgaben müßte Sie vielmehr erdrücken,

wenn Sie nicht so stark wären, alle auf sich zu nehmen,« versicherte er

mir.

Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der amerikanischen

und englischen Frauenbewegung. Ihre Ideen erschienen mir nur als die

notwendige Konferenz meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich

gelitten, die Unmöglichkeit, meine geistigen Fähigkeiten auszubilden und

zu betätigen, hatte mich fast erdrückt. Ich las Condorcet und John

Stuart Mill und lernte die Heldenkämpfe der Amerikanerinnen um die

Befreiung der Sklaven kennen. »Sie alle haben ein Recht, sich den

Männern gleich zu stellen,« sagte ich zum Professor, »denn wie sie

opferten diese Frauen Gut und Blut für die Freiheit. Aber wir?!«

»Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim Mann nicht die

Konsequenz heroischer Taten!« antwortete er. »Und wenn sie überhaupt an

irgend eine Bedingung geknüpft wäre, so würde mir nur eine gerecht

erscheinen: das Maß des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte die

weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner Leiden zu

beseitigen. Meinen Sie nicht, daß die Frauen in diesem Fall in erster

Linie stünden?!«

Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte ihm nur zustimmen.

Am nächsten Tage brachte er mir ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue

Striche an den Rändern zeugten von der sorgfältigen Lektüre. Aber als

ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: »Die Volkstribüne,

Sozialistische Wochenschrift« stand als Titel groß darüber. Jetzt zuckte

es doch wie ein ganz leiser Spott um die Lippen des Professors:

»Also auch Sie fürchten sich vor den Sozis!« meinte er lächelnd. »Lesen

Sie nur dies Blatt, -- ich habe mehr daraus gelernt, als aus manch

dickleibigem Buch gelehrter Kollegen!«

Und ich nahm mir die Blätter mit und las sie und war so vertieft, daß

ich erst merkte, wie spät es war, als mein Vater draußen die Entreetür

aufschloß. Er kam aus Brandenburg zurück, wo er an dem Jubiläumsfest

seines alten Regiments teilgenommen hatte.

»Wie, du bist noch auf?« rief er. »Da kann ich dir ja noch Egidys Grüße

bestellen!« Damit trat er ein. »Ich wußte gar nicht, daß er

Fünfunddreißiger gewesen ist, ehe er zur Kavallerie ging. Übrigens ein

famoser Kerl, tapfer und ehrlich. Und, -- stell dir vor! -- die

Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken, daß ich ihm um so

deutlicher meine Anerkennung für seine Überzeugungstreue aussprach. Er

wäre mir beinahe um den Hals gefallen vor Dankbarkeit.«

In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die »Volkstribüne«, die offen

vor mir lag. Die Ader schwoll ihm auf der Stirn, und blaurot färbten

sich seine Züge. »Was für ein Schuft hat dir diese Zeitung in die Hände

geschmuggelt?« schrie er, »vor meine Pistole mit dem infamen Patron!«

»Ich habe sie mir gekauft,« log ich, »man muß auch seine Gegner aus

ihren eigenen Schriften kennen lernen.«

Mein Vater nahm wütend die Blätter vom Tisch und zerriß sie. »Bring mir

solche Schweinereien nicht wieder ins Haus!« drohte er mit erhobener

Faust. »Von Leuten, die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und

den Fürstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen Fetzen Papier in

Händen haben!« Und wütend warf er die Tür ins Schloß.

Am nächsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den Zylinder in der Hand, in

militärisch strammer Haltung wie zu einer dienstlichen Meldung stand er

vor meinem Vater.

»Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg erwiesen, rechne ich

zu den höchsten Empfindungen inneren Glücks, die mich bisher in meinem

Leben beseelten. Euer Exzellenz Worte sind -- ich sage nichts, als was

ich fühle, -- die größten, die an mich heranklangen, seit ich tat, was

mir Pflicht schien.« Scharf und bestimmt sprach er, und dann erst wandte

er sich zu meiner Mutter und mir.

»Darf ich Ihnen meine Töchter bringen?« frug er mich. »Es sind brave

Kinder, die alles tapfer mit mir getragen haben und doch wehmütig

empfinden, wie sie aus ihrer Bahn gerissen wurden.« Ich reichte ihm die

Hand.

»Selbstverständlich, Herr von Egidy! Was ich den Ihren sein kann, will

ich mit Freuden sein,« antwortete ich.

»Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern auch auf Ihre

Mitarbeit rechnen?« Er streckte mir noch einmal die Hand entgegen.

Ich legte die meine zögernd hinein: »Auf meine Freundschaft, ja! Meine

Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch nicht versprechen!«

Sein Blick verfinsterte sich. »Ihr Herr Vater ehrt die

Überzeugungstreue ...« sagte er mit Betonung.

»Und ich werde meiner Überzeugung zu folgen wissen!« entgegnete ich

gereizt.

Am Nachmittag erzählte ich dem Professor von Egidy und meinen

Beziehungen zu ihm. Ich war noch verärgert, und mein Urteil über die

Halbheit, die ihn zwang, an dem Namen »Christentum« festzuhalten, mochte

nicht gerade milde klingen. Der Professor schüttelte den Kopf, -- ein

deutliches Zeichen seines Mißfallens. »Sie verlangen wirklich ein

bißchen viel, gnädiges Fräulein! Ist es nicht schon einzig und unerhört

und höchst erfreulich, daß ein Mann, wie er, in dieser Weise den Kampf

gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? -- Zahllose Menschen, die

für die Worte ausgesprochener Freidenker nur taube Ohren haben, werden

ihn hören, und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann nicht

ihr letzter sein!«

Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm Recht. Hatte unser

Gespräch sich bisher wesentlich um die Frauenfrage gedreht, so kamen wir

heute zum erstenmal auf religiöse Fragen zu sprechen. Ich erzählte ihm

von meiner Entwicklung. Er hörte mit sichtlichem Interesse zu und sprach

mir dann von der seinen.

»Religiöse Gewissenskämpfe sind mir fremd geblieben,« begann er. »Bis

ich in die Schule kam, wußte ich nichts von Religion. Als meine Mutter

mich zu meinem Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom

lieben Heiland wüßte, gab ich erstaunt zur Antwort, daß ich von dem Land

noch nie etwas gehört hätte. Der Schulreligionsunterricht bestand dann

eigentlich nur im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso

gedankenlos absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder grammatische

Regeln. Was dem Gemüt vieler Kinder die Religion bieten mag, das bot mir

die Natur; und da ich von klein an schwächlich war und meinen

Altersgenossen und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern blieb,

unterstützten meine Eltern meine Passionen. Mein Zimmer war immer ein

wahres Aquarium, und das Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen

Wundern lernte ich mit steigendem Entzücken zuerst aus eigenen

Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein paar Vögel und ein

Blumenfenster,« -- er lächelte wehmütig, »seit meine Mutter im vorigen

Jahre starb und ich bewegungslos bin, würde doch keiner für meinen

Privat-Zoo sorgen können!« Mit der ihm charakteristischen Gebärde reckte

er den Oberkörper, als wollte er eine peinliche Erinnerung energisch

abstoßen -- »und allmählich sind mir denn doch die Menschen

interessanter geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil es

das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem Lebensberuf machen kann.

Aber meine unglückliche Liebe zu den Naturwissenschaften ist doch gleich

in meiner Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich die

philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie

behandelte. -- Sie müssens mal lesen, gnädiges Fräulein, -- ich habe

noch heute meine Freude dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich

zwischen den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. -- Ich

wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten Frau -- schade,

daß Sie sie nicht mehr kannten! --, die mit dem lieben Gott auf

besonders gespanntem Fuße stand, weil er ihren Jungen zum Krüppel hatte

werden lassen. Und ein bißchen mag das auch bei mir dazu beigetragen

haben, an seiner Existenz allmählich zu zweifeln. Bei näherem Nachdenken

konnte ich die geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen,

die nötig sind, wenn man das unverschuldete Elend in der Welt, wenn man

Unrecht und Verbrechen mit dem allgütigen und allmächtigen Himmelsvater

in Einklang bringen will. Wäre er, so müßte er entweder ein herzloses

Scheusal oder das unglückseligste aller Wesen sein, das gezwungen ist,

untätig zuzusehen, wie seine Geschöpfe sich zerfleischen!« Die Stimme

des Professors hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer

zarter Körper schien von starker Energie gespannt.

»Und doch sind Sie ein glücklicher Mensch geworden!« sagte ich mehr zu

mir selbst als zu ihm.

»Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und meinen vielen lieben

Freunden zu verdanken.«

»Ihren Freunden?!«

»Denen, die immer um mich sind und nur reden, wenn ich sie brauche: den

Büchern. Darwins Entwicklungsgesetz war es, das mich zuerst mit einem

unbeschreiblichen, unzerstörbaren Glücksgefühl erfüllte, denn es

festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und intellektuelle

Vervollkommnungsfähigkeit der Menschennatur, und er trat an die Stelle

des Glaubens an einen unbeweisbaren Gott.«

Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfaßte unwillkürlich mit meiner

heißen Hand seine kühlen Finger: »Ich danke Ihnen -- danke Ihnen

tausendmal,« kam es vor Erregung bebend über meine Lippen, »so bin ich

doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und fühlte, und was mir

fast schon zu entschwinden drohte. Einmal, in einer glücklichen Stunde,

schrieb ichs auf, -- darf ich es Ihnen bringen?«

»Ich bitte Sie darum!« Ein warmer Blick traf mich, -- er schien mich

ganz und gar zu umfassen. »Sollte ich doch am Ende wieder an den lieben

Gott glauben müssen -- der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt

hat?!«

Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater war merkmürdig kurz

angebunden. »Du wirst deinen Verkehr mit dem Professor beschränken

müssen,« sagte er auf dem Nachhausewege, »Walter sagte mir, daß er im

Rufe steht, einer der gefährlichen Kathedersozialisten zu sein.« --

»Daß er Gott verleugnet, hat er neulich mit zynischer Frivolität selbst

zugestanden,« fügte Mama mit hochrotem Gesicht hinzu.

»Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol, sondern ein Beweis

derselben tapferen Überzeugungstreue, die Ihr an Egidy zu rühmen

pflegt,« antwortete ich.

»Ein Atheist ist ein Verbrecher,« stieß Mama aufgeregt hervor; dann

schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen Gefühl, auf der Straße keine

Szene provozieren zu wollen.

Als am nächsten Tage der Herbst mit Sturm und Regen durch die Straßen

fegte und die Bäume arm und kahl zurückließ, die eben noch im Glanz

ihres bunten Kleides geprangt hatten, atmete Mama förmlich erleichtert

auf: »Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!«

Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und mein kleines schwarzes

Buch und verließ das Haus zur gewöhnlichen Stunde.

Über den öden Wittenbergplatz führte mein Weg an einer Reihe von

Neubauten vorbei, aus denen ein feuchter Kellergeruch mir

entgegenströmte, der mich frösteln machte. Die Kleiststraße ging ich

entlang, deren neue Häuser, wie lauter Parvenüs, sich durch überladenen

Schmuck gegenseitig zu überbieten suchten, und bog dann in die stille

dunkle Nettelbeckstraße ein. Schüchterne Sonnenstrahlen, die gerade die

Wolken durchbrachen, trafen nur noch die Dächer der Häuser. In eins

davon trat ich.

»Professor von Glyzcinski?« Die Portierfrau musterte mich von oben bis

unten. »Gartenhaus -- parterre!« Der Hof war noch enger und lichtloser

als bei uns, und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein Klingeln

öffnete der Diener. Im Flur konnte ich die Hand nicht vor Augen sehen.

Im nächsten Moment aber schloß ich sie geblendet. Aus der Tür, durch die

ich ins Zimmer trat, strömte ein Meer von rotgoldenem Licht.

»Willkommen, mein liebes, gnädiges Fräulein!« hörte ich des Professors

weiche Stimme sagen.

Und nun erst sah ich ihn: am Fenster saß er, das dicht von wildem Wein

umsponnen, den Blick in lauter Gärten schweifen ließ. Auf die Bücher und

Papiere, die den Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter

runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand gegenüber die

vielen, schön aneinander gereihten Bücher. Zwei Vögel mit

buntschillernden Flügeln flatterten, durch meinen Eintritt

aufgescheucht, durch den Raum und ließen langgezogene Flötentöne hören.

Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch deutete einladend die

weiße Hand Glyzcinskis, der mir mit seinen Kinderaugen und dem

wesenlosen, unter Decken verborgenen Körper wie ein Zauberer inmitten

seines Märchenreichs erschien. Flüchtig tauchte mein dunkles Zimmer vor

meinem inneren Auge auf, -- hatte meine Sehnsucht nicht dieses

Märchenreich längst gesucht?

»Wissen Sie, daß ich Sie mit Bestimmtheit erwartet habe?!« sagte er,

»darum gibt es auch heute Kuchen zum Kaffee, wie an einem Festtag!« Er

versuchte von dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte

mich zu bedienen. »Das ist Frauensache!« lachte ich und nahm ihm die

Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde saßen wir beieinander.

Und dann las ich ihm »Wider die Lüge« vor.

»Daß Sie mir nichts Gewöhnliches bringen würden, wußte ich,« bemerkte er

langsam nach einer kurzen Pause, die mich schon ganz ängstlich gemacht

hatte. »Von keinem meiner Studenten dürfte ich so viel Geist und Kraft

und Selbständigkeit erwarten ... Ich habe lange über Sie nachgedacht,

aber das Resultat dieses Nachdenkens hätte ich noch für mich behalten,

wenn Sie mir nicht diesen Einblick in Ihr Geistesleben gewährt haben

würden. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, dessen

selbstsüchtige Beweggründe mein Gewissen freilich arg belasten: Sie

haben keinen Bruder, ich keine Schwester, -- lassen Sie mich Ihren

Bruder sein, und gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer

anzunehmen. All die guten Freunde drüben --« er zeigte auf den

Bücherschrank -- »will ich Ihnen vorstellen; Sie werden rasch nachholen,

was Ihnen an philosophischen Kenntnissen fehlt, -- und dann -- --,« er

stockte.

»Dann?!« frug ich gespannt.

»Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere Ideen unter die Massen

tragen.«

»Werde ich es können -- -- dürfen?! Meine Eltern sind schon jetzt....«

Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um seine Mundwinkel. »Wer

den Pflug anfaßt und siehet zurück, der ist unserer Sache nicht

wert ...«

»So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, -- ich glaube freilich schon von

vorn herein, daß es auch die meine sein wird!«

»Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben noch gar kein Recht

haben! Das ist die Lehre der neuen Tugend, der intellektuellen

Redlichkeit! -- nehmen Sie die Bücher dort mit dem dunkelblauen Rücken,

-- lesen Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was Sie darüber

und was Sie über meinen Vorschlag denken.«

Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen stillen Raum zu

verlassen, der von dem hellen Geist starker Freudigkeit erfüllt schien,

wie von der glänzenden Oktobersonne.

»Haben Sie Dank, vielen Dank,« sagte ich noch und wandte mich zum Gehen.

Ich stand schon an der Tür, als ich noch einmal seine Stimme hörte:

»Nicht wahr -- Sie kommen bald, recht bald -- -- morgen schon?« Ich

nickte. Und dann verschlang mich der dunkle Flur, der finstere Hof, die

kühle Straße.

»Woher kommst du?« Mit dieser von einem mißtrauischen Blick begleiteten

Frage, empfing mich zu Hause mein Vater. Sie saßen alle drei beim

Abendessen. Ich hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge --

aber plötzlich wurde mir klar, daß jede verlogene Heimlichkeit mein

Erlebnis beschmutzen würde.

»Von Herrn Professor von Glyzcinski ...« Mein Vater hieb mit der Faust

auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Unerhört!« rief er »und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen, nachdem

du meine Meinung über diesen Verkehr erst gestern deutlich genug gehört

hast?! -- Und rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten Mann in

die Wohnung?! -- Willst du mich denn durchaus ins Grab bringen, mit all

der Schande, die du mir machst?« Er lief aufgeregt im Zimmer umher,

während helle Schweißtropfen auf seiner Stirne standen.

Ich zwang mich zur Ruhe: »Du weißt wohl nicht, was du sagst, Papa! Herr

von Glyzcinski ist ein Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand

mißdeuten!«

Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte, steigerte sich nur

noch mehr. Ich versuchte das Zimmer zu verlassen, während Mama und

Klein-Ilschen, vor Schrecken stumm, sich nicht zu rühren wagten.

»Du bleibst!« schrie mein Vater und packte mein Handgelenk. »Versprich

mir, daß dieser Besuch der erste und der letzte war, und ich will ihn

vergessen!« Und gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck

liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte sich zusammen:

Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne bieten, -- aber der Liebe?! Ich

schloß eine Sekunde lang die Augen: Wer den Pflug anfaßt ...!

»Ich kann dir diesen Wunsch nicht erfüllen, Papa!« Mit weit

aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann brach der Sturm von neuem

los. Auch meine Mutter mischte sich hinein, -- von den teuflischen

Verführungskünsten des Gottesleugners hörte ich sie etwas sagen, auch

von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen, meinen für das

nächste Frühjahr beabsichtigten Besuch auf die allernächsten Tage

festzusetzen. An meinen Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie,

während meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen Ausbruch

der Leidenschaft, immer weicher wurde. »Wir sind an allem Schuld, wir

allein,« sagte er, »wir haben dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn

zu fordern ein Recht hast. Aber das soll anders -- ganz anders werden.

Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingehören. Und du wirst nun auch

mein gutes Kind sein und gehorchen!«

»Nein, Papa! -- Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt. Wäre ich Euer Sohn,

statt Eure Tochter, ihr würdet es selbstverständlich finden, wenn ich

meine eigenen Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin

außerstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Paßt Euch der Verkehr

nicht, der mir notwendig ist, wollt Ihr Euch nicht mit mir

identifizieren, -- so laßt mich in Frieden meiner Wege gehen, -- gebt

mir freiwillig die Freiheit!«

Meine Worte wirkten verblüffend. Die Eltern waren plötzlich ganz ruhig

geworden. Sie schienen auf das tiefste verletzt. »Daß wir über solchen

Wahnwitz mit dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten können,«

sagte Papa kalt. »Geh in dein Zimmer. Bis morgen früh dürftest du wohl

zur Vernunft gekommen sein.«

Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen, eher das Haus zu

verlassen, als auf meine Besuche bei Herrn von Glyzcinski zu verzichten.

Und die Eltern, die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter

und dem Eingehen auf ihre Wünsche zu wählen hatten, gaben mir nach. Eine

drückende Stimmung, wie geladen von Mißtrauen und Feindseligkeit, blieb

zurück. Nur Papa gab sich alle Mühe, meine Interessen auf andere Wege zu

leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen Egidys schien ihm sogar

erwünscht, um die Einflüsse von der anderen Seite zu paralysieren. Er

selbst hielt sich davon zurück. »Es widerstrebt mir, mich als

preußischer General in irgendeine öffentliche Bewegung zu mischen. Ich

bin Soldat, -- nichts weiter,« sagte er zu Egidy bei unserem

Gegenbesuch, der der erste und letzte war, den er bei ihm machte. Um so

häufiger geleitete mich meine Mutter in die Spenerstraße, zuerst mit

mißmutig aufeinander gepreßten Lippen, nur aus Pflichtgefühl, -- den

Standesgenossen gegenüber mußte doch die Form gewahrt werden, die einem

jungen Mädchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! --

Dann mit steigender persönlicher Neigung. Diese bunte Welt, die sich

jeden Dienstag Abend in dem gastfreien Hause zusammenfand, war eine

völlig neue für sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde

beschäftigte sie sich mit jedem Besucher, während bei mir das Interesse

an dem bloß Neuen und Fremdartigen um so mehr erlahmte, je

leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen suchte.

Eigenbrödler aller Art füllten die Salons der Familie Egidy, bis zu

solchen herab, deren armer enger Geist durch die unablässige

Beschäftigung mit einem einzigen Gedanken mehr und mehr in Verwirrung

geraten war. Da gab es Menschen, die von der Rückkehr zur Natur das Heil

der Welt erwarteten, barfuß gingen im Gewande des Nazareners, von

Körnern lebten, die sie in der Tasche trugen; andere mit fahlen,

asketischen Zügen, die mit der ganzen mühselig zurückgedämmten

Leidenschaftlichkeit ihres Inneren die Selbstvernichtung der Menschheit

predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische Anarchisten, die die

Freiheit ihrer eigenen kleinen Gelüste mit dem Schlagwort vom

schrankenlosen Ausleben der Persönlichkeit zu rechtfertigen suchten.

Studenten und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren

jugendlicher Überschwang in Egidy einen neuen Heiland verehrte, und

eine Menge ältliche Damen, die aus dem stillen Winkel ihres leeren

Lebens hervorgekrochen schienen wie Maulwürfe, die die Sonne suchen, und

mit dem Rest ihrer unterdrückten Gefühle verschwärmt zu Egidys Füßen

saßen; verschämte Arme, die hier nichts wollten als den reich gedeckten

Tisch, an dem sie einmal in der Woche satt werden konnten; mitten darin

Abenteurer aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen Mann

für ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen -- vereinzelt --

ernste aufrichtige Anhänger, junge Literaten und Theologen zumeist, die

sich vergebens bemühten, Egidy vor sich selbst zu schützen. Er hatte für

Alle Zeit, für jeden Herzenskummer, der ihm anvertraut wurde, ein

freundliches Interesse; und warnte man ihn vor diesem und jenem seiner

Gäste, der ein notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester

Überzeugung: »Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, daß er gewillt ist,

ein Anderer zu werden. Und ich sollte ihm mein Haus verschließen?«

Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, Männer und Frauen mit

berühmten Namen, die auf irgend einem reformbedürftigen Gebiet des

öffentlichen Lebens tätig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre

Seite zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer,

moderne Pädagogen und Frauenrechtlerinnen. Warteten sie nicht alle, die

ihre Kräfte in dramatischen Gesten oder in der Kleinarbeit winziger

Reförmchen erschöpften, ihrer selbst unbewußt, auf irgend ein

Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen und sie zu gemeinsamer

großer Leistung vereinigen würde? War Egidy der Mann, der es

aussprechen sollte?

Ich hatte inzwischen die Bücher Glyzcinskis gelesen: seine eigene

Moralphilosophie und die Schriften der Gründer und Leiter der Ethischen

Gesellschaften Amerikas und Englands. Sie vertraten die Einheit der

Moral gegenüber der Vielheit der Religionen, sie waren überzeugt, daß

alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen, sich, unabhängig von ihren

verschiedenartigen transzendenten Anschauungen, auf dem Boden allgemein

gültiger Ethik zu dem großen Werk sittlicher und sozialer Reform

vereinigen könnten. Über Gott und den Göttern stand für sie das

Absolute, die Moral; denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil

Gott es seinen Gläubigen zu tun befiehlt, er befiehlt es vielmehr, weil

es gut ist, also muß auch für die Gottgläubigen das Gute das

Allumfassende sein. Sie selbst stellten für das sittliche Handeln keine

Einzelvorschriften auf, sie erkannten vielmehr als dessen Richtschnur

und Prüfstein das größtmögliche Glück der größten Mehrzahl.

Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung: hier war das

erlösende Wort, das nicht nur all die auf Seitenwegen Umherirrenden

zusammen rufen und dem gemeinsamen Ziel entgegenführen würde, hier war

der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen lebendige Brunnen

tatkräftigen Wirkens hervorlocken könnte; hier breitete sich vor meinen

inneren Augen jungfräulicher Boden aus, den ich mit zu roden und zu

bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft in Deutschland zu

gründen, die das öffentliche Gewissen der Nation werden sollte, --

darauf richteten sich alle meine Gedanken.

Ich ging täglich zum Professor. Schon lange hegte er denselben Wunsch

wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit wegen, an die Möglichkeit

naher Erfüllung zu glauben.

»Hatte ich nicht recht,« sagte er einmal, »wenn ich meinte, ich müsse

eigentlich dem lieben Gott dankbar sein für die merkwürdige Begegnung

mit Ihnen? Durch Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erfüllung

gehen!«

Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten aus: Mitglieder der

verschiedensten religiösen und politischen Richtungen sollten den ersten

Aufruf zur Gründung der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck

sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem alle Menschen

ihre Gedanken freimütig über alle brennenden Fragen der Gegenwart

auszutauschen vermöchten, von dem aus gemeinsam geschaffene

Gesetzesvorschläge den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen

des öffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte. Niemand dürfe

um seines Glaubens oder seinen politischen Anschauungen wegen bekämpft

oder ausgeschlossen werden, es sei denn, daß er dadurch gegen das

Grundprinzip der Gesellschaft verstoße: das größte Glück der größten

Anzahl zu fördern.

Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins Stocken. »Wenn ichs mir

recht überlege,« sagte ich nachdenklich, »kann ein echter Christ sich

unserem Bunde nicht anschließen. Toleranz gegen Andersgläubige kann bei

denjenigen kaum erwartet werden, die überzeugt sind, daß ihr Glaube der

allein selig machende sei; und das größte Glück als Ziel unseres

Strebens aufstellen, ist vollends ganz und gar unchristlich.«

Glyzcinski lachte: »Sie haben einen hellen Kopf, liebe Freundin, darum

lassen Sie mich ihnen noch eins verraten. Niemand, der von Herzen an

einen lebendigen Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder dürfte

er zugeben, daß Gott selbst sich der Moral unterordnet?! Die Religion

als vager metaphysischer Glaube, als flüchtig berauschendes Genußmittel

schwacher Seelen kann innerhalb unserer Reihen Anhänger haben, nicht

aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, -- und damit wird ihr

Halt und Inhalt zugleich entzogen. Der Kaiser und die Junker haben von

ihrem Standpunkt aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die Religion

erhalten und die Schule der Kirche mit Haut und Haar ausliefern möchten:

nichts hindert die Verbreitung wahrer ethischer Kultur mehr als die

Religion. Die Dankbarkeit für alles, was wir haben und sind, körperlich

und geistig, wird in sentimentalen Gefühlen auf Gott gelenkt, statt daß

sie sich in Taten auslöst für die Menschheit, der wir in Wirklichkeit

alles verdanken. Aller Widerstand gegen das Böse, alle Kampfeslust gegen

das Unglück wird dadurch gelähmt, daß man den Menschen lehrt, sich

demütig vor Gottes Willen zu neigen, und ihnen den Glauben an die ewige

Seligkeit einflößt. Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft

zur Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus Elend und

Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn die Verantwortlichkeit für das

Leiden auf die Gottheit abgewälzt werden kann.«

»Ich verstehe Sie nicht, -- Sie scheinen gegen den eigenen Plan zu

sprechen, -- nach Ihnen müßte keine ethische, sondern eine atheistische

Gemeinschaft gegründet werden,« wandte ich ein.

»Sie irren, -- atheistische Pfaffen, die wir in diesem Fall züchten

würden, schaden unserer Sache mindestens ebenso viel wie kirchliche.

Ethik wollen wir verbreiten, und in dieser Ethik ruht die Kraft der

Wahrhaftigkeit, die allmählich alle alten Gespenster austreiben wird.

Für mich -- wir beide sprechen offen miteinander! -- ist die

Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, für Gerade und Krumme

ein gleichmäßig passendes moralisches Mäntelchen zuzuschneiden, sondern

im Dienst der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum

und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!«

Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten Gefahren hatte mich

erfaßt. Der Sozialismus! -- Männer mit niedrigen Stirnen und

schwieligen Fäusten sah ich, schwindsüchtige Frauen und Kinder mit

Greisengesichtern, ein Zug von Gestalten, haßerfüllt die Züge, die

Fäuste drohend erhoben wider alles, was unser Leben schön und reich

machte, eingehüllt in einen Geruch von Schweiß und Blut. Helfen wollte

ich ihnen, -- einen Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres Elends,

ich fürchtete nicht die Dornen, die mir die Hände zerreißen, die

fallenden Äste, die mich verwunden würden, -- aber mich ihrem Zuge

einreihen --, mich schauderte.

»Wie sind Sie blaß und still geworden!« hörte ich Glyzcinskis warme

Stimme. »Verzeihen Sie mir -- ich habe mich schon so daran gewöhnt, vor

Ihnen laut zu denken, daß mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch

erschrecken könnte!«

»Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, und ich bedarf ihrer

Verzeihung, -- nicht umgekehrt,« antwortete ich. »Sie müssen Geduld mit

mir haben, -- ich muß mich erst an die Neuheit des Gedankens gewöhnen.

Ich weiß ja auch im Grunde gar nichts vom Wesen des Sozialismus. Vieles,

was ich hörte, stimmte wohl mit meinen eigenen Ansichten überein, vieles

aber hat mich immer abgestoßen --.«

»Ich werde wieder meine stummen Freunde für mich sprechen lassen!« Und

Glyzcinski bezeichnete mir die Bücher und Broschüren, die ich aus seinem

Bücherschrank nehmen sollte. »Nur eins möchte ich Ihnen gleich heute

sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen Studiums bin ich zu meinen

ethischen Überzeugungen gelangt, auf demselben Wege habe ich erkannt,

daß die Entwicklung zum Sozialismus eine gesetzmäßige, unabänderliche

ist, gleichgültig, ob unser Gefühl sich dagegen sträubt oder nicht.

Nachdem ich das aber einmal erkannt habe, kann es für mich von meinem

ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl geben, als die, mich in den

Dienst der Entwicklung zu stellen und mit allen Kräften dahin zu wirken,

daß sie eine möglichst friedliche, das Glück der Menschen möglichst

wenig gefährdende sei. Andere denselben Weg der Erkenntnis zu führen,

den ich gegangen bin, -- das ist daher meine Aufgabe --, das ist die

Aufgabe, die die Ethischen Gesellschaften haben sollten.«

»Und Sie glauben, daß die Menschen sich dahin führen lassen werden?!«

Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden Ausdruck an, der

mich immer an gotische Heiligenbilder erinnerte.

»Ich glaube daran! Sonst müßte ich mich selbst für eine Ausnahme aller

Regel halten!«

Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch ein Gläubiger; bei ihm

soll das Einige Christentum vollenden, was der Professor von der

Ethischen Kultur erwartet.

Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei jedem Umschlagen einer

Seite erwartete ich das Gräßliche zu finden, das so vielen Menschen das

Recht gab, den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln zu

bekämpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte mich, und wenn ich

überrascht war, so nur über die Selbstverständlichkeit jeder Kritik am

Bestehenden und jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im

stillen vor Freude, wenn ich eigene, längst vertraute Ideen wiederfand;

und wo meine Gedanken nicht Schritt halten konnten, sagte mein Gefühl ja

und tausendmal ja. Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit

der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst,

Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle;

freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste,

der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens --: wie konnte irgend jemand,

der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der

Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!

Eugen Richters famose Broschüre, die ich im Sommer gelesen hatte, und

die Onkel Walter in Pirgallen gratis unter die Arbeiter verteilte, fiel

mir ein. Sollte der Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es

Lüge, nichts als Lüge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? Daß

der Professor mir irgend etwas vorenthalten haben konnte, war doch

unmöglich!

Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung und meine Zweifel

und Bedenken. Der erfurter Parteitag war eben geschlossen worden, das

neue Programm lag vor, und Glyzcinski erklärte es mir in allen seinen

Einzelheiten. Ich sah, daß die vielverlästerte und mir immer lächerlich

erschienene Forderung nach der Verteilung allen Besitzes in Wirklichkeit

nicht vorhanden war, daß nur der Grund und Boden, der seine privaten

Besitzer reich machte, ohne daß sie arbeiteten, und die

Produktionsmittel der Industrie, durch die ihre Eigentümer zu

Millionären wurden und ihre Arbeiter zu abhängigen Sklaven, in den

Besitz der Allgemeinheit übergehen sollten. Dabei konnten wir alle nur

gewinnen, -- wir vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren!

-- Warum sträubten wir uns dann?

»Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind die Gegner der

Sozialdemokratie, die Lüge ihre Waffe,« sagte der Professor, »und wir

sollten sie zu besiegen nicht imstande sein?!«

Die Zeit damals war geladen mit Elektrizität. Überall schien die alte

Erde von unterirdischen Donnern erschüttert, und hie und da klaffte ein

dunkelgähnender Abgrund, wo noch eben grüne Wiesen gelacht hatten.

Schmutzige Geldgeschichten in preußischen Ministerhotels,

Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung im Ausland;

Unterschlagungen von Kirchengeldern und wohltätigen Stiftungen durch

christliche, vom Hof protegierte Bankhäuser erschütterten das noch

vorhandene Vertrauen in die Unantastbarkeit preußischen Beamtentums und

christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von den Tiefen menschlichen

Elends und menschlicher Verworfenheit noch wenig wußte, dem riß der

Prozeß Heintze die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame

Enthüllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen wollten, zum

Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, das großen Umwälzungen

vorhergeht.

Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener fern blieb, als ich

gerade hier die erfolgreichste Propaganda für die Ideen der Ethischen

Kultur glaubte machen zu können, trat die durch die öffentlichen

Ereignisse hervorgerufene Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte kurze

Vorträge zu halten, in denen Tagesfragen stets berührt wurden; selten

nur begegnete ihm ein Widerspruch, fast immer konnte er der jubelnden

Zustimmung seiner Gäste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen,

halb herrischen Weise alle Fragen spielend löste. »Wir brauchen nur

Christen zu sein, ganz und gar Christen, und wir haben keine Rasse-,

keine Geschlechts- und keine sozialen Probleme mehr,« erklärte er, und

mit unerschütterlichem Optimismus hoffte er auf den Kaiser: »Nach einem

Führer unserer Bewegung, die das ganze Volk ohne Ausnahme umfassen wird,

braucht ein Land nicht zu suchen, dem Fürsten _geboren_ werden.« Ich war

fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern alles daran

setzte, die große Persönlichkeit dieses Mannes, die mir wie geschaffen

zu sein schien, Hunderttausende mit sich zu reißen, den Ideen der

Ethischen Bewegung zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und

setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.

»Wir wollen beide dasselbe,« sagte er einmal, »und auf diesen ernsten

Willen kommt es an.«

»Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken dieselben, so

haben Sie so wenig das Recht wie ich, sich für neuen Wein alter

Schläuche zu bedienen!« antwortete ich.

»Das Christentum -- mein Christentum Jesu ist aber nicht der alte

Schlauch, den die Kirche gemacht hat, mit der ich ganz und gar nichts zu

tun habe,« beharrte er.

»Ich will überhaupt nur, daß etwas wird,« schrieb er bald darauf: »Wir

wollen die Religion _leben_; setzen Sie für das Wort: Religion -- Ethik,

so ist's mir recht, aber für das Wort: leben sollen Sie mir kein anderes

setzen. -- Wir müssen das Christentum ernst nehmen; setzen Sie für

Christentum -- Ethik, so ist's mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich

mir nicht fortstreichen. Wir haben lange genug entwickelt, -- ich will

nun Entfaltung sehen. Wieder bloß reden, bloß predigen, bloß erziehen,

derweilen die Menschen weiter hungern und die Welt aus Laune einzelner

in Waffen starrt, -- nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustände zu

schaffen, die _verwirklichen_, was Sie predigen. Der Staat soll eine

große ethische Gesellschaft sein, jede Schule eine in Ihrem Sinne

ethische, in meinem Sinne religiöse Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie

mir: ich marschiere ganz auf realem Boden. Daß auch Fräulein von Kleve

-- traurig oder lächelnd? -- den Kopf schüttelt, tut mir furchtbar weh.

Entmutigen aber darf es mich nicht. Sie waren ja vor mir auf dem

Schlachtfelde, -- ich weiß das recht gut. Die Frage wird schließlich

einfach die sein: wer der Menschheit zumeist genützt haben wird, --

Ethische Gesellschaft oder Angewandtes Christentum. Sie beantwortet sich

allenfalls heute schon daraus: womit begründet jemand seine Ansprüche an

die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund ethischer Prinzipien --

'neuer Werte' -- fordert, oder indem er auf Grund des 'gerade von euch,

ihr Herren' gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von Nazareth

verlangt? ...«

»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, »aber ich sehe

nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustände

ablehnen, dieses Werden anders fördern können, als durch 'reden',

'erziehen', 'predigen', das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun

doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewiß zugeben, daß Reden --

'bloß reden' (!) -- eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann,

als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und

wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen

traurig -- niemals lächelnd! -- den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil

ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen

Bewegung größere sein würden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten.

Die ursprüngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen --

das zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer Forschung --, aber

das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im

Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr

Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, -- falls es überhaupt möglich

ist! --, als neue Werte unter neuem Namen in die Köpfe und Herzen zu

pflanzen ...«

Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit

größerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kämpften, blieben

fruchtlos. »Also -- ich reite allein!« schrieb mir Egidy in einem

Augenblick, wo wir, wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm

voneinander gegangen waren, »aber -- den Glauben dürfen, richtiger:

können Sie mir nicht rauben, daß Sie und ich im kleinsten Finger

dasselbe meinen; ich habe Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich

werde es Ihnen einmal sagen, -- nicht schreiben; ich habe ein ganz

klares Bewußtsein davon ...«

Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das Vergebliche meines

Bemühens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als

einen unserer künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt.

Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich

von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre Kräfte nicht länger an eine

verlorene Sache verschwenden,« meinte er dann. Aber ich konnte mich um

so weniger beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den beiden

Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.

Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf

Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vorträge hatten

große Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte

Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine

Anhänger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden

Dienstagabenden drängten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons

der Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher

verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich

mich auch näherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu

auseinander.

»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« sagte

lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und ständiger Gast des

Egidyschen Hauses, den ich um Aufklärung bat. »Bande!« -- stieß ich

zwischen den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, fürcht'

ich, mehr recht, als Sie ahnen,« -- des jungen Dichters Züge waren

ernst, fast traurig geworden -- »es ist ein Jammer, daß unser Freund

diese Umgebung hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte er nach

einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die fähig und würdig sind,

Träger seiner Ideen zu sein, und die -- vielleicht unbewußt -- nach

Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen

Künstler und Literaten.« Egidy begann zu reden und unterbrach unser

Gespräch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz

recht: die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor

Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. Unsere?! -- die der

Ethischen Bewegung natürlich!

»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe und Liberale

ihnen Beifall rauschen,« hörte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme,

»weil sie erklären, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den

religiösen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber muß es über mich

ergehen lassen, daß man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem

dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, daß ich jedem

Dogma zu Leibe gehe, -- aber mit offenem Visire, nicht so, daß man erst

gar nichts Böses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer

entpuppe, sondern: erst Ketzer -- dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch,

-- -- so sind noch nicht viele in die Schranken des öffentlichen Lebens

eingeritten ...« Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas

Unbestimmtes -- wars Ärger, wars Beschämung? -- ließ mich erröten ...

»Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen

Namen, der so alles in sich schließt, wie Religion. Hat man den Namen

bisher mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion

nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese

Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es

doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs

Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe

und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schnödester

Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht,

indem man das Banner fortwirft, und es der Menge überläßt, kopfscheu

auseinander zu rennen, sondern indem man es höher denn je erhebt und

mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie

richtig entrollt war -- in den Falten, die man unseren Blicken entzog,

steht ja ganz was anderes --, die ganze Menschheit soll dies Banner

stützen, und nicht die Kirche!«

Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für allemal jede

Beifallsäußerung streng verboten. Die Zunächststehenden sahen mich

erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf -- mir

wurde heiß und kalt --, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es dunkelte mir

vor den Augen, die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, -- wie sollt'

ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke

mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die

Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, -- meine Sache!

--, durfte ich feige schweigen?!

»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hieße: Hie

Christentum -- hie Ethik,« begann ich, die zitternden Hände krampfhaft

auf die Stuhllehne vor mir stützend, »während wir alle, deren gleiches

Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten

unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer

Aufgaben betonen sollten ...«

»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief eine krächzende

Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem

zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der

Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den größten Wert und

meinen, daß es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kämpfen, als

gegen die Kirche ...«

Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden

Strähnen über die Stirne hing, reckte die dürren Hände plötzlich hoch

empor und schrie gellend: »Sie verleumdet Egidy, -- duldet das nicht,

duldet das nicht!« Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und

stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke starr auf mich

gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich weiß, daß ich in diesem Moment, wo

die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.

»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der Menschen --« fast

mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos -- »nicht die Religion, die

im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine

allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir wurde,

angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier ums Herz. »Das größte

Glück der größten Anzahl -- diese sittliche Richtschnur kann von allen

anerkannt werden, ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden

braucht.«

»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« -- wie ein gut gezielter Pfeilschoß

flogen mir die Worte zu.

Ich sah auf Egidy -- noch rührte er sich nicht -- das Herz tat mir weh,

und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, daß er im Grunde in

seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte

den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy rühmte sich mit Recht,

daß er mit offenem Visir kämpfe, -- und wir und meine Freunde sind die

letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, indem

wir sie nicht antasten und über ihre Schranken hinweg den anderen die

Hände reichen ...«

Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen kaum unterdrückten

Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, stürzten mir die Worte

über die Lippen: »Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, --

nicht ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist

meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum

selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.«

»Alix!« -- meiner Mutter Stimme war's, -- in ein fassungsloses

Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu

kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, --

meine Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach

ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten

sich zu mühsamem Lächeln. An der Tür streckte er mir die Hand entgegen,

-- ich übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor

meinem Schlafzimmer ein leises »Gute Nacht« flüsterte, schien sie sich

des Geschehenen wieder zu erinnern.

»Du -- du wagst es, mir eine gute Nacht zu wünschen?!« kam es stoßweise

über ihre Lippen. »Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun

muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller Öffentlichkeit

unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die

Freiheit benutzt, die wir törichte, mehr als rücksichtsvolle Eltern dir

gewährten, hast dir von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des

duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schöner Dank

für all unsere Liebe -- -- Aber das schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt

du mehr über die Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern,

aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel vor ihre Türe.

Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich

mich bitter beklagte, daß er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen

seiner Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür nur eine

Antwort hätte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an

meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich

zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen müsse. In

aller Frühe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als

ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und

Frieden und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, --

sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten Händen an der

Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die

Augen angstvoll aufgerissen, die Züge leichenfahl. Und dann hielt er

meine Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange ich erzählte.

»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer wieder. »Aber es

mußte einmal so kommen, -- Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut

machen müssen, daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren

unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. »Dann erst werden

Sie leisten können, was Sie zu leisten berufen sind.«

Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein

Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch

seinen Körper. »Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber

ist,« fügte ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint es

freilich fast unmöglich, Sie zu missen, -- aber gehen Sie -- gehen Sie

nur! Wie könnt' ich verlangen, daß Sie mir ein Opfer bringen?!« ...

Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, -- ist nicht der Gedanke für

mich selbst beinahe unerträglich, ihn zu verlassen?! -- --

Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der Vorwurf, den Sie mir

machen, bekümmert mich sehr,« hieß es darin. »Ich habe nicht den

Eindruck gehabt, daß mein Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich

selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt es mir,

daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu

müssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll für

Sie, -- ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der

Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß Ihnen dies Wegbleiben

gar etwa so schwer nicht würde! Ich meine: andernfalls dürften Ihnen

Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr

müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger Dinge finden; dies

um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein

dürfen, sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So

wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu

keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; -- --

ganz abgesehen von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: 'oh reiß den

Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei -- wird sie auch wieder fest

-- ein Knoten bleibt dabei --' Wir werden uns aussprechen, -- ich bin in

wenigen Stunden bei Ihnen ...«

Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er

blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz

verändertem Ausdruck entgegen. »Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie,

»danke es diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal

verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«

Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von

ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude:

Ich erfuhr, daß er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann

kennen, wie es -- trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten -- wenige

geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden

und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 25 / 35 题