Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde
Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte
Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der
Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet,
war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer.
Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht
es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er
mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
»Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres
Verfassers nicht vergessen konnte.
Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.
Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk
der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich
mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem
ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe
gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die
Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...
Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift,
die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife
Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft
widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein
Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner
Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über
alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die
Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt
ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein
Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« --
hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen
seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf
mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über
das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben,
oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich
entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß
Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer
andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr
schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der
ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein
Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat
das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den
Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, --
daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen
historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer
Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen
Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin
ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt
... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene
Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften
irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit
vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit
beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
»die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch
bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich
als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«
Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen,
die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene
Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der
Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im
allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit
eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche
Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und
Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber
reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß
das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der
Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber
Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen
über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit
»Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die
Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei
herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen
Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder
Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische
Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war
mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, --
Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit
derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten
Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien
es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all
meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die
Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns
alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von
Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.
Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die
Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch,
als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr
Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen
liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?«
herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster
Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen
brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er.
Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das
Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und
alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse --
irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem
Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der
ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der
Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des
in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser
lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die
harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen
von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten
Kaiser!«
Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend
murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich
aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung
dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in
Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden
zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf
einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen
Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in
aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine
Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil
ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der
Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort
Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
»interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine
Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd
wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
»dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten
drohten.
Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes,
Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden
Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner
frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern
aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein
den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem
überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine
Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen;
alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen
füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.
Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:
Einstmals blühtest du wunderbar,
Rose, du prächtige, süße,
Sandtest zum Himmel blau und klar
Duftend-berauschende Grüße.
Einstmals füllte der Liebe Macht
Mich mit Wonnen und Schmerzen,
Und es strahlte des Lenzes Pracht
Wider in meinem Herzen.
Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
Herbstlich umbraust mich das Wetter;
Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
Dornen und dürre Blätter.
* * * * *
Im dunklen Buchengang
Zur schönen Frühlingszeit
Hast du mich heiß geküßt
Voll Liebesseligkeit.
Im dunklen Buchengang
Fielen die Blätter ab,
Als ich zum Abschied dir
Weinend die Hände gab.
Im dunklen Buchengang
Liegt unter Eis und Schnee,
Begraben all mein Glück --
Wach blieb mein Weh.
* * * * *
Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
* * * * *
In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher
Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu
der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn
sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen
brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß
sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote
Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann
erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer
engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem
unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in
strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin
-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie
hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner
Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe
irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin,
und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde
wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß
ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die
Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die
Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches,
kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte
nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das,
was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und
nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der
Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe
und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit
büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das
Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund
feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
Heiligenschein.
Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle
Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd
vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so
mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens,
dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit
erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur
intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den
Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel
wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und
preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern
über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle
fiel.
Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr
geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg.
Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht.
Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen
ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während
der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die
alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht
mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz
gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung
wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein«
doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.
Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so
verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte
ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine
Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar
nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.
Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall
ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende
Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir
versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach
leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie
dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, -- beinahe
komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich
kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich
ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas
Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege
wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die
mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher
Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der
Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an
dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und
inneren Wege.
Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, --
ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung
gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn
je, -- an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache
ihres Streits gewesen sein mußte.
»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit
der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:
Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!
Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer
Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.
Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen
können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in
Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht
worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber
erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit
sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für
einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also
keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus
weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.
Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe
gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre
Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen;
nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines
Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an
ihr nagt.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung
meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.
Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung,
mit der ich verbleibe
Ihr ganz ergebener
Eberhard
Pfarrer
»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.
»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.
»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter
unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die
Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
Antwort zu zeigen!«
»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
ist,« warf Mama erregt ein.
»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.
Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas
Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der
religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«
Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die
Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren
ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei
nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist
vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß
nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden
konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner
Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der
Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich
mit Verachtung,« lachte ich.
Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr
geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die
rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig,
als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste
Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
unsern elterlichen Empfindungen ...
»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.
Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
»Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der
Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren
Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu
verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner
Mitschülerinnen -- Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den
übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und
gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen
Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln
war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von
Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu
betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen
erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg
streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich
anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,«
sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« -- seine runden Finger legten sich um
die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- »so wird
Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich
aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du
ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« -- Ich zog
leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse.
Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen,
getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte
die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine
christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« -- »Um so
unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des
Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich
erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden
verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mußte sein -- mußte
sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen
geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
schützen will.
»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen
Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß:
du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des
Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die
andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden.
Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
verlangt hatte.
Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard
hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie
aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah
wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein
»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden
untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und
Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank
wurde abgezogen, -- nur die verborgenen Schätze im Sofa blieben
unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der
erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein
Inneres enthüllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer
hatte Mama an demselben Tage eine längere Unterredung, von der er sehr
rot und verschüchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger
als sonst jede Berührung religiöser Fragen. Er wurde überhaupt immer
scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.
Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung mit dem
Pfarrer in mir zurück; das persönliche Vertrauen war ein für allemal
vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, daß das, was er lehrte, mir
Befreiung bringen würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich
las in den Büchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich
vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht
festhalten konnte und immer wieder an den Widersprüchen und
Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstießen, Anstoß nahm.
War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die Schöpfungsgeschichte
wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die
naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei
allen Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben
Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre hinweg, daß der
Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachsüchtigen
Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der Menschheit durch
Christi Leiden und Sterben. Weder die Sünden noch die Sorgen der
Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
büßte, -- wie schmerzvoll empfand ich es selbst --, nach wie vor seine
eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus -- wir
waren ja ausdrücklich dazu aufgefordert worden! -- und erwartete
sehnsüchtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervöser, sobald ich den Mund
auftat, und die andern starrten mich an, und stießen sich kichernd mit
den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde mir ein für
allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu
lassen; ich benutzte zunächst die Viertelstunde des Alleinseins dazu,
für die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte
ihn schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine
Ruhe mehr ließen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und
warf mir meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den
unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche Geheimnisse
zu rühren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine
Antwort: darüber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein
versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden
wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. -- Danach muß
geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels
sein, -- folgerte ich. Unsere Unterhaltungen -- das sah ich endlich ein
-- waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedürfnis, mich
auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen
Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur
Vertrauten meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr
führte, und ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, daß ich gar
nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war
sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz des Schattens
und der Kühle entrissen wird.
Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher,
feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, hätte mir
vielleicht helfen können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die
zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den
Untergebenen gegenüber hervortrat, ein inniges Verhältnis zwischen uns
schon nicht aufkommen lassen -- jedes laute Wort ließ mich erzittern --,
so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer pekuniären Lage, als
deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie
oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in
den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden,
zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten.
Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres Mannes
nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen war. Es kam vor, daß
ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges
Gesicht, auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste meine
natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel
des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid
erhebt über den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen
können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehören soll. So blieb
ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit.
Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
auch anrief.
Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin mir von Shelley
erzählte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen
Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, später aus denselben
Gründen England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, in den
Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff
mich tief. Der Überzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat
opfern, -- das erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.
Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen würde, gab mir
die lange, blonde Miß, die für mich bis dahin nur die Verkörperung der
Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.
»Queen Mab« war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es
zweimal. Mir war, als wäre ich selbst Janthe, der Geist, dem die
Feenkönigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der
Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklärte Bild der
Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern;
die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier
der Könige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie
wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! Und dann verklangen in weiter Ferne
all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen der
Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. »Die Wirklichkeit des
Himmels, die selige Erde« zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand
vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird aus der Hölle irdischer
Verdammnis. »Spirit, behold thy glorious destiny!«, -- rief Mab, die
Königin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich
nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag
durch die Wildnis den Pfad hinüber in die Welt, die da kommen soll!
Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte nur, daß er den Gott
verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine
Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher
Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger
Appell an die Macht des Willens.
In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich mir klar zu werden über
den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein
mühselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heißes
Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der
Entschluß in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis
als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, -- koste es, was es wolle.
Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklärte
ihm, daß ich außerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu
beschwören, daß er mich daher von der Einsegnung dispensieren möge.
Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
religiösen Ansichten vor, -- ein persönliches Glaubensbekenntnis, das
jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet:
»'Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der
Erden.'
Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, daß er in sechs Tagen
die Welt geschaffen hat, daß er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich
glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des
Alten Testaments.
'Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern
Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der
Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden
ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten
Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu
richten die Lebendigen und die Toten.'
Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es für heidnisch, an
eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine
wunderbare Geburt, noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt,
noch an seine Wunder.
'Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche,
die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des
Fleisches und ein ewiges Leben.'
Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine
heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die
Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der
Sünden, weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube
nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich
unmöglich.
Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung
des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom
gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.
Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot
der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, daß er in
Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die
Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes
Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte
Kirche richten.
Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schönen und Großen
offenbart, der nach dem Tode des Körpers in andern fortlebt, sei es auf
oder über der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche
Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.
Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so
hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, daß
ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres
Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon
weiß.«
Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. Dann aber entlud sich
sein Zorn schrankenlos über mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend,
schlug er mit Anklagen, Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, -- es war wie
eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate
setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wußte als wir
beide. War es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
einzugestehen, -- er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein.
Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rüstzeug aus meinem
verborgenen Bücherschatz, der um vieles gewachsen war, und grübelte zu
gleicher Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab der Pfarrer
nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das nötige Geld
zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufsätze an die
verschiedensten Zeitschriften -- natürlich vergebens! -- und verkaufte
in obskuren Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade im
Begriffe stand, das Kostbarste, -- eine alte Brillantbrosche, die meine
Großmutter mir einmal geschenkt hatte, -- fortzutragen, hörte ich im
Vorübergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern.
Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine
unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: »Ich brauche
mir deine Vorwürfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche
nicht, ich rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten -- was
willst du eigentlich von mir?!« -- »Du hast immer zwei Pferde zu viel
im Stall --« antwortete Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die
Tausende verschlingt, war auch überflüssig --.« »Laß mir das Kind in
Frieden!« brauste Papa auf -- »die einzige Freude, die ich habe, laß ich
mir nicht vergällen -- --.«
Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so große Opfer gebracht --
mir, die ich das Schwerste über sie heraufbeschwor; -- ich war meines
Vaters einzige Freude -- ich, die ihm das Herz brechen wollte! -- Ich
lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam hochrot und atemlos nach
Hause zurück, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last
abzunehmen. Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen mich verwundert
an, als ich Mama hastig ein paar Goldstücke in die Hand drückte. »Was
soll denn das?« frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. Ich
erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit dieser Frage
nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hieße auch meine
übrigen Verkäufe verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich
machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem Anfang einer neuen
Erzählung an der Spitze. »Es ist -- es ist -- das Honorar für -- diese
Geschichte,« kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich
im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die Furcht vor den Folgen
hinderte mich, es zu zerreißen. Die Eltern glaubten mir; mein Vater
umarmte mich voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen versprach, so
war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als daß er
nicht wenigstens den nächsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung
gemacht hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eine
Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab,
geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig
erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu
einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr.
»Mein guter Name! Mein guter Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie
wahnsinnig im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! Ich überlebe
die Schande nicht!« schrie er dazwischen, während Mama still vor sich
hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rührte
mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen
vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine
Wange niedersausen ließ.
Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand
kümmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die
Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit
gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene trat er ein. Daß sie keinem
echten Gefühle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs,
die in seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein -- endlich! Er
hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe
unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er,
meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht spotten
ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren vom Wege der Sünde, und
demütig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach
all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die
Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen.« Ich
schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten
ließ. »Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum Gebet
verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht
von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit
Gottes Hilfe die Schwergeprüften aufrichten und dich ihnen wieder
zuführen.« Ich schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der Diener
deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« Ein mechanisches »Ja« war
meine Antwort.
Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat;
ich fühlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie
ausgelöscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid
anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Körper. Den
Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, begrüßte ich die vielen
Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter
aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise
waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die
befriedigt die »würdige Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem
ich mich verschüchtert in mein dämmriges Zimmer verkrochen hatte, die
Türe aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, als fiele ein
schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwängt und aufrecht
erhalten hatte. »Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach
aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr
geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, -- jetzt, da es zu spät war?! Tief
erschüttert schloß sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber
dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...
Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen schmücken, nahm den
Strauß weißer Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen.
Die ganze Straße stand voll Menschen, -- wie bei einem Begräbnis, dachte
ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten
fröhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß
ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als ich zwischen Vater
und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weiße Säulenhalle schritt.
Die Glocken läuteten, brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über
mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir
messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen
und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da
schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an mein Ohr. Ich hob den
Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, -- einem
Blick, der mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er
war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume
dazwischen. »Wie beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte
nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als stünde ich dicht
vor dem Felsentor des Höllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu
verschlingen. Mein Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
ich begegnete seinen Augen dabei, -- seltsam, wie er mich ansah!
Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen sprachen schon das
Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken,
die drei Artikel auf. Und währenddessen fühlte ich die vielen hundert
Augen auf mich gerichtet, -- gespannt, höhnend, triumphierend. Darnach
war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder
einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm
und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme
bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein -- sage nein --
klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das
gütige, verzeihende Lächeln meines Vaters fiel mein Blick, auf den
leisen liebevollen Gruß meiner Mutter -- -- --
»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben,
so antworte: Ja.« -- -- --
Irgendwo fiel ein Schirm -- ein Säbel rasselte -- jemand schluchzte auf,
-- und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.
»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine
Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl
die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie
Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben würde, regte sich
in mir.
»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, sondern
daß eure Namen geschrieben sind im Himmel.«
Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name -- und im
Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid
geschworen?! -- --
Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten umdrängte mich
alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von
duftenden Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und um die
geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Mir
galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in
meinem Glase. In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; die
rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend war nach all den
wirren Geräuschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines
Paket, durch dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der
allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem
Einband -- »Deutsche Liebe« von Max Müller, und einen Brief:
»Gnädiges Fräulein!
Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer
Abreise nicht zurück sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich
Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen.
Seien Sie recht, recht glücklich!
In aufrichtiger Freundschaft
Ihr
Hugo Meyer.«
Ich strich mir über die Stirn, -- träumte ich denn? Aber nein, das Buch,
das ich las, bestätigte mir, was mich plötzlich seinen Blick in der
Kirche hatte verstehen lassen. Und ich -- ich war blind neben ihm
hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem
Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich versank! Schwarz,
unergründlich, unüberbrückbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen
Meineid geschworen, -- und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich
verlassen!