Fünftes Kapitel

Wenn der Sommer im Samland Einzug hält, dann kommt er nicht als ein

züchtig Werbender, der sich die Erde in zäher Treue allmählich erobert;

er kommt vielmehr, ein stürmischer junger Held, der dem Freiwerber

Frühling gar nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die

eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kämpfte, schießt, wenn er

naht, plötzlich mit glühenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf

einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem

ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger

Weiser, sonst über viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in

verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt noch das Veilchen

und die gelbe Butterblume; üppig und grade im prangenden Schmuck ihrer

leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, während weiße

und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schönheit streitig machen.

Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden,

der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,

liebeskranke des Jasmins.

Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs

dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darüber

streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da

die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat

der Sommer, als könnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem

Schlingkraut verschleiert, so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene

Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im

Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht das klägliche Weinen eines

verlassenen Säuglings die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann,

ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz.

Der heiße Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen

Winterschlaf, und von früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben

Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig

geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: sie gehen nicht -- sie

springen --, sie lachen nicht -- sie kreischen, und der Haffwind, des

Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie

rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter der Sonnenblume um

den Kelch, und bläht die roten Röcke der Weiber, daß die nackten Beine

bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch

eins, diese Männer und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit

ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die

helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es

atmet heiß und schwer in den Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt

und tobt es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken

und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend vom Branntwein

heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all

die vielen wirren Töne der Nacht.

In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse Stadtkind mit den

trüben Augen und dem matten Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm

es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grün

verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. »Hier soll mein Alixchen

wieder rund und rosig werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das

Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit soll sie

vergessen,« fügte Onkel Walter lachend hinzu. »Und trinken und tanzen

soll sie, bis sie schwindlig wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während

in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk

entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten

hatte, mochte das alte Schloß sich selbst kaum wieder erkennen: Die

Gäste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so

einsamen Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.

Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schloß bis zum Wasser

herunterführt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte

wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse

die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die

einen träumten still in der Hängematte, die andern lockte das Haff,

dessen weiße Schaumköpfchen vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und

zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen;

die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette,

junge Pferde hinter Zaum und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war

Gesetz für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und Hof und Garten

gellte, fanden sie sich allmählich wieder zusammen.

Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur

Mutter und Sohn einander schweigsam gegenübergesessen hatten, mit

lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Genüsse, die der

französische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden

Sekt, den der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser schenkte,

die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flügeltüren die

zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges

Stühlerücken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen

Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt und von

musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das Bild immer wilder tobender

Tänzer zurück, während so manche durch das Alter blind gewordene

Scheiben heimlich die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett

sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit

leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters

aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise

auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her,

wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die Tanzenden durch weit

offene Türen in den dämmernden Park gelockt hatte. Da gab es

verschnittene Laubengänge und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf

stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte Nebel vom Haff

herüber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben

zittern ließen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.

Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. Geistig müde und

stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu

können, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann

siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde zum Selbstzweck.

Niemand dachte angesichts des großen reifen Mädchens an ihre vierzehn

Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses

überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß kam, das teilte seine

Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen,

das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt

der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille

Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie

geführt, nicht minder aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder

beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre Grazie und ihren Witz,

so behandelte sie mich plötzlich als das Kind, das zur Strafe nicht

mitgenommen wird, wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind«

durchkreuzte nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So wurde ich

einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen -- aus Mangel an Platz,

sagte sie --; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen

verließ, erschien ich hoch zu Roß in Begleitung des feschesten

Kürassierleutnants, den meine Tante -- ich wußte es genau! -- von allen

Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser

Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch

zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem

weißen Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.

Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, die der konservative

Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum

Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück

altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.

»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich plötzlich die hohe

scharfe Stimme der Tante sagen; »nur persönlich Geladene haben Zutritt.«

Mir stiegen Tränen der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel

Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief über

den Tisch hinüber: »Beruhige dich, Alix, das ist eine bloße Formalität,

die ich rasch erledigen werde.«

Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nächsten Morgen, daß es

zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht

auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit

einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte das leise

Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die Tante dabei ansah.

Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in zwei Vierspännern gen

Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen über das holprige Pflaster

rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige

Gesichter starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der

Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen oder knixten

respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und

prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den

größten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises

aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand

abseits und musterte mit heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die

Frauen, fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt,

über den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine

Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener nicht zu überwindenden

Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare

Kleidung hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in

steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über den Händen,

klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen

ängstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den

Angriffen der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und dicht

gegenüber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform

irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter

Bratenröcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die

Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch wieder in unseren Wagen

gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich

dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v.

Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche Bauern! dachte ich,

während mein Blick auf ihren roten Händen sekundenlang haften blieb.

»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich meinen Onkel

lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!«

Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der

Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der

einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den

wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen

anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern

folgte dem Menschenstrom, der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete.

Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten

Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen

den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das

kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die

Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten

Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder Strauß in weißer

Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz;

wie aufgescheuchte Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich

wieder eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb ruhig

stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs

Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich

schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich

unschlüssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft

flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« sprach ich ihn an, »ich

glaube, in der Kajüte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen

bringen?« Mit zweien kam er zurück, -- ich wußte, als höflicher Mann

konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst gequält

und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem

frühzeitig kahlen Schädel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war

belesen, und -- was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien -- er

hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant

hatte, um die Tante zu ärgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch

vergessen, -- so sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren

wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das

dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen Häuschen vorbei, um die verkrüppelte

Obstbäumchen blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer

Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten und die kleinen

struppigen Pferdchen, denen des Litauers zärtlichste Sorgfalt gilt,

lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondköpfchen umhersprangen.

Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen

Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, die mit einer -- was die

Religion betrifft, freilich nur scheinbaren -- Unterwerfung der Litauer

erst dann endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste dezimiert

war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, die sich noch aus der Zeit

des Heidentums erhalten hatten.

Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern ließ, unterbrach seine

Schilderungen: wir saßen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der

Kapitän, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und

alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.

»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein

Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht

verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte

ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der

mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch

entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso

rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem

erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt,

traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns

auf unser Klopfen niemand antwortete.

Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die

Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen

tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen

Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann

näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare

wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die

Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre

einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger

Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die

Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der

ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern

und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke

gehüllt, schnarchend lag.

»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht

stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig

und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe

hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen --

graublau wie das Haff -- spielten feindselige Lichter; und je heftiger

Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten

Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast

streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich

scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten

und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht'

ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu

Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager

gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie

gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein

merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten

ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig

stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank,

helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei

aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie

wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste

Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser

den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer

kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns

den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu

zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,

nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das

Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen

empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht -- für

die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff

enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger

der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige

Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und

Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen

Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem

Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit

es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende

Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe

auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die

Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen -- Klatsch, Küche

und Kleider -- zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran.

Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der

Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge

sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den

Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit

Mäntelpolstern unter den Köpfen.

Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte

Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.

Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff

der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein

Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit

Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün

der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in

schimmerndem Silberglanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern

Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit

verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher

Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist.

Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich

lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen

der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der

Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.

Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom,

dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir

erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der

Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine

lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte

Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei

Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße

davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten

zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder -- ob sie ihn wohl gefunden

haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die

alten Wunden aufriß! -- »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit

zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die

Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen

auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht

vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel

und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte

ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte

mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.

Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde

und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte.

Schweigsam fuhren wir nach Hause.

Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«,

während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert.

Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem

Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah

in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen

folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf

einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und

schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung

gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand

ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte

um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die

geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag -- und kaum

fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der

sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine

so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften

meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen

Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen

Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn

zu »retten«, -- ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich

verloben, ihm ewige Treue schwören.

In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt

durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der

Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt

herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich

die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam

ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke

Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit

offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde

zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster

Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O

gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß

die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es

hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte

ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme

zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube

zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!«

Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.

Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar

Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn

gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte

mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so

sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin,

mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen

heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich

jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige

Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.

Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der alte Turm, um den

die gelben Blätter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und

ohne ein anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit

darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete

mich; sie hatte schon längst mit den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum

letzten »Erziehungsschliff« anvertraut werden sollte. Mir war es ganz

gleichgültig, wohin ich ging.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 12 / 35 题