Fünfzehntes Kapitel

Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen die schweren Schneemassen

von den Bäumen und peitschte durch die Täler feuchtkalten, rieselnden

Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach rauschte die sonst so

bescheiden flüsternde Radau durch das Städtchen. Unter den kahlen,

schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es

hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des

Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank um die muffig riechenden

Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und

Gasthöfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder hatten

Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des vergangenen Sommers

verwischt.

Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig

Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen

Häuschen gegenüber ein Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter

finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum ewig grauen

Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete,

preßten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rücken, die

andere um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf.

Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf,

so bog er seitwärts in die Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig

spähend ein junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im Wind

wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie hätte

schließlich laufen müssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz

klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem

sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die

Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, den bunten Öldrucken

an der großblumigen Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück

auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, aß widerwillig

ein winziges Brötchen und sprang mit nervöser Hast auf, als nebenan

Stimmen laut wurden. »Schwester!« rief die eine halb verschlafen --

»Alix!« klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. Vor dem

kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen Löckchen wohlgefällig

über die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strümpfe und Schuhe

an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der

geschickten Hände ihrer Ältesten wartete.

»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten Kaffee,« sagte sie,

während sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer

Mutter fuhr, »und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch

lieber umziehen!«

»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer sind,« antwortete

die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben an Einschränkung gewöhnen.«

Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und müde, so saß seine

Älteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte

Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts

der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Kühle der

Mutter und einer Natur, die von der weißglänzenden Winterpracht und der

grünschimmernden Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte

selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen

atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch

versicherte einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.

Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül und schwer lasten sie

wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen können; und die Qualen

des anderen mit ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition

und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß sie gemeinsam

getragen werden müssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so

sehr sie auch auseinander verlangten.

Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die

Lampe. Aus den Schulbüchern der Schwester bereitete sie sich auf das

Pensum des nächsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,

und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets

der Arbeitskorb voll, geflickt mußte werden und genäht, -- niemand

durfte merken, daß die Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr

entsprachen. Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden

oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf

dem Rücken von dem kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann

aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen

zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzügen dicht

bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wußte, wieder und

wieder. Er lautete:

Pirgallen, 10. März 1890

»Mein geliebtes Enkelkind!

Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue

Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir

auferlegt, erfüllst, so daß ich Dich nun ganz besonders meiner

zärtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe

oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten von meiner Alix

reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Führung

Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für

Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll

entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, von Anfang an den Abschied

Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem

er selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen uns

solch äußerliche Begebenheiten. Daß es freilich eine harte Schule gerade

für Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem

Selbstbewußtsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, weiß ich nur zu

wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich bestehen zu

können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner

Zärtlichkeit hängt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen

werdet und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit findet, die

ihr entspricht.

Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer zu erfüllende

Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. Ich hoffe, Du wirst daran

den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als

Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese

Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen

werden. Es ist mir möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,

durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und

dergleichen, vor quälenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr

freuen, als daß ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu

unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine

Mutter hat es um so selbstverständlicher angenommen, als sie stets zu

dem Glauben berechtigt war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet

in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stören,

habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie

erfahren, daß Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im

Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches

übersteigen. Das wird für Deine Mutter nicht nur eine große Enttäuschung

sein, es wird auch Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch

an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen.

Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt

Deinen Einfluß dahin geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst

einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen zu

sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer

möglichen Heirat alle Rücksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewiß

einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden

und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von

meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, daß Du höhere Werte zu schätzen

und höheren Zielen zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück,

am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat

Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, daß Du auch außerhalb der

natürlichen weiblichen Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden

Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner

selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der

Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen

Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen der augsburger

Tante. Deine alte Großmutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand,

schwarz zu sehen, weiß aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist,

auf den wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen.

Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu

schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der

Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf

Deine eigenen Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich Deine

Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte ich Dich erinnern: an Frau

v. W., die ein schönes, gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen

ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als unheilbar

Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr allein die Erhaltung der

ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb

Romane und erwarb, was nötig war, um zu leben und ihre Kinder zu

erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren Eltern starben, als

ihre fünf Geschwister noch unmündige Kinder waren. Mit den Künsten,

durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von

da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und

gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt in den Auslagen großer Berliner

Geschäfte.

Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, daß Du mich recht

verstehst, und weiß zuversichtlich, daß ich im Vertrauen auf Dich ruhig

meine Augen werde schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als

Deine treue, sehr alte

Großmama.«

Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war

keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im

ersten Überschwang des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, was

sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine

Aufgabe gestürzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts

übrig als nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas

Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich ihre Erfüllung

aufzwangen, und ich konnte es, soweit die häuslichen Pflichten in

Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene

Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich gesehnt mein

Leben lang, -- nach Selbständigkeit und nach Freiheit --, aber das wars

ja gar nicht, was Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und was

ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht meiner Überzeugung leben,

mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie

meine Begabungen in blanke Münze umsetzen.

Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im

Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos für mich wurde

und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun

sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums

preisgeben, sollte für den Verkauf denken und träumen, wie man Spitzen

klöppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte

gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal öffentlich wider

die Lüge zu kämpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz

ziehen hieß es die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke an

»Verdienen« sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch

tiefer in den Hintergrund meines Herzens mußte ich das schwarze Büchlein

bannen, solange ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, wie

Frau v. W., Romane schreiben könnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem

Schaffen der Dichter erfüllte mich von je her. Als höhere Wesen

erschienen sie mir, Gott ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie

wurden geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch ein solches

zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen

erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden

nähen, oder Strümpfe stricken!

Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hüte

zu garnieren, -- doch: ein Fräulein von Kleve eine Schneiderin, eine

Putzmacherin -- unmöglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht

schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt,

-- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten ließ. Von nun an

benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift

Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.

»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich mit solchem Eifer

Dilettantenkünste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.«

-- »An Alix' Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,«

spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; eine heftige

Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein für Hamburgs Stille

ungewohnter Lärm auf der Straße uns alle ans Fenster trieb.

»Extrablatt -- Extrablatt!« Mein Schwesterchen stürmte die Treppe hinab,

-- endlich ein Ereignis in diesem einförmigen Leben! --, und mein Vater

ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit

seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.

»Bismarck ist entlassen --« atemlos rief er es uns von der Straße herauf

zu und stieg mit jugendlicher Elastizität die hohen Stufen wieder

hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf

der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen.

Erstaunt sah ich zu ihm auf.

»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. Nun verstand ich

ihn: ein Größerer war gefallen, von demselben Schützen getroffen, --

nicht mehr als der Gedemütigte stand er da, sondern als der Gefährte

dessen, der das Reich gegründet hatte und von des Reiches drittem

Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf,

wurde gesprächig wie früher, verfolgte mit steigendem Interesse die

politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen

Kurs« wurde eine immer schroffere.

»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit einer Bestimmtheit,

die jeden Widerspruch ausschloß. »Dort eröffnen sich mir alle

Möglichkeiten zu literarischer und politischer Tätigkeit.« Er begann für

die konservative Presse schärfster Observanz zu schreiben, die damals

der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.

Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater,

Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrückter,

ungestillter Hunger schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen.

Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde es mir

leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trübe

Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins

würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt

geistigen Lebens -- der für mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen

werden. Daß meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern

nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der Ursache nachzuspüren.

»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun

kann,« sagte er eines Tages mit gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!«

antwortete ich, ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug

ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.«

Er schüttelte bekümmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie

gut, dachte ich, daß seine Jüngste, Tischen mit dem Goldhaar, die

allzeit Fröhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne

lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in

trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle

Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bösen

Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren

Wirbeltänzen zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den

Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermüdlich

pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein

flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen

auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, --

aufgestört aus ihrer würdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige

Hände und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen am

Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich

still hinaus, -- ich wußte nur zu gut, daß mich niemand vermissen würde.

Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.

Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: »Mama im Sterben.

Walter«. Mir lähmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu,

wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom

Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die

liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer

packte, kam ich zu mir.

»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar Sachen aus dem Schrank

und aus der Kommode. »Du?!« Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf.

»Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle

-- und das ist zu kostspielig --, oder du mußt bei Haus und Ilse

bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung:

Plötzlich ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, der

mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode

rang; daß ich ihn verlieren sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne

in das kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein Leid, all

meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und

Verständnis von ihm zu empfangen.

»Ilse ist groß genug -- und Papa sorgt für sie -- besser als ich. Ich

bitte dich -- laß mich mit! --« rief ich verzweifelt.

»Du weißt, daß es unmöglich ist --« Mamas Stimme wurde scharf, »oder

hast du vielleicht das Geld für die Reise?«

Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten mir aus den Augen:

Großmama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --

Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor

ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.

Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich

mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner

Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein

Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer

und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen

Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrücktes Stöhnen -- ein

bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich

zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa

nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen

und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt

worden war.

Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden,

und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander.

Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns

flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu

Hause übergab sie mir ein großes Packet. »Ihren schriftlichen Nachlaß

hat Mamachen dir hinterlassen,« sagte sie, »du kannst damit machen, was

du willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute

Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch

wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber

ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein

heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. »Hinter meinem Rücken hast du

mein Erbteil verbraucht,« sagte Mama, »und daß auch meine Mutter mir

verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, -- das verbittert mir

noch die Erinnerung an die Tote ...«

»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa auf, »oder nicht

vielmehr für dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und für die Kinder

--«

»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, und dein ganzes

großspuriges Auftreten!« setzte sie heftig hinzu. »Warum hast du mich

behandelt wie ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir von

deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, weiß Gott, auch an

größere Einschränkung gewöhnt -- wie an so vieles andere!«

»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! --

Aber beruhige dich, liebe Ilse -- beruhige dich. Ich hatte zwar gerade

gehofft, daß wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben

miteinander führen würden, -- aber du erinnerst mich beizeiten daran,

daß ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....«

»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, -- sie täuschen mich über die

Tatsache nicht hinweg, daß es doch nur mein Geldbeutel war, den du --

angeblich in meinem Interesse! -- geleert hast.«

Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, -- statt dessen hörte ich,

wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.

»Ilschen -- sei doch nicht so grausam -- siehst du denn nicht, wie mich

die Selbstvorwürfe schon gemartert haben? -- Im Grunde hast du ja recht

-- ganz recht -- aber es war doch nur meine große Liebe zu dir -- die

stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen

ließ, die immer wieder -- in jeder Form -- um deine Gunst werben mußte,

-- ich würde auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie

gehabt hätte...«

Das konnt ich nicht mehr mit anhören, -- wie gejagt lief ich in den

Garten hinunter.

Und böse war die Zeit, die folgte: der Vater in der gedrücktesten

Stimmung, jeder Blick, den er auf seine Frau warf, ein Betteln um Liebe,

während sie kaum die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit

peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit predigte, -- das

Schwesterchen dazwischen, das sich um so leidenschaftlicher an mich

anklammerte, je unheimlicher es ihm bei den Eltern zumute wurde, -- und

schließlich ich selbst, müde und herzenswund, und dabei krampfhaft

bemüht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad zugleich zu sein und dem

Vater Frohsinn vorzutäuschen, um ihn zu erheitern.

Draußen glühte und glänzte der Sommer. Ein einziger grüner Dom war der

Wald, die grauen Stämme der Buchen seine gewaltigen Säulen, der Duft der

Tannen sein würziger Weihrauch. Und doch floh ich vergebens hinaus, um

hier zu finden, was ich einst im Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und

Weihe. Menschenmassen überfluteten jetzt Berge und Täler; ihre niedrigen

Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den Frieden und die

Andacht aus den Wäldern. Und die Natur hatte sich ihnen allmählich

angepaßt: mit ihren geebneten Parkwegen, ihren umzäunten Rasenflächen

und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein Salon im Freien.

Alte Freunde aus Münster, die zur Reitschule nach Hannover kommandiert

worden waren, besuchten uns um diese Zeit, und ihr Entsetzen über mein

Aussehen machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.

»Was fehlt dir bloß?« rief mein Vater besorgt.

»Ein bißchen Leben, Exzellenz,« schnitt Rittmeister von Behr mir die

Antwort ab. »Bäume, Berge und Wasserfälle sind keine rechte Gesellschaft

für Ihr Fräulein Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; hat sie

mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und ein paar Gäule kaput

geritten, dann wird das Blut ihr schon wieder in die Wangen schießen.«

Ich lehnte die Einladung ab: »Wir sind in tiefer Trauer, Herr von Behr,

und mein schwarzes Kleid paßt kaum in Ihre Gesellschaft.« Als wir allein

waren, sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zögern: »Wenn das

schwarze Kleid allein dich zurückhält, so kannst du es ruhig mit einem

weißen vertauschen. Hier ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie

den Wunsch ausspricht, daß ihre Enkel keine Trauer anlegen sollen.« --

»Und das sagst du mir jetzt erst?!« entfuhr es mir, -- hatte ich es doch

die ganze Zeit über wie eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer

um sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. Meine

Mutter verstand mich falsch.

»Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig Herz hast,« meinte sie

gekränkt, »dann wirf nur den Krepp beiseite und geh deinem Vergnügen

nach.«

In der nächsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, aber bei meiner

Weigerung Herrn von Behrs Einladung gegenüber blieb ich. Erst Papas

Bitten, seinen Vorwürfen und seinen sorgenvollen Blicken, die ich stets

auf mir ruhen fühlte, gab ich schließlich nach.

Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener Zeit Leiter der

Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere hatte gerade eine große

Zahl der besten Reiter nach Hannover geführt. Kraft und Kühnheit,

Lebenslust und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmühle des

Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie entfernt, die mehr als

alles andere an die schmerzvolle Würde des Alterns erinnerte, feierten

all diese reifen Männer ein stürmisches Wiedersehen mit der Jugend. Sie

tranken und spielten die Nächte durch und saßen beim Morgengrauen wieder

im Sattel; sie fanden sich strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen

Haare spottend, zur üppigen Mittagstafel ein und tanzten abends

ausdauernder als die jüngsten Leutnants. Ich war das einzige junge

Mädchen in diesem Kreis, und der Verkehr inmitten dieser bunten

Gesellschaft, die die Kavallerie ganz Deutschlands vertrat, war um so

ungezwungener, als der Gedanke, der sich sonst störend und trennend

zwischen die männliche und die weibliche Jugend schiebt, -- »Kann er

mich heiraten?« -- »Ist sie eine Partie?« -- hier nicht aufkam, wo jeder

Mann -- wenigstens solange er in unserer Gesellschaft war -- den

Trauring am Finger trug.

Ah, wie gut tat es doch, wieder fröhlich zu sein! Zu vergessen -- im

Lebensrausch der Stunde!

Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar -- »Herr von

Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, -- und ich hatte die gedrungene

Gestalt mit dem runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt fielen

mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die mich mit einem so

reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet

war. Wir kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein Inhalt

wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken

hinter seiner breiten Stirn als die über Schwadronsexerzieren und

Jagdreiten. Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen des

Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war

doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.

»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« sagte Egidy. »Wir

nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«

Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und

Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein

schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung

Lügen strafte.

»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er fort »und der

Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. -- Verzeihen Sie, gnädiges

Fräulein -- ich vergaß -- das ist kaum ein Dinergespräch mit einer

jungen Dame -- aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt

--«

»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy,« antwortete ich,

»Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung über den Haufen, --

und das verblüffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,

besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, für uns zu behalten. Ich

wenigstens --«

»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« Er lächelte -- sein

ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, »Meinen Sie denn nicht auch, daß

nur einer öffentlich auszusprechen braucht, was alle an -- wie Sie sagen

-- ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lösen?!

Wie ein großes befreiendes Aufatmen würde es durch die Menschheit gehen

--«

In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das höchste Glück der Erde

liegt auf dem Rücken der Pferde, und am Herzen des Weibes -- --« Es gab

ein allgemeines Stühlerücken -- Anstoßen -- Gelächter. Alles umringte

mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel Überlegung brachte ich

auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu

Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die

gefüllten Gläser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmückt

hatten, häuften sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die

Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen wird es durch die

Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an

ketzerischen Gedanken in sich tragen,« -- das ließ mich nicht los. In

meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, -- war es wirklich meine

höhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare

zu kämmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu

verdienen -- statt das erlösende Wort in die Welt zu rufen? Denn

felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes Wort sein würde.

Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei

sich, mit den klaren, großen Schriftzügen des Soldaten bedeckt, wie ich

sie bei meinem Vater gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir

waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, -- eine Kritik

der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi

ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben,

durchglüht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an

ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und

ich konnte mich einer leisen Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht

erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.

»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. Neu daran ist

doch nur, daß es jemand ausspricht.«

»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte ich ein, »Strauß,

Renan, die Protestantenvereinler --«

»Ich kenne die Leute nicht,« antwortet er brüsk, »und das beweist, das

sie nichts taugten, -- sonst hätten ihre Schriften wirken _müssen_ --«

»Sie denken an eine Veröffentlichung?!«

»An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die Masse! Ich muß

handeln, weil kein anderer es getan hat!« Seine blauen Augen funkelten

dabei.

»Und -- die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?« Mit aufrichtiger

Bewunderung sah ich zu dem Mann in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt

erregt, straff aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lächelte

wieder sein vertrauendes Kinderlächeln.

»Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverständige werden

räsonnieren, die wenigen, wirklich noch vorhandenen Altgläubigen werden

Zeter-Mordio schreien, aber die Masse des Volkes -- wir alle sind

'Volk', wissen Sie -- wird in Bewegung gesetzt werden. Und der Kaiser

--«

»Der Kaiser?!« rief ich, auf das äußerste überrascht.

»Ja der Kaiser!« wiederholte er mit fester Stimme. »Ihm vertraue ich vor

allem. All dein Tun ist von wahrhaft christlichem Geiste erfüllt: seine

Erlasse, seine Arbeiterpolitik -- denken Sie nur an die

Arbeiterschutz-Konferenz!«

»Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von Egidy, und Ihr Vertrauen

ist mir viel zu wertvoll, als daß ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig

wäre,« antwortete ich in tiefer Bewegung. »Sie sollen Ihre Schrift

erscheinen lassen -- gewiß --, aber die Bewegung, die Sie erwarten, wird

ausbleiben. Denn was heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern

eine Überwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, weil auch

Ihr Werk Steine abbröckelt vom Bau der Kirche. -- Sie lächeln?! Nun --

ich gebe zu, daß in meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, --

vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, aber eins weiß ich

ganz gewiß: der Kaiser wird Sie nicht unterstützen -- doch den schönen

bunten Rock ausziehen, -- das wird er Ihnen!«

Ungläubig erstaunt sah mich Egidy an: »So jung und so pessimistisch!

Dieser Rock und dies Buch sind einander doch nicht unwürdig. Und wenn

ich als Soldat und als Christ meine Pflicht erfülle, -- wie könnte mein

Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!«

Ich schwieg. Wie eine Entweihung wäre mirs vorgekommen, dieses Mannes

rührenden Kinderglauben noch einmal anzutasten.

Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit

einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der

Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir,

Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous.

Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Gräben und Hecken und von dem

im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.

Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich eine große

Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mädchen

und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und

Ordonnanzen mit Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit seinem

weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und Fässern hochgetürmten

Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir

alle der Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein

farbensprühendes Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grün, gelb,

rot, weiß, -- hatte ein Regenbogen sich dicht über die Erde gespannt?!

Näher kam es und näher -- das Schnauben der Rosse, das Sausen der

Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu

einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein

Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir über das

Flüßchen, hinter ihm ein Fuchs -- ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum

eine Nasenlänge weiter, und nun -- zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere,

Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nüstern, -- mir klopfte das

Herz, und noch minutenlang nachher fühlte ich nichts als die

wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten

wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die

Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung

froh bewegten Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel

mein Blick auf einen, der mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne

abseits stand: Egidy, -- und ich erwachte aus der Betäubung. Nein --

hier war meinesgleichen nicht mehr, -- ich erhob mich hastig aus dem

lustigen Kreise und trat auf ihn zu.

»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« -- sagte er, »ich ging nach

Hannover in der Meinung, noch einmal fröhlich sein zu können, und

überzeugte mich für immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, -- bleiben

die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch --, nimmer wiederkehren

würde. Und nun empfind' ich, daß die Veröffentlichung dem Frohsinn erst

recht den Weg sperren wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen

Bewegung legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist doch so schön

gewesen!«

Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die Haide, den schimmernden

Fluß, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff

nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen müssen wir

uns doch -- ehe die anderen uns verleugnen.« Und stumm, schweren

Herzens, zögernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach,

schritten wir durch den Wald zur nächsten Station.

Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein

schwarzes Büchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und

sandte es frühmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch

vielleicht der Befreier -- auch mein Befreier -- werden könnte, ließ mir

das Herz dabei höher schlagen. Wenige Tage später bekam ich seine

Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« schrieb er, »denn nicht darauf kommt

es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns

nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu

wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem

Wirken.

In wahrster respektvoller Ergebenheit

M. von Egidy.«

Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes

Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge

gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu

malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der

große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,

das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören,

und »das Wunderbare« würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein

treten.

Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von

Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief

erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter

gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen

Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen.

Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, --

ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die

Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs

gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir

möglich sein sollte, ihn zu betreten!

Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich;

viele wertvolle Erinnerungsblätter von der Hand der Verstorbenen seien

in meinem Besitz, die ich zu veröffentlichen die Absicht hätte, und

überaus dankbar würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe

rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der

Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang,

-- der erste Schritt zur Unabhängigkeit, und vielleicht -- zum Ruhm!

An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden

Deutschlands vorkommen, näherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das

hie und da ins Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über den

Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer

phantastischen Lebens. Feuchtglänzende Schienenstränge liefen vor uns

her und dehnten sich nach allen Seiten, -- zahllose Polypenarme, die

sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,

das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden Augen gierig Ausschau

hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des

Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein --

Rauchschwaden stiegen auf -- ein letztes Ausatmen seiner Maschine -- ein

kurzer, harter Stoß noch -- und Berlin hatte ihn verschlungen.

Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll schoben und drängten sich die

Menschen. Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen Asphalt

sanft und schmeichelnd berühren: Neuland war es, das ich betreten hatte.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 23 / 35 题