Siebentes Kapitel

Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein

Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte

Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus

warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem

grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter

der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt,

breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder

Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie

flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.

Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel

und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor,

das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren

tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit

seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das

breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles

Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit

offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter

Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die

größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu

nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen,

Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm

meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das

mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit

begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus

dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn,

und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich

schon lange weich und wohlig umfingen.

Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus.

Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine

der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz

mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben

haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ

und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren

verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des

Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und

Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten

auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an

Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden

Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein

auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen

verloren hatten.

In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den

blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des

Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter

unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis

hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das

die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich

außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest

umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem

Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein

und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten!

Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt

des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir

wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht

warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind,

der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir

lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein

Herz stürmisch entgegenschlug!

Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und

mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im

Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine

Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, -- lauter kecke

brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister

trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz

geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue

Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer,

ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der

anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die

blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine

Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg

tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment.

Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe,

die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die

Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen

Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!

Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber,

sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn

Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?

Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie

erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die

schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem

Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte

und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße

Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die

die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der

Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe

aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her.

Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel

im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von

ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht

zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht

los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar

nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und

Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster

hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener

Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage

Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den

Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von

drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen

Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich

ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete

er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig

kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,

die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder,

um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden,

frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den

Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben

Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich

gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein

Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.

Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur

Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange

Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon

rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den

Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal.

Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend

einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst

angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm

heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft

absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt

sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene

wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor,

daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen

will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause

zu reiten.

Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute,

glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden

Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem

Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich

die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein

huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner

Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz

reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht

zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen

hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch

seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu

übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen

setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und

zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie

keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den

Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie

verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der

Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern

nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das

bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische

Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg,

und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des

Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz

ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte

es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines

Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft

entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters

Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle

Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des

Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter

demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu

finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und

verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im

Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der

Erziehungsprinzipien meines Vaters.

Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus

ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem

Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer

häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der

aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen

gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade

die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant

von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den

Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe

Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte

keinerlei Angriffsfläche gewährt.

Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso

freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und

Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock,

und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße

Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schönste

war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch

ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies

Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den

schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick

und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen

lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu

verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete

freudig den aus, der mir am meisten huldigte.

Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich

im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz,

wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß;

weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende

Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die

des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers.

Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern,

wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz

trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten

und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr

bedeutete als bloße Höflichkeit.

Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine

große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten

Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns

geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische

gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen

standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte

Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die

Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster

Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er

wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber --

war's Absicht oder Zufall -- man ließ uns immer wieder allein; niemand,

so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.

Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter

den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende

Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es

vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe

Rose löste sich mir vom Gürtel, -- der Mann zu meinen Füßen griff

danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen

drückte.

Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen

und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene,

zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und

sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt;

selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen,

den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich

in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde,

sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten.

Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war,

als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich

glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als

Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr

tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es

wetterleuchtete am Horizont.

Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am

anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten,

und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags

kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein

schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.

»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war

»hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und

setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!«

Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er

wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde

meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!«

Ich erschrak -- war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten!

»Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte

über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet

sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner

Zustimmung gewiß zu sein!«

Es half nichts -- nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen

Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit

Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann,

dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, --

und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für

ein ganzes langes Leben!

»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter

kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt

hatte.

»Heiraten -- so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine

Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte --

lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends

schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange

gewünscht hatte.

Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem

abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts

geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das

Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein

finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben

uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen

weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem

Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend

vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit

jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert

und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem

Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen

nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie

mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, --

diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt

haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte

mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern

weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein

Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.

Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des

väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und

mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein

besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.

»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist

nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«

»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem

Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern

gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau

zu werden.«

»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen --«

»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend,

dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die

Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!

Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben,

wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein

Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von

Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die

manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer

Gefühle glauben lassen?!«

»Aber -- mein gnädigstes Fräulein --« unterbrach der Major mit einer

verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und

gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte.

Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches

Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht

unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« -- damit

streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen -- »wenn ich mal so alt

bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm

meine Hand nicht --

Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater

irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die

Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch

fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das

ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich

schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit

gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen

lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich

empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre;

aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun

lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte

mich ihr unterwerfen.

Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt

mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der

Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre

langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte,

so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend,

sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein

kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender,

leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine

Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach

wilden Ritten über Stock und Stein.

Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst,

die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir

nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh

am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die

Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der

sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich

auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem

sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über

Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt,

jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so

gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im

Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der

Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und

schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen

vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab,

so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder

sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen

langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr

und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.

Freiheits- und Herrschaftsgefühl, -- das ists, was nur der Reiter kennt,

darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts,

wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der

Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag

der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der

Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle

Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn

die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich

selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er

spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, --

arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr

untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle

Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz

Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder

westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen

uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf

Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der

vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein

Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit

Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die

Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter

ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert

vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und

Quitzows, die den Haß steigern hilft.

Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die

Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln

Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein

paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich,

vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn,

und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im

Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.

»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der

Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf

in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den

schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom

Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem

Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon

flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines

Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.

Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines

armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im

Vollgefühl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken

--, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich

fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der

unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in

die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen.

Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen,

-- ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine

große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte

stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich

hinein -- daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als

schlügen die Wellen über mir zusammen.

Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten

Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen

standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine

Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob -- du lebst!« Als mein Vater

kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen,

ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.

Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch

geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.

Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein

Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht

hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer

noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht

mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag

ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war

fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, -- er hatte das Lernen

nun wohl ganz aufgegeben.

Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen

trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren

es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter

wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte

durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu

bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur

Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen,

bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen,

die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann

ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von

der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.

»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann --« flehte

er -- »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und

ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!«

Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf

mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben -- lieben werd'

ich dich immer!«

»Immer?!« -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott

wieder vom Sockel werfen? -- Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der

Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und

fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 14 / 35 题