Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte
Anna völlig verändert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und überließ
mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen fürchtete ich mich vor
jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch
schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet
hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen,
hatte dieser natürlich in einer Weise dargestellt, die mich
kompromittieren sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern
wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Räubergeschichten
verbreitet, denen mein Vater zunächst Glauben schenkte. Und derselbe
Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich
jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglück zu
sein. »Daß ich, ein königstreuer Edelmann und Offizier, es erleben
mußte, daß meine Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken
sympathisiert!« schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich
in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich weit weniger als der
tiefe Schmerz über mein Schicksal, der in seinen späteren, ruhigeren
Briefen zum Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu
sehen, ehe ich sterbe --« dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter
Briefe dagegen mit ihrem: »ich habe es vorausgesehen«, -- »ich wußte,
daß du dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« -- »deine Romane
sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich.
Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung einer, wie mir Hans
mitteilte, so ungewöhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir
selbst zugefügt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst
wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...«
Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. Ich machte weite
Spaziergänge, auf denen mir der schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht
von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
nachzuspüren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es
Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war,
und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.
»Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut
es, er glättet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem
harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein
Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, verwirklichen. Anders der
Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will:
er fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps
darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste darauf. Aus
einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie
dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nähe schau sie nicht an und
hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst möchte sonst allzu
schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Künstler oder ein Handwerker
mich geschaffen? Habe ich die Nähe zu fürchten und das Wetter? Oder
stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur?« -- --
Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, -- kaum daß ich den nötigsten Schlaf
mir gönnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, über
dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten
Seiten lauteten:
»Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst.
Alle Schäden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken,
entspringen aus diesem Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen
von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die
Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lüge der Gegenwart. Wie ein
Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht
passen will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, diese
Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze,
gegen die wir uns innerlich empören, und triumphieren, wenn wir
schließlich selbst das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die
Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir damit den Himmel
erwerben.
»Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schüchtern und wild
flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem
Achselzucken, noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden
Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwört auf
den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder,
der ein neues Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist Wahrheit.
»Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der kein Steinchen sich
lockert? Eine unbedingt gültige für alle Zeiten, alle Kreaturen, alle
Welten?
»Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und
langsam, Schritt für Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und
raubt dem Glauben einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird
heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fällt zusammen
mit seiner Enthüllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine
Wahrheit nicht.
»Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir
werden zu Lügnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen
Wahrheiten der anderen greifen.
»Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den Ketten, in die
Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den
Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten,
frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das
ist Lüge und Sklaverei.
»Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen
Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein,
zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet
das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum
daß es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den
Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nüchternen. Es
stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste
Schüler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das
Gehörte zu eigen machen will. Darüber stirbt das 'Warum', das Gehirn
trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbständigen
Denkens, lebendiger Begeisterung für das Gute, Wahre und Schöne treten
Geschichtstabellen, Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen.
»Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt auf Abwege, Zweifeln
schafft Ketzer und Aufrührer.
»Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den man dir mundgerecht
vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner
Zähne!
»Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte
Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu
zweifeln Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, -- das
Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und
demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwählten verehren
soll, wird die Religion der Liebe gepredigt.
»Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rüttelst du nur mit
einem eigenen Gedanken daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. Bringe
deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der
Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lüge.
»Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es
wahr wäre. Bilden heißt den gegebenen Stoff zur höchsten
Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsäulen, aus Holz
Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins
die Täuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer über alles
mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten
bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der
Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser
Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mißtrauisch sollte stets
fertiges Urteil machen.
»Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belügt andere,
oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde
Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten
Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genießen,
was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische
sprudelnde Quell der Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des
Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden an Stelle
des Selbst-Seienden zum Götzen erhebt.
»Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue Wahrheit verkünden.
Welches ist sie?
»Die Wahrheit von den Kindern zunächst:
»Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch.
Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben
reich, den Menschen stark zu machen. Töte kein 'Warum', locke es
vielmehr hervor, wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe
hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, daß deine Wahrheit nicht
die des Kindes ist, daß du es lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst.
Märchenglaube ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm darum die
Mythen der Völker wie Märchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur,
von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm,
wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen
Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und
bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem
Gesetz der Natur.
»Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine
Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber störe das Kind
nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit
deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht
selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist
Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen
zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn
nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit.
Präge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines
Lebens eigene Regeln zu finden.
»Und seines Herzens eigene Religion.
»Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit
ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher
Märchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
zu erobernde.
»In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß strebt dem Meere zu,
der Baum wächst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwärts' ist
ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden
drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die
menschliche Torheit mühsam aufrichtete. Die Überzeugung von der
Unumstößlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist.
Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die
Geschichte der Völker und der Menschen erzählt, heraus erkennen, wenn es
unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann
bejahen, wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter fallen
müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß die Blüte sterben muß,
wenn die Frucht reifen soll.
»Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der Pietismus versichert: Die
Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück,
das über alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel
am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist:
Wachse! Werde! Soll es allein für die Religion nicht gelten?
»Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten,
Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst
kein Halt, keine Stütze wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende
an ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, oder daß Christus
einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende,
an die feurigen Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was
ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum
Ertragen, das ist nichts anderes als die Überzeugung von der
Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrückt: der
Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der Form des persönlichen
Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er
zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß
fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende.
»Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert
Jahren. Was die Apostel, einfache Männer des Volks, in orientalischer
Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt für
uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die göttliche
Geburt Christi? Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer
seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber,
die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor
und nach ihm, der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich
ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen
das größte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft
zur Sünde und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht zweifeln,
das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion
predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit
gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.
»Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, was deinem Denken
im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und
ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du
wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er
gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum,
statt Christi wundersame Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit
unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen glaubt,
den lehrt die Angst, daß die eigene Schuld von einem anderen gesühnt
werden könnte. Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine
Überzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine
Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist --
und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit
an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? --
»Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der neuen Wahrheit vom
Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung?
Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um höheren
Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.
Ȇber Tote geht alle Entwicklung.
»Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, und die Kräfte
des Geistes warten ihrer Ergänzung durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe
es keine Kraft, die an ihnen wächst und sich bewährt.
»Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen.
»Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn
überwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf,
grünt nicht heimlich unter Blutlachen und Tränen die junge Saat der
kommenden Menschen?
»Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung
kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck,
der den Mechanismus anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil
der motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein Tröpflein
Öls, ein winziges Zähnchen.
»Das ist die neue Wahrheit vom Leben.«
* * * * *
Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, das mich
unüberwindlich machte. Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und
wanderte mit frischen Kräften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend,
die starke, würzige, -- den echten Jugendborn für Geist und Körper.
Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines Vaters Wunsch Folge
zu leisten und zum Kaisermanöver nach Münster zurückkehren.
Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen
und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern
hingen Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, mit roten
und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge füllte die
Straßen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren,
goldgestickten Hauben, Männer mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf
denen dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen in glühendem
Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfüllt
von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschütze
klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen
Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertümlichen
Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in
roten, blauen, gelben und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren
seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß.
Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das auf dem
Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum
Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte größeren
Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die
kaiserlichen Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger
der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Fürsten
Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln,
Waffen aller Länder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen
waren die Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den Köpfen,
den Schultern, und den Armen all der schönen, rassigen Frauen
überstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen
füllten sich die Räume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Türe
erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman über dem kurzen,
linken Arm der Kaiser, in weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah
ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht war noch
finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte über die
herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, und das gleichmäßig
verbindliche Lächeln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell,
ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte
ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle überkam, hätte
vertreiben können.
Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir
abrückten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über
mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger
Wächter neben mir. Er war es auch, der mir zuflüsterte, noch ehe eine
»gute Freundin« mich schadenfroh davon unterrichten konnte, daß Syburg
sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der
erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. Unten, dicht vor der
Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des
Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lächelte, während
mir mit einem Gefühl des Triumphes durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer
im Saal so schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich.
So sollte es sein: nicht allmählich, wie die alternden Mauerblümchen,
wollte ich mich losreißen vom Jugendleben, -- auf der Höhe vielmehr
wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen
Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit verklärten Gesichtern
zurück, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie
nicht auch --?« meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich
lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in
Gefahr bringen!«
Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold
waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten
aus hohen Kristallkelchen, Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend
von der mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte sich in dem
weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden,
wurde von silbernen Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in
einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch konnte ich
hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf
gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und
wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von
Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe Späße, -- aber es war das
Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die
starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das
Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu führen.
Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte
Linke an dem kurzen Kinderarm.
Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts fuhren, und ein
Sommernachtsmärchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische
Glühwürmchen schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich,
allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die Spitzen der
Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und
Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Säulen, die hohen
Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts.
Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und
die Menge jubelte uns zu, wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern
und den Gärten tönte Gesang und Musik.
Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum,
das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der
Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh
es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen Chorknaben
verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwängerte Dunkel der
Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das
Volk allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und
bunten Spielen äußert.
Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage später die
Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie
eröffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten:
schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde
davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche,
stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges,
-- ein ruhig-ernster Abschluß des lebendigen Bildes.
Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die
Trompete hört, so spitzt es die Ohren, hebt den müden Kopf und versucht
mit den lahmen Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der die
Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft hält, die alten
Kriegsmärsche hört, so muß er an sich halten, um nicht mit zu
marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, --
all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu Pferde, im
silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden Küraß und die Sonne
spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen wehenden Fähnchen, den
rasselnden Säbel zur Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts
zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm höher, so fest ers auch
halten möchte.
Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor mir die Suite des
Kaisers, die fremdländischen Fürsten, er selbst, und an ihnen vorüber
ein glänzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder
Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen,
nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den
Lippen. Wecken jene Klänge verlorene Erinnerungen aus barbarischer
Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in
unseren Adern rollt? Oder ist es nicht bloß die Suggestion der Masse,
der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht in
dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Männer der Arbeit
wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewänder, das
ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?
Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes »Hurrah« mich
aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und
führte das Regiment seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane
Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine Ausübung
höfisch-militärischer Sitte war.
»Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte Fürst Limburg leise, der
neben mir stand. »Warum?« frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener
Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!«
Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Führung eines
Korps-Gendarmen ins Manövergelände. Mit trüben Gedanken, die der
regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und finster gefunden,
wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so
daß alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche
Kaisermanöver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehöft fanden wir Verdy,
den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog,
wie sein vernachlässigtes Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er,
mir die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres aussuchen
können, als diesem Manöver beizuwohnen.«
»Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« frug ich unruhig.
»Na, Sie sehen doch, -- es regnet,« wich er aus, »und dann -- all das
Hofgeschmeiß, über das man stolpert! Wissen Sie übrigens, -- Majestät
hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten
Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und
Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen militärische Leistungen mein
Vater zu verhöhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenüber!
Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom
Stabe meines Vaters. Er strahlte.
»Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von weitem entgegen. »Die
dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen
setzte. Natürlich kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde
glänzend abgewiesen.«
Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte.
Wir ritten so nah heran wie möglich.
Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es dicht vor uns: unter
tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division
stürmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ und
jenes Fieber gespannter Erregung auslöste, das den Hazardspieler packt,
wenn er die Elfenbeinkugel rollen sieht. Ich vergaß meine Unruhe -- den
Vater -- den peitschenden Regen --, meine Hand, die den Feldstecher vor
die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das Antlitz des Kaisers in
mein Gesichtsfeld: seine Augen glühten, und seine Lippen zuckten. Ich
begriff plötzlich seine Leidenschaft für solch ein Schauspiel.
Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rückte die
Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzählbaren Massen,
wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich
sah den Fuchs meines Vaters, -- da plötzlich ein Signal: Das Ganze
Halt!, und still stand der Kampf.
Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz
vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. »Was ist geschehen?«
frug ich verängstigt.
»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete er. »Auf die
Mitteilung, daß er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut
geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre
ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm
übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen hätte
zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden
wäre.«
Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück und erwarteten
dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefürchtet hatte, und erwog
mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst
kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.
Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen »Pflichten«
zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war für
diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr
befriedigen können. Nun konnte ich mich ungestört der Aufgabe widmen,
deren Erfüllung ein neues Leben einleiten sollte.
Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte,
enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemälde schaffen wollte, so
stark an Farben, so lebendig an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran
würde vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden
war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lücken in
meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel
unausfüllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der
Philosophie und der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste
Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos,
die Zukunft, wie ich sie erträumte, auf immer gefährdet. Oft saß ich bis
in die Nacht hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte
Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterkälte
erstarrten, huschte ich fröstelnd in mein Schlafzimmer.
Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß
ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du krank, Papachen?« frug
ich besorgt. Er lachte gequält: »Ich sollte es sein!« Als ich am
nächsten Morgen zum Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte neben ihm in die
Kniee und griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand. In dem
Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an
sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild
aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der nächsten Minute wieder
zurückzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weißen Bogen, aus einem
blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit
verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der Abschied bewilligt ...«
»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.
Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflösen. Mein Vater
vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Straße;
sein Gesicht färbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an
ihm vorüberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er zu, wenn meine
Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein
ruhiges Leben förmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich
schwerfällig und ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen
Wunsch, ließ alles geschehen.
Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel -- er merkte es nicht;
sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den
Pferdehändlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten und wir alle
versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er plötzlich auf den
Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert,
auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glänzte im
Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm
Percy, der weiße Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein
Vater die Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und
schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs verschwand im
Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig stehen, kniff den Schwanz,
sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz
langsam.