Sechstes Kapitel

Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg

ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.

Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter

dem großen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken üppig

hervor, stahlblau glänzten ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie

war ich mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. Als

unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst als öde Sandwüste

gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem

bunten Laub seiner Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.

Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren Hause ging es, -- vor

einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, öffneten

sich vielmehr die breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten

Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, das in seiner

lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es

noch nicht gesehen, aber genug davon gehört, denn mein Vater war gar

nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das alte

Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den

Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit

großen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre von Schönheit

und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger

Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Fülle von

exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der die

vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf

die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch

hier Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel weiter noch als

von der Warthe bis zum Lech fühlte ich mich fern von all den Sorgen des

Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich

niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter

schöner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines

Betts.

Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin wünschen, daß das

gnädige Fräulein früh aufsteht,« sagte die Jungfer. Nicht wenig

erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen

trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen aus der

Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück zu warten hatte.

Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Absätze

und Rauschen seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines

Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie schaust du denn

aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der

Hochzeitsreise.« Tief gekränkt biß ich mir auf die Lippen; ich war so

stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater

geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theatertoilette nicht mehr

anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, während sie sich setzte und

die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.

»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden Frage begann

sie aufs neue ein Gespräch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen

hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört zu haben. In diesem

eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft männlichen

und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! »Es ist doch

selbstverständlich, daß ich für dich keine Kammerjungfer halten werde.

Außer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß

vor dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen blieben mir im

Halse stecken, -- so etwas hätte ich mir niemals träumen lassen! Aber es

kam noch besser: aus Schränken und Schubladen wurden meine Sachen

herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der

Tante; und meine Art, die Dinge einzuräumen, erklärte sie für skandalös.

Dann forderte sie den Schlüssel zum Schreibtisch -- »ein Kind hat nichts

zu verschließen« -- und geriet in helle Empörung über meine poetischen

Manuskripte, die sie durchstöberte, und meine Lieblingsbücher, von denen

ich mich nicht hatte trennen wollen.

»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann meine Zeit und meine

Kräfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu

einem anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor Aufregung, aber

kein Wort kam über meine Lippen, -- das einzige, was ich durch die

Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die

Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich

nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, kam die Verzweiflung

über mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die

Möglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich

morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Ränder um meine Augen, so

erregte das den heftigsten Zorn der Tante, -- »ein junges Ding hat

frisch und rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl

nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt

in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewöhnte ich

mich rasch an die große Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte

ich dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten worden wäre: wenn

an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie über jede Leiste in meinem

Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig

gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig ausgereckt in der

Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide

entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich

Strümpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern

aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und gelesen. Dadurch erfuhr

sie, daß ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist

sehr traurig, daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt

werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« hatte sie mir

daraufhin geschrieben; höhnend las die Tante mir die Stelle vor und

erklärte dann: »Ich verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit

deinen Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer Hochmut

heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich einsiehst, wie viel dir

noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ

nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete

möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die

musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang quälte

ich mich täglich am Klavier; englische und französische

Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nähunterricht ab.

Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten

Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der

Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und

schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand ich

sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer

verwunschenen Prinzessin.

Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der

Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber war: eine grenzenlose, von

allen Menschen, die sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit.

Wie ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage und ihre

Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte -- am

Maßstab Augsburgs gemessen -- die vollendetste junge Dame sein. Es

gehörte eine intensive geistige und körperliche Umwandlung hierzu, um

dieses Ziel zu erreichen.

Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den

alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner Auffassung

von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und

politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen

Geringschätzung jeden Berufs, der außerhalb der Laufbahn des

Gutsbesitzers, des Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten

lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und

dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor

bürgerlichen Berufssphären angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren der

preußischen Junker wider Heiden und Türken kämpften, handelte der

Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der

Welfer nach Westindien, saßen die ersten Stettens in der

Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich und Forster

und Schätzler -- Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts -- als zu

sich gehörig, während der Offizier als solcher ebensowenig eine

gesellschaftliche Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.

So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen

Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische

gewesen waren und hier ausschließlich großindustrielle. Die

verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute

Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der

politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse

für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der

Allgemeinen Zeitung und den Männern, die durch sie nach Augsburg kamen,

stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens

von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel

des größeren oder geringeren Amüsements; in Augsburg gehörte es zum

guten Ton, Neues zu kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus

darüber zu urteilen.

Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und links immer die

Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten

Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu

ihrer eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, war das

Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preußen vermied man es, über

ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen

könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war man soweit, alles

zum Gegenstand bloßer Konversation zu machen.

Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und

noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drücken, der

sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen

Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und

religiöse Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und

von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich

zum gefügigen Zögling meiner Tante.

Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt -- eine kunstvolle

Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut süddeutscher

Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der

norddeutschen waren --, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und

Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in Erstaunen setzte, war,

bei anerkanntem Reichtum, die große Einfachheit des äußeren Lebens. In

dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch

gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In der Zeit der

Renaissancemöbel und verdunkelnden Gobelinvorhänge behauptete hier die

weiße Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im

Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Königsschloß zur

Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und

machte das Obst ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase

zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und Reichtum hatte

etwas imponierendes, und die Erkenntnis, daß es außerhalb der Welt

meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren

konnte, war epochemachend für mich. Aber noch überraschender war der

Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im

Hause meiner Tante gehörte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung,

Dr. Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und

der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis

anderer Gäste -- aus dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war

-- kamen sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der

Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Möbeln dem

brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Königs zu huldigen schien, war

dem Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir trafen sich die

Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen

Fächerpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.

Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen

Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche

Begeisterung für seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mußte. Trotz

des Gegengewichts der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste und

kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen

Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschloß mir Gebiete der

Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden

Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die

Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andächtig

verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad

Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen

Offenbarungen. Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos

gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, Ibsen und

manche der großen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so

weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphäre

schon einen großen Schritt vorwärts bedeutete.

Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie für das

der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflußreiches Mitglied der

nationalliberalen Partei auf der Höhe seines parlamentarischen Ruhmes

stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die

konservative Politik stets als die eines anständigen Menschen allein

würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. Die Erinnerung

an den revolutionären Liberalismus von 1848, der mich in der

Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck;

von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem

Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks

keinen Begriff, sondern empfand, was ich hörte, wie eine innere

Befreiung: es gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale

der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu

ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen

Widerstand zu stoßen. »Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im

Frühjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt

die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren

durfte, »das wäre dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die

Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte.

Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten

Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die

wissenschaftliche Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch

der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht meinen

Ansichten.«

Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter

war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner

Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste

vertreten. Der sonntägliche Kirchgang -- hier ebenso eine

selbstverständliche Pflicht wie zu Hause -- hatte darum nichts

abschreckendes mehr für mich. Wenn Julius Haberlands schöne

Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die

Kirche mit Wohlklang erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an

gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und

Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, wo mir in Posen

nichts als Verurteilung und Härte begegnet war.

Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen Kämpfe mir

geschlagen hatten; sie waren nur mühselig überklebt, aber nicht geheilt

worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen

dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten

Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich

denn allwöchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstraße.

In seiner sonnigen Studierstube saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit

den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen,

schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, und ganz, ganz

langsam gelang es ihm, aus meinem ängstlich verschlossenen Inneren all

meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das

den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem

des Für-wahr-haltens, auffaßte, wirkte zunächst auf mich, wie der

Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den

Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.

Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein

Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche Inspiration der Bibel, an

die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfräulichkeit der Mutter des

Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. Als

heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, was ich wörtlich für wahr zu

halten verpflichtet worden war, -- demnach hatte ich vor dem Altar

keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte

auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf der so viele, selbst

alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber,

beherrscht von jener gefährlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft -- der

Bequemlichkeit -- da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst

anfangen sollte.

Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer über den

Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. Es blieb leer in mir, viel

leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche

sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast

verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des

Entsetzens hüllte mich diese trostlose Öde, je länger ich in dem

glänzenden Blumenhaus am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den

rastlos formenden Händen der Tante der Idealgestalt, die ihr

vorschwebte, näherte. Nie ließ sie mir Zeit für mich selbst; mein Tag

war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau

eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein Platz übrig blieb.

Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer

Handarbeit saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich mich

ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß ich heimlich nachts

darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und

Reime zu fassen, was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die

Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. »Unnütze

Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte durchaus gedichtet werden,

so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.

Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer ärztlichen Konsultation

nach München hatte fahren müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines

Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt

umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das sich aus

künstlerischen und religiösen Motiven merkwürdig zusammensetzte, war es

mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der

alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dämmer

wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir

ein paar Stunden gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt

hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich näher trat, und Scharen

kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frühlingsblumen hinein, um

die vielhundertjährigen Säulen und Altäre zu den Maiandachten der

heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich und liebreich zugleich schien

sie vom Pfeiler des großen Tores auf all die jungen Gläubigen

herabzulächeln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,

und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung

deutscher Kunst erzählen, verklangen die vielen trippelnden Füßchen, und

es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch die alten

gemalten Fenster, so daß Daniel und Jonas, Moses und David von neuem

Leben durchglüht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die

schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter

grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen.

Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang

schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenströmten;

sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich,

zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlingsgöttin die

Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fuß vor einem

steinernen Grabmal: ein Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen

grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib auf dem

Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum gräßlich benagt. Entsetzt

floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstärkte sich nur noch der

Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus

Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige

Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde wühlte und Augsburgs

schönsten Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt

hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit

leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf

ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und

schrieb -- schrieb -- schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum

Abendessen zu berücksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der

Kirchenfürst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe

entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem

Pfeiler verwandelt wurde, während er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses

dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hörte

nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich über mich

beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken

aus meinem wachen Traum.

»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte

fängt von neuem an,« rief sie empört und nahm die beschriebenen Blätter

vom Schreibtisch. »Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst

du Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle in tausend

Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der

Selbstbeherrschung war es vorbei. »Du willst mich umbringen -- langsam

zu Tode martern« -- stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, was du

willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen

Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen eigenes Leben -- schenk mir ein

paar Stunden am Tag --. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es

mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. --« »Das wäre auch

noch schöner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen

Geschreibsels blamieren wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann

tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich

soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine Frau hat überhaupt

nicht für sich zu leben, sondern für andere.« Gequält lachte ich auf --

ich dachte daran, wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber

nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch

nicht wie du. Großmama ist immer dafür gewesen, daß ich dem inneren

Zwang gehorche.«

»Deine Großmama!« -- höhnisch schürzte die Tante die vollen Lippen; »ich

will ja gewiß der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch

besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!«

Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, die ich kenne, der

einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!«

»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. »Sie ist gerade so

überspannt wie du. Kein Wunder -- bei der problematischen Herkunft!«

Ich ballte unwillkürlich die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch

drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit deinen Augsburgern

Krämern kann sie sich freilich nicht messen!« Kochender Zorn verzerrte

die Züge der Tante. »Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit

um Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem kurzen »Nein«

wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.

Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, um nicht laut auf zu

schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen

Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in

Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in Augsburg waren sie immer

stärker geworden, und steigerten sich nach jeder großen Erregung zu

einem heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen gehabt,

der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anlaß genommen, mir zu

erklären, daß ein gut erzogenes junges Mädchen nicht krank zu sein

hätte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein

blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. Daraufhin sagte ich

nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krümmte. So wie diese

Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.

Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß ich oben zu bleiben hätte.

Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte

gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich dazu

Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von

Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persönlichem

Behagen, die sie mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur

Unterordnung verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie jetzt wirklich

eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen Sie sich, auch wenn Ihnen

wirklich Unrecht geschehen wäre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer

selbst -- Sie werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er

wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, einen Sieg

über mein böses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es

gab eine rührende Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und

Segenswünschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art

Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir

unangenehmen Arbeiten übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als

ob ich es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit meiner

Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für die Negerkinder,

während die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im

Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern

flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, dann

erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heiße -- wonach, ach wonach?!

Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber

durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt

sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,

und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant

geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter

verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet

haben, daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn er kam

nicht wieder.

Wir fuhren täglich spazieren, -- wie ich von meinem Wagen aus die

Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und

fröhlich in die Welt hineinmarschierten!

Nach Augsburg zurückgekehrt -- ich war inzwischen sechzehn Jahre alt

geworden -- eröffnete mir die Tante, daß ich mich nunmehr, nachdem sie

einen Rückfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da

ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel bekam,

beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres Maß von

Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschließlich

aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei

Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. Die Konferenz und

Energie meiner Tante, ihre unablässigen, in den verschiedensten Formen

sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen

Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen Mädchens von

vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich auf mich gewirkt wie ein

Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in

mir, so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte mich, es

wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb ich damals: »Du fragst,

ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen,

aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder

Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glüht es, und ich glaube wohl,

daß ich Talent habe, und daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn

doppelt hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, -- und

wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen muß, wird meine

Zeit vollends ganz ausgefüllt sein. Es mag Menschen geben, die für die

Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen Pflichten

nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus

hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ...

Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel mit ihm anfangen?

Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir

herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie

gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben

damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.«

Ich war wirklich eine »junge Dame« geworden; ich fühlte nicht einmal

mehr, daß die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens

niedergetrampelt waren. »Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem

Aussehen, weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die Ansichten

der Tante zu eigen machend, »sie wird mit Recht für arrogant gehalten,

wenn sie schon eine eigne Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich

seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich es nicht

durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl mich niemand mehr daran

hinderte. Großmama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit

schnippischem Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich finde, daß

man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, die man nicht denkt, und

aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergißt. Mein Leben

brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht

kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf

gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie möglich

zu gestalten« -- durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen

und ein mißhandeltes Klavier! -- »damit ich einmal meinem Mann eine

hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«

Mein Mann! -- Die Tante sorgte dafür, daß meine Träume sich mehr und

mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt

wähnten, nach dieser Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel

all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht wie ein glattes

Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen

ich heiraten sollte? »Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich

gesorgt sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren

gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen

ruhte, »aber natürlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei

der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage

rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe

zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem

Wolkenkuckucksheim in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, so

doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft

verplemperst. Du kannst jetzt die größten Ansprüche machen -- verscherze

dir das nicht!« Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir das

alles selbstverständlich klang.

Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und

ich sah plötzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere

meines Herzens. Ich suchte spät Abends im Park nach einem Tuch, das

ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng

aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das

Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie

stehen und küßten sich -- endlos verzehrend. »Maria und Josef«, schrie

die Lina als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, die glühten und

Augen, die glänzten, mehr vor Glück als vor Scham, streckte sie die

Hände nach mir aus: »Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel

ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht nöt. Wers freili

so noblich haben kann wie das gnä Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen

warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini

führt. Aber mir --« sie lächelte den verlegen daneben stehenden Johann

zärtlich an, »mir haben nix als das bissel Liab -- und dös -- dös müssen

wir haben ... So red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd

in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß der Mensch haben,

so a rechte herzklopfete Freud!« Es dunkelte mir vor den Augen, laut

aufgeschluchzt hätte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war

ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar

meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine »nobliche« Gefangenschaft

zurück.

Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch

die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft

der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der

verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir

waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren

Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des

glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus

irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel

von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge -- sowohl der

kommunalen, als der privaten -- zu erzählen, daß ich meine Bedenken

zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten

Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines

Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen

lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine

einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der

Türe, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur

Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden

könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte

meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über

ein neues Kleid, das ich -- als Verkäuferin -- notwendig dafür haben

müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, --

kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten

erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von

fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam

ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert«

sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen

einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere

Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen

werden.«

Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da

selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die

Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu

ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen

engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine

Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten

sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug.

»Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem

ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom

Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,

führte mich hinauf.

Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den

Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot

jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme

Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen

Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und

dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der

dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach

schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir

ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der

Schwindsucht gestorben, -- »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach

draußen« --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von

hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie

tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie

aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder

herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer

Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter

seufzend, »eins -- das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus

noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem

Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf

einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die

Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden

und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu

sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen

Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit

brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon

fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als

sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein

Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem

Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die

Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier

sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins

da nunter fiele!«

Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im

entferntesten von solch einem Elend gewußt --, die Tränen strömten mir

aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge

der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die

Hände: »So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwiß der liebe Herrgott

geschickt!« -- mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es

denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die

Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten?

Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und

wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an

meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach

geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der

Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die

Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, -- hatten nicht am Ende

ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir?

O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten

mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter

sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich hätte es in diesem Augenblick

ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit

keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter

pries überschwenglich mein »gutes Herz«.

Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste

einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« --

»Sechsundzwanzig.« -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige

Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, --

und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die

vierzigjährige -- und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie

lange arbeiten Sie am Tage?« -- »I steh halt um fünfe auf und leg mich

um zwölfen nieder!« -- Und das alles nur um das elende Leben am nächsten

Tag weiter zu fristen!

»Was verdienen Sie in der Woche?« -- »Sechs Mark, und wanns arg gut

geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf

-- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« -- Also hatte sie für sich

und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich

gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum

Leben hatte!

Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine

Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig

blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was

für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr

den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte,

davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und

erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für

»überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus

bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das

Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern

heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«

Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter

Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu

seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur

wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen

Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen,

rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken

umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig.

»I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter

Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft

über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil

mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die

Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding

doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi«

kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf

den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a

bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn

man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab

nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder -- »zu

meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is

aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem

Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein

Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die

Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie,

die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren

Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium

der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in

der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß

nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel

was für's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat --

dös kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll

viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« -- aus

dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei

ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken

könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig«

-- ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen -- »Sie merkend ja selber,

wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's

aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, -- da schluckt einer

weiter nix wie Baumwolle.«

Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die

Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen

Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank

sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde

festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu

finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese

Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die

ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch

in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu

haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und

krank -- laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«

Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten

durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen.

In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit

geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein

paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig

geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend

erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern -- gar nicht

nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die

selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les

choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem

gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen

und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands,

und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt.

Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im

Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft

christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen

»Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen

und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten

»vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht

recht wußte, warum. -- Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten

sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen

Nützlichkeiten.

Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später

hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle

Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch

nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte

die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts

darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und

wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um

die Zerrissenheit meines Innern flossen.

Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir

dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen,

nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle,

in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!

Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr

die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde,

desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und

ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug

der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem

meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt

geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden

Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir,

als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in

die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich

eine Wut -- eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen

und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!

Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein

Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar

Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.

Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender

Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine

Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer

Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern

nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben

hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles

gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er

schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben,

die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren

Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den

Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine

Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.

Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und

nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor

sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen,

die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme

Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf

mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der

Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten

Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.

»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 13 / 35 题