Zweites Kapitel

Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll

düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige

Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem

zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen

Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen

gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend

wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich

vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes

Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir

war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag

auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die

Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und

selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin

oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß

wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen

Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und

Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten

und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein

schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der

kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen

und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis,

um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die

helle Stimme zu verlieren.

Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als müßte er ein Kleinod

schützen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des

Badersees, der seine grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue

nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig bleibt bis

zum Grunde. Aber während eine breite Straße ihm den Strom der Menschen

zuführt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein

kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt

zwischen den Bäumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,

die in seine Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm -- der Waxenstein

und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefällig in seinen

stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von

Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht nur ein einziges

kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es

an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.

Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem

jungen Eheglück das grüne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen

blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und Wald sich legte,

zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee

über die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.

Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr

zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter

war die Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange

gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,

seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzückt hatten; und wenn

der Vater von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich nichts

mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfüllt!

Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des

Loisachtals sich vor mir öffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse

der weißen Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen

übergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich überwältigte. Still

und stumm ließ ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,

und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des Rosenhauses stand,

den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich

abhebenden Berge gerichtet, während die reine, kühle Luft mir um die

Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,

drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.

Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,

mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, müde von dem Reichtum des

Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens

durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl

vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blühende Wiese und

lag so still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich ruhig auf

den blauen Glockenblumen, die über mir blühten, niederließen, oder ich

legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglöckchen am dichtesten standen,

und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner

Freiheit Zügel an; meine Tante fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil

ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es meiner

Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit

Kindern gar nichts anzufangen verstand, ließ sie mich laufen und

beschränkte ihre Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften,

wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann saß ich

nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rücksitz der

Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen

Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne

väterliche Aufsicht! -- auf dem großen Fuchs, von allen Bauernkindern

bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den

Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie

kennen; die schönsten Erdbeerplätze zeigten sie mir und lehrten mich

klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend

die grauen Felsen belebten.

Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der

Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverständlich ordnen

sie sich im Spiel mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es

fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu übernehmen. Wo

die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der

katholischen Kirche Freiheitsgefühl und Selbstbewußtsein nicht zu

unterdrücken vermocht. Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten

kletterte und am schönsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefährte, --

behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit

unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft

gegenüber kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit nicht

auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne zusammen, wenn er mich

verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab

viel zerrissene Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen,

die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich in möglichst

tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich hätte mich nicht

lange meiner Freiheit erfreuen dürfen.

An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, einen großen Buschen

Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller

Angst, zur Teestunde zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst

schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem Gartentor hielt,

als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme

rief: »Das ist doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau,

von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,

stand vor mir, und nun mußte ich Rede und Antwort stehen, während meine

Augen ängstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen

Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem Vorwand, die

Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glühend vor

Erregung, nach zehn Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die

alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war

ja die Prinzessin Friedrich!« hastig übergeworfen hatte. Aber es kam

nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in

die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft

gemacht habe. Ihre Worte überstürzten sich wie ein Wasserfall und wurden

von ebenso hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine komische

»Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem

Erstaunen zu ihren Kindern herüber, die sich grade nach allen Regeln der

Kunst zu prügeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,

auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.

»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« schrie das kleine

Mädchen plötzlich.

»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du

eins bist,« entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens

der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein

Ende zu machen.

Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den

das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, hinderte sie nicht, mir

feindselige Blicke zuzuwerfen, während ihr Bruder mir die

Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben

Jahre älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit

lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine

Friederike glich ihm wenig; sie war ein dürftiges Persönchen mit jenen

neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder

zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit bewußt werden.

Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu

fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, daß er

dann allein gehen müsse und der Spaß ihm verdorben wäre. Ihre Mutter

aber meinte: »Um so besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und

so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.

Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem

kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen

nur wenige Touristen.

»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee

herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir

lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im

Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß,

schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,

die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er

löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über

unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in

lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und

wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten,

daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde

verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als

heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie

war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde

Prinzeßchen, -- und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir

das Boot verlassen hatten.

»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter

Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte

er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann

unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich

Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn«

schieden wir.

Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer

Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden

hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde,

weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich

nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am

nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ

mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde

es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die

Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens

hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in

Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden

gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn

er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;

wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter

im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit

peinvoller Sicherheit.

Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide

gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer

Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der

unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und

Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;

jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer hätte das nicht

gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,

daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit

ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie

behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg

mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln,

einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch

weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die

kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter

einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler

Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets

das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in

grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht

ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre

vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme

alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte

ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten

hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten

Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit

hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin

wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische

Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr

aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen,

kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es

Opfer zu bringen.

Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine

wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die

eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;

die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie

schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn

nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von

zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,

Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit

haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von

zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter

war!«

Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine

konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso

beinahe abgelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem

empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre

beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis

tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr

meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp

gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte

zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er,

auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte --

weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte

sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts

sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die

Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern,

stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und

ich wußte: nie wird es mir entschwinden.

Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm

neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von

Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar

nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:

»Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel

daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns

in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin

sicher zu sein.

»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die

Arme schließend. -- Großmama, wie alt wurdest du, -- hätte ich beinahe

erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug

daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und

tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch

ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie:

»Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur

selten ein Jungbrunnen!«

War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr

herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter

vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt

des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der

Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht

abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall

lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung

über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat:

unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder

Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne

Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa

lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden

verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir

auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal

zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen

inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.

Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin

Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge

hatte. Meine Großmutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer

kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit

denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste

Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen

Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die

Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen

meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der

ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu

fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --

das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um

mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die

besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,

und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies

ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines großen

Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den

Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so

blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das

mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich

mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald

merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit

Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter

Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel.

Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu

verteidigen.

Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die

Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie plötzlich

inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes

Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt --

Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie

herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor

ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie.

»Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten,

»schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« -- »Sie ist aber doch eine

Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist -- wißt

ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort.

Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht,

Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«

Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige

Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein

pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger

Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur

Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern

Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige

Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ

mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei

ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du

dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit,

»waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er

ist.« -- »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei

ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die

gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den

aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie

würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände

fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine

Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt

hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der

Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich

sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen

Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere

Sünde.«

Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel

hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von

dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den

Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß

Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das

war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich

und erzählte ihr alles.

»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das

auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie

Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der

ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den

Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald

den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was

Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie,

und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich

lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für

meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie

jede Art von Unterricht bisher.

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen

bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander

angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne

daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem

sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,

durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre

Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule

schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.

Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das

ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er

sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es

unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder

Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen

Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach

einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,

wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht

leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen

--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen

ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das

schönste war.

Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten

meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die

Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie

warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen

Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche

Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie

wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine

Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre

bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im

sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf

die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete

Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr

und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für

Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer

lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so

empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden

konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein

Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte

ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein

Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte

das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu

verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel

Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er

war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich

sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade

mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch

ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und

Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.

Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche

Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir

alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber

Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu

beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und

ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ,

um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu

bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die

»wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«.

Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem

Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es

war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder

war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,

die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich

finden würden.

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter

die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden

pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten

ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und

spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns

besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs

zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten

stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich

tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu

jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser

Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir

besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie

etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen

kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten

den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die

Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die

Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer

komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im

kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können:

die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer

Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen

derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht

aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder,

der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was

Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --

das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu

treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,

die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria,

mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir

nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen

der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm

und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war

jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen

des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen

Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit

offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden

Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere

entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des

Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen

Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum

Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht

siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine

Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden

Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als

hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein --

herrschen -- genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum

herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres

Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene

Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist

auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...

Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der

Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann

bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder

aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine

Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und

war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit

Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal

gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war,

hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine

besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit

bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und

Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen

Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer

Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und

Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln

seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon

an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden

offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das

muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der

allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt

mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle

wärmt!«

Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit,

die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben

durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!

Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend

etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter,

das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor

versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner

tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut

und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden

Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte

Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche

Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem

geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders

entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt

im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich

nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus

Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie

es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum

Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:

Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel

Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines

Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte

ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend

verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und

Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht

Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres

auskommen.«

»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.

»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt

Alixchens ganze Zukunft gefährden.«

Onkel Walter stöhnte schwer.

»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,

mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die

schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir

das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein:

irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen

Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel

Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge

schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört

worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht

hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob

sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die

Kissen und hielt den Atem an.

»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte

seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du

dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen

Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu

Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als

Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem

schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn

du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und

nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.

Setz dich auf dein Gut und arbeite!«

Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte

erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,

nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun

tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache

nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen

helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau

gefunden haben würde ...

»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.

»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch

hinzu.

»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.

Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen.

Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie

fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht:

»Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon

weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen

sicher ist, muß gesorgt werden!«

»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter

Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen

können!

Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit

ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie

Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner

Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre

Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige

Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute

Nacht!«

Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.

Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,

waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da

trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich

sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides

pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.

»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von

ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne

kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine

Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit

wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch

ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn

ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld

für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- --

»vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal

gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch

so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich

gewiß zum Theater.«

»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,«

unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit

ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren

meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen

glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich

sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen

solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich

viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn

ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich

einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen

vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig

herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine

Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal

schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen

schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört

hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche

es,« hauchte ich.

Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein

Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still

und in mich gekehrt folgte ich ihr.

Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich

pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände

gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich

noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über

meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?«

Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr

erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«

Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.

Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der

Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange

nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an

genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen

wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo

er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der

Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas

Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede

Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert

wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische

Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten

backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren

Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie

früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig

unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der

Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit

derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.

Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes

Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied

nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre

ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell

erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden

worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil

sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer

Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine

Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm

im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.

Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das

sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der

Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte

eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei

Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal

zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem

Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer

besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu

spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante

Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von

Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des

Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben

kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was

er entbehrt.

Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante

uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über

die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen.

Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre

Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre

Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich

hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich

abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald

in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,

daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein

mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und

Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz

der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur

vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in

der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen

Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern

war.

Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar

und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,

einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich

immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine

Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte

nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen

Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,

dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der

gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe

predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,

froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu

haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem

schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte

er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem

Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte

voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein

Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem

andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon

zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine

Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner

Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein

für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der

Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als

ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm

nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das

nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In

seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,

während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.

Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der

Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht.

Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig

untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für

dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in

Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der

Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das

Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte

ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante

Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon

kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses

-- war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie

für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen;

bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut

gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum

--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in

mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern

lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so

stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte;

endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein

Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm

mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden

unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach

Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im

Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,

als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief

ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen

ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten

vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze

Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch

gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,

als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,

umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst

gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich

-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu heiß -- die Baronin

Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen

schon zur Räson kommen -- hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme

sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am

nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher

ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,

wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das

verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.

Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in

der Erde; nur eins -- das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in

meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des

Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete

mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!

Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch

Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte

Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante

nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der

treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune

Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und

Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob

mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über

jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er

mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem

Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und

Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.

Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in

ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich

zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es.

Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das

kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein

Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir

selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im

Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen

hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich

niemandem hätte sagen können.

Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama

nicht mehr vorzufinden, -- ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen

vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie

schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz

anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich

verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die

selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es

für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende

Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem

ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters

Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden

nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine

gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und

des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.

An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen

hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die

vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen

empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten

Morgenrock, ich -- im Vollgefühl größter Selbstentsagung -- eine

Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs

die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,

der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem

Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene

ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las.

»Das ist wirklich ein Glücksfall«, -- damit reichte sie den Brief meinem

Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen

ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal

wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme,

warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich

gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie

Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die

Hauptperson, -- mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir

trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen,

großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät

gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im

Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener

Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in

die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge

erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen

Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug

geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur

Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles

denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab

es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von

klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit

meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber

war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der

Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden

Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer

betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit

gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«

»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb

das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine

Tochter das Gnadenbrot essen ließe! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie

hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!«

Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange

des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort

drüben entschieden.

Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer

weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf

mich ein:

»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.

Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde

Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen

entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie

ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich

lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen

armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«

Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir,

Papa.«

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 9 / 35 题