Drittes Kapitel

Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der

Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich

gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen

alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige

silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete

sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite

im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.

»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete die Tür vor dem

Erwarteten. Mein Vater stand auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er

mir lächelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle

ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit krummen Rücken und schmutzigen

Fingernägeln, ältliche, bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen --

wirklich: nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, aber

keine Erzieher.

Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer

vorstellte, den er nach vielem Suchen für mich gefunden hatte. »Hier ist

unsere Alix, Herr Doktor! Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich

tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, wie der

Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, kräftiger Händedruck

ließ mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine früheren Lehrer hatten mir

immer nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein hatte

frösteln lassen.

Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von

einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,

sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lächeln

verbergen: wie schlecht paßte der Mann, dachte ich, in den langen

korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte ihm

besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde der breite

Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen Haar und dem dichten Bart nie

den Gedanken an einen preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen

lassen. Er errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer

ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,

auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen

gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen

Liebenswürdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Fluß zu

bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich auf des Besuchers

eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den

schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation vergaß, desto

stärker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und

Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und die

dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen Grund der Maxklamm

empfand, wenn ich von den sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin

flüchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich öffnete den

Mund nicht während des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an

mich. Daß ich seinen Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war

das einzige Zeichen meines Willkommens.

Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater für

Wünsche am zugänglichsten, für Widerspruch am wenigsten empfindlich war.

Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines

Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes

Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.

Ich las währenddessen oder träumte vor mich hin.

»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« begann Mama.

»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,

Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« antwortete er.

»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch

bedenklich,« fuhr sie fort.

»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas erhobener Stimme,

»den Katechismus kann sie am Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles

übrige läßt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt.

Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.«

»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich das Gespräch, in der

Angst, es könne sich zu einer Szene steigern.

»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf Mama.

Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen

wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige

war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger

nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.

»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf

sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«

»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde

schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«

Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb

mir die Schamröte in die Wangen.

Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich

sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die

Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.

Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer

Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu

empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel

Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht

voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit

altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut

hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und

schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur

zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen

folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die

pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu

begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:

mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger

Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?«

frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch

die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der

Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte

den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein

näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber

es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank

herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,

während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er

vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller

leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel

eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts

als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,

so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und

Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben

selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in

herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten

Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit

und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und

Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der

Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung

entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,

und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen

Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert

noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem

Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit

den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend

lebendigen Augen an.

Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur

automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken

daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,

und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht

schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,

so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah

es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt

vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.

Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht

zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich

bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem

Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in

Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal

zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer

verstand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so

wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht

nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,

wenn wir nicht allein blieben.

Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,

als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik

unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller

Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen

scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach

meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst

so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,«

rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind

Preußen!« -- »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während

das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive

Geschichtsforschung ...« -- »Was geht mich die objektive

Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser

angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm

zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende

Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine

energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen

zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch

dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit

der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast

bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete

tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und

verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen

Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich

verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden

Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so

herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte!

Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den

er verdiente, -- das freilich wußte ich damals nicht.

Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum

erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch

immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er

war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der

Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen

Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es

auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, -- nicht

auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es

gilt, über Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu

weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer

Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen

müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige

in die Hände fielen.

Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frömmigkeit, die an den

lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,

wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine

Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch

kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.

Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der

Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich

mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals

auseinandersetzen. Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen

durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. Schon als kleines

Kind flüchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht

brachte, in die Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe zu

bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben die Gebete, Sprüche

und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der

Luthersche Katechismus vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben,

den Kindern nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos wie die

nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das

geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe

unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,

die die Wände in der Kammer unsrer polnischen Köchin schmückten, zogen

mich weit mehr an.

Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte traumdunkle

Märchenwelt meiner Religion.

In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren ein besondrer

religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur

innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das

heftigste bekämpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden

Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet hatten, ich

sah auch, daß Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm

waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie für

ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte

ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.

Mein Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir

Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, daß er versprochen

hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschränkte sich im

wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen

bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In

meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen

Turms, von dem auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu

schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander

zu schichten, brach mein Bau frühzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern

hatte er mich emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter

seinen Trümmern.

Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie

ungestört, die große Bannerträgerin allen Glaubens, und flößt den

Marmorsteinen der Götter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes

Leben ein. Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge und

zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von

Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel für

die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht

sind, oder niemals werden können.

Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, führte mich

mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich

bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich

tags über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so öffnete er mir

jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten Raum. »Das ist dein Reich,

mein Kind,« sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes

Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben reifenden

Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfüllung gehen! Keine

rasselnde Nähmaschine durfte mich hier mehr stören, niemand konnte mir

den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune

Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen Kleides noch an die

Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der

roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das

allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen

durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zündete die Ampel an und

schlüpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal

holte ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit am Fenster

nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln

und Reißnägeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen

der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, fütterte die Wände

innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf

dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie

einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen

befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit

Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott

fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem

Atem, schlich ich zum Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine

Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines

farbenglühenden Tempels. Tief mußt ich mich neigen, um hineinzusehen;

aber daß ich fast die Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner

feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, denn die Götterwelt

der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten

instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten

betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.

Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der

Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit

inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem

selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.

Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen«

hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch

sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der

»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber

Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen

geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich

kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine

ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei

abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die

allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon

oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen;

schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie

mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen

abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war

verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter

und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben

Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes

Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten

Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die

Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir

die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der

Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte

sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang,

ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze

Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich

aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«

Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer

korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen

Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner

Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und

zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle

schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am

Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem

Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach

Liebe.

Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme

meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die

Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand

nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und

fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung

zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner

geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In

kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die

Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die

ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker

lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen

nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für

meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich

erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte

lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen

von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht

mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht

Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen,

und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« --

meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags »Bilder aus

der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie

Zeit doch nicht aus.

Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd

wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was

ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich

gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand

ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu

verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir

Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als

eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des

Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,

vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,

-- diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu

werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher

--, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich

instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen

Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen

damals begeisterten.

In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;

hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies

sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers

Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das

gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich

beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen

durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,

die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts

oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis

in meine Träume.

Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern

waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler

laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann

hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- »das ist noch nichts für

dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle

sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist

nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher

geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam

ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir

brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,

unbeachtet. -- Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die

grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht

von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen?

-- Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte

mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen

sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich

rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht.« Damit schloß er

die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins

Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las

ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der

Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es

ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der

Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie

ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir

schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;

durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als

kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder

spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit

der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik

nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama,

mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --

Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich

suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,

oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen

zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.

In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische

Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten -- die Walischei -- durch die

aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt

worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den

Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der

Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte

nicht mit, wie früher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dünnen, blassen

Mädchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und

Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern

gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der

Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wußte

ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in

den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden

Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den

Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens

entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen

Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch

keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag

Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den

Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr

Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich

beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die

mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik

meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden

Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.

Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,

über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht

trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von

verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.

Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen

klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte

das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit

heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,

wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der

nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die

Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur,

unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte

ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele

zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern

gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser

immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren,

und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den

Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß

Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den

schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe,

übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft

bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach

Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich

umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines

Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der

Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie

verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig,

zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten

von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum

Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck

konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie

zusammen, -- wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen

konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich

neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und

schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine

Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder,

und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die

betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo

irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen

vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer

breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.

Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in

wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen

aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den

Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein

Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein

einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein

langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen

den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar,

als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der

langsam Schreitenden.

Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür

des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es

war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und

mich anstarrte mit großen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine

zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf

ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich

niemanden mehr.

Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach

konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern,

die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am

Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm

des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; -- durch gelbe

Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und

Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen

Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und

bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den

großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.

»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine

Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem

Lager wich.

»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl

auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den

Überschwemmten begegnet war.

Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer

großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen

baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter

gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken

wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die

sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir

mehr der Wahrheit zu entsprechen.

Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der

wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig

wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit

Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags

den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, --

irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die

Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer

den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und

jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt

gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht

hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein

Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.

»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich

lächelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es für mich

endgültig vorbei.

Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben

wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,

sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.

Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen

zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die

Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die

Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige

werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie

ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor --« entgegnete sie zögernd. »Tut

nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine

große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir

hübsch ein paar Tage später auf.«

»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich

mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen

Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich

kein Kind mehr, -- und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn

endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!

Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein

Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa

verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr

gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war,

suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel

mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der

weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer

weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!

Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder

gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit

durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn

leben -- leben und genießen -- wollte ich!

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 10 / 35 题