Münster, 29. Dez. 1888
Liebe Mathilde!
Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel versprochen hatte, geht zu
Ende. Es ist nicht süß, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und sein
einziges greifbares Resultat ist, daß ich meine hochfliegenden Wünsche
und Hoffnungen sauber verpackt zu anderem Urväterhausrat in die alte
Truhe legte, wo ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
hie und da herausnehmen und mit wehmütiger Resignation betrachten werde,
wie die Großmütter die Liebesbriefe ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst
mir zum neuen Jahr kein Glück zu wünschen; ich weiß von vorn herein, was
es bringt: das landläufige Mädchenschicksal einer Vernunftheirat. Ich
kenne den Glücklichen noch nicht, der sich an den Resten meines Ich
entflammen wird -- aber ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt
schon zur Kühle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten Ort das Herz
durchgeht.
Heut nacht hab ich beim müden Schimmer meiner Rosa-Ampel lange wach
gesessen und geträumt, -- gegrübelt wohl eher, denn träumen tut man kaum
mehr, wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem Ende zu
neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben -- schlechte Träume. Im
Kamin prasselte das Feuer, und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem
Spiegel ein Gesicht entgegen, das das einer Toten hätte sein können,
wenn nicht die Augen von verhaltenen Tränen geschimmert und die Lippen
wie eine klaffende Wunde blutrot geleuchtet hätten. Ein Kindergesicht
wars nie, -- bin ich denn überhaupt ein Kind gewesen? Ein glückliches
Kind? Es muß sehr lange her sein, denn ich besinne mich nicht darauf.
Ich mag auch nicht die Tafeln der Erinnerung aufdecken. Häßliche Bilder
zeigen sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt in
schillernden Farben, aber sieh dir den Höllenspuk nur genauer an: war
nicht das Schicksal ein wahnwitziger Maler, daß es so kostbares Material
an solchen Schund verwandte?
Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe etwa? Armes Menschenkind!
Sie ging an dir vorüber und du sahst nur so viel von ihr, um die
Sehnsucht darnach, die fiebernde, heiße, ewig zu spüren! Und der Glanz?
Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, daß er nichts war als
Flittergold, -- Raketen, die prasseln und strahlen; wenn sie verglimmt
sind, ist es viel dunkler noch als zuvor! --
Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene Liebschaft, --
die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, schüchtern nur und von
ferne, um die Hehre nicht mit meiner Pfuscherei zu besudeln, -- die
bleibt mir. Das mag jenen Luxustieren unter den Menschen genügen, die
vom Leben nichts wollen als Genuß, -- jenen, die so hohl sind, daß sie
immer empfangen können. Ich aber wollte schaffen!! -- Wozu lebe ich denn
überhaupt? Würde mich jemand vermissen, würde eine Lücke bleiben, wenn
ich nicht wäre? Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde würden
trauern. Wie lange? Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
denn nur wahrhaft vermißt? Ein guter Vater, -- eine treue, sorgende
Mutter! --
Pfui, du hast geweint, -- schnell, lache, setze die Maske auf, -- wer
zeigt denn heutzutage sein Gesicht? Es wären der Falten, der Tränen zu
viele!
Verzeih -- ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. Im nächsten Brief
sollst Du hören, wie herrlich ich mich amüsiere!
Prost Neujahr! -- Übrigens eine prachtvolle Phrase, mit der man sich um
das 'Glück' wünschen herumdrücken kann.
Deine Alix.
Münster, 30. 1. 89
Liebe Mathilde!
Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen läßt, ist die Ursache meines
langen Schweigens. Ich will ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz
genießen, weil es unweigerlich der letzte für mich ist. So oder so: ich
verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf der Höhe des Triumphs.
Alle bösen Geister haben wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen
mich vorwärts auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden -- dem einst allmächtigen und
gefürchteten Chef des Militärkabinetts, der die Vorsehung seiner
Vettern bis ins zwanzigste Glied gewesen ist -- scheinen die Löwinnen
des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Tätigkeit hierher verlegt
zu haben. Eine komische Gesellschaft: vornehm, blasiert, elegant,
hochnasig, mit einem starken Stich ins Burschikose, nicht ohne
'Vergangenheit'. Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind die
Ursache ihrer nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man im
Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun ist Münster aber auch
nicht der Ort, wo Leutnants den jungen Damen kameradschaftlich auf die
Schultern klopfen und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln
zum Damenfrühstück erscheinen können. Kurz -- wir werden die fremden
Vögel schon ausräuchern, und ich tue dazu, was ich an Koketterie, an
Geist und Toiletten aufbringen kann. Mit dem glänzendsten Kavalier
dieses Karnevals, Herrn von Hessenstein, der kürzlich hier
Schwadronschef geworden ist, schloß ich ein Schutz- und Trutzbündnis zu
diesem Zweck. Du brauchst keine Kassandrarufe auszustoßen -- wir
gefallen einander -- nichts weiter!
Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und Weib, die mit Geist und
Herz gar nichts zu tun hat; ich möchte sie körperlichen Magnetismus
nennen. Man ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglück wird sie nur, weil das
sentimentale Liebesgewinsel unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere
verlogene Erziehung uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden Sinne werden oft
von Menschen angezogen, von denen Geist und Herz sich abgestoßen
fühlen. Und umgekehrt sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel
empfinden. Würde ich mich des Instinktes schämen und ihn infolgedessen
mit dem Feigenblatt verlogener Schwärmerei bedecken, -- in welch
unselige Ehen hätte ich mich schon fesseln lassen! Vielleicht ist die
wahre, dauernde Liebe erst möglich unter den Gatten, die sich ganz
kennen, sich ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser äußerer Zwang
zusammenhält. Alles übrige ist Flirt -- Sport, oder sonst ein Fremdwort
... Wenn ich nur nicht die fatale Eigenschaft hätte, gegen alle Art
bürgerlich ehrbarer, staatlich sanktionierter, zu lebenslänglichem
Gebrauch auf Flaschen gezogener Gefühle einen unüberwindlichen Abscheu
zu haben ...«
Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, unser Oberpräsident, -- ein
gescheiter, feiner, alter Herr, der einzige fast, mit dem ich eine
ernstere Unterhaltung führen mochte, -- ein Diner, zu dem er mich,
entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge Mädchen waren ja
nur zum Tanzen da; man schloß sie daher überall von den Gelegenheiten
aus, wo Ansprüche an den Geist, statt an die Füße gemacht werden
konnten.
»Sie sollen heute diesen Böotier bekehren,« sagte mir unser Gastgeber
lächelnd, indem er mir Herrn von Syburg, den neuen Hammer Landrat
vorstellte, »er hat Ansichten über die Frauen, -- na, Sie werden ja
sehen!«
Ein großer schmächtiger Mann machte mir eine steife Verbeugung, und ein
paar helle, weit vorstehende Augen musterten mich ernsthaft. Der erste
Eindruck, den ich empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
ins Gespräch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine Kenntnisse, seine
vielseitigen Interessen erhoben ihn über den Durchschnitt. Er war
konservativ bis in die Fingerspitzen, und unsere Ansichten platzten
ständig aufeinander. Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte
Überzeugung, so daß mir meine eigene Unklarheit peinlich zum Bewußtsein
kam. Im Grunde war ich nur sicher in der Negation; diese Schwäche meines
Standpunkts schien Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
ein Übergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr stets peinlich
fühlbar blieb.
Er besuchte uns am nächsten Tage und fehlte dann in keiner Gesellschaft.
Er machte mir auf seine Art den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir
und war stets mein Tischherr.
»Nun hast du glücklich wieder eine neue 'Briefmarke',« meinte mein
Vater; aber während er sonst an dieselbe Bemerkung ärgerliche Vorwürfe
knüpfte, lächelte er diesmal dazu. Er neckte mich, weil ich
fahnenflüchtig zum Zivil überginge, und erzählte wohl auch gelegentlich
von dem großen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von dem
Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich in der Tasche
trüge. Seine Stimmung machte mich weich, -- der Gedanke, daß es
vielleicht in meiner Hand liegen sollte, ihn glücklich zu machen, lähmte
meine Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenüber immer scheuer
und büßte immer mehr von meiner Lustigkeit ein, weil ich mich ständig
von ihm beobachtet wußte.
»Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,« sagte Hessenstein
eines Tages zu mir, der der einzige war, dem die Entwicklung der Dinge
mißfiel, und der kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
Er unterwirft mich wirklich einer förmlichen Prüfung, dachte ich bitter.
Häufig nahm er einen dozierenden Ton an, der mich wild machen konnte.
Und doch wuchs seine Macht über mich. Es imponierte mir, daß er nie den
girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen Wünschen fügte, ja, sich
manchen leisen Tadel gestattete, dessen Berechtigung ich anerkennen
mußte. Schon vor Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: »Ich
bedarf der Bewunderung, sagst du, -- gewiß! Und doch sehne ich mich nach
einem Menschen, den nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft,
der mir nicht demütig die Hände küßt, sondern mich sanft und mitleidig
an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh dich aus, du armes, müdes Kind!«
Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren
künstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden
will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit ist
ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfüllung
vorzutäuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der
Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns
lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wünsche immer
wieder die Brücken hinüber. Nur des Nachts rächte sich die unterjochte
Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kämpfte mit den warnenden
Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, fiel ich in unruhigen
Schlaf. Von der Servatiikirche hörte ich die Stunden schlagen; die
gleichmäßigen Schritte zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause
unaufhörlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die
Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, piepsend über die
Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschweiß aus, sobald
eins der zierlichen grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.
Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde -- immer müder. Die
weiche Frühlingsluft, die merkwürdig früh in diesem Jahr Blätter und
Blüten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.
Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche Sanftmut zu
halten; das verstärkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich ließ
es geschehen, daß er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte.
Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen.
»Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« sagte er einmal, »niemals
passen Feuer und Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer
aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade das ists, was ich
brauche.«
Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Kürassiere
und unermüdliche liebenswürdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend
einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag
brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverständlich mein
Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenkünfte wurde die
Kostümfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der
Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu geben, als meine Mutter
das Hofkostüm der Rokokozeit für angemessener hielt. Der Prinz und seine
Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern schon
Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob,
schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst
den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. »Dein
schweriner Pompadourkostüm hast du nur das eine Mal angehabt,« sagte
sie, sichtlich befriedigt, »wir sparen nun, Gott Lob, jede
Neuanschaffung.«
»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief heftig: »Lieber verbrenn'
ichs!«
»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama ärgerlich. Meine
Blässe erst machte sie aufmerksam. »Ach -- darum!« sagte sie gedehnt,
»solch eine Sentimentalität hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.
Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins
Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklärten, daß die
Hofkostüme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mädchen, daß sie die
langen Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche Revolte.
Syburg allein war auf Seite der älteren Mitwirkenden und der Mütter.
»Ich kenne die Gründe Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich
begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem
kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte mich über die
Bevormundung und mehr noch über das gute Einvernehmen zwischen Syburg
und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
wir wurden überstimmt.
Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von
Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bänder und Schleifen, seine
grünen Blätter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig
gewordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: »O la
marquise Pompadour -- Elle connait l'amour --«. Durch das Mieder, das
sich eng um meinen Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst
so zärtlich an sich gezogen hatte.
»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. Der Felsen, den
ich vor die Grabkammer meines Innern gewälzt hatte, war zersprengt; und
wo ich nur Totes wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.
»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist nichts -- Papachen --
nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und
Wangen. Er lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen --
alles -- alles wird gut werden!« Und als ich, meiner selbst nicht
mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hände vom
Gesicht und sagte leise: »Syburg war längst bei mir und hat -- als ein
ehrenwerter Mann durch und durch -- zuerst deine Eltern gefragt, ob er
um dich werben dürfe ...« Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins
Gesicht. »Das darf dich nicht kränken, mein Kind, -- du solltest
selbstverständlich nichts davon wissen -- die Freiheit der Entschließung
sollte dir allein vorbehalten bleiben --« Er schloß mich gerührt in die
Arme, -- er war überzeugt, mich ganz getröstet zu haben -- der gute
Vater!
Er führte mich zum Wagen hinunter -- meine Schleppe raschelte über die
breiten Stufen -- draußen, rechts und links, standen die Menschen, um
mich anzustaunen; -- hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal
erlebt? Damals -- im weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche
fuhr, um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts wußte!
Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang
zu und stützte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre
Dame erwartet Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, und
gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.
Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß meine Füße sich im Takt
bewegten, während meine Seele weit, weit fort war -- oder war ich die
kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie
tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! -- Wie fest schlossen
sich heute die Finger meines Tänzers um meine Hand -- wie
Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten --; und so
sengend heiß wehte sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich
es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf
Draht gezogen bewegte er sich, -- ach, und heute -- heute tanzte
spukhaft eine andere Gestalt neben mir --
Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn ansehen, über die
Schulter hinweg, fächerschlagend, mit einem koketten Lächeln. Und da
traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
haften -- mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit --
Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen
haltend, verließen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat
Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und nach Haus
fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich
trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine
Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause
aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. »Die
übliche Frühlingskrankheit junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr
Fräulein Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung ergriff ich
den guten Rat und stellte mich kränker, als ich war, nur um ihm folgen
zu dürfen.
Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg fiel mir ein, die
mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein
reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft
wegen von der Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war.
Zuerst aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich
ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. »Kommen Sie
sofort, freue mich riesig« war ihre telegraphische Antwort auf meine
Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wäre.
* * * * *
Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden
zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über die
Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen Winkel duldete
der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich über
die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flüssiges Silber,
schlängelte sich der Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit
das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Türmen und
Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen
Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild:
breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als hätte sie
sich mit Ellbogen und Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der
Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr
hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bäumen zurück.
Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und
Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte,
die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel
des Raffenbergs, der Weißenstein mit seinen zackigen Spitzen, das
Felsentor der Hünenpforte, und fern am Horizont die blauen Höhen der
Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin kein Lärm und
kein Ruß zu dringen vermag!
Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den
hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?«
lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer
Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann
um den Hals, der eben auf uns zu trat.
Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich
stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen,
knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit
erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und
Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir
die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit
lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von
den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die
Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die
Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch
tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten
durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die
Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter
Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue
Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein
empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick
und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der
Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich,
aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten
Spinnenfäden.
Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur blieb Syburgs Name
unerwähnt in seinen Briefen. »Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in
Hamm,« hieß es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem
Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei
Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen
Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.«
Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte und die Erwägungen
der Vernunft, die Gefühle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt
und Zweck des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle
Gewalt des Instinkts, die mich in Münster von seiner Seite gerissen
hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh
ihm aus dem Wege --« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie
für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu müssen. Zu tief
hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das
Selbstbeherrschung mit Selbstentäußerung gleich setzte.
So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt gerüstet am
Frühstückstisch -- »ohne Mailaune,« wie Anna neckend bemerkte, -- als
der Diener die Post brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in
fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb:
»In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und
die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militärischen
Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel den Protzen,
die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken,
ganz gesund wäre, mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen werden. Ich
finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...«
»Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der ganzen Stimmung
vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anöden!«
»Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr Mann. Davon aber
wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung.
»Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, wirst du in Limburg
noch nach der Feuerspritze laufen!« Der Fürst lachte und streichelte der
kleinen Frau begütigend die Wangen.
»Sei ruhig, Kindchen -- natürlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit
vom Schuß, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.«
Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen Bergtälern entfernten,
und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto stärker
sprach ihr Anblick für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen
sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprühen
vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die
Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.
Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit
seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land
hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren für die
tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im
Streikgebiet um Gelsenkirchen oder mußten in ihren Garnisonen aller
Befehle gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so
freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zügen, daß es mir
unwillkürlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner
Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. »Am
liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« sagte er. »Man schämt
sich förmlich seines Säbelrasselns inmitten völliger Kirchenruhe.«
»Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen!« meinte
Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglück ist geschehen.«
Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten Tafel, der
feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das
Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war
voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere Details zu erzählen.
Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurückgekehrt. Er hatte die
Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. »Ihr
Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß die Aufregung der
Zechenbeamten dem gegenüber einen peinlichen Eindruck macht.«
»Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, den ich in Witten
traf,« meinte Graf Recke. »Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den
Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich
zunächst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der
Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so weiß sie eben nicht, was uns
alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: daß nach unseren
Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig
war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten
alten Bestimmungen, auch damit aufräumte. Die Knappschaften verlangen
nichts anderes als das Recht ihrer Väter.«
Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung.
»Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde nicht anders,« fügte
er hinzu, »in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen
gegenüber keine freie Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter,
Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die
Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu.
Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der
sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase
hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute,
so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das
hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach
erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe
stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten
Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen
unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um
den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir
haben und anständige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrührer
mit Pulver und Blei bedroht!«
»Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der
Tradition,« mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. »Alte Bestimmungen
und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten
Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen
sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der
ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu
suchen ist.«
»Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der alte Bodenberg, der so
sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr,
gereizt ein.
»In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie groß zieht: dem
zwischen den ungeheueren Reichtümern auf der Seite der Unternehmer und
der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der
Arbeiter --«
»Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken
Worten!« polterte Bodenberg; »als ob unsere Bergleute von Armut auch nur
'ne Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren Gemüsegarten und
mästen sich ein Schwein --«
»Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon
mitverdienen muß, und die Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus
Vergnügen so früh als möglich -- mit gefälschten Geburtsscheinen, wenns
nicht anders geht -- in die Grube,« ließ sich der Pfarrer vernehmen.
»Von der verdammten Genußsucht kommt das, und von nichts anderem!«
unterbrach ihn der alte Baron, »zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen
noch in Kopftüchern und Schürzen in die Kirche -- heute muß jede einen
Federhut tragen und die Röcke auf dem Tanzboden schwenken --«
»Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren mit vierzig- und
fünfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirädern fahren und Sektgelage geben
und die Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch
kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen Seite nachmachen möchten und
auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurück
--, daß die glänzende Konjunktur der letzten Jahre ausschließlich den
Besitzern und Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier
hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.«
»Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg,« sagte
Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser hörder Kreis in Frage kommt.
Unsere frommen, königstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst
ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!«
Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch haben mir heute morgen
ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der
Zeche Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten haben. Man
fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hieß es.«
Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den weißen Bart liefen: »Das
ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste
Krankheit! -- Viel eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich
auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag die Tänzer
bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!«
Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein kühler,
hochmütig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreußischen Beamten
-- reizte mich.
»Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?«
wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm überrascht,
aufsah, fügte ich rasch hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu
verbergen haben?«
»Ketzerische Gedanken?!« -- er warf mir einen tadelnden Blick zu --
»vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die
Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner
Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut
bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verführt, und es ist unsere
Pflicht, sie, wenn es sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts
zurückzuführen. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall der
Anfang vom Ende.«
»Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete ich, während mir das
Blut heiß in die Schläfen stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher
Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die
Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, eine Havanna rauchend
vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel
geben, daß sie anständig leben können, so ist das Pflichtvergessenheit;
und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt Zeit haben, ihnen das
althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so
ist das Wortbruch!«
Syburg preßte die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer
ruhigen Antwort.
»Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. Das ist
verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrührerische, mit
sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte Bande nicht, die jetzt auf
den Gruben und in den Fabriken das große Wort führt und an allem
rüttelt, was uns heilig ist.«
Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten des Elends wieder,
die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstädten Posens und
Augsburgs, aus den Dörfern des Samlands.
»Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die kenn' ich nicht --
aber andere kenn' ich. Und das Eine weiß ich gewiß --« meine Stimme
zitterte vor Erregung -- »wäre ich eine von denen, meine Geduld wäre
erschöpft, und ich würde mich um Treue und Pflicht nicht kümmern.«
Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte überzogen; doch die
Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrückte noch rasch eine
scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während des
ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte,
mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen
und flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen -- ganz und auf immer
--, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme?« Ich
nickte nur.
Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen Frühzug benutzen zu
können. Aber als wir am nächsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte
Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen hat das
Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund soll die Haltung der
Arbeiter eine drohende sein -- nach Hörde sind, wie mein Verwalter eben
berichtet, die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in
unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so möchte ich
Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre
Damen hier zu lassen --« So sehr wir uns sträubten -- Anna, weil die
Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts
erwünschter gewesen wäre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu
sehen, -- wir mußten uns fügen.
Ich lief in den Park, -- vielleicht, daß sich von hier aus irgend etwas
erspähen ließ. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe
Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und
schwärmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe gerissen
werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo ein Gluthauch plötzlich
die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den
Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da
draußen trennen?
Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte auch hier. Aber
drüben, wo zwei mächtige Linden am Ausgang zur Straße Wache standen, sah
ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte
hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« hörte ich ihn schreien, als ich
näher hinzutrat, -- »ein Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam!
Sie haben geschossen, wie verrückt.«
»So erzählt doch, Mann, erzählt!« -- »Wo -- wo ists denn gewesen?«
bestürmten ihn die Umstehenden. »In Bochum -- gestern abend. Ein
blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem
Bahnhof strömten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die
Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns
darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --«
Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, riß die
Mütze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz über
Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien
sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so daß sie
aussahen wie die großen runden Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos
fahl waren die Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und
die Menge drängte ihm nach. Die gerade schwarze Straße, mit den kahlen
Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen
Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen
ragten in der Ferne die Glockenstühle in die Luft, und die
Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berührung dieser Öde ...
Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die
Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf
hohem Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: »Kommet her zu
mir alle, die ihr mühselig und beladen seid ...«
Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mühseligen und
Beladenen! dachte ich bitter.
»Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte
Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt
hatte. »Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges zur Zeche
hinunter --«
Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht antun, Fritz!« Aber
begütigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der
Erregten: »Fürchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krümmen
unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben trotzdem in kaum zu
bemeisternder Unruhe zurück. Wir horchten auf jeden Ton, während einer
den anderen durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über die
Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert
auf, als nach einer Stunde Bodenbergs kräftige Stimme vom Hof herauf
durch das Fenster klang.
»Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. »Sie freuen sich
drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen,
die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und schwatzen mit den
Nachbarn.«
»Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach ihn Limburg mit
einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zügen.
»Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude
hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen.
Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein
süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der
kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefährliche Aufrührer sind das,
nicht wahr?!«
»Gewiß sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Männer hinter
den Fenstern der Kneipe ...«
Ein Geräusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern auf
Glasscheiben -- unterbrach das Gespräch. Bodenberg wurde aschfahl --
»Gewehrsalven« -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden
gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute
zusammen. »Sie schießen,« schrie einer. Wir stürzten hinunter bis ans
Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten
wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die Zeit schien still zu
stehen, Ewigkeiten dünkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der
Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre der
Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher kamen sie: Weiber mit
wehenden Haaren und verzerrten Zügen -- schreiende Kinder mit rot
verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ruß
der Straße. »Sie morden uns --« stöhnte eine weißhaarige Alte, warf die
hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ...
Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und
endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen
Erzählens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.
Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstraße gelockt.
Den Großen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten
entgegengelaufen, als ein barsches »Platz da« ihres Führers, eines
jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder
hatten sich hinter den Großen verkrochen, die Männer eine drohende
Haltung angenommen.
»Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Straße,«
sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte.
»Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun riß und
damit wild herumfuchtelte,« berichtete zungenfertig eine andere. »'Platz
da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns
alle gegen die Häuser. Da drängte sich die Mutter vom Franz mit dem
Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr Ältester,
ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte
ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --«
»'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz
genau gehört,« ergänzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen
die Worte der Erzählerin.
»Den Feind, -- damit meinte er uns!« riefen sie alle durcheinander und
selbst auf den Wangen der Müdesten und Stillsten erschienen rote
Flecken.
»Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den
Fäusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ...« Die Erzählerin
schluchzte auf.
»Dann schossen sie auf uns --« sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und
nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.
Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein böser Traum, der
mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnürte mir
die Kehle zusammen.
»Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel --« wie aus weiter Ferne
schlugen die Worte wieder an mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir -- die
Haare ganz voll Blut, -- das Jüngste an die Brust gepreßt -- und den
Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...«
War ich es, die qualvoll aufstöhnte -- oder war es _ein_ Ton, der sich
uns allen entriß?!
»... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Straße -- sie guckte
grade in den Himmel mit den toten Augen ...«
»Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« flüsterte der alte
Bodenberg mit erstickter Stimme.
* * * * *
Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem großen Umweg zurück. Dicht
hinter Unna wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir passieren hier den
historischen Boden der Zukunft,« sagte er, »dort drüben auf der Heide
stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene
Birkenbaum, und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen die Bauern,
wie die blutige Schlacht um ihn tobte.«
»Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete ich.
Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten Tagen die
Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe
und durch die Erzählungen der Augenzeugen.
Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren Partei ergriffen
hätte, und die Empörung war allgemein, je häufiger sie den Bergleuten,
die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
hatten, ihr Wort brachen.
»Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen die Zechenbeamten von
Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hörde trieben sie
kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die Männer im
Ausstand beharrten.
»Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung stehen,« schrieb ich an
meine Kusine, »die Macht des Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert
Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestürzt,
-- sie waren dessen wert! --, eine künftige Revolution wird den
Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel
erleben, daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.«
Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des
großen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von
ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wünsche durch den Monarchen
bestätigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt
zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhören,
mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behörden
widersetzen würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte,
schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: das ganze Streikkomitee
wurde verhaftet, der Oberpräsident, der stets zu vermitteln gesucht
hatte, mußte einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb mir mein Vater,
»der mir neulich mit dem verbindlichsten Lächeln erklärte, daß meine
offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten,
höheren Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht wundern, wenn
wir in Preußen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem
Bauche zu rutschen.«
Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich selbst. Mit der
Märtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und
das rote Köpfchen des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen
Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren sie umsonst
gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß umgab sie.
Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen
desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschämten Lächeln von
ihrer Mutterhoffnung erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt,
das den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, duftigen
Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten.
Meine Hände waren heiß geworden dabei, und die Tränen waren mir in die
Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich
mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen.
Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen junge, glückliche
Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schönheit und meine
Tugenden, erzählte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern
und ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. Syburg
schien nur darauf gewartet zu haben.
»Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Fräulein Alix,«
begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr
unwillkürlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war
nicht die erwartete -- gefürchtete. »Man hat mir erzählt, Sie hätten
sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit größter
Schärfe für die Streikenden ausgesprochen.«
Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf Herz und Nieren zu
prüfen.
»Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und abwehrend, »ist es
nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen
beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermütig
zwischen die Kinder und ihre Mörder zu werfen?«
»Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah mich groß an. »Sie haben
sich falsch ausgedrückt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche --
nicht wahr, Fräulein Alix?«
»Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von Syburg!« fuhr ich auf,
»mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!«
»Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt!« Er
griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entriß.
»So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat
über mich zu verfügen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich --
ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Füße!«
Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch die Lindenallee, über den
Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tür ins Schloß,
riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!
Anna ließ ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wäre
außerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich
mußte allein sein.
Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor dem Abgrund, der
zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwürfen
blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich stand auf
fremdem Boden, -- zurecht finden mußt ich mich, meine Gedanken sammeln,
über meine Zukunft entscheiden.
Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an meine Eltern und trug
den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind über die
Höhen, als ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Türme
der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich sieghaft die schwarzen Schlote.